A. Volmar u.a. (Hrsg.): Auditive Medienkulturen

Cover
Titel
Auditive Medienkulturen. Techniken des Hörens und Praktiken der Klanggestaltung


Herausgeber
Volmar, Axel
Reihe
Kultur- und Medientheorie
Anzahl Seiten
457 S., kart., zahlr. Abb.
Preis
€ 35,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heiner Stahl, Historisches Seminar, Universität Siegen

Axel Volmar und Jens Schröter betonen in der Einleitung zum Sammelband „Auditive Medienkulturen“ „die kulturelle Bedeutung von gestalteten und kommunizierten Klängen“ (S. 9). Eine zentrale Herausforderung für das Verstehen auditiver Medienkulturen sehen die Herausgeber darin, dass bisherige Studien in diesem Bereich darum bemüht seien, den Gegensatz von Hören und Sehen aufrecht zu erhalten. Für künftige Forschungen markieren sie fünf Felder, die trotz vorhandener ontologischer Fallstricke zu problematisieren seien. So werde zum einen Klängen eine Flüchtigkeit zugeschrieben, die eine analysierende Bewertung erschwere, nicht nur über längere Zeiträume. Für das Hörwissen von Belang sei zum anderen eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Dimension der Innerlichkeit – auch der Körper. Drittens plädieren Volmar und Schröter dafür, die Trennung der Verbindungen von Klangquelle und den erzeugten Sounds durch akustische Medien nicht unter dem Aspekt der Entfremdung betrachten, sondern vielmehr die dadurch „ausgelösten Neuordnungen auditiver Dispositive“ (S. 12f.) in den Blick zu nehmen. Weiter seien die Übertragungs- und Rezeptionsweisen für das Verständnis auditiver Medienkulturen bedeutsam. Im Zuge dessen gelte es, verallgemeinernde Aussagen zu überwinden, wie: „Klänge würden durch das Ohr in den Körper eindringen, während das Bild jedoch Distanz zwischen Subjekt und Objekt – kurz: eine Perspektive – herstelle.“ (S. 13) Der fünfte Aspekt hinterfragt die Feststellung, ob Klänge ausschließlich zeitlich und Bilder zwangsläufig räumlich verfasst seien. Gerade Raumakustik führe beide Bereiche zusammen. „Klänge besitzen also eine eminent räumliche Dimension, die nicht unterschlagen werden sollte. Umgekehrt zeigen die komplexen visuellen Dramaturgien der sog. zeitbasierten Medien seit der Erfindung der Kinematografie, dass Bilder sehr wohl eine zeitliche Ebene beinhalten.“ (ebd.)

Ausgehend von den durchaus anregenden Überlegungen von Volmar und Schröter bietet „Auditive Medienkulturen“ insgesamt einen grundlegenden Einstieg in die Beschäftigung der Geistes- und Kulturwissenschaften mit der Medialität und Historizität des Auditiven und seiner Gegenstände. Textwissenschaften können leider nicht hören. Das ist eine Feststellung, die sich durch zahlreiche Beiträge hindurch zieht. Neben den Strängen kultur- und medienwissenschaftlicher Forschung sieht sich damit zum Beispiel auch die Musikwissenschaft konfrontiert, wie die Aufsätze von Bettina Schlüter und Sabine Sanio zeigen. Dass die Musiksoziologie hier ebenfalls keine Ausnahme bildet, führt Marcus S. Kleiner in seinem Beitrag aus. Es gibt eine recht klare Vorstellung von Typen, aber eigentlich keine von den Klängen. Diese sind lediglich Material, werden konsumiert, bearbeitet und in soziale Konstellationen eingebracht. Sie fallen jedoch bislang durch das Raster disziplinärer Beschäftigung. In ähnlicher, sogar noch drastischerer Weise gilt das für das Fach Kommunikationswissenschaft. Dort gehört das Bilden von Kategorien und Typen genauso zur Grundsubstanz des empirischen Selbstverständnisses wie die Taubheit gegenüber dem Hören.

Was konstituiert eine auditive Medienkultur, fragen Volmar und Schröter und überlegen, auf welche Weise verschiedene analoge und digitale Hör-und Klangkulturen in historischer und vergleichender Perspektive zu untersuchen sind. Das zählt für die Herausgeber zum Gegenstandsbereich auditiver Medienkulturen. Modelle der physikalischen Akustik und neurophysiologischen Theorien der auditiven Wahrnehmung seien für diesen Zugang kaum zielführend (S. 15). Die geeigneten Methoden seien noch nicht gefunden, um die Formen auditiver Kultur und die Rolle der Medialität von Klängen zu untersuchen. Volmar und Schröter schlagen ein Baukastenprinzip vor, welches sich aus der Medienarchäologie, aus Praxistheorien und der Übertragung von Visual-Studies-Perspektiven auf Klangkulturen bedient. Die insgesamt 21 Beiträge sind jeweils mindestens einem dieser drei Bereiche zugeordnet. Zudem nimmt insbesondere das Verhältnis zur Musikwissenschaft in diesem Sammelband einen breiten Raum ein. Es stellt somit ein viertes Feld dar, in dem Hörräume, Klangorte und -gestaltung im Zentrum des Untersuchungsinteresses stehen.

Sound Studies sollten sich „nicht nur […] mit Sound beschäftigen, sondern auch und vor allem mit den Umständen, die zur Existenz und Stabilisierung der Klänge geführt haben“ (S. 20). Deshalb fragen die Herausgeber richtigerweise danach, wie spezielle Klänge und auditiven Praktiken „gerade zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten“ (ebd.) auftauchen. Das heißt, dass der Blick auf „konkrete Praktiken mit je konkreten Technologien zur Erzeugung, Übertragung, Speicherung, Bearbeitung und Wiedergabe von Klangereignissen“ (S. 21) zentrale Bedeutung erlangt.

Hinsichtlich der Praxistheorien thematisieren Volmar und Schröter die Zugänge der Science and Technology Studies, der Actor-Network-Theory oder der Ethnologie. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, als ob Blickwinkel, die der Ideenwelt der Cultural Studies entspringen, keine theoretische Bedeutung für die Sound Studies mehr haben. Sind Cultural Studies also out? Oder bilden diese Ansätze vielmehr bereits ein so starkes Fundament, dass sie deshalb nicht mehr explizit angesprochen werden müssen? Das hieße, dass kultur- und medienwissenschaftlich orientierte Sound Studies in der Lesart der beiden Siegener Medienwissenschaftler sich bereits klar und deutlich mit der Ver- und Entschlüsselung von akustischer Information sowie auditiver Erfahrungen in kulturellen und sozialen Konstellationen beschäftigen würden. Auch dabei könnte die Betonung der Mittler gegenüber den Formen der Aneignung mehr Gewicht erlangen. Deshalb ist es richtig, wenn Volmar und Schröter fordern, dass sich Sound Studies den Praktiken und Diskursen zuwenden sollen, die den Gebrauch von Technologien normieren und dadurch Rezeption modellieren bzw. verändern. Historiker/innen würden Sound, Klang und Lärm generell primär als soziale Praxis begreifen. In dieser Praxis – und das wäre eine Erweiterung – können die Funktionslogik der Technologien sowie die dadurch entstehenden Anordnungen von Umwelt durchaus eine jeweils eigene Wirkmächtigkeit erlangen. Und sicherlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass eine geschichtswissenschaftliche Perspektive auf Klangkulturen sich in der eigenen Disziplin erst noch stabilisieren muss. Dafür stehen Daniel Morats Überlegungen im Sammelband zur Geschichtlichkeit auditiver Kulturen wie auch die in jüngerer Zeit erschienenen Arbeiten zu Soundgeschichte und historischen Klangerinnerungen.[1] Historische Betrachtungen sichern sich in den Sound Studies ihren Platz, auch wenn sie in diesem medienwissenschaftlich ausgerichteten Sammelband nur am Rande miteinbezogen sind.

Anmerkungen:
[1] Gerhard Paul / Ralph Schock (Hrsg.), Der Sound des Jahrhunderts. Ein akustisches Porträt des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, Bonn 2013; Karin Bijsterveld, Soundscapes of the Urban Past. Staged Sound as Mediated Cultural Heritage, Bielefeld 2013; vgl. die Rezension von Jan-Friedrich Missfelder, in: H-Soz-u-Kult, 24.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-182> (18.06.2014); Carolyn Birdsall, Nazi Soundscapes. Sound, Technology and Urban Space in Germany, 1933–1945, Amsterdam 2012; vgl. die Rezension von Thomas Blanck, in: H-Soz-u-Kult, 25.04.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-2-064> (18.06.2014).

Redaktion
Veröffentlicht am
15.07.2014
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