L. Polexe: Netzwerke und Freundschaft

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Titel
Netzwerke und Freundschaft. Sozialdemokraten in Rumänien, Russland und der Schweiz an der Schwelle zum 20. Jahrhundert


Autor(en)
Polexe, Laura
Reihe
Freunde – Gönner – Getreue 3
Erschienen
Göttingen 2011: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
270 S.
Preis
€ 44,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Berlin

Die historische Dimension von Affekten und sozialen Umgangsformen zu untersuchen, beansprucht seit geraumer Zeit das Interesse zahlreicher HistorikerInnen in diversen Disziplinen.[1] Im engeren Feld der historischen Ansätze sind seit Ute Freverts sozialhistorischen Arbeiten zu Themen wie Vertrauen, Ehre und Emotionen zahlreiche neue Studien erschienen.[2] Und Graduiertenkollegs wie das an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität beheimatete zu “Freunde – Gönner – Getreue”, in dessen Zusammenhang vorliegende Dissertation über Freundschaft und Netzwerke in der Sozialdemokratie entstanden ist, verankern die Reflexion über das Verhältnis von Geschichtsschreibung und affektiven Verhaltensweisen weiter im akademischen Diskurs.

In ihrer Studie untersucht Laura Polexe Freundschaft und Netzwerke hinsichtlich der international(istisch)en Politik der Sozialdemokratie um 1900. Sowohl die zwischenmenschliche Dimension der Freundschaft als auch die Beziehungspflege von funktionalen Netzwerken sollen in ihren spezifischen Interdependenzen für Akteure der Sozialdemokratie herausgearbeitet werden.

Zu Freundschaft und Netzwerk ist in den letzten Jahren häufig geforscht worden, wie die ausführliche Diskussion der Forschungsliteratur in der Einleitung zeigt, wobei Polexe für ihre spezifische Fokussierung auf die Netzwerke zwischen Rumänien, Russland und der Schweiz den Neuigkeitsfaktor ihrer Arbeit reklamiert: “Keines der von mir herangezogenen und der mir bekannten Werke beschäftigt sich mit dem Aspekt der Netzwerke und der dadurch entstandenen Freundschaft(en) innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Bedeutung oder der Selbstwahrnehmung der daran teilnehmenden Akteure.”(S. 35)

Zur begrifflichen und theoretischen Grundlegung ihrer Argumentation investiert Polexe ein umfangreiches einleitendes Kapitel, in dem sowohl ihre beiden erkenntnisleitenden Kategorien unter Rückgriff auf die Antike und die Philosophiegeschichte als auch die das Thema konturierende Internationalität der Sozialdemokratie im betreffenden Zeitraum ausführlich referiert werden. Als Leitdefinition für “Freundschaft” wird nicht Siegfried Kracauers Intensitätsstufung “Kameradschaft, Fachgenossenschaft, Bekanntschaft und schließlich Freundschaft” (S. 59) favorisiert, sondern angenommen, dass “Freundschaft eine Beziehung [ist], die grundsätzlich auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit beruht. Dabei charakterisiert sie sich durch den Austausch intimer Gedanken und Gefühle und durch ein hohes Maß an Vertrauen.” (S. 65) Es wird erkennbar, dass diese eher vage Definition zahlreiche der unterhalb von Kracauers Maximalkomparativ angesiedelten Beziehungen mit einschließen kann und somit einerseits die Trennschärfe der Argumentation im Fortgang der Arbeit vermindern, andererseits aber die Möglichkeit der Berücksichtigung weiterer kulturwissenschaftlicher Paradigmen sozialer Kommunikation erhöhen wird.

“Netzwerk” ist, wie die Diskussion der Forschungsliteratur zeigt, ein vielfältiger formaler Begriff zur Analyse sozialer Beziehungen. Seiner Grenzen ist Polexe sich durchaus bewusst: “Das Netzwerk wird hier, genauso wie dann Freundschaft, als Verlaufs- und Analysekategorie und nicht als Erklärung herangezogen. Allein aus der Existenz eines Netzwerks ist es nicht möglich, auf Handlungen zurückzuschließen. Dieses kann nicht erklären, wieso Formen des politischen und sozialen Protests, wie die sozialdemokratische Bewegung, entstehen und sich vervielfältigen. Es zeigt nur Zusammenhänge und die Position von Akteuren innerhalb einer Struktur interpersoneller Beziehungen auf.” (S. 52)

Der erste Teil des Hauptteils behandelt die historischen Kontexte der internationalen sozialdemokratischen Netzwerke und Kommunikationsformen und setzt damit noch die einleitenden Kapitel fort. Insbesondere werden hier die zentralen Akteure der Untersuchung aus Rumänien (Racovski, Dobrogenau-Gherea), Russland (Axel’rod, Plechanov) und der Schweiz (Greulich, Robert Grimm) eingeführt sowie eine kurze Geschichte der Zweiten Internationale gegeben. Es zeigt sich hier ein etwas distanzierter Blick auf die Sozialdemokratie, deren historische Entstehungs- und Entwicklungsgründe als ein Objekt entwickelt werden, das der Autorin eher fremd zu bleiben scheint bzw. das eine eher “papierne” Gestalt gewinnt. Offensichtlich knüpft Polexe nicht organisch an bestimmte Forschungstraditionen an, sondern verfolgt einen weitgehend formal/funktionalen Systemansatz, bei dem die Sozialdemokratie als Institution betrachtet wird, deren Mitglieder mehr oder weniger stringent zur Erreichung gemeinsamer Ziele ihre hier kaum in ihrer historischen Genese diskutierte politische Überzeugung in Aktivitäten umsetzen. So taucht beim Leser mitunter die Frage auf, warum gerade diese internationale Organisation zur Untersuchung der historischen Funktionen von Freundschaft und Netzwerken ausgewählt wurde und nicht eine andere, etwa der Zionismus oder die Esperanto-Bewegung.

Erst mit dem dritten Teil, überschrieben “Netzwerke, Kommunikation und Freundschaft”, scheint die Dissertation bei ihrem Thema angelangt zu sein. Hier werden die Begriffe Transfer, Vertrauen, Identität am Beispiel von realen und symbolischen Begegnungsorten wie den internationalen Kongressen, Veranstaltungslokalen, Briefwechseln unter anderem in ihrer Funktion für die Sozialdemokratie anschaulich gemacht. Eine historische Tiefendimension wird sichtbar, wenn Polexe die Wortwahl der Sozialdemokratie (wie etwa die Anreden “Bruder”, “Genosse”, “Freund”) in ihrem Rückgriff auf ältere Sprachformen untersucht. Dies gilt auch für den zentralen Begriff der “Solidarität”, der am engsten mit der sozialdemokratischen Variante der Freundschaft zu koppeln ist. Hier bleibt Polexe aber merkwürdig unbeeindruckt von der Bedeutung der “Solidarität” für die sozialistischen Bewegungen. In ihrer Darlegung bleibt dieser Kampfbegriff in seiner emotionalen wie auch eminent politischen Konnotation blass, wenn er lediglich als ein weiterer Aspekt unter wichtiger klingenden wie Ritual, Kommunikation, Symbolisierung und Identität Erwähnung findet. Die wenig inspirierte Aufzählung der Merkmale von Solidarität als eines weiteren Bausteins im Mosaik von Bedeutungsnuancen zwischen Freundschaft und Netzwerk in der Sozialdemokratie verkennt die entscheidenden Ursprünge der Massenbewegung und des sie zusammenhaltenden ideologischen wie auch emotionalen Kitts, die ja durchaus geschichtsmächtig geworden sind. (Ihre Schwundformen können noch aktuell am SPD-Motto der Bundestagswahl 2013 studiert werden.)

Gerade die Entstehung der Klassensolidarität und ihre Fassung als Kampfbegriff stellt das historische Fundament dar, auf dem es eine (durch eher bürgerlich sozialisierte Politiker betriebene) abgrenzende Auseinandersetzung mit dem, was nach der Marxschen Theorie für das Bürgertum gehalten wurde, geben konnte. Die durchaus erkenntnisfördernde Distanz zu den emotionalen, “heißen” Ursprüngen der sozialistischen Bewegung läuft bei Polexe Gefahr, in eine den historischen Kern der Fragestellung verkennende formalistische Perspektive umzuschlagen.

Thematisch näher als die Analyse der Solidarität liegt Polexe die beobachtbare Interaktion der verschiedenen nationalen Parteigliederungen und Einzelpersonen auf Internationalen Sozialistenkongressen, deren Bedeutung für die Kommunikation innerhalb der sozialistischen Bewegung kaum zu unterschätzen ist. In diesen Abschnitten wird durch Quellen aus erster Hand insbesondere auf die Schweiz als Bühne für diese Netzwerk-Veranstaltungen eingegangen.[3] Weiterhin gewinnt etwa in der Präsentation der internationalen Synchronizität der 1. Mai-Feiern der überstaatliche soziale Raum der Sozialdemokratie an Plastizität.

Der letzte Teil der Arbeit handelt von “Freundschaft und Bekanntschaft”. Polexe geht darin auf die mehr oder minder starken freundschaftlichen Beziehungen zwischen Racovski und Dobrogeanu-Gherea, Axel’rod und Plechanov sowie Axel’rod und Kautsky ein. Es wird gezeigt, wo persönliche und politische Grenzen dieser Beziehungen lagen, welche Umstände ihre Entstehung begünstigten und welche zu ihrem Ende führten. Da die Formen der Beziehungen nur schwer eine klare Trennung zwischen “proletarischer” und persönlicher Freundschaft in der Sozialdemokratie zuließen, greift Polexe hier auf Kracauers Typologie zurück und diskutiert das Verhältnis von Freundschaft und Bekanntschaft. Interessant wird dies auch für die Rolle der oft nur im Hintergrund agierenden Frauen der sozialdemokratischen Politiker.

Polexe hat bei ihrer Quellensuche eine Reihe von Archiven frequentiert und insbesondere, was die in der Forschung notorisch vernachlässigte rumänische Dimension ihrer Arbeit betrifft, zahlreiche neue Briefe herangezogen. Deren Analyse als Träger von Freundschaftsbezeugungen hätte man sich intensiver, das heißt philologisch präziser und in Hinsicht auf ihre Themenstellung mutiger gewünscht. Denn Freundschaft lässt sich im Rückblick vor allem in Aktivitäten und – wo vorhanden – in schriftlichen Äußerungen verifizieren. Die Verbindung von biographiewissenschaftlicher Forschung und philologischer Briefkunde hätte am ehesten neue detaillierte Einblicke in die Formen affektiver Beziehungen innerhalb der Sozialdemokratie gewährt. In dieser Perspektive auf die historische Bedeutung der Briefwechsel liegt ein noch zu realisierendes Potential von Polexes Forschungen, vor allem was die rumänische Sozialdemokratie angeht, deren Briefkorpus ja großteils nicht publiziert ist.

Im Ganzen gesehen erarbeitet die Studie von Laura Polexe eine Reihe von formalen Differenzierungen der Funktionen von Freundschaft und Netzwerken in der Sozialdemokratie um 1900. Die historische Verortung dieser Merkmale in einer kulturwissenschaftlichen Darstellung der Sozialdemokratie unter Einbeziehung ihrer ideologischen Basis, das heißt der Eigenperspektive, gelingt jedoch nur partiell. Das Buch legt die Annahme nahe, dass der heute weitgehend überschätzte Begriff “Netzwerk” lediglich ein Instrumentarium zur Oberflächenbeschreibung von Aktivitäten liefert, während die Intensität und das Warum dieser Aktivitäten – wie sich Polexe durchaus bewusst ist – oft unreflektiert bleiben.

Anmerkungen:
[1] Die germanistische Barockforschung etwa hat bereits vor zwei Jahrzehnten literaturwissenschaftlich aber auch anthropologiehistorisch und zeremoniellästhetisch die Darstellung und die Funktion von Gefühlen vielfach thematisiert. Vgl. Jörg Jochen Berns / Thomas Rahn (Hrsg.), Zeremoniell als höfische Ästhetik in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Tübingen 1995; Achim Aurnhammer / Dieter Martin / Robert Seidel (Hrsg.), Gefühlskultur in der bürgerlichen Aufklärung, Tübingen 2004.
[2] Vgl. etwa Ute Frevert, Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen?, in: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009), S. 183–208; dies., Angst vor Gefühlen? Die Geschichtsmächtigkeit von Emotionen im 20. Jahrhundert, in: Paul Nolte u.a. (Hrsg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte, München 2000, S. 95–111.
[3] Vgl. auch Bernard Degen / Laura Polexe u.a. (Hrsg.), Gegen den Krieg. Der Basler Friedenskongress 1912 und seine Aktualität, Basel 2012.

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Veröffentlicht am
29.01.2014
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