M. Schattkowsky: Adlige Lebenswelten in Sachsen

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Titel
Adlige Lebenswelten in Sachsen. Kommentierte Bild- und Schriftquellen


Herausgeber
Schattkowsky, Martina
Erschienen
Köln 2013: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
505 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katrin Gäde, Geschichte der Neuzeit mit dem Schwerpunkt Gesclechterforschung, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Der von Martina Schattkowsky herausgegebene Band will anhand zahlreicher Bild- und Schriftquellen die Geschichte des sächsischen Adels vom Mittelalter bis in die 1940er-Jahre veranschaulichen und Einblicke in die Lebensgewohnheiten und Existenzbedingungen sächsischer Adliger gewähren. Die Leitlinie des Buches ist vor allem auf die Frage nach Kontinuität und Wandel des Adels vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert ausgerichtet. Dabei soll auch der Gesamtzusammenhang zur modernen Adelsforschung in den Blick genommen werden.

Der als Quellenbuch konzipierte Sammelband entstand in Vorbereitung eines „Museums zur Geschichte des sächsischen Adels“, welches als Dauerausstellung in einem Schloss nahe Dresden eingerichtet werden soll. Aus dem Fundus an Einzelobjekten wurden historische Quellen ausgewählt, die für „die Erforschung und Präsentation sächsischer Adelsgeschichte von Relevanz sind“ (S. 9). Zahlreiche Bild-, Schrift- und Sachquellen werden als Zeugnisse adliger Lebenswelten präsentiert und in der Adelsforschung verortet. Die vorgestellten Quellengattungen sind vielfältig und sollen ganz offensichtlich möglichst allen Aspekten adliger Lebensführung gerecht werden. Darunter befinden sich neben verschiedenen Ego-Dokumenten, die in ihrer Bedeutung für die individuelle Selbstdeutung und gelebten Erfahrungen besonders hervorgehoben werden (S. 9), unter anderem Gemälde, Fotografien, Skulpturen, Wappen, Wirtschafts- und Gerichtsakten, Bestallungsakten, Stadtbücher, Adelsbriefe, Eheverträge, Geschlechtsarchive und Familienordnungen sowie Gedichte, Testamente und Leichenpredigten.

Der Band setzt sich aus einer Einführung sowie mehr als fünfzig thematischen Beiträgen zusammen. Zu jeder der vorgestellten Bild- oder Schriftquellen folgt eine ausführliche Erläuterung sowie eine Einordnung in die sächsische Adelsforschung. Die einzelnen Beiträge sind zwölf Bereichen zugeordnet: „Adel in Sachsen: Wurzeln und Traditionen“, „Zur Erhaltung des Geschlechts: Heirat und Familie“, „Orte adligen Lebens: Burgen, Schlösser, Stadthäuser“, „Das Rittergut: Grund- und Gerichtsherren“, „Wirtschaftliches Engagement und ökonomisches Wissen“, „Landespolitik und Gemeinwesen: Hof- und Staatsdienst“, „Tradition und Modernität: Gelehrte Bildung und ständische Abgrenzung“, „Geistliche Lebensformen und konfessionelle Prägungen“, „Erinnerungskultur und Repräsentation“, „Alltagsleben und Festkultur auf dem adligen Landgut“, „Konflikte und Ehrenhändel: Recht und Gericht“ sowie „Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“.

Die ersten Themenbereiche widmen sich vor allem den klassischen Themenfeldern der Adelsforschung. Den Beiträgen, die sich mit Wurzeln und Traditionen, Heirat und Familie, den Orten adligen Lebens sowie dem Rittergut als Grund- und Gerichtsherrschaft widmen, ist gemein, dass sie im Wesentlichen nach der identitätsstiftenden Wirkung für adliges Leben in Sachsen fragen. Adliges Selbst- und Herrschaftsverständnis zeigte sich demnach nicht nur an Stand und Besitz, Ehe und Familie (Martin Arnold) oder Geschlechts- und Familienordnungen (Vicky Rothe), sondern wurde auch ganz wesentlich durch die künstlerische Ausgestaltung der Schlösser (Matthias Donath) und der Landschaftsgärten (Sylvia Drebinger) zum Ausdruck gebracht. So unterstreicht beispielsweise Joachim Schneider die herausragende Bedeutung von Wappen für den dynastischen Gesamtverband, denn jene erst hätten aus einer bloßen Besitz- und Erbengemeinschaft eine Identitätsgemeinschaft geformt (S. 152) und so einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung sächsischer Adelskultur geleistet.

Der folgende größere Komplex setzt sich mit adeligen Handlungsfeldern in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Bildung sowie mit geistlichen Lebensformen und konfessionellen Prägungen auseinander; unter anderem beleuchtet werden der Bereich Bergbau (Peter Hoheisel), Adelige als frühindustrielle Fabrikanten (Lutz Bannert), im Hofdienst (Katrin Keller), beim Militär (Markus von Salisch) und allgemein ihr Wirken für den Staat (Judith Matzke/Hermann Freiherr von Salza und Lichtenau) sowie der Bereich Bildung (Fanny Münnich/Claudia Brandt). In einige der untersuchten Bereiche konnten adlige Frauen ebenso vordringen wie ihre männlichen Standesgenossen. Am Beispiel von Helena Dorothea von Schönberg (1729–1799) zeigt Vicky Rothe, dass Frauen im Gegensatz zur Darstellung der älteren Forschung durchaus eine bedeutende Rolle auf dem wirtschaftlichen Gebiet zukam (S. 212). Den ökonomischen Erfolg Dorotheas in den Bereichen Textilverarbeitung und Verlagswesen führt Rothe zum einen auf ihren Status als Witwe, der ihr ein weites Handlungsfeld ermöglichte, und zum anderen auf ihre persönlichen Fähigkeiten, verbunden mit einem ausgeprägten Geschäftssinn, zurück.

Ein weiterer Schwerpunkt des Buchs gilt den Aspekten der Erinnerungskultur, der Repräsentation, der Alltags- und Festkultur sowie Konflikten und Ehrenhändeln. Neben Formen der Gedächtniskultur (Dirk Marin Mütze), Turnier (Andreas Ranft), Musealer Präsentation (Silke Marburg), Fotographie als Quelle adliger Erinnerungskultur (Louise Thein) sowie der Jagd als Symbol adligen Standesrechts (Karoline Meyer) werden unter anderem auch Fragen der Konfliktlösung (Ulrike Ludwig), der Fehde als Rechtsmittel (Maike Günther) sowie der Adel vor Gericht (Marek Wejwoda) untersucht.

Der abschließende Themenbereich des Sammelbandes „Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ zeichnet die Geschichte des sächsischen Adels bis in die späten 1940er-Jahre nach. Dabei rücken insbesondere die Rolle des Adels während des Nationalsozialismus sowie Vertreibung und Enteignung nach 1945 in den Blick. Am Beispiel der Familie von Welck setzt sich Andreas Thüsing mit dem Adel während der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Er konstatiert, dass der generalisierende Befund Malinowskis[1] über die sozial bedingte Affinität des Adels zum NS-Regime einer erheblichen Differenzierung bedürfe. Thüsing verweist auf den Bedarf weiterer Auseinandersetzungen bezüglich der Rolle des Adels im Nationalsozialismus, denn Ergebnisse speziell für die sächsischen Verhältnisse müssten dem Urteil künftiger regionaler Untersuchungen überlassen bleiben (S. 476). Lutz Vogel zeigt, dass die Vertreibung des sächsischen Adels nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Zuge der Bodenreform einen massiven Eingriff in die Eigentumsverhältnisse sowie gewachsene soziale Strukturen bedeutete und zu einer grundlegenden Umgestaltung des gesellschaftlichen Gefüges in den ländlichen Gebieten Sachsens führte. In der Folge der durch die sowjetische Besatzungsmacht massiv forcierten Vertreibung seien nahezu alle adligen Familien in Richtung der westlichen Besatzungszonen geflohen (S. 484).

In den jeweiligen Kapiteln wäre eine deutlichere Begründung für die Auswahl der vorgestellten Quellen wünschenswert gewesen. Abgesehen von der Vorstellung und Erläuterung der jeweiligen Bild- und Schriftquellen erfolgt keine weitere Verortung der Themenbereiche innerhalb der Adelslandschaft sowie ihrer Bedeutung in der Forschung. Die Auswahl der im Band vorgestellten Quellen bietet dennoch einen sehr eindrücklichen und vor allem umfangreichen Blick auf die große Vielfalt von Einzelobjekten in den sächsischen Archiven. In ihrer Gesamtheit – der Band ist nicht zuletzt durch zahlreiche farbige Abbildungen hochwertig ausgestattet – zeigen sie ein überzeugendes Abbild sächsischer Adelskultur auf.

Anmerkung:
[1] Stephan Malinowski, Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat (Elitenwandel in der Moderne 4), 3. Aufl., Berlin 2003, S. 560–569.

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Veröffentlicht am
06.06.2014
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