S. Hördler (Hrsg.): SA-Terror als Herrschaftssicherung

Cover
Titel
SA-Terror als Herrschaftssicherung. „Köpenicker Blutwoche“ und öffentliche Gewalt im Nationalsozialismus


Herausgeber
Hördler, Stefan
Erschienen
Berlin 2013: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans Rudolf Wahl, Fachbereich 10, Universität Bremen

Der von Stefan Hördler herausgegebene Sammelband widmet sich in insgesamt fünfzehn Einzelbeiträgen einem Ereignis aus der nationalsozialistischen Machteroberungsphase, das von weit mehr als nur regionalgeschichtlicher Bedeutung ist: der sogenannten Köpenicker Blutwoche. In der Woche vom 21. bis 26. Juni 1933 wurden in dem Berliner Stadtteil aktive Angehörige der Arbeiterbewegung – insbesondere Sozialdemokraten – einem systematischen und intensiven Terror der SA ausgesetzt. Insgesamt 23 Menschen wurden dabei auf bestialische Art ermordet, darunter auch der SPD-Reichstagsabgeordnete und ehemalige mecklenburgische Ministerpräsident Johannes Stelling. Hunderte von Menschen wurden darüber hinaus in kurzfristig eingerichteten Folterstätten der SA auf sadistische Weise gequält. Drei in diesem Zusammenhang von einem Sozialdemokraten in akuter Notwehr erschossene SA-Männer dienten der NS-Führung als Vorwand, um am 22. Juni 1933 die SPD zu verbieten: eine Partei, die mit Millionen von Wählern und Hunderttausenden von Mitgliedern die bis dahin immer noch zweitstärkste politische Kraft in Deutschland stellte und deren Reichstagsfraktion ein Vierteljahr zuvor bei der Verabschiedung des sogenannten Ermächtigungsgesetzes auf eindrucksvolle Weise demonstriert hatte, dass sie sich nicht freiwillig den nationalsozialistischen Machtansprüchen beugen würde. Gleichzeitig legte dieses Verbot den Grundstein für die endgültige Monopolisierung der Staatsgewalt durch den Nationalsozialismus: einerseits mittelbar durch den ausgelösten Schock bei den noch verbliebenen bürgerlich-konservativen Parteien und Kräften, andererseits auch unmittelbar durch das zeitgleich erfolgende Verbot des deutschnationalen „Kampfrings“, das unter dem Vorwand erfolgte, dieser habe die verbotene SPD unterstützt – womit die NS-Führung die Axt an die politische Wurzel des eigenen Koalitionspartners und machtpolitischen Steigbügelhalters legte.

Drei grundlegende Aspekte sind es, die durch die Thematisierung und Analyse der „Köpenicker Blutwoche“ in den historiografischen Fokus treten: die Rolle der Ausübung physischer Gewalt im Prozess der nationalsozialistischen Herrschaftseroberung und -sicherung, die in den überlieferten Quellen evidente hochgradige Lustbesetztheit dieser Gewaltausübung bei vielen Akteuren des NS-Terrors sowie die erstaunlichen justiziellen Freiräume dafür. Alle drei Aspekte verweisen auf die grundlegende Bedeutung der SA für die Errichtung und machtpolitische Stabilisierung der NS-Diktatur. Die methodischen Zugriffe der fünfzehn Aufsätze auf dieses historische Phänomen lassen sich dabei in drei unterschiedliche Ansätze gliedern: einen ereignisgeschichtlichen, einen strukturgeschichtlichen und einen erinnerungsgeschichtlichen.

In insgesamt sechs Aufsätzen werden zunächst die Ereignisse jenes Juni 1933 rekonstruiert. Einen einleitenden Überblick über die Ereignisse der „Köpenicker Blutwoche“ gibt Stefan Hördler und verortet diese im Kontext der öffentlichen Gewalt im Nationalsozialismus, wobei der Schwerpunkt seiner Darstellung auf dem SA-Terror als Element der „Herrschaftssicherung“ liegt (S. 9ff.). Michael Wildt stellt die „nationalsozialistische Machteroberung in Berlin“ in den Gesamtzusammenhang der „Reichszusammenhänge“ Anfang 1933 und macht die Hauptstadt so als ein Zentrum der dramatischen Ereignisse kenntlich (S. 28ff.). Irene von Götz liefert eine empirisch dichte und beeindruckende Dokumentation der Haft- und Folterstätten der SA im Berlin des Jahres 1933, die in der Tat ein systematisches „Terrornetz“ erkennen lässt und nicht nur eruptive Ausbrüche spontaner Gewalt (S. 39ff.). Bruce Campbell gibt in seinem Aufsatz einen kursorischen Überblick über „die höheren SA-Führer der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg“ (S. 62ff.), während Stefan Hördler in einem zweiten Beitrag noch einmal intensiver auf die „Taten und Täter“ (S. 83ff.) und in einer weiteren Einzelstudie auf den Einsatz des eigentlich in Charlottenburg beheimateten SA-Sturms 33 in Köpenick im Juni 1933 eingeht (S. 105ff.).

Lediglich zwei Aufsätze versuchen, das, was als historisches Phänomen in seinen unterschiedlichen Facetten ereignisgeschichtlich dokumentiert wurde, nun auch analytisch näher zu fassen und dabei insbesondere dem Komplex der spezifischen SA-Gewalt und ihrer Relevanz im Machteroberungs- und -sicherungsprozess des Nationalsozialismus näher zu kommen. Sven Reichardt fasst in diesem Zusammenhang noch einmal seine bereits 2002 publizierte These von der „Vergemeinschaftung durch Gewalt“ von jungen Männern in der SA zusammen und exemplifiziert diese am besagten „SA-‚Mördersturm 33‘ in Berlin-Charlottenburg“ (S. 110ff.).[1] Yves Müller macht – sich methodisch eng an Reichardts These anlehnend – in seinem Aufsatz deutlich, dass dabei ein spezifisches Verständnis von Männlichkeit, ja ein spezifischer Männlichkeitskult eine wesentliche Rolle spielte, wobei er allerdings als Fazit festhält: „Der hypermaskuline SA-Mann […] war eine zeitlich begrenzte Souveränitätsstrategie, die in der ‚Kampfphase‘ ihren Zweck erfüllte, nach Beendigung der ‚nationalen Revolution‘ allerdings ihren Dienst getan hatte und nun lästig wurde.“ (S. 146) Das lässt am Ende dieses genuin analytischen Abschnittes leider mehr Fragen offen, als Antworten oder Erklärungen zu liefern – zum Beispiel: Wer implementierte die Strategie der „Hypermaskulinität“? Was war ihr Erfolgsrezept? Wer definierte, wann die „nationale Revolution“ beendet war? Und wem wurde dabei wann was lästig?

Der nachfolgende erinnerungsgeschichtlich orientierte Teil ist mit sieben Einzelbeiträgen der umfangreichste. Die Rezeptionsgeschichte der „Köpenicker Blutwoche“ stellt mithin einen zentralen Schwerpunkt des Sammelbandes dar. Die einzelnen Beiträge arbeiten diese Rezeptionsgeschichte zugleich chronologisch und thematisch auf. Daniel Siemens eröffnet den Überblick mit einer sehr dichten und validen Rekapitulation der „nationalsozialistischen Erinnerungspolitik im Berlin der 1930er-Jahre“ (S. 147ff.). Amelie Artmann und Yves Müller gehen dem Schicksal der Opfer der „Köpenicker Blutwoche“ und ihren nach 1945 oft vergeblichen Bemühungen um Rehabilitierung und Entschädigung nach (S. 164ff.). Stefan Hördler und Christoph Kreutzmüller widmen sich am Beispiel des bei der „Köpenicker Blutwoche“ ermordeten Unternehmers Georg Eppenstein sodann dem spezifisch antisemitischen Aspekt des NS-Terrors im Jahre 1933 und den recht ambivalenten Bemühungen um Wiedergutmachung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (S. 184ff.). In einem pressegeschichtlichen Aufriss wird von Amelie Artmann und Stefan Hördler die journalistische Rezeption der NS-Gewalt in der nationalsozialistischen Machteroberungsphase skizziert – und zwar in exemplarischer Auswahl bezogen auf die zeitgenössische angelsächsische und deutsche Presse sowie die deutsche Exilpresse nach 1933 (S. 200ff.). Einen allgemeiner gehaltenen, sehr informativen Überblick über den „frühen NS-Terror im öffentlichen Gedächtnis“ liefert schließlich Wolfgang Benz (S. 214ff.), bevor zwei abschließende Beiträge von Yves Müller und Florian Adler sich der konkreten Gedenkstättenarbeit und ihren modernen visuellen Kommunikationskonzeptionen des Erinnerns widmen (S. 232ff.).

Insgesamt lässt sich feststellen, dass mit diesem Sammelband eine konzise Darstellung eines in seinen politischen Dimensionen weit über eine Stadtgeschichte von Berlin hinausreichenden historischen Ereignisses gelungen ist. Die Relevanz der SA und ihres Terrors für die zeitgeschichtlich nach wie vor zentrale Frage, wie es eigentlich zu einem „Dritten Reich“ kommen konnte, ist hier eindrucksvoll dokumentiert worden. Gleichwohl bedürfen die SA und ihre Geschichte trotz der im Sammelband ebenfalls umfangreich dokumentierten Erinnerungsarbeit (und zumindest bedingten juristischen Aufarbeitung) nach wie vor noch der kritischen historiografischen Untersuchung und Analyse. Kritisch anzumerken bleibt nur, dass ein wirklich innovativer methodischer Ansatz hierzu in den strukturgeschichtlich orientierten Beiträgen des Bandes nicht vorzufinden ist. Die zentrale Frage, wie denn eigentlich eine Terrororganisation wie die SA auf Hunderttausende junger Männer und männlicher Jugendlicher attraktiv wirken konnte, lässt sich durch die Vergemeinschaftungsthese Reichardts nicht zureichend beantworten. Eine Vergemeinschaftung durch Gewalt konnte ja stets erst einsetzen, nachdem sich die jungen Männer bereits für die SA entschieden hatten – wenn denn diese Form der Vergemeinschaftung überhaupt der zentrale Aspekt in diesem SA-internen Prozess der Männerbündelei sein sollte. Doch um dies empirisch nachzuweisen, ist die Quellenbasis weniger in Berlin ansässiger SA-Stürme einfach viel zu dünn. Die Darstellung des bereits zu NS-Zeiten „legendären“ sogenannten Mördersturms aus Charlottenburg gerät denn auch eher zum Negativ eines Mythos denn zum analytisch klärenden Paradigma.

Dieser kritisch anzumerkende Punkt kann und soll jedoch das historiografische Verdienst des Sammelbandes nicht schmälern. Er stellt eine überaus luzide Aufforderung an die Forschung dar, der SA eine intensivere historiografische Aufmerksamkeit in der NS-Forschung zukommen zu lassen.

Anmerkung:
[1] Sven Reichardt, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.04.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag