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Titel
Generation in Kesseln. Das Soldatische Opfernarrativ im westdeutschen Kriegsroman 1945–1960


Autor(en)
Ächtler, Norman
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
455 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Medardus Brehl, Institut für Diaspora- und Genozidforschung, Ruhr-Universität Bochum

Anders als der Frontroman des Ersten Weltkriegs, der – wie die literarischen Codierungen dieser ‚Urkatastrophe’ überhaupt – seit den 1970er-Jahren in den Literaturwissenschaften aus gattungs-, sozial-, diskurs-, wissens- und kulturgeschichtlicher Perspektive umfassend untersucht worden ist[1], hat die Literatur über den Zweiten Weltkrieg bis heute eher geringen Widerhall in der Forschung gefunden. Die wenigen Monographien zu diesem Themenbereich stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren.[2] Eine Lücke besteht auch in methodisch-systematischer Hinsicht: Bisher sind kaum Anstrengungen unternommen worden, den Frontroman des Zweiten Weltkriegs kultur- und diskursgeschichtlich zu interpretieren, also nach seiner Bedeutung für die Konstruktion und Etablierung von Narrativen in Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur der frühen Bundesrepublik zu fragen.

Auf dieses Desiderat antwortet nun Norman Ächtler mit der umfassenden Studie „Generation in Kesseln. Das Soldatische Opfernarrativ im westdeutschen Kriegsroman 1945–1960“, die auf seiner Gießener literaturwissenschaftlichen Dissertation basiert. Den Beobachtungszeitraum begründet Ächtler damit, dass es sich in dieser Zeitspanne um die Blütezeit des Front-, Soldaten- und Heimkehrerromans gehandelt habe, während seit den 1960er-Jahren verstärkt die Vernichtung der europäischen Juden in Öffentlichkeit und Literatur diskutiert worden sei (S. 15). Gründe hierfür sind sicherlich im Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann (1961) und dann in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963–1968) zu sehen.

Ächtler stützt seine Arbeit nicht allein auf ein umfangreiches Corpus von Kriegsromanen, sondern bezieht darüber hinaus zeitgenössische Rezensionen und Kommentare ein, um so nicht zuletzt auch die soziale Reichweite der in den Romanen entworfenen Kriegsbilder auszuloten. Dabei stellt er seine Untersuchung unter die Leitthese, dass in den frühen Frontromanen des ersten Nachkriegsjahrzehnts ein „Opfernarrativ der Frontgeneration“ geformt worden sei, das „zu einer tragenden Säule des Selbstbilds ganzer Jahrgänge von Wehrmachtsangehörigen“ avancierte; somit sei das Deutungsmuster des deutschen Soldaten als erstem Opfer des Kriegs „in seiner spezifischen Argumentationsweise und Erzählstruktur im literarischen Feld gestiftet“ worden (S. 7). Nun ist dieser Anspruch der Ausschließlichkeit einer Stiftung des ‚Soldatischen Opfernarrativs’ im literarischen Feld insofern einzuschränken, als in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch in anderen Diskurszusammenhängen jenseits der Literatur eine Opferrolle des Frontsoldaten entworfen wurde – ein prominentes Beispiel ist in diesem Zusammenhang etwa die „Denkschrift der Generäle“ für den Nürnberger Gerichtshof[3] –, so dass wohl eine interdiskursive Gemengelage angenommen werden muss, in der sich solche Opferkonstruktionen wechselseitig beglaubigten und verstärkten. Dennoch wirft die Konstellation, dass ein wirkungsmächtiges historisches Deutungsparadigma literarisch nicht nur aufgenommen und fortgeschrieben, sondern zeitnah im literarischen Diskurs (prä)figuriert, breitenwirksam formuliert und so in ein festgefügtes Narrativ überführt wurde, neues Licht auf die Hintergründe der lange anschlussfähigen Codierung von Täter-Opfer-Positionierungen im kollektiven Gedächtnis Westdeutschlands, die sich in Bildern der „sauberen Wehrmacht“ und des „anständigen Landsers“ manifestierten – im Kontrast zu den Schergen der SS und den Bürokraten des SD.

Ächtlers Studie ist zweiteilig aufgebaut: Die eigentliche analytische Arbeit an den Texten findet im zweiten Teil statt (S. 169-410), während der umfangreiche erste Teil zunächst die narratologischen Grundlagen entwickelt, um dann die Bedingungen der Genese des soldatischen Opfernarrativs und dessen Grundstrukturen zu typisieren. Dieser erste Teil bietet eine umfassende Darstellung der interdisziplinären Erzählforschung, wobei Ächtler hier nicht allein eine systematische Aufarbeitung vornimmt, sondern mit dem Fokus auf den Zusammenhang von Erfahrung, Erzählung und Identität eine dichte Synthese wohl aller zentralen Ansätze von Paul Ricœur über Jürgen Straub bis hin zu jüngeren Ansätzen einer Narrativen Psychologie leistet und dabei die Bedeutung narrativer Verfahren für den Zugang zu sozialer Wirklichkeit scharf herausarbeitet. Damit überschreitet der theoretische Teil von Ächtlers Studie den üblichen Charakter eines theoretischen Propädeutikums und gewinnt großes Eigengewicht – und dies nicht nur für literaturwissenschaftliche Kontexte, sondern ebenso und gerade für die Zwecke einer kulturwissenschaftlich-narratologisch informierten Geschichtsschreibung.

Dieser erste Theorieabschnitt mündet in eine Definition des Begriffs ‚Narrativ’, einer Kategorie, die zwar in zahlreichen Disziplinen zentrale Verwendung findet, dabei aber notorisch unterbestimmt geblieben ist. Ächtler fasst das Narrativ nun als „eine integrative diskursive Kategorie von variierendem quantitativen Umfang und qualitativer Reichweite, deren stabilisierende Funktion darin besteht, kontingent erscheinenden Phänomenen oder Sachverhalten eine intelligible narrative Gestalt zu geben“ (S. 78). Narrative, die stets in komplexen sozialen Kommunikationsprozessen entstehen, seien dazu geeignet, einschneidende Erfahrungen wie Katastrophen oder eben Kriege mit einer Sinnstruktur auszustatten, damit ein anschlussfähiges Deutungsangebot zu formulieren und zur Integration dieser Erfahrungen in individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeitsmodelle beizutragen.

Mit Blick auf das in den Kriegsromanen der 1940er- und 1950er-Jahre entwickelte ‚Soldatische Opfernarrativ’ vermag Ächtler dies überzeugend nachzuweisen. Anhand zahlreicher Texte unter anderem von Alfred Andersch, Heinrich Böll, Gerd Gaiser, Michael Horbach, Ernst Jünger, Walter Kolbenhoff, Hans Hellmut Kirst, Gert Ledig und Hans Werner Richter wird gezeigt, wie hier in kurzer Zeit und großer Übereinstimmung ein Narrativ der eigenen Opferschaft erfolgreich installiert wurde, indem a) ein zeitgenössisch plausibles und sozial anschlussfähiges Bild einer von einem totalen Staat vollständig vereinnahmten Generation entworfen wurde, gewissermaßen eine Kollektivbiographie junger Männer zwischen Sozialisation im Nationalsozialismus und Kriegserfahrung, b) diese Konstellation mit Aspekten eines basalen Existenzialismus aufgeladen wurde und c) das Narrativ einer schicksalhaften Kollektiverfahrung entlang der etablierten tragischen Plotstruktur entwickelt wurde.

In verdichteter Form zeigt sich diese Figuration im Chronotopos der „Kesselschlacht“ bzw. der „Einkesselung“. Den Begriff des ‚Chronotopos’ verwendet Ächtler im Sinne Michail Bachtins[4], der Chronotopoi als „literarisch-inszenierte Raum-Zeit-Beziehungen“ beschreibt, die als figurative Verdichtungen einer Plotstruktur fungieren (S. 167). Der „Kessel“ konstituiert in diesem Sinne ein multidimensionales Superzeichen für die in den Kriegsromanen entworfene existenzielle Erfahrung des Ausgesetztseins, der Eingeschlossenheit und der Ausweglosigkeit – der Buchtitel „Generation in Kesseln“ ist dafür sehr treffend. Dabei zeigt Ächtler, dass gerade in dieser Figur nicht allein die reale Situation der Kesselschlacht von Stalingrad angesprochen ist, sondern zugleich auf den in den Texten immer wieder beschworenen Zweifrontenkrieg der deutschen Landser verwiesen wird, die, eingekesselt zwischen Roter Armee auf der einen Seite sowie SS, SD und einem anonymisierten Partei- und Staatsapparat auf der anderen Seite, auf sich allein gestellt sind und um ihr nacktes Überleben kämpfen.

Der Autor arbeitet detailliert heraus, dass in den Frontromanen keine reflexiven Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und dessen ideologischem System stattfinden. Der Nationalsozialismus begegnet den Protagonisten der Romane entweder in der Gestalt fanatischer Gegenspieler, die im Rücken der Wehrmacht agieren, oder als abstraktes System eines totalen Staates – keinesfalls aber als ein weltanschauliches Angebot, dem sich womöglich auch Soldaten der Wehrmacht verpflichtet gefühlt hätten (S. 415). Eine Thematisierung der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden findet in den Kriegsromanen der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte kaum statt. Entweder bleibt es bei vagen Andeutungen auf Lager und Tötungen, ohne die Opfergruppen zu nennen, oder aber die Wehrmacht wird ausdrücklich von einer Mittäterschaft an der Vernichtung der Juden ausgenommen. Eine dritte Variante besteht darin, Verweise auf die Judenvernichtung zur Stärkung des soldatischen Opfernarrativs zu nutzen, indem das ‚Schicksal‘ der Juden und dasjenige der deutschen Soldaten in eine Analogie zueinander gesetzt werden (S. 420f.). Ächtler zeigt dies etwa anhand von Heinrich Bölls „Wo warst du, Adam?“ (1951) und Michael Horbachs „Die verratenen Söhne“ (1957).

Norman Ächtler ist eine vielschichtige Studie gelungen, ein Grundlagenwerk über die Konstruktion und Etablierung von bis in die 1990er-Jahre wirkungsmächtigen Deutungsparadigmen der frühen Bundesrepublik. Das differenziert entwickelte theoretisch-methodische Gerüst kann für zukünftige Arbeiten im Schnittfeld von Literatur-, Kultur- und Erinnerungsgeschichte sicher leitend sein.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Bernd Hüppauf (Hrsg.), Ansichten vom Krieg. Vergleichende Studien zum Ersten Weltkrieg in Literatur und Gesellschaft, Königstein im Taunus 1984; Paul Fussell, The Great War and Modern Memory, New York 1975; Patrick Bridgwater, The German Poets and the First World War, London 1985; Klaus Vondung (Hrsg.), Kriegserlebnis. Der Erste Weltkrieg in der literarischen Gestaltung und symbolischen Deutung der Nationen, Göttingen 1980; Franz K. Stanzel / Martin Löschnigg (Hrsg.), Intimate Enemies. English and German Literary Reactions to the Great War 1914–1918, Heidelberg 1993; Martin Löschnigg, Der Erste Weltkrieg in deutscher und englischer Dichtung, Heidelberg 1994; Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.), Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996; Astrid Erll, Gedächtnisromane. Literatur über den Ersten Weltkrieg als Medium englischer und deutscher Erinnerungskulturen in den 1920er Jahren, Trier 2003; Matthias Schöning, Versprengte Gemeinschaft. Kriegsroman und intellektuelle Mobilmachung in Deutschland 1914–1933, Göttingen 2009.
[2] Jochen Pfeifer, Der deutsche Kriegsroman 1945–1960. Ein Versuch zur Vermittlung von Literatur und Sozialgeschichte, Königstein im Taunus 1981. Vgl. ergänzend auch: Michael Kumpfmüller, Die Schlacht von Stalingrad. Metamorphosen eines deutschen Mythos, München 1995; sowie mit Blick auf „Groschenromane“: Michael Schornstheimer, Bombenstimmung und Katzenjammer. Vergangenheitsbewältigung: Quick und Stern in den 50er Jahren, Köln 1989; ders., Die leuchtenden Augen der Frontsoldaten. Nationalsozialismus und Krieg in den Illustriertenromanen der fünfziger Jahre, Berlin 1995; Habbo Knoch, Die lange Dauer der Propaganda. Populäre Kriegsdarstellung in der frühen Bundesrepublik, in: Wolfgang Hardtwig / Erhard Schütz (Hrsg.), Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2005, S. 206–223.
[3] Vgl. hierzu Manfred Messerschmidt, Vorwärtsverteidigung. Die „Denkschrift der Generäle“ für den Nürnberger Gerichtshof, in: Hannes Heer / Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944, Hamburg 1995, S. 531–550.
[4] Michail M. Bachtin, Chronotopos, Frankfurt am Main 2008.