S. Mangold-Will: Begrenzte Freundschaft

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Titel
Begrenzte Freundschaft. Deutschland und die Türkei 1918–1933


Autor(en)
Mangold-Will, Sabine
Reihe
Moderne Europäische Geschichte 5
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
539 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerhard Grüßhaber, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das deutsch-türkische Verhältnis ist bis heute von einer besonderen Atmosphäre geprägt, zu der vor allem die wechselseitige Migration beigetragen hat. Teil der gemeinsamen Erinnerung ist auch das militärische Bündnis zwischen dem Osmanischen Reich und dem wilhelminischen Deutschland während des Ersten Weltkrieges. Diese zur „Waffenbrüderschaft“ erhobene Allianz klingt im populären Geschichtsbild bis in die Perzeption heutiger militärischer Zusammenarbeit an.[1] Der bisher wenig erforschten Epoche der deutsch-türkischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit zwischen 1918 und 1933 widmet sich Sabine Mangold-Will, Junior-Professorin für Neuere und Neueste Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf nahöstlicher Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. In der aus ihrer Habilitationsschrift hervorgegangenen Monographie fragt Mangold-Will nach dem Fortgang und der Funktion der zwischenstaatlichen Beziehungen nach dem erzwungenen Ende des Militärbündnisses. Dabei interessiert die Autorin vor allem die Rolle der von der Weimarer Republik und der Republik Türkei geteilten Ablehnung von Elementen der westlichen Moderne.

In ihrer Studie, die sich hauptsächlich auf Akten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes stützt, legt Mangold-Will den Schwerpunkt auf die deutsche Sicht der zwischenstaatlichen Beziehungen. Die Darstellung leidet daher etwas unter dem Mangel an türkischem Archivmaterial, der trotz des gewählten nationalstaatlichen Blickwinkels und den Vorbehalten der Autorin gegenüber der transnationalen Forschung (S. 13) bei einer Habilitationsschrift nicht mit dem Argument des größeren Aufwandes (S. 22) zu entschuldigen ist.

Im ersten Kapitel steht die Zeit zwischen dem Kriegsende und der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen 1923 im Mittelpunkt. Denn damit begann eine neue Phase im Verhältnis der zuvor verbündeten Länder. Die beiden Staaten teilten die Erfahrung der verdrängten Niederlage und der als ungerecht empfundenen Pariser Vorortverträge von Versailles und Sèvres. Durch den Versailler Vertrag sollten auf Druck der Siegermächte neben den diplomatischen auch die ökonomischen und kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei eingestellt werden. Die Weimarer Republik litt auch innenpolitisch unter den Folgen der Kriegsniederlage, vor allem unter der Frage der Kriegsschuld. Dagegen wurde in der Türkei 1923 nach dem gewonnenen Befreiungskrieg die Republik unter völlig anderen Vorzeichen ausgerufen. Zudem konnte die neue türkische Regierung 1923 in Lausanne mit der erzwungenen Revision von Sèvres einen ersten außenpolitischen Erfolg verbuchen.

Mangold-Will widerspricht dem bisherigen Bild der vollständig unterbrochenen politischen Beziehungen zwischen 1918 und 1923. Die Autorin macht deutlich, dass die deutsch-türkischen Netzwerke auch zwischen Kriegsende und Gründung der Republik Türkei fortbestanden. So setzte die von den Siegermächten wegen des Völkermordes an den Armeniern gesuchte jungtürkische Führung bis zur Ermordung ihrer wichtigsten Anführer in den Jahren 1921/1922 unter Duldung der deutschen Behörden ihre politischen Aktivitäten im Berliner Exil fort. Bei der beobachtenden Teilnahme an der Lausanner Konferenz nahmen deutsche Diplomaten schließlich 1923 erstmals wieder offiziell Kontakt mit der neuen türkischen Regierung in Ankara auf.

Im zweiten Kapitel geht Mangold-Will näher auf die politische Funktion der vielbeschworenen „Freundschaft“ ein, wobei vor allem die außenpolitischen Schritte der Regierungen beider Länder im Fokus stehen. Beide Seiten wollten keinen Rückfall in alte „Sentimentalitäten“ (S. 140). Die deutsche Diplomatie enthielt sich trotz personeller Kontinuitäten im Auswärtigen Amt jeglicher Großmachtpolitik. Die Türkei wählte unter Ausnutzung der außenpolitischen Schwäche Deutschlands den früheren Bündnispartner nicht mehr als alleiniges, sondern als ein Vorbild unter vielen für den Aufbau des neuen Staates. Bei der Widergabe von Mustafa Kemals Warnung vor Deutschland gegenüber dem US-amerikanischen General Douglas MacArthur (S. 150) verwendet Mangold-Will allerdings eine Quelle, deren Authentizität in der neueren Forschung als wiederlegt gilt.[2]

Mangold-Will geht dann im dritten Kapitel der Ebene des nichtpolitischen Austausches zwischen Deutschen und Türken nach, die im jeweiligen Land eine Mittlerfunktion einnahmen. Auf türkischer Seite waren dies vor allem in Deutschland ausgebildete Akademiker, die aus ihrer Studienzeit das deutsche Vorbild für den eigenen Europäisierungsprozess in die Heimat brachten. In Deutschland spielte der bisher in der Forschung nur wenig berücksichtigte Bund der Asienkämpfer eine wichtige Rolle. Diese Veteranenorganisation setzte sich aus den Kriegsteilnehmern zusammen, die während des Krieges im Osmanischen Reich gedient hatten. Mangold-Will weist nach, dass gerade im Austausch der Erinnerungen unter den Kriegsteilnehmern der Mythos der „Waffenbrüderschaft“ geboren wurde. Zugleich wurde die neue Türkei unter Mustafa Kemal zu einem Vorbild für das durch Versailles gedemütigte eigene Vaterland erkoren. Dies konnte auch als deutliche Kritik der Asienkämpfer an der als machtlos empfundenen Weimarer Republik gedeutet werden.

Im vierten Kapitel steht die Inszenierung der „Freundschaft“ in den diplomatischen Vertretungen im Vordergrund. Dabei diente die traditionelle ostelbische Architektur der neuen deutschen Botschaft in Ankara als ein politisches Statement zu den durch die Versailler Gebietsabtretungen verlorengegangenen Teilen Ostpreußens. Die Berliner Botschaft der Republik Türkei vermittelte dagegen auf den jährlichen Botschaftsbällen ein Bild der modernen Türkei. Auch auf militärischer Ebene wurde der Austausch von deutschen Ausbildern und türkischen Offiziersschülern wieder aufgenommen. Dieser Austausch bestand jedoch lediglich in der Akzeptanz des deutschen Vorbildes seitens der türkischen Armee und der Erschließung eines neuen Marktes für die unter dem Auftragsrückgang der verkleinerten Reichswehr leidende deutsche Rüstungsindustrie. Beim sportlichen Austausch wurde schließlich besonders deutlich, was der türkischen Seite an Deutschland gefiel: nationaler Pathos und moderne Kultur, strenge Disziplin und (eine noch in der Entwicklung befindliche) demokratische Massenkultur.

Die Untersuchung schließt mit einem Kapitel über die jeweiligen Bilder vom Anderen, mit dem Schwerpunkt auf dem im Bund der Asienkämpfer propagierten Vorbild der Türkei für den deutschen Widerstand gegen Versailles. Der autoritär herrschende Mustafa Kemal erregte die Bewunderung der Asienkämpfer, da er eine willkommene Alternative zu den Weimarer „Erfüllungspolitikern“ bot. Denn wenn die wirtschaftlich wesentlich schwächere Türkei die Siegermächte in die Schranken weisen konnte, dann sollte dies auch für das gedemütigte Deutschland möglich sein. Ein ehemaliger deutscher Asienkämpfer regte daher 1921 während des türkischen Unabhängigkeitskrieges einen Rücktransfer deutscher Werte an. Von den Türken, deren Armee einst von deutschen Offizieren ausgebildet wurde, könne man „heute in bezug auf vaterländische Würde einiges lernen“ (S. 441). Die Mitglieder des Bundes der Asienkämpfer wahrten zwar eine konservative Distanz zum Nationalsozialismus, dennoch wird hier die gedankliche Nähe zur Verwendung der Türkei als politisches Argument durch Adolf Hitler deutlich.[3] So war es auf deutscher Seite vor allem die Bewunderung für eine junge Nation, die den Herausforderungen der westlichen Moderne mit einer Mischung aus industrieller, technischer und organisatorischer Modernisierung und der Etablierung einer eigenständigen nationalen Kultur begegnete. Auf türkischer Seite überwog das Interesse an einer nationalen und konservativ begrenzten Moderne, welches den Ausschlag für die anhaltende Zusammenarbeit mit Deutschland gab.

Sabine Mangold-Will zeigt somit in ihrer gelungenen Arbeit, dass die Beziehungen beider Länder vor allem auf gemeinsamen Interessen und nicht nur auf konstruierten Mythen beruhten. Allerdings bleibt an mehreren Stellen (wie etwa S. 156) die türkische Sicht der Ereignisse unklar. Somit entsteht ein (um mit dem Titel zu sprechen) „begrenztes“ Bild der deutsch-türkischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit, das zugleich Raum für weitergehende Forschung eröffnet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Thomas Speckmann, Brüder in Waffen, in: Die Zeit, 29.11.2012.
[2] Mehmed Şükrü Hanioğlu, Atatürk. An Intellectual Biography, Princeton 2013, S. 3f.
[3] München, 27. März 1924. Vor dem Volksgericht. Vierundzwanzigster Verhandlungstag, in: Eberhard Jäckel / Axel Kuhn (Hrsg.), Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905–1924, Stuttgart 1980, S. 1997–1216, insbesondere S. 1199.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.04.2014
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