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Titel
Gesunde Schule und gesunde Kinder. Schulhygiene in Düsseldorf 1880-1933


Autor(en)
Umehara, Hideharu
Reihe
Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 86
Erschienen
Anzahl Seiten
357 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Michèle Hofmann, Fachhochschule Nordwestschweiz

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannten die Ärzte die Bedeutsamkeit der Volksschule als Ort der Vermittlung von gesundheitsförderlichem Wissen und Verhalten. Die allmähliche Durchsetzung des Schulobligatoriums ermöglichte es, alle Kinder im schulpflichtigen Alter zu erreichen und ihnen den Wert der Gesundheit zu vermitteln. Die Schule wurde damit für die Hygienebewegung zum zentralen Instrument der Krankheitsprophylaxe, was sich am Begriff ‚Schulhygiene‘ ablesen lässt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden alle gesundheitsfördernden Bestrebungen in Bezug auf Schulkinder und Lehrkräfte unter diesem Terminus subsumiert.[1] Diskutiert und gefordert wurde ein breites Spektrum an Maßnahmen wie zum Beispiel gut beleuchtete Schulzimmer, besondere Schulbänke und -tische, angemessene Dauer und Reihenfolge der Unterrichtseinheiten, Schulbäder und -gärten oder regelmäßige ärztliche Untersuchungen der Schülerinnen und Schüler.[2]

Die Schulhygieniker waren sehr erfinderisch, was Mobiliar, Gerätschaften und Apparaturen betraf. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelten sie unzählige Schulbanksysteme. Darunter befanden sich zum Beispiel solche, die zwecks Bodenreinigung zur Seite geschoben respektive geklappt werden konnten, die sich für das Arbeiten im Stehen eigneten oder die sich an die Körpergröße der Kinder anpassen ließen. Um die Schulbänke besser auf die Größe der Kinder einstellen zu können, wurde auch eigens ein Messapparat entwickelt, der es ermöglichte, die Schülerinnen und Schüler im Sitzen zu messen. Weitere Erfindungen waren die so genannten Geradehalter (Geräte, welche die Schulkinder zur Einhaltung der richtigen Schreibhaltung zwangen) oder ein Apparat zur Untersuchung und Vermessung der Körperhaltung beim Schreiben und Zeichnen.

Mit der Entstehung und Entwicklung dieses weitläufigen Themen- und Tätigkeitsfeldes befasst sich die vorliegende Studie von Hideharu Umehara – und zwar am Beispiel der Stadt Düsseldorf. Die Untersuchung setzt sich zum Ziel, „die Institutionalisierung der Schulhygiene auf der kommunalen Ebene zu rekonstruieren“ (S. 23). Diese Herangehensweise bietet nicht zuletzt deshalb eine interessante Ausgangslage, da zur Geschichte der Schulhygiene im deutschsprachigen Raum bis anhin nur wenige lokalhistorische Studien vorliegen.[3] Allerdings vermag der Autor nicht restlos überzeugend zu begründen, warum Düsseldorf als Fallbeispiel ausgewählt wurde, handelte es sich doch hier um „keine besonders ‚schulhygienische‘ Stadt“ (S. 26). Zuweilen entsteht beim Lesen sogar der Eindruck, dass die Schulhygiene etwas war, das quasi ‚von außen‘ an Düsseldorf herangetragen wurde: „Bei der Entwicklung der Schulhygiene im späten 19. Jahrhundert erreichte die Welle der schulhygienischen Neuerungen auch die Düsseldorfer Schulen, obwohl in Düsseldorf damals niemand im schulhygienischen Bereich besonders aktiv war. Dies geschah im Zuge der Zunahme der Schülerzahl und des Ausbaus des Schulwesens.“ (S. 67)

Nach einer Einleitung (1.) und einem Überblick einerseits über die Schulhygiene in Deutschland im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert (2.) und andererseits über die Geschichte der Stadt Düsseldorf um 1900 (3.) folgen die beiden umfangreichsten Kapitel, die der Entwicklung der Schulhygiene in Düsseldorf gewidmet sind (4. und 5.), ein kurzes Fazit schließt das Buch ab (6.). Umehara unterteilt die Geschichte der Düsseldorfer Schulhygiene in zwei Phasen, die er in den Kapiteln 4 und 5 nachzeichnet. Die erste Phase, die nach der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, betraf die ‚Schul-Hygiene‘. Diese befasste sich mit dem Schulgebäude und seinen Einrichtungen sowie den Unterrichtsbedingungen. Die zweite Phase setzte an der Wende zum 20. Jahrhundert ein. Nun spielte der Schularzt eine entscheidende Rolle und damit „die dauerhafte Überwachung und Kontrolle des Gesundheitszustandes jedes einzelnen Schülers“ (S. 133). Entsprechend wird diese Phase als ‚Schüler-Hygiene‘ betitelt. Diese Unterteilung – die bereits in der zeitgenössischen Diskussion präsent war – macht für die Analyse zwar durchaus Sinn. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob der „Übergang“ (S. 271), den Umehara von der Schul- zur Schüler-Hygiene konstatiert, wirklich so abrupt und endgültig erfolgte, wie der Autor ihn darstellt, oder ob nicht vielmehr die Schüler- zur Schul-Hygiene hinzutrat.

Die Aufteilung in diese beiden Phasen lehnt Umehara an die allgemeine Entwicklung der deutschen Schulhygiene im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an, wie er sie im zweiten Kapitel darlegt. Nicht bloß hier, sondern auch an zahlreichen anderen Stellen geht der Autor von der gesamtdeutschen Situation aus, das heißt von den Themen, die in der zeitgenössischen deutschen Schulhygiene-Diskussion zentral waren – und die aus der einschlägigen Forschungsliteratur bekannt sind.[4] Umehara rekonstruiert anhand einzelner Quellen, die eine Übersicht ermöglichen, die Geschichte der deutschen Schulhygiene. Von dieser (zwangsläufig eher schemenhaften) Zusammenschau ausgehend sucht er anschließend nach Themen und Bestrebungen, die sich auch in Düsseldorf finden lassen. Die Stadt wird damit zu einem Beispiel für die gesamtdeutsche Entwicklung. Es wäre aber gerade aufschlussreich zu erfahren, inwiefern das Fallbeispiel Düsseldorf interessant ist, oder anders gesagt: welche Idiosynkrasien die Düsseldorfer Schulhygienegeschichte aufweist. Hierzu würde sich ein Vergleich mit der (internationalen) Forschungsliteratur[5] anbieten, um Antworten auf folgende und weitere Fragen zu finden und damit Anknüpfungspunkte für andere Studien zu liefern. Welche Themenbereiche wurden (warum) in Düsseldorf besonders früh, besonders spät oder gegebenenfalls nur hier diskutiert? Inwiefern wurden schulhygienische Maßnahmen den lokalen Gegebenheiten angepasst? Gab es der Schulhygiene dienliche Maßnahmen, Möbel oder Geräte, die in Düsseldorf entwickelt wurden? Welche Rolle spielten einzelne Personen, Personengruppen (Ärzte, Lehrpersonen, Verwaltungsbeamte, Politiker etc.) und Institutionen in der Entwicklung der Düsseldorfer Schulhygiene und welche Ziele verfolgten sie?

Insgesamt stellt die vorliegende Monographie aber eine durchaus lesenswerte und sorgsam erarbeitete Fallstudie dar. Sie bietet für Leserinnen und Leser, die mit der Geschichte der Schulhygiene im deutschsprachigen Raum nicht vertraut sind, einen guten Überblick.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Michèle Hofmann, Schulhygiene, in: Daniel Tröhler / Urs Hardegger (Hrsg.), Zukunft bilden. Die Geschichte der modernen Zürcher Volksschule, Zürich 2008, S. 201–213, hier S. 201.
[2] Für eine Übersicht vgl. bspw. Otto Janke, Schulhygiene, in: Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik, Bd. 6, Langensalza 1899, S. 430–444.
[3] Vgl. insbesondere Monika Imboden, Die Schule macht gesund. Die Anfänge des schulärztlichen Dienstes der Stadt Zürich und die Macht hygienischer Wissensdispositive in der Volksschule 1860–1900, Zürich 2003; Gabriele Förster, Studien zur Schulgesundheitspflege in Pommern während der Weimarer Republik, Frankfurt am Main 2007.
[4] Vgl. insbesondere die Habilitationsschrift von Jürgen Bennack, in der er die Geschichte der Hygiene im preußischen Volksschulwesen von der Wende zum 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nachzeichnet (Jürgen Bennack, Gesundheit und Schule. Zur Geschichte der Hygiene im preußischen Volksschulwesen, Köln 1990).
[5] Vgl. nebst den Literaturhinweisen in den Fußnoten 1, 3 und 4 bspw. Nelleke Bakker / Fedor de Beer, The Dangers of Schooling. The Introduction of School Medical Inspection in the Netherlands (c.1900), in: History of Education 38 (2009), S. 505–524; Rebecca R. Noel, Schooling and Child Health in Antebellum in New England, in: James A. Marten (Hrsg.), Children and Youth in a new nation, New York 2009, S. 190–208; Kathrine Elisabeth Kogler, „Die Einführung des Schularztes lässt sich nicht über Nacht machen…“ Diskurs zur Etablierung von SchulärztInnen und -zahnärztInnen in der österreichisch-ungarischen Monarchie, Wien 2007; Pedro L. Moreno Martínez, The hygienist movement and the modernization of education in Spain, in: Paedagogica historica 42 (2006), S. 793–815.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.03.2014
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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