Cover
Titel
La dernière catastrophe. L'histoire, le présent, le contemporain


Autor(en)
Rousso, Henry
Reihe
NRF Essais
Erschienen
Anzahl Seiten
338 S.
Preis
€ 21,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Emmanuel Droit, Centre Marc Bloch, Berlin

Seit den 1980er-Jahren gilt Henry Rousso (geb. 1954) als einer der wichtigsten Zeithistoriker in Frankreich – nicht nur aufgrund seiner verschiedenen Veröffentlichungen über das Regime von Vichy als Geschichte und als Erinnerungsort[1], sondern auch deshalb, weil er maßgeblich beigetragen hat zur Etablierung der Zeitgeschichte als geschichtswissenschaftlicher Subdisziplin und zur Definition der sozialen Rolle des Zeithistorikers (im Zusammenhang mit der Debatte über den Historiker als Sachverständiger der Justiz während des Papon-Prozesses 1998[2]). Rousso gehört zwar nicht zur „Gründergeneration“ der französischen Zeitgeschichte (wie François Bédarida), aber er hat großen Anteil an der Genese, der Entwicklung und der Verankerung des 1979 in Paris entstandenen „Institut d’Histoire du Temps Présent“ (IHTP) – zunächst als Mitarbeiter und dann als Direktor (zwischen 1994 und 2001).

Nach mehreren Jahren intensiver intellektueller Auseinandersetzung mit dem Begriff „Zeitgeschichte“ (Histoire du Temps Présent) hat Rousso seine ganze Erfahrung und seine Reflexionen zu diesem Thema zusammengefasst. Daraus ist für das französischsprachige Publikum und für alle Historiker/innen, die sich mit epistemologischen Fragen beschäftigen, ein grundlegendes Buch entstanden. Ursprünglich als ein „offensives Plädoyer“ konzipiert, hat sich das Projekt im Laufe der Zeit verwandelt – in eine Reflexion über eine „besondere Art und Weise, Zeitgeschichte zu denken“ (S. 23). Deshalb sind die drei Begriffe des Untertitels sehr wichtig: die Geschichte, die Gegenwart und der Zeitgenosse.

Diese Konstellation befindet sich im Zentrum unseres heutigen Verhältnisses zur Zeitordnung und Zeitlichkeit. Die Diskussion wird in Frankreich seit vielen Jahren von namhaften Historikern wie Pierre Nora oder François Hartog geführt. Der letztere hat die These des „Zeitalters des Präsentismus“ formuliert[3] und meint damit die Hegemonie des Gedenkens in der Gegenwart. Laut Hartog ist das „Historizitätsregime“, das heißt die spezifische Verknüpfung der Dimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, seit den 1970er-Jahren ein anderes geworden. „Nach dem Boom“ liege die zentrale Betonung auf der Vergangenheit und nicht mehr auf der Zukunft. Dieser französische intellektuelle Kontext hat Roussos Buch beeinflusst. Seine Reflexion über Zeitgeschichte beruft sich aber auch, und das ist ein Mehrwert dieser Publikation, auf die Rezeption internationaler Forschung, in der die deutsche Zeitgeschichte einen wichtigen Platz einnimmt (von Hans Rothfels über Martin Broszat bis Norbert Frei). Selbst der Haupttitel des Buches enthält eine Spur von deutscher Geschichtswissenschaft, denn er verweist auf den in den frühen 1950er-Jahren verfassten Essay des deutschen Mediävisten Hermann Heimpel über die „letzte Katastrophe“.[4]

Zudem ist im Titel schon ein Teil von Roussos Hauptthese angedeutet. In diesem Buch folgt der französische Nestor der Zeitgeschichte einem klaren roten Faden, nämlich der Singularität der „Histoire du Temps Présent“ als Geschichte „ersten Grades“ und „zweiten Grades“ (Pierre Nora); diese Einzigartigkeit hänge mit der „letzten Katastrophe“ zusammen. Für Rousso war die „letzte Katastrophe“ der Zweite Weltkrieg, den er als Höhepunkt einer massiven Gewalt definiert. Hier ergibt sich eine Reihe kritischer Bemerkungen. Ohne natürlich die Relevanz des Zweiten Weltkriegs in Frage zu stellen: Kann der Leser eine solche Definition nicht als eine (zu) enge generationsbedingte Konzeption betrachten, die selber als Erfahrungsraum historisiert werden müsste? Was wäre die „letzte Katastrophe“ etwa für einen jüngeren Zeithistoriker, der in den 1970er-Jahren geboren wurde? Darüber hinaus wirft eine solche, aus meiner Perspektive zu enge Definition der Zeitgeschichte ein zweites Problem auf: Braucht Zeitgeschichte zwingend eine Katastrophe, um geschrieben zu werden? Soll sich Zeitgeschichte auf eine Geschichte der extremen und massenhaften Gewalt reduzieren? Roussos eingeschränkter Fokus auf die „letzte Katastrophe“ führt in der Definition der Zeitgeschichte zur Ausblendung wichtiger Aspekte, die (nicht nur in Deutschland) gegenwärtig diskutiert werden – wie das Verhältnis von Zeitgeschichte und Sozialwissenschaften, die Herausforderungen der digitalen Revolution oder die Global History als Perspektive und Horizont für die Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts.

Aus Roussos Verständnis von Zeitgeschichte ergeben sich diverse Herausforderungen, die der Autor in den verschiedenen Kapiteln des Buches thematisiert: das vielseitige Spannungsverhältnis zwischen Geschichte und Gedächtnis, zwischen der notwendigen kritischen Distanz des Wissenschaftlers und der zeitlichen Nähe, zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen dem Historiker und den Zeitzeugen. Diese komplizierte und aus Roussos Sicht einzigartige Beziehung stellt er schon in der Einleitung des Buches anhand einer Anekdote dar: 1989 fand am IHTP ein Treffen aller Mitglieder unter der Führung des damaligen Direktors François Bédarida statt. Auf der Tagesordnung stand ein Austausch zur Vorbereitung einer internationalen Konferenz zum Thema „Das Regime von Vichy und die Franzosen“. Sehr schnell kam es zur einer heftigen generationsübergreifenden Auseinandersetzung zwischen dem Direktor (geb. 1926) und zwei damals jungen wissenschaftlichen Mitarbeitern (darunter Rousso). Die Diskussion endete mit dem autoritären Schlusswort Bédaridas (zit. auf S. 9): „Ihr habt diese Zeit nicht erlebt, ihr könnt das nicht verstehen!“ Letztlich ist Roussos jetziges Buch eine in vier Kapitel gegliederte Antwort auf Bédaridas damaligen „Bann“.

In einem langen ersten Hauptteil bietet das Buch dem Leser eine „histoire de longue durée“ des Verhältnisses von Historiographie und Zeitgenossenschaft (contemporanéité): Die Zeitgeschichtsschreibung sei keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern eine alte Praxis seit Thukydides. Im Kapitel 2 argumentiert Rousso, dass die moderne Zeitgeschichte ein „Produkt des Zeitalters der Extreme“ sei. Dieser lange Rückblick führt im Kapitel 3 zu einer Definition der Zeitgenossenschaft: Unsere Gegenwart lasse sich nicht auf einen Punkt reduzieren, sondern sei die Zeit, in der verschiedene Kohorten von Zeitgenossen leben. Sie sei gekennzeichnet durch eine bestimmte Dichte, eine bestimmte historische Tiefe, die sich durch die Präsenz von Zeitzeugen begründen lasse.

Aus dieser Definition ergibt sich natürlich die Frage nach den zeitlichen Grenzen der modernen Zeitgeschichte: Wo beginnt und wo endet sie? Im vierten und letzten Kapitel des Buches verzichtet Rousso auf die „mobilen“ historischen Zäsuren (denn welche Zäsur wäre die zutreffendste oder wichtigste: 1789? 1914? 1917? 1940? 1945? 1989? 2001?) und plädiert stattdessen für eine Definition anhand fester inhaltlicher Kriterien, unter denen die Unfertigkeit und der „Zeitzeuge“ (le témoin) zwei wichtige Hauptelemente sind. Für Rousso lässt sich die Singularität der Zeitgeschichte vor allem durch die Anwesenheit der „lebendigen“ Zeitzeugen bestimmen: Der Zeithistoriker schreibe immer unter der Kontrolle dieser Zeitzeugen, oder zumindest in einem Spannungsverhältnis zu den von ihnen erhobenen Deutungsansprüchen.

Als Schlussbetrachtung zeigt Henry Rousso, wie sich die lehrreichen Reflexionen eines erfahrenen französischen Zeithistorikers mit den Zugängen deutscher Kollegen überschneiden: Die Definition der Zeitgeschichte[5], die Frage nach ihrer möglichen Singularität, das Verhältnis zu den Zeitzeugen[6] sind gemeinsame Themen, die eine deutsch-französische bzw. transnationale intellektuelle Debatte erfordern. Trotzdem bleibt eine Frage offen: Ist diese Reflexion für die Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts noch zeitgemäß? Ist dieses Buch letztendlich nicht ein Beweis, dass die Zeitgeschichte, die wir bisher kannten, neu gedacht und geschrieben werden muss?[7]

Anmerkungen:
[1] Henry Rousso, Un Château en Allemagne, Paris 1980; ders., Le Syndrôme de Vichy, Paris 1987. Für ein deutschsprachiges Publikum siehe ders., Frankreich und die „dunklen Jahre“. Das Regime von Vichy in Geschichte und Gegenwart, Göttingen 2010.
[2] Ders. (im Gespräch mit Philippe Petit), La hantise du passé, Paris 1998.
[3] Siehe auf Deutsch François Hartog, Von der Universalgeschichte zur Globalgeschichte? Zeiterfahrungen, in: Trivium 9 (2011), URL : <http://trivium.revues.org/4059> (18.10.2013).
[4] Hermann Heimpel, Der Mensch in seiner Gegenwart, Göttingen 1954.
[5] Siehe neuerdings Martin Sabrow, Die Zeit der Zeitgeschichte, Göttingen 2012.
[6] Siehe zuletzt ders. / Norbert Frei (Hrsg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012.
[7] Siehe dazu ausführlicher Emmanuel Droit / Frank Reichherzer, La fin de l’histoire du temps présent telle que nous l’avons connue. Plaidoyer franco-allemand pour l’abandon d’une singularité historiographique, in: Vingtième Siècle 118 (2013), Heft 2, S. 121–145.