Cover
Titel
Freiherr von Stein. Reformer und Moralist


Autor(en)
Fenske, Hans
Erschienen
Anzahl Seiten
128 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Wienfort, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Bis weit ins 20. Jahrhundert kann der Freiherr vom Stein als populärster Reformer im frühen 19. Jahrhundert gelten. Angesichts des knappen Raums von 128 Seiten erscheint Hans Fenskes Buch über den berühmten Politiker eher als ein annotierter Essay, der sich – einmal mehr – einer Würdigung von Persönlichkeit und Werk widmet. Eine Biographie im vollen Sinn, unter Berücksichtigung unveröffentlichter Quellen, mit ausführlicher Abwägung von Verdiensten und schließlich einer kritischen Neubewertung, war nicht beabsichtigt. Geschrieben für einen breiteren Leserkreis, flüssig formuliert und trotz des anspruchsvollen Gehalts unterhaltsam, stellt es Stein konsequent in seine Zeit und nimmt dabei vor allem die Motive auf, welche die teils hagiographische Stein-Literatur seit der ersten Biographie von Georg Heinrich Pertz vorgegeben hat. Der Autor folgt seinem Protagonisten mit großer Sympathie und berichtet chronologisch. Dabei ergeben sich konventionelle Muster: Bemerkungen über die soziale Herkunft aus der hessischen Reichsritterschaft, die für Stein eine lebenslange mentale Prägung bedeutete, zu seiner lutherischen Frömmigkeit und zum Leben als „Familienmensch“ mit Ehefrau und zwei Töchtern werden an den Anfang und an das Ende des Buches gestellt. Der Privatmann Stein mit seinem lebhaften, gelegentlich ungezügelten Temperament verschwindet in den zentralen Kapiteln, die sich mit der wichtigsten Lebensphase zwischen dem Eintritt in das preußische Generaldirektorium 1804 und dem Abschied aus dem Dienst des Zaren 1815 befassen. Es scheint fast, als würde dieser Lebensabschnitt als aktiver Politiker unter die Überschrift des „Reformers“ passen, während das vor allem in Denkschriften und in der Korrespondenz zu entdeckende Wirken zum Generalthema der deutschen Verfassung den „Moralisten“, der bei Menschen und gesellschaftlichen Verhältnissen stets auf „Charakter“ sah, in vielen Variationen präsentiert.

Fenske folgt der Historiographie des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, welche die preußische Städteordnung als wichtigstes Projekt der kurzen Zeit als preußischer Premierminister 1807/08 ansieht. Dem ideellen Gehalt des Konzepts, der liberalen Partizipation der Stadtbürger in einem auch ständisch-konservativen Gewand, wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Frage der Umsetzung, die die neuere Forschung zunehmend beschäftigt. Mit der Präsentation des Oktoberedikts von 1807, das die Agrargesellschaft Preußens durch Abschaffung der Erbuntertänigkeit der Bauern und Freigabe des Erwerbs von Rittergütern durch Bürgerliche in den nächsten Jahrzehnten fundamental veränderte, wird das sozialgeschichtlich bedeutsamste Reformgesetz vorgestellt. Die Entlassung aus dem preußischen Ministeramt auf Druck Napoleons führte den Politiker in den Dienst als politischer Berater des Zaren. Fenske gewährt diesem Lebensabschnitt breiten Raum. Stein verschob sein Hauptinteresse von den vielfach finanzpolitisch motivierten preußischen Reformprojekten zur deutschen Verfassungspolitik. Hier zeigen sich lebenslang präsente Kontinuitäten des politischen Denkens, zum Beispiel die Aversion des geborenen Reichsritters gegen das Souveränitätsstreben der deutschen Mittelstaaten, also gegen die Hauptprofiteure der Mediatisierung. Steins Vorschläge territorialer Neuordnung in Mitteleuropa mittels einer Wiedererrichtung des Alten Reiches wurden auf dem Wiener Kongress 1814/15 nicht verwirklicht.

Nach 1815 trat Stein nur noch selten in der Öffentlichkeit auf, nicht zuletzt wegen gesundheitlicher Probleme, nahm allerdings in den 1820er Jahren vor dem Hintergrund des Besitzes des Gutes Cappenberg die Berufung in das Amt des Landtagsmarschalls des westfälischen Provinziallandtages an. Steins frühliberale Überzeugungen für die Reform von Wirtschaft und Gesellschaft verschwanden zwar nicht, er wurde aber eindeutig konservativer. Seine Begeisterung für die Pressefreiheit ließ nach, auf die Tugend der Journalisten wollte er nicht mehr vertrauen. Vom Ideal eines Champions der Freiheit blieb die Realität weit entfernt: Auch auf Steins Ablehnung der Juden und der Judenemanzipation, die Fenske nicht erwähnt, soll in diesem Zusammenhang nochmals hingewiesen werden.

Fenskes knappe Darstellung präsentiert keinen Ideologen mit einer festgefügten Weltanschauung, sondern einen Politiker, der unter den besonderen Bedingungen der napoleonischen Kriege in Preußen, gemeinsam mit anderen Reformbeamten, eine Neuorientierung für Staat und Gesellschaft in Angriff nahm. Liberale und konservative Züge traten vermischt auf, in unterschiedlicher Akzentuierung, gebunden an sich ändernde politische Konstellationen. Fenske diskutiert nicht, ob man Stein letztlich als politisch gescheitert betrachten muss. Aus der Sicht des Biographen lohnt die Beschäftigung mit Leben und Werk allemal.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag