J.-M. Kötter: Zwischen Kaisern und Aposteln

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Titel
Zwischen Kaisern und Aposteln. Das Akakianische Schisma (484–519) als kirchlicher Ordnungskonflikt der Spätantike


Autor(en)
Kötter, Jan-Markus
Reihe
Roma Aeterna. Beiträge zu Spätantike und Frühmittelalter 2
Erschienen
Stuttgart 2013: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
361 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Schuol, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Das Akakianische Schisma, die erste Kirchenspaltung zwischen Rom und Konstantinopel, dauerte immerhin 35 Jahre. Dieser Kirchenkonflikt stand bereits im Mittelpunkt eines detaillierten historischen Überblicks aus der Feder von Eduard Schwartz aus dem Jahr 1934[1], konnte in den folgenden Jahrzehnten aber kaum erneut das Interesse der Forschung auf sich ziehen – und wenn, dann eher am Rande, mit dem Fokus auf Einzelaspekte[2] und vorrangig im Zusammenhang mit dem Konzil von Chalcedon (451).[3] Diesem Stiefkind der theologischen und historischen Forschung wendet sich nun Kötter in seiner Dissertation zu, wobei er das Akakianische Schisma im Kontext einer ganzen Folge strukturell ähnlicher Konflikte betrachtet. Dementsprechend fokussiert er auf die bischöflichen Akteure und deren Argumentation in kirchlichen Konfliktsituationen. Verfolgt werden also die Kontinuitätslinien der innerkirchlichen Entwicklung, nicht die Kirchenpolitik einzelner Kaiser und ihr Verhältnis zu den hochrangigen Klerikern. Kötter fasst das Akakianische Schisma als einen grundlegenden innerkirchlichen Ordnungskonflikt auf, dessen „Analyse als Basis für das Verständnis der dauerhaften Gefährdung kirchlicher Ordnung und der Dynamisierung des Konflikts um die Ordnung der Reichskirche insgesamt dienen“ könne (S. 15). Das Ziel der Arbeit ist es, einen „Beitrag zum Verständnis innerkirchlicher Konflikthaftigkeit der Spätantike insgesamt zu leisten“ (S. 16). Kötter möchte also ausgehend vom Akakianischen Schisma ein Modell für die Erforschung vergleichbarer Konfliktsituationen und „der konfliktbasierten Genese normativer Ordnungen generell“ entwickeln (S. 16). In den Mittelpunkt rückt er drei kirchliche Konfliktzonen: das Dogma, die kirchliche Hierarchie und die Eingriffsrechte des Kaisers.[4]

Zunächst bietet Kötter einen ereignisgeschichtlichen Überblick zu den geschichtlichen Rahmenbedingungen mit der Entwicklung der fünf Großkirchen seit dem Konzil von Chalcedon in den Jahren 451 bis 482 (Kapitel II). Im Vordergrund stehen dabei die Autoritätsvorsprünge Roms und Konstantinopels, die geltend gemachte Doppelapostolizität der alten Reichshauptstadt, aber auch die außerkirchlichen Begründungsfaktoren: Der „petrinischen Kirchenidee“ (S. 74) der römischen Bischöfe stehe die politische Herleitung kirchlicher Rechte durch Konstantinopel in unüberbrückbarem Gegensatz gegenüber, das als „Neues Rom“ in seinem patriarchalischen Rang an das „Alte Rom“ angeglichen zu werden verlange. Dabei habe sich Chalkedon (mit dem von Papst Leo dem Großen abgelehnten Kanon 28) zunehmend als „Katalysator der kirchlichen Polarisierung“ (S. 55) erwiesen. In diesen Kontext der kirchlichen Ausdifferenzierung und des Kampfes um Autonomie und Einfluss ordnet Kötter das Akakianische Schisma ein.

In Kapitel III („Bischöfliches Handeln“) diskutiert Kötter die Handlungsstrategien und Argumentationsstrukturen der kirchlichen Akteure seit 484. Zunächst werden in einem chronologisch angelegten Abriss der Ausbruch des Schismas und die gescheiterte Annäherung nach dem Tod des Akakios (484–492) dargestellt, dann die Verfestigung der Kirchenspaltung zwischen Rom und Konstantinopel mit der Positionierung der Päpste und den in eine Doppelwahl mündenden innerrömischen Konflikten (492–518) behandelt und schließlich die Beendigung des Akakianischen Schismas nach der päpstlichen Billigung der Synode von Konstantinopel 381 und der Anerkennung Chalkedons durch den konstantinopolitanischen Patriarchen Johannes II. im Frühjahr 519 erläutert. Daran anknüpfend werden die Handlungsoptionen der Bischöfe aufgezeigt, die Kötter durch Tradition (das Agieren der Vorgänger im Amt als Richtschnur des eigenen Handelns), vorgegebene strukturelle Ziele der einzelnen kirchlichen Akteure und veränderte politische Gegebenheiten als berechenbar und begrenzt ansieht – für den Papst sind dies die im Zeichen des römischen Primats erfolgte Ablehnung der Forderung Konstantinopels nach einem herausgehobenen kirchlichen Rang, die Zurückweisung kaiserlicher Eingriffe in Glaubensfragen und der päpstliche Anspruch, als Nachfolger Petri den rechten Glauben zu tradieren und zu garantieren. Die Bischöfe in Konstantinopel agieren in enger Abhängigkeit von der kaiserlichen Kirchenpolitik und imperialen Machtmitteln, waren aber zugleich mit einer kaiserkritischen Gemeinde und dem chalkedonisch gesinnten Mönchtum konfrontiert, hatten also stets mit innerkirchlichen Akzeptanzverlusten zu kämpfen.

Kapitel IV ist dem Vergleich der Konfliktparteien Konstantinopel und Rom und ihren Ordnungsbegründungen gewidmet. Als heuristisches Instrument wählt Kötter „das Streben nach einer apostolisch begründeten und nach einer politisch begründeten Ordnung“ (S. 195), was nicht zwangsläufig auf Differenzen zwischen westlichen und östlichen Kirchen im Vordergrund zurückzuführen sei, sondern „mit einer unterschiedlich stark ausgeprägten Autonomie und Heteronomie kirchlicher Entwicklung in verschiedenen Regionen des Reiches“ (S. 196) zu tun habe. Diese Gegensätze in der Ordnungsbegründung sollten mit der Durchsetzung eigener Positionen in den drei Konfliktlinien gegenüber dem Konkurrenten überwunden werden. Die historische Entwicklung und die beanspruchte Tradition einzelner Kirchen – das apostolische Prinzip, kaiserlich-politische Begründungen Konstantinopels und die innere Stabilität der einzelnen Kirchen – seien für die Positionierung der Bischöfe entscheidend geblieben. Letztendlich, in der Wiederherstellung der Kircheneinheit 519, hätten Kaiser und Patriarch in Konstantinopel die argumentative Dominanz der apostolischen Kirchen anerkennen müssen, eine politische Kirchenordnung habe sich nur teilweise, aber immerhin mit der Zustimmung des unter Zugzwang geratenen Papstes Hormisdas durchsetzen lassen. Der grundlegende kirchliche Ordnungskonflikt sei jedoch nicht gelöst, sondern sogar noch verschärft und verstetigt worden.

Zusammenfassend (Kapitel V) klassifiziert Kötter das Akakianische Schisma als einen kirchlichen Ordnungskonflikt, dessen Akteure sich nicht entsprechend ihrer Zugehörigkeit zu einer westlichen oder östlichen Kirche, sondern „zwischen den Polen einer apostolischen und einer politischen Ordnungsbegründung“ positionierten (S. 276). Nach Kötter müsse „dieser Ordnungskonflikt als das eigentlich durchgehende Streitthema der spätantiken Kirche gelten“ (S. 276), die längst bekannten Zonen kirchlicher Konfliktanfälligkeiten seien im Akakianischen Schisma neuerlich aktualisiert worden. Den Erkenntnisgewinn der Beschäftigung mit dem Akakianischen Schisma sieht Kötter in der Schaffung eines Analyserahmens für ähnliche Ordnungskonflikte; die Betrachtung der 519 beendeten Kirchenspaltung trage zum tieferen Verständnis der Alten Kirche, ihren Funktionsmechanismen und den im Bruch kirchlicher Ordnungen sichtbaren Funktionsstörungen bei – unabhängig davon, dass die Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft keine Beseitigung des grundlegenden strukturellen Ordnungskonfliktes bewirkt habe. Vielmehr sei lediglich eine „Sistierung des Streits in den drei begrenzten Konfliktzonen“ (S. 293), ja sogar eine Verschärfung erfolgt, und bereits unter Justinian prallten apostolisches und politisches Kirchenverständnis erneut aufeinander. Immerhin, so die positive Seite, habe der endgültige Bruch für keine der beiden Seiten „eine begrüßenswerte Alternative zur Konfliktlösung“ (S. 293) dargestellt.

Das Akakianische Schisma, seine Entstehung, die Entwicklungen während der Kirchenspaltung und die Bedeutung des Schismas für Konstantinopel und Rom auf längere Sicht sind freilich aus der bisherigen Forschung hinreichend bekannt. Aber die Thematik ist bislang nicht in einer derartigen quellen- und faktengesättigten Untersuchung aufgearbeitet worden, die ihr Lesepublikum allerdings auch mit einem gewissen Lesewiderstand herausfordert. Die Arbeit besticht zweifellos auch durch den souveränen Umgang mit den Quellen und die breite Kenntnis sowohl der altertumswissenschaftlichen als auch der theologischen Fachliteratur.[5] Einmal mehr wird deutlich, wie sich das Akakianische Schisma in einem komplexen Netz von relationalen Beziehungen auswirkte, aber auch die innergemeindlichen Verhältnisse der einzelnen Kirchen nicht unberührt ließ: So verfolgten die römischen Bischöfe die Durchsetzung des Primats als langfristige Zielperspektive wieder offensiver, Papst Gelasius (492–496) formulierte in Reaktion auf die Kirchenspaltung seine Zweigewaltenlehre und systematisierte seine Aussagen zum Primat insgesamt. Diese auf die Ereignisse in Konstantinopel abgestimmte „Politik“ der Päpste sorgte allerdings für die Zurückstellung der innerrömischen Konfliktaustragung und -beseitigung – ein Versäumnis, das sich im Laurentianischen Schisma mit seiner Aktualisierung von innergemeindlichen Konfliktlinien manifestierte.

Kötter legt eine zweifellos lesenswerte Arbeit vor. Zu Beginn der Arbeit wäre dennoch eine theoretische Diskussion des Leitbegriffs „Ordnungskonflikt“ wünschenswert gewesen. Wiederholt verweist Kötter in Kapitel I.3 auf Luhmann (S. 32–34 mit Anm. 66, 68 u. 71); es wäre aber noch präziser herauszustellen, inwiefern insbesondere mit dem Gebrauch des Begriffs „Ordnungskonflikt“ an eine Kategorie der sozialwissenschaftlichen Forschung angeknüpft wird. Das unter dem Titel „Stabilität und Destabilität der Reichskirche: Theoretische Überlegungen“ überschriebene Teilkapitel der Einleitung (Kapitel I.3) wird diesem Erfordernis jedenfalls nicht gerecht, denn es bietet lediglich einen Abriss der strukturellen Vorbedingungen für die Entstehung des Akakianischen Schismas und ist damit sehr hilfreich für das Verständnis der Kirchenspaltung von 482/84 insgesamt. Der Verweis auf den Frankfurter Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnung“ (S. 13 mit Anm. 6) ist hier nicht zielführend.[6]

Der Band verdient ungeachtet der geäußerten Kritik hohe Wertschätzung und ist insofern innovativ, als das Akakianische Schisma nicht als ein Konflikt zwischen Kaiser und Kirche behandelt und auch nicht enggeführt wird auf einen Bruch zwischen Konstantinopel und Rom, sondern als ein innerkirchlicher Konflikt Aufmerksamkeit erfährt, dessen Verlauf auch durch die anderen östlichen Kirchen vorgegeben ist und selbst wiederum auf die Entwicklung der fünf Großkirchen zurückwirkt.

Anmerkungen:
[1] Eduard Schwartz, Publizistische Sammlungen zum acacianischen Schisma, München 1934.
[2] So z.B. Alois Grillmeier, Jesus der Christus im Glauben der Kirche, Band 2, 2: Die Kirche von Konstantinopel im 6. Jahrhundert, Freiburg 1989; Band 2, 1: Das Konzil von Chalcedon (451). Rezeption und Widerspruch (451–518), Freiburg 1990 (2. Aufl.).
[3] So z.B. Rhaban Haacke, Die kaiserliche Politik in den Auseinandersetzungen um Chalcedon (451–533), in: Heinrich Bacht / Alois Grillmeier (Hrsg.), Das Konzil von Chalkedon. Geschichte und Gegenwart, Bd. 2: Entscheidung um Chalkedon, Würzburg 1954, S. 95–177; Emil Herman, Chalcedon und die Ausgestaltung des konstantinopolitanischen Primats, in: Bacht/Grillmeier, Konzil, S. 459–490; Fritz Hofmann, Der Kampf der Päpste um Konzil und Dogma von Chalkedon von Leo dem Großen bis Hormisdas (451–519), in: Bacht/Grillmeier, Konzil, S. 13–94; Anton Michel, Der Kampf um das politische oder petrinische Prinzip der Kirchenführung, in: Bacht/Grillmeier, Konzil, S. 491–562.
[4] Zur Rolle des Kaisers in der christlichen Kirche vgl. jüngst auch Hartmut Leppin, Kaisertum und Christentum in der Spätantike: Überlegungen zu einer unwahrscheinlichen Synthese, in: Andreas Fahrmeir / Annette Imhausen (Hrsg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, Frankfurt am Main 2013, S. 197–223; Steffen Diefenbach, A Vain Quest for Unity: Creeds and Political (Dis)Integration in the Reign of Constantine II, in: Johannes Wienand (Hrsg.), Contested Monarchy. Integrating the Roman Empire in the Fourth Century AD, Oxford 2015, S. 353–378.
[5] Nicht mehr berücksichtigt werden konnte offenbar Christian Lange, Mia energeia. Untersuchungen zur Einigungspolitik des Kaisers Heraclius und des Patriarchen Sergius von Constantinopel, Tübingen 2012.
[6] Zusammenfassend zum Frankfurter Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“, allerdings ohne Verwendung des Begriffs „Ordnungskonflikt“, vgl. Rainer Forst / Klaus Günther, Die Herausbildung normativer Ordnungen. Zur Idee eines interdisziplinären Forschungsprogramms, in: Rainer Forst / Klaus Günther (Hrsg.), Die Herausbildung normativer Ordnungen. Interdisziplinäre Perspektiven, Frankfurt am Main 2011, S. 11–30, hier auch zur Frage der Genese, Durchsetzung, Stabilisierung, Veränderung und Beseitigung normativer Ordnungen, auch um „Selbstbehauptungsansprüche konkurrierender normativer Ordnungen, wie zum Beispiel der christlichen Kirchen“ (S. 24).

Redaktion
Veröffentlicht am
26.01.2015
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