R. Jaworski u.a.: Alltagsperspektiven im besetzten Warschau

Cover
Titel
Alltagsperspektiven im besetzten Warschau / Perspektywy codzienności w okupowanej Warszawie. Fotografien eines deutschen Postbeamten (1939–1944) / Fotografie niemieckiego urzędnika pocztowego (1939–1944)


Autor(en)
Jaworski, Rudolf; Peters, Florian
Reihe
Materialien zu Kunst, Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas 2
Erschienen
Anzahl Seiten
74 S.; 113 Abb.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Werner, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Geschichte dieser Foto-Dokumentation beginnt in einer Kieler Eckkneipe. Dort traf Rudolf Jaworski, bis 2009 Professor für die Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Kiel, auf Johannes Beyerlein, der ihm vom fotografischen Nachlass seines Vaters, des Leiters der Deutschen Post Osten in Warschau, berichtete. Gemeinsam mit Florian Peters machte sich Jaworski an die Erschließung dieses Fundes. Mit Unterstützung des Hamburger Generalkonsuls der Republik Polen ist daraus nun eine „Alltagsperspektiven im besetzten Warschau“ betitelte Publikation geworden, in der die beiden Autoren, ausgehend von der fotografischen Überlieferung, den Versuch einer biographischen Mikrostudie unternommen haben. Dies soll – so die Autoren – ein Schlaglicht werfen auf die „in der Forschung bislang verhältnismäßig wenig beachtete Grauzone der Lebens- und der Wahrnehmungsweisen deutscher Zivilbeamter im besetzten Polen“ (S. 1).

Der fotografische Nachlass von Hermann Beyerlein, einem deutschen Zivilbeamten, umfasst circa 300 Bilder aus seiner Zeit in Warschau. Beyerlein wurde 1910 in Dresden geboren und war ab 1937 bei der Deutschen Reichspost beschäftigt. Er wurde Ende 1939 auf eigenen Wunsch zur Deutschen Post Osten in Warschau abgeordnet, wo er bis Oktober 1944 lebte und arbeitete, zunächst als Postassessor, ab 1941 als Postrat im Fernmeldeamt Warschau, dem er als Leiter vorstand. Sein fotografisches Wirken war vor allem auf das dienstlich-institutionelle Umfeld fokussiert, das ihn in Warschau umgab: Viele Bilder beschäftigen sich mit seinem Arbeitsumfeld der Deutschen Post Osten, zeigen Arbeitsräume und -situationen, aber auch Feiern und Ausflüge mit Kollegen sowie die repräsentative Dienstwohnung Beyerleins in Warschau.[1]

Der zweisprachig erschienene Band richtet sich nicht nur an deutsche und polnische Fachhistoriker, sondern auch an Leser, die mit der Geschichte Polens bzw. Warschaus weniger vertraut sind. So bietet er eine zwar kurze, aber konzise Einführung zur Geschichte der Stadt während des Zweiten Weltkriegs. Das Verhältnis von Text und Bildern, denen viel Raum gegeben wird, wurde – zumal mit Blick auf die Herausforderung der zweisprachigen Textgestaltung – sehr gut gelöst, weswegen der Band ebenso gut lesbar wie anschaulich ist.

In sechs Kapiteln kontextualisieren die Verfasser den Bestand und untersuchen ihn unter verschiedenen Aspekten. Nach der Einführung in die spezifische Besatzungssituation Warschaus problematisieren die Autoren das Arbeiten mit Fotografien als Quelle zur Alltagsgeschichte der Stadt. Im Anschluss gehen sie auf die Situation der deutschen Besatzer ein, die des Fernmeldeamtes im Speziellen, und auf Beyerleins Blick auf seine polnische Umgebung, auf die Gewalterfahrungen und das Verhältnis von Deutschen und Polen sowie schlussendlich auf Beyerleins autobiographische Verarbeitung der Warschauer Jahre. Einen Epilog stellen Bilder des zerstörten Warschaus dar, aufgenommen von einem Kollegen Beyerleins, dessen Abzüge sich aber im „Bestand Beyerlein“ befanden. Dies alles behandeln die Autoren immer mit direktem Bezug auf einzelne Bilder des Bestandes; so öffne „dieser Fundus dem Historiker […] ein seltenes, in seiner Aussagekraft kaum zu überschätzendes Fenster auf die höchst persönlichen Wahrnehmungsweisen und Befindlichkeiten eines jungen deutschen Zivilbeamten, der mitten im Krieg unter den Bedingungen eines extrem repressiven Besatzungsregimes seinen Dienst verrichtet und seine Sicht der Dinge mit dem Fotoapparat festgehalten hat“ (S. 13).[2]

Beyerlein und seine Perspektive verorten die Autoren zwischen der Polarität bisheriger Foto-Dokumentationen, die entweder die amtlich-offiziöse Perspektive bzw. Propagandafotografie oder die des polnisches Widerstandes (bzw. aus dem Getto) wiedergeben. Beyerleins Blickwinkel hingegen charakterisieren sie als eigen und deutlich verschieden vom bislang veröffentlichten Bildmaterial, wobei sie gleichzeitig aufzeigen, dass „die von Beyerlein mit großem Elan betriebene fotografische Dokumentation der Modernisierung seines Amtes sowie gemeinsamer Unternehmungen der Beschäftigen durchaus anschlussfähig [war] an die von der Leitung der Deutschen Post Osten herausgegebene Parole für die deutschen ‚Gefolgschaftsmitglieder‘ im besetzten Polen, ihre Erlebnisse und Erfahrungen beim ‚Einsatz im Osten‘ zu sammeln und ausdrücklich auch in fotografischer Form zu dokumentieren” (S. 35f.). Gerade diese Vieldeutigkeit des Bestandes macht die Lektüre des Buches so interessant. Und insbesondere deswegen ist es ein wenig überraschend, dass die Autoren mehrfach den privaten, den „höchst persönlichen“ Charakter von Beyerleins Bildern hervorheben.[3]

Die Frage nach „Privatheit“ bzw. Individualität ist in Bezug auf Beyerleins fotografischen Nachlass eine sehr produktive und erfordert grundlegende Überlegungen, was „privat“ im historischen Kontext eines deutschen Zivilbeamten in Warschau in der Zeit von 1939 bis 1944 bedeutet. So bewegten sich die Angehörigen der Besatzungsmacht in Warschau in einem stark institutionalisierten Umfeld, in dem das „Private“ nicht deutlich abzugrenzen war und „persönlich“ und „politisch“ bzw. „privat“ und „öffentlich“ sich nicht binär gegenüberstanden, sondern lediglich Pole bildeten, zwischen denen Grenzen jeweils neu verhandelt werden mussten. Dies wird unter anderem sehr anschaulich anhand von Bildern, die gemeinsame Ausflüge und Feiern darstellen und die umfassende Infrastruktur der Deutschen Post Osten für ihre Mitarbeiter – Tischtennis, Dachterrasse zur Erholung – dokumentieren. Diese Einrichtungen durften nur vom deutschen Personal genutzt werden und waren „durchaus typisch für die größeren Institutionen der deutschen Besatzungsverwaltung in Polen und dienten, wie auch die gemeinsame Unterbringung des deutschen Personals in eigenen Wohnheimen, dazu, den Tagesablauf, möglichst weitgehend im institutionellen Rahmen zu organisieren und damit Kontakte zu Einheimischen auf das Nötigste zu beschränken“ (S. 25). Ein weiterer Befund der Studie ist die Ausblendung der (nichtdeutschen) Außenwelt – zumindest auf visueller Ebene: Die polnische Bevölkerung erscheint nur als Staffage im Fernmeldeamt sowie auf den Straßen. Dieses institutionelle Umfeld wird ebenfalls deutlich auf den Hochzeitsbildern Beyerleins: So fungierte sein Dienstvorgesetzter als Trauzeuge, ein weiterer Hinweis auf die „weitreichende Überschneidung von privater und dienstlicher Sphäre in der Besatzergesellschaft“ (S. 29). Gerade die Sphäre des „Dienstlichen“ verdeutlicht, dass eine persönliche/private Sphäre hiervon nicht durchgängig abgegrenzt werden kann. In Beyerleins Fall ist somit zumindest davon auszugehen, dass einerseits wegen der untrennbaren Verbundenheit des Privaten, Dienstlichen und Öffentlichen und andererseits aufgrund der verbreiteten Praxis von Abzügen innerhalb des Freundes-, Kollegen- und Familienkreises die Bilder zumindest an Teilöffentlichkeiten und potenzielle Abnehmer gerichtet waren[4] und dies die Annahme einer reinen „Privatheit“ der Fotos unterläuft.

Um abschließend beurteilen zu können, wie „persönlich“ Beyerleins Blick ist, dazu wäre eine Einbettung in einen weiteren Kontext, insbesondere eine Historisierung der privaten Fotografie und ein Vergleich mit weiteren Beständen von nichtprofessionellen Fotografen aus dieser Zeit produktiv, die im Rahmen dieser Veröffentlichung jedoch nicht zu leisten war. Ihrem Anspruch, ein „Schlaglicht [zu] werfen auf die in der Forschung bislang verhältnismäßig wenig beachtete Grauzone der Lebens- und der Wahrnehmungsweisen deutscher Zivilbeamter im besetzten Polen“ (S. 1), werden die Autoren aber in jedem Fall mehr als gerecht. Würden mehr Abende in Eckkneipen zu solchen Bildfunden und daraus resultierenden Publikationen führen, wäre die historische Bildforschung um einige spannende Veröffentlichungen reicher.

Anmerkungen:
[1] Zu alltagsgeschichtlichen Fragestellungen im besetzten Polen hat Stephan Lehnstaedt gearbeitet, vgl. ders., Okkupation im Osten. Besatzeralltag in Warschau und Minsk 1939–1944, München 2010.
[2] Für die Erforschung der deutschen Besatzung in Polen sind Bildquellen bisher nur in wenigen Studien zentral gesetzt worden. Grundlegend ist hier die Studie von Miriam Y. Arani, in der die Autorin die Frage, welche Selbst- und Fremdbilder von Polen und Deutschen sich in Fotografien aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs niedergeschlagen haben, untersucht. Vgl. dies., Fotografische Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939–1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Region Wielkopolska, 2 Bde., Hamburg 2008.
[3] So sprechen die Autoren von „höchst persönlichen Wahrnehmungsweisen“ (S. 13) oder betonen immer wieder den „privaten Charakter der Fotos“ (S. 12).
[4] So findet sich in Beyerleins Nachlass die bereits oben erwähnte Serie eines Kollegen, die die Zerstörungen Warschaus dokumentiert. Es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass Beyerlein ebenfalls für Freunde und Kollegen Abzüge anfertigte.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.10.2014
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