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Titel
Nah am Tabu. Experimentelle Selbsterfahrung und erotischer Eigensinn in Robert Walsers »Jakob von Gunten«


Autor(en)
Moser, Petra
Anzahl Seiten
176 S.
Preis
€ 27,80
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Elmar Locher, Dipartimento di Lingue e Letterature Straniere, Università degli Studi di Verona

Petra Mosers Arbeit widmet sich dem dritten der Berliner Romane Robert Walsers (Die Geschwister Tanner 1907, Der Gehülfe 1908, Jakob von Gunten 1909), die zunehmend einen a-mimetischen Zug entwickeln. Dieser Roman erweist sich als der problematischste. Die Literaturwissenschaft hat ein dreifaches Erkenntnisinteresse am „Jakob von Gunten“ deutlich gemacht. Schreibt der Roman die Zerstörung der Signifikanz des modernen Romans[1], den Abbau der Institutionen und somit auch den Abbau der instituierten Gattung Roman[2], oder begibt er sich auf die Suche nach der Nullstelle der deutschen Literatur?[3] Mosers Interesse hingegen leitet sich aus ihren Berufsfeldern ab, das seine aktuelle Verschärfung durch die Diskussion der Missbrauchsfälle nach 2010 erfährt und in der Rückwendung auf den 100 Jahre zurückliegenden Roman „jenes gelassene und produktive Verhalten“ zu finden hofft, „das in der aktuellen Debatte eher selten ist“ (S. 8). Moser lehrt Entwicklungspsychologie und Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich und ist als Bereichsleiterin Berufspraxis tätig. Seit 1998 arbeitet sie als Kostüm- und Bühnenbildnerin für das Theater.

Die Einleitung versucht das Verhältnis von Literatur und Erziehungswissenschaft zu bestimmen. Der zentrale Begriff, auf dem die Arbeit aufruht, wird als Selbstexperiment kenntlich gemacht, das unter dem Gesichtspunkt Deweys seine explizierende Schärfe erfährt. In einer ersten Annäherung werden das Ethos und die Lust am Selbstexperiment benannt. In einem zweiten Schritt wird auf Robert Walsers Selbstexperiment, den Besuch einer Berliner Dienerschule 1905 und seine dabei gemachten Erfahrungen, Bezug genommen. Dieser Abschnitt versucht, Motiven Walsers und der Frage nach literarischen Vorbildern nachzugehen und, unter Bezug auf Lehrprogramme und Ausbildungsmethoden von Dienerschulen, Vermutungen über Walser und seinen Roman anzustellen. Die Einlassung ‚Die kugelrunde Null als Metapher des Widerspruchs‘, die mit Blick auf die Mathematik als reelle Zahl bestimmt wird, „die aber zugleich die einzige [ist], die weder positiv noch negativ ist“ und somit der „Erwartung emotionaler Abstinenz beim Diener entspricht“ (S. 98), bildet den Abschluss dieses Kapitels. Es wird aber nicht auf die Untersuchungen eingegangen, die sich gerade dieser kugelrunden Null von literaturwissenschaftlicher Seite aus angenommen haben. Siehe dazu die wichtige Arbeit von Peter Utz.[4]

Den Hauptteil der Untersuchung bildet der Abschnitt ‚Der Roman von 1909‘, den sie in der Perspektive der experimentellen Selbsterziehung und des erotischen Eigensinns liest, indem sie, bezogen auf die interessierenden Abschnitte des Romans, das Verfahren des ‚Close Readings‘ stark macht. Sowohl der experimentellen Selbsterziehung wie dem erotischen Eigensinn wird in den Beziehungsmustern Jakobs zu den Zöglingen, zu Fräulein Lisa Benjamenta, der einzigen Lehrerin des Institutes und zum Vorsteher Benjamenta nachgegangen. In der Beziehung Jakobs zum Vorsteher ist von möglichen Übergriffen die Rede. Jakob hingegen zeichnet sich durch eine Provokationslust aus. Wird dieses Verhältnis von Jakob zu Beginn noch mit Namen „gewalttätiger Größe“ gekennzeichnet, so treten gegen Ende des Romans „die Attribute eines vorsichtig und zärtlich Liebenden“ in den Vordergrund: „Benjamenta, ‚der noch gar nicht gelebt zu haben scheint‘, kann jetzt als ‚die Güte und Schonung selber‘ wahrgenommen werden.“ (S. 92) Als Resümee wird festgehalten: „Im Hinblick auf seine Mitschüler bleiben sie [die erotischen Erfahrungen] temporär und im Stadium leicht frivoler Tändelei; in Bezug auf die Lehrerin führen sie in die bedrohliche Nähe einer Destabilisierung der eigenen Identität. Die Beziehung zu Herrn Benjamenta dagegen ist vom erotisch neutralen Anfang an eine Sache von Bedrohung, Lockung, Provokation und Gefahr.“ (S. 88)

Das Institut Benjamenta wird dann in der Kontrastierung des Kontors, als dem männlich dominierten Raum der Macht (Herr Benjamenta), mit den inneren Gemächern als dem verschlossenen Raum des weiblichen Geheimnisses (Fräulein Benjamenta) als soziopsychische Topographie der Dienerschule gedeutet. Über die Analyse von ‚Jakobs Provokationslust‘ führt das Kapitel zur Aufhebung der erzieherischen Asymmetrie. Das Kapitel endet mit der Analyse des Aufbruchs in die Wüste, der zugleich als ein Abschied von der europäischen Kultur zu lesen ist. Die Möglichkeit eines solchen Abschieds wird von Moser mit einem Fragezeichen versehen.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Experiment im Raum der ästhetischen Fiktion und lässt sich auf Deweys Konzept der Kunst als Schule der Aufmerksamkeit und der unbefangenen Moral ein. Das Abschlusskapitel, das den Titel aufgreift, verweist, unter dem Gesichtspunkt des pädagogischen Eros und der Reformpädagogik, das Lehrer-Schülerverhältnis des Jakob von Gunten auf Walter Benjamins spannungsvolles Verhältnis zu Gustav Wyneken, dem Reformpädagogen und Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, der in der Jugendbewegung ein wichtige Rolle spielte und 1921 wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Missbrauch und Sprachlosigkeit, das zerschnittene Ich-Buch und die Diffusion von Identität bilden den Abschluss.

Wenn Moser allerdings festhält, dass es sexuelle Motive auch außerhalb des Ambientes der Dienerschule gibt, diese aber in der Untersuchung unberücksichtigt bleiben können (S. 72, Fußnote 12), dann zeigt sich, dass die Reduktionen, die Moser unter verständlichen, erkenntnisleitenden Gesichtspunkten ihrer Analyse des Romans vornimmt und die die literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu Walsers Roman weitgehend ausblenden, nicht ganz unproblematisch sind. Es zeigt sich nämlich, dass sich das Institut nicht nur durch ein ‚Innerhalb‘ sondern auch durch ein ‚Außerhalb‘ bestimmt und dass es in der Analyse des Romans gerade auch auf dieses diffizile ‚Innen-Außen-Verhältnis‘ ankäme. Die sexuellen Motive, die es im Außerhalb gibt, sind alle gekennzeichnet durch ein bestimmtes Muster, in dem sich mehr zeigt als „die Lust am reizenden Augenblick und am eigenen spielerischen Umgang mit ihm“ (S. 72f.). Nach diesen Erfahrungen muss Jakob nämlich immer an Mama denken. In diesem Denken zeigt sich der Wunsch Jakobs nach einer Reterritorialisierung, nachdem er sich in seinen Erfahrungen und Begegnungen in der Stadt, im Außerhalb des Institutes (Dirne und Dienstmädchen, Einlassungen zum Verstehenwollen der Frauen, auch in der Begegnung mit Lisa Benjamenta und dem Vorsteher), einer Deterritorialisierung, oder einer Destabilisierung der Identität, wie Moser schreibt, ausgesetzt sah. Reterritorialisierung und Deteritorrialisierung sind die Kategorien, die Deleuze-Guattari[5] auf das Werk Franz Kafkas anlegen. In diesem kommt es, ähnlich wie bei Walser, zu Verkettungen mit Schwestern, Dienstmädchen und Huren. In diesen Verkettungen sehen Deleuze-Guattari den Schizo-Inzest ausgeprägt, der sich von ödipalen Szenarios durch Deterritorialisierungen unterscheidet, während letztere durch Reterritorialisierung bestimmt sind. So könnte das ‚vitam instituere‘, dem sich Jakob im Institut zu unterziehen hat, als Pendelbewegung zwischen Deterritorialisierung und Reterritorialisierung beschrieben werden, mit allen Konsequenzen, die eine solche Bewegung nach sich zieht. Dieser Zusammenhang wird in Mosers Arbeit zu wenig berücksichtigt.

Des Weiteren bleiben in der Arbeit Aspekte unterbelichtet, die in ihrer Entfaltung gerade auch zur Klärung des in Frage stehenden Problembereichs der Untersuchung erhellend wären. So erweist sich die Subsumierung des Institutes Benjamenta unter die Kategorie Dienerschule als nicht ganz glücklich. Die Dienerschule wird von Walser immer als Institut gekennzeichnet. ‚Institut‘ aber eröffnet ein Wortfeld, das Erklärungsmodelle von Institution bis zu Instituieren ermöglichen würde und in diesem noch den Abbau oder die Transformation von instituierten Institutionen, ihrer Machtansprüche und ihrer auf dem Imaginären aufruhenden Begründungsverfahren in sich begreifen könnte. Darunter fällt auch das Instituieren der Institution Literatur und ihrer jeweils neu zu konstituierenden Gattungen. Auf diese Problemfelder haben die literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zum Roman[6] hingewiesen. Nimmt man allerdings zu Mosers Untersuchung noch die beiden Sammelbände Richard Fabers[7] als Komplementärlektüre hinzu, dann erhält man ein umfassendes Bild davon, wie sich in den unterschiedlichsten Erziehungsinstitutionen ein Leben im 20. Jahrhundert instituiert hat.

Anmerkungen:
[1] Hans H. Hiebel, Robert Walsers Jakob von Gunten. Die Zerstörung der Signifikanz im modernen Roman, in: Katharina Kerr (Hrsg.), Über Robert Walser, Bd. 2, Frankfurt am Main 1978, S. 308–345.
[2] Rüdiger Campe, Robert Walsers Institutionenroman Jakob von Gunten, in: Rudolf Behrens / Jörn Steigerwald (Hrsg.), Die Macht und das Imaginäre. Eine kulturelle Verwandtschaft in der Literatur zwischen Früher Neuzeit und Moderne, Würzburg 2005, S. 235–250.
[3] Peter Utz, Robert Walsers Jakob von Gunten. Eine Nullstelle der deutschen Literatur, in: Deutsche Vierteljahresschrift 73/4 (2001), S. 488–412.
[4] Ebd.
[5] Gilles Deleuze / Félix Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur, 9. Aufl., Frankfurt am Main 2001.
[6] Siehe neben den bereits genannten Arbeiten von Hans Hiebel, Rüdiger Campe und Peter Utz Elmar Locher, Robert Walsers Jakob von Gunten. Ein Tagebuch: Ein Institutionenroman? Auch ein Geldroman, in: Richard Faber (Hrsg.), Totale Erziehung in europäischer und amerikanischer Literatur, Frankfurt am Main 2013, S. 151–176.
[7] Richard Faber (Hrsg.), Totale Erziehung in europäischer und amerikanischer Literatur, Frankfurt am Main 2013; Richard Faber (Hrsg.), Totale Institutionen? Kadettenanstalten, Klosterschulen und Landerziehungsheime in Schöner Literatur, Würzburg 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.09.2014
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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