A. Moskal: Im Spannungsfeld von Region und Nation

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Titel
Im Spannungsfeld von Region und Nation. Die Polonisierung der Stadt Posen nach 1918 und 1945


Autor(en)
Moskal, Anna
Reihe
Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Ostmitteleuropas 23
Erschienen
Wiesbaden 2013: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Oliver Loew, Deutsches Polen-Institut, Darmstadt

Die neuen Grenzziehungen in Ostmitteleuropa nach 1918 und 1945 erzwangen ebenso wie politische Umbrüche immer wieder individuelle und kollektive Neuverortungen: Mit dem Untergang bzw. der Wandlung aller auf die Region ausgreifenden Imperien verloren alte Erzählungen an Bedeutung, in den neuen nationalstaatlichen Kontexten mussten neue Erzählungen gefunden werden. Dabei spielte das materielle wie immaterielle Erbe der „alten Zeit“ in unterschiedlichem Maße in die Gegenwart hinein, und der Umgang mit dem Fremden oder Fremdgewordenen führte zu vielen Strategien von Aneignung, Ausgrenzung oder Überlagerung.

Die Stadt Posen (Poznań), der Anna Moskal ihre bei Philipp Ther an der Viadrina geschriebene und preisgekrönte [1] Dissertation widmet, ist ein spannender Fall: 1793 zu Preußen gekommen, bei dem sie mit kurzer Unterbrechung in der napoleonischen Zeit bis zur Jahreswende 1918/19 blieb, wurde sie rasch zum wichtigsten Verwaltungszentrum im preußischen Teilungsgebiet Polens und gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch zum Zentrum preußisch-deutscher Germanisierungsbestrebungen, obwohl die Mehrzahl der Einwohner polnischsprachig blieb. Im wiederentstandenen Polen der Zwischenkriegszeit wanderten mehr als 90 % der Posener Deutschen nach Deutschland ab, womit die Stadt zur ethnisch polnischsten aller polnischen Großstädte wurde. Die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg führte zu einer erneuten, diesmal brutalen Germanisierung, der nach 1945 wiederum eine Polonisierung folgte. Diese beiden Phasen der Polonisierung untersucht und vergleicht Moskal, womit sie methodisch auf Arbeiten etwa zur Polonisierung von Stettin, Breslau oder auch Pressburgs aufbaut.[2] Der Posener Fall unterscheidet sich jedoch dadurch, dass die Stadt weder 1918 noch 1945 einen nahezu kompletten Bevölkerungsaustausch erlebte, es also starke „polnische“ Kontinuitäten gab und immer nur Teile der Stadtlandschaft oder der Erzählungen über die Stadt polonisiert werden mussten. Dadurch waren zwangsläufig die Möglichkeiten einer „kreativen“ Polonisierung eingeschränkt, die Stadt und ihre polnische(n) Geschichte(n) mussten nicht gänzlich neu imaginiert werden.

Anna Moskal konzentriert sich – nach einführenden Kapiteln zum großpolnischen Regionalismus und zu Grundstrukturen der Bevölkerungsentwicklung – auf drei Institutionen: Die Posener Messe, das als „Großes Theater“ bekannte Opernhaus und die innerstädtischen Friedhöfe. Dabei deckt sie ein gewisses Paradox auf: Polonisierung fand hier, sicherlich, in Abgrenzung zum „Deutschen“ statt, übernahm dieses Deutsche jedoch oft nahtlos, da es zivilisatorischen Vorsprung bedeutete, und brachte es – „polnisch“ umgedeutet – ein, um die Stadt Posen und die von hier aus verwaltete Woiwodschaft im neuen nationalstaatlichen Kontext des polnischen Staates aufzuwerten: Je „repräsentativer“ oder „europäischer“ das Deutsche war, desto rascher wurde es vom Fremden zum Eigenen, mithin zum Polnischen (S. 256f.).

Die drei Hauptteile der Arbeit sind zunächst zuverlässige Darstellungen von Teilbereichen der Stadtgeschichte, liefern darüber hinaus auch Anschauungsmaterial für die Facetten von Polonisierung. Beim Messegelände, das auf deutsche Industrieausstellungen vor dem Ersten Weltkrieg zurückging, zeigte sich die nationale Umwertung vor allem auf der deklaratorischen Ebene: Was früher – vor allem zur großen „Ostdeutschen Ausstellung“ von 1911 – von der Vitalität des Deutschtums im Osten zeugen sollte, hatte danach die Vitalität des polnischen Gewerbefleißes zu demonstrieren und war Grundlage für Posens Ehrgeiz, sich als Polens Messestadt, als sein Fenster zur Welt zu positionieren. Die Messehallen wurden entweder übernommen oder – nach 1945 – auf dem alten Gelände neu gebaut. Nur am „Oberschlesischen Turm“ (einer Kombination von Wasserturm und Ausstellungspavillon) mit seiner eigentümlichen, fremd wirkenden Architektur schieden sich die Geister: Zwar ermöglichte die Beschädigung im Zweiten Weltkrieg eine bauliche Neugestaltung als „polnischer Höhenakzent in der ‚Skyline‘ der Stadt“ (S. 116), doch nahm sich das Ergebnis mit einer relativ schlichten Metallkonstruktion schließlich eher bescheiden aus.

Das Opernhaus war 1910 mit modernster Bühnentechnik als Deutsches Stadttheater eröffnet worden, um die Vorrangstellung deutscher Kultur im Osten des Reichs zu manifestieren. Es bot folglich nach seinem völlig reibungslosen Übergang in polnische Hände zu Beginn der Spielzeit 1919/20 beste Voraussetzungen, ebenfalls zu einem Aushängeschild zu werden – zu dem (neben Warschau) führenden Opernhaus des Landes, was den Ruf Posens als „musikalischer Hauptstadt Polens“ (S. 206) begründete. Das ließ sich die Stadt einiges kosten, in den ersten Jahren verschlang die Bühne gar ein Zehntel der städtischen Steuereinnahmen (S. 152). Ähnlich wie im Fall der Messe versuchte nach dem Zweiten Weltkrieg die polnische Regierung – schließlich mit Erfolg – die Oper zu verstaatlichen, nahm der Stadt also den Einfluss auf zwei ihrer wichtigsten „Visitenkarten“.

Während in den beiden ersten Fallstudien deutlich wird, dass der „Polonisierung“ deutscher Institutionen eine wichtige symbolische Bedeutung zukam und sich „als Argument für die angestrebte Führungsrolle der Stadt innerhalb Polens instrumentalisieren ließ“ (S. 257), spielte sie im Fall der konfessionellen Friedhöfe eigentlich nur die Begleitmusik zu einer modernen städtebaulichen Maßnahme: Die bereits zu kaiserdeutscher Zeit erwogene Auflösung der innerstädtischen Friedhöfe und ihre Umwandlung zu Parkanlagen kam zwischen den Kriegen auch aufgrund des Widerstands der stark geschrumpften deutsch-protestantischen Gemeinden – die der Stadtverwaltung „Entgermanisierung“ vorwarfen – nicht recht voran, während die NS-Behörden während des Kriegs das Werk energisch und ohne große Rücksicht auf Protest betrieben, bis es in den Nachkriegsjahrzehnten vollendet wurde.

Polonisierung ist somit, wie Anna Moskal zeigt, nur eine Ebene in der städtischen Entwicklung nach Herrschaftswechseln, sie wurde oft vorgeschützt, um Modernisierungs- oder Verstaatlichungsprozesse zu kaschieren und innerpolnischen Gegnern mit dem nationalen Argument Wind aus den Segeln zu nehmen. In Posen nahm sie besondere Gestalt an: Während anderswo, etwa in Warschau, wichtige bauliche Symbole der russischen Herrschaft bald nach 1918 zerstört wurden, lebt Posen bis heute mit der „angeeigneten“ wilhelminischen Architektur, ohne dass sich hier jene historische Vielstimmigkeit entwickelt hätte, die Städte wie Breslau, Danzig oder – denkt man an das jüdische Erbe – Krakau prägen. Es ist allerdings nicht einsichtig, weshalb die Autorin den wichtigsten Ort symbolischer Polonisierung vollständig außer Acht gelassen hat, nämlich den Alten Markt, wo der Umgang mit dem historischen Alten Rathaus, mit dem zu preußischer Zeit errichteten Neuen Rathaus sowie dann nach den Zerstörungen von 1945 mit der gesamten Bausubstanz wegweisend war für den lokalen Umgang mit fremder Vergangenheit.

Während Anna Moskal in ihren Fallstudien, insbesondere bei der Theatergeschichte, viel Neues zu Tage fördert und auch fundamentale Prozesse lokaler, als „Nationalisierung“ verkleideter Modernisierung in Ostmitteleuropa analysiert, kann sie durch ihre Beschränkung auf drei Fallstudien das Phänomen „Polonisierung“ in Posen nur in Teilen erfassen. Als Ausgangspunkt für eine kulturwissenschaftlich begründete Geschichte Posens im „langen“ 20. Jahrhundert ist ihre Studie jedoch wertvoll und liefert viele Anregungen für die weitere Arbeit. Wenig ansprechend ist lediglich die Bebilderung des Buches: Anstatt die Polonisierung auch bildlich nachzuverfolgen, hat die Autorin sich auf den Abdruck einiger weniger historischer Dokumente sowie einiger eigener Fotografien beschränkt. Warum sie als Umschlagabbildung eine Ansicht des Messegeländes gewählt hat, auf der vom Bildrand abgeschnittene Straßenlaternen und futuristische Oberleitungsmasten der 2000er-Jahre den Blick auf den eigentlichen Untersuchungsgegenstand, nämlich den Messeturm, versperren, bleibt allein ihr Geheimnis.

Anmerkungen:
[1] Die Autorin erhielt für ihre Arbeit 2014 den Arthur-Kronthal-Preis der Historischen Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen.
[2] Gregor Thum, Die fremde Stadt. Breslau 1945, Berlin 2003; Jan Musekamp, Zwischen Stettin und Szczecin. Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005, Wiesbaden 2010; mit einem ähnlichen zeitlichen Zuschnitt Iris Engemann, Die Slowakisierung Bratislavas. Universität, Theater und Kultusgemeinden 1918–1948, Wiesbaden 2012.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.10.2014
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