D. Saxer: Schärfung des Quellenblicks

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Titel
Die Schärfung des Quellenblicks. Forschungspraktiken in der Geschichtswissenschaft 1840–1914


Autor(en)
Saxer, Daniela
Reihe
Ordnungssysteme, Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 37
Erschienen
München 2013: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
459 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Müller, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg August Universität Göttingen

Im November 1874 wurde Erwin Mühlbacher während seiner Hospitanz am Institut für Österreichische Geschichtsforschung Zeuge einer intensiven Besprechung, die die Editionsarbeiten von Ernst Dümmler zum Gegenstand hatte. Mühlbacher glaubte, der Mitarbeiter habe sich blamiert; der von Dümmler angefertigte Auszug wimmelte nur so vor Korrekturen. Wie Daniela Saxer in ihrer umfassenden und differenzierten wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung zeigt, handelte es sich aber vielmehr um eine gewöhnliche Arbeitssituation im Zuge der hilfswissenschaftlichen Erschließung mittelalterlicher Quellen. Die Beratung war Teil einer neuartigen, am Institut koordinierten Teamarbeit, die in eine „kritische Kontrolle“ der Edition mündete.

Die Arbeit mit Quellen und die Veränderung derselben ist der zentrale Gegenstand der Studie von Daniela Saxer. Analytisch unterscheidet Saxer zwischen den Ordnungsweisen, der sprachlichen Einfassungen und den Arbeitstechniken, die allesamt einen Quellenblick konstituieren, der das historische Material zum epistemischen Ding geschichtswissenschaftlicher Beobachtung erhebt. These der Arbeit ist, dass in den 1870er- und 1880er-Jahren es gerade die Arbeitspraxis der in den Hilfswissenschaften und der Mittelalterforschung tätigen Gelehrten war, die diesen Quellenblick schärfte und einen unabhängigen disziplinären Begriff von der Wissenschaftlichkeit des eigenen Faches zu entwickeln erlaubte. Wie zahlreiche konzeptionelle Anleihen zu erkennen geben, situiert sich Daniela Saxer mit ihrer Studie in einem Feld rezenter, vor allem von den Ansätzen der neueren Wissenschaftsgeschichte[1] inspirierten Arbeiten zur Geschichte geschichtswissenschaftlichen Forschens.[2]

Die Studie konzentriert sich auf die historische Forschung in Zürich und Wien im Zeitraum von 1840 bis 1914 und gliedert sich grob in zwei analytische Teile. In einem ersten Teil werden zentrale, das Feld historischen Forschens konstituierende Bedingungen erschlossen, indem der Wandel der institutionellen Träger historischen Arbeitens (S. 43–94), der Hochschulunterricht im Fach Geschichte (S. 95–137), die Persona der Geschichtswissenschaftler (S. 139–172) und die Ressourcen von Verwandtschaft und Geschlecht (S. 173–220) untersucht werden. In einem zweiten Teil werden in drei umfassenden Fallstudien die Forschungspraktiken im Rahmen der Herausgabe des Schweizerischen Urkundenregisters (S. 221–270), der Monumenta graphica (S. 271–322) und der Edition der deutschen Herrscherurkunden (S. 323–382) in Wien ermittelt.

Zunächst wendet sich Saxer dem Institutionalisierungsschub in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu, im Zuge dessen sich in Wien wie auch in Zürich das Fach Geschichte an den Hochschulen verfestigte und eine sich formierende autonome Disziplin eine spezifische fachliche Verbindung mit den rekanonisierten Hilfswissenschaften einging. Ein entscheidender Unterschied zwischen Österreich und der Schweiz lag darin, dass eine zentrale nationale Forschungsorganisation, wie sie im Jahr 1852 mit dem Institut für österreichische Geschichtsforschung in Wien Gestalt annahm, in dem jungen Bundesstaat der Schweiz (1848) nicht etabliert wurde; Geschichtsforschung fand hier in kantonalen und regionalen Vereinen und Gesellschaften ihre Träger.

In einem zweiten Schritt ermittelt Saxer den Stellenwert der Quelle im Hochschulunterricht. Die Quellenkunde hatte einen etablierten Ort in den Vorlesungen und auch in anderen sich allmählich verbreitenden Lehrveranstaltungstypen. Der Historiker Max Büdinger zum Beispiel propagierte und praktizierte quellenfokussierte Übungen (seit 1862 an der Universität Zürich und ab 1872 in Wien), in denen edierte narrative Überlieferungen wie etwa Tacitus oder Herodot diskutiert wurden. Die Vermittlung methodischen Wissens und das Verständnis von Quellen änderten sich auf entscheidende Weise im Zuge der vom Institut für Österreichische Geschichtsforschung verfolgten didaktischen „Konfrontation mit der Quelle“. Das zu berücksichtigte Quellenkorpus wurde um andere Materialien wie Königsurkunden, Gesandtschaftsberichte, Stadtrechte, Urbare und sogar Zeitungen (S. 123f.) erweitert. In diesem Zuge, so argumentiert Saxer, verallgemeinerte sich der eingeübte Quellenblick.

Im Rückgriff auf den von Lorraine Daston und Otto Sibum geprägten Begriff der wissenschaftlichen Persona[3] ermittelt Saxer die Techniken, mit denen Gelehrte an sich selbst arbeiteten. Saxers zentrales Argument ist, dass unabhängig vom Institutionalisierungsschub in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die historische Wissenschaft im Wesentlichen persönlich war. Ausbildung und Forschung im Fach Geschichte waren entscheidend von persönlichen Beziehungen und daher auch von Abhängigkeiten und Distinktionen geprägt. Eindrücklich untersucht sie am Beispiel zahlreicher junger Historiker in Wien und Zürich wie diese ihre Leistung zu kontrollieren und zu steigern suchten, sich in ihrer Selbstbildung an ihren Lehrer orientierten und mit Argusaugen von ihren Mentoren beobachtet wurden. In komplexen und delikaten Manövern bildeten die jungen Gelehrten ein fachspezifisches Selbstverständnis aus und übten eine gegenüber ihren Objekten, den Quellen, durch Hingabe, Exaktheit, Ausdauer und andere bürgerliche Tugenden gekennzeichnete Einstellung ein, die sie zugleich öffentlich bewarben.

Im Gegensatz zu diesem kultivierten Ideal des autonomen Einzelforschers waren, wie Saxer anschaulich und überzeugend zeigt, die Gelehrten und ihre Forschung von verwandtschaftlichen Beziehungen und auch von den Genderverhältnissen abhängig. Die soziale Herkunft der Forscher, die ökonomische Situation ihrer Familien aber auch die Vererbung von Buchbeständen und vor allem von diplomatischen Vorarbeiten verstorbener Kollegen waren überaus relevante Einsätze, die im Wettstreit der Forschenden zum Tragen kamen. Eine nicht weniger wichtige Ressource war Geschlecht. Das historische Forschen der Männer, das ist hinlänglich bekannt, kam ohne die Tatkraft der Ehefrauen nicht aus.[4] Saxer knüpft hier an Überlegungen der Geschlechtergeschichte an und vertieft in ihrer Analyse die ungleichen Zugriffe und Chancen von Frauen und Männer wie auch die asymmetrische Würdigung der von ihnen erbrachten Leistungen: Die Gelehrten begriffen die vielfältigen und maßgeblichen Unterstützungen ihrer Ehefrauen nicht als eine wissenschaftliche Tätigkeit sondern als „Liebesdienst“, dessen Indienstnahme und Management die Ehegatten für sich allein in Anspruch nahmen.

Weniger disponibel waren die von den Forschern begehrten Quellen. Erfassung und Erschließung derselben für Unterricht und Forschung war daher eine zentrale Aufgabe. Ein erstes Fallbeispiel für Saxers Analyse der materialen Kultur historischen Forschens ist das von der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft besorgte Schweizerische Urkundenregister, das mittelalterliche Urkunden „aus dem Gebiet der modernen Schweiz in Form knapper Registereinträge“ (S. 227) verzeichnete.[5] Die Idee der nationalgeschichtlichen Repräsentation des neuen Bundesstaats in einem Gesamtverzeichnis ‚schweizerischer Urkunden‘ verfing aus naheliegenden Gründen; in der Umsetzung der „Politik der nationalen Urkunde“ waren den Leitern des Projekts, Georg von Wyss und Basilius Hidber, jedoch enge Grenzen gesteckt. Die Abhängigkeit von kantonalen und regionalen Trägern der Geschichtsforschung, die ungleiche Resonanz des nationalen Projekts in den Teilen der Schweiz, die verschiedentliche Aneignung der Erfassungskriterien durch dieselben und nicht zuletzt die Differenz zwischen dem von der Bundesregierung erteilten öffentlichem Auftrag und dem Vereinsprinzip der Freiwilligkeit hatten politische wie auch editorische Krisen zur Folge.

Die Ausgangslage des Historikers Theodor Sickel war gänzlich anders. Sein Projekt der umfassenden quellenfotografischen Erschließung österreichischer Urkunden, der Monumenta graphica (1852–1882), profitierte in finanzieller und logistischer Hinsicht von Beginn an von den österreichischen Behörden. Auch im Zuge der Bekämpfung von konkurrierenden quellenfotografischen Unternehmungen in Venedig und Florenz konnte Sickel mit Unterstützung aus Wien rechnen. Aber auch Sickel war auf Fürsprecher und lokale Vermittler angewiesen, und er musste wiederholt von originären Zielsetzungen abweichen, um das nationalpolitische Prestigeprojekt zu realisieren. Das Resultat war schließlich eine Sammlung von Ablichtungen entkontextualisierter Schriftstücke, die aber, wie Saxer betont, zum einen den Blick auf die Materialität derselben richtete und zugleich den Objektivitätsanspruch der Quellenforschung pointiert in Szene setzte.

Im letzten Untersuchungskapitel widmet sich Saxer der von Julius Ficker und Theodor Sickel geleiteten Edition deutscher Herrscherurkunden. Dieses am Institut für Österreichische Geschichtsforschung angesiedelte Projekt (1874ff.) zeichnete sich, wie eingangs erwähnt, von einer neuartig institutionell koordinierten Arbeitsweise aus. Hierzu wurden die Kriterien der Erfassung vermehrt, die einzelnen Operationen standardisiert. Insbesondere aber erfolgte die Editionsarbeit im Team; mündliche Besprechungen und die Zirkulation angefertigter Auszügen waren Teil der neuartigen Editionsarbeit am Institut. Das Ziel der „kritischen Kontrolle“ gipfelte darin, ein Autopsieverfahren zu institutionalisieren, das diese von der Inaugenscheinnahme der Quelle durch den Historiker vor Ort ablöste (S. 364). Anders gesagt, es ging darum, die Autonomie des beobachtenden Historikers sicherzustellen, um unabhängig von externen Faktoren und frei von den mitunter widrigen Bedingungen des Zugriffs auf den in Archiven und Bibliotheken verwahrten Materialien arbeiten zu können. Überzeugend zeigt Saxer in ihrer Analyse, wie am Institut ein „mikrologischer“ Blick auf die Schriftstücke eingeübt wurde, der sowohl einer Kritik rezenter diplomatischer Forschungen als auch einer Reflexion der eigenen historischen Forschungs- und Erschließungswege den Weg bereitete.

Saxers Argumentation ist nicht frei von einem gewissen Moment der Steigerung. Dass im Zuge andere Erschließung- und Editionsbemühungen oder auch einfach von Autopsien „Quellen“ als unscharf, weniger ‚authentisch‘ oder ‚natürlich‘ wahrgenommen wurden, ist zu bezweifeln. Vielmehr liegt es nahe, die Authentizität von Quellen als eine eigenständige historische Variable zu betrachten, die sich in ihrer spezifischen historischen Eigenart manifestierte. Dieser Einwand schmälert aber keineswegs die Verdienste dieser eindrucksvollen Monografie. Mit ihrer Studie zur Schärfung des Quellenblicks trägt sie wesentlich zur Historisierung eines zentralen jedoch nur wenig historisierten Aspekts des Faches und seiner Geschichte bei. Insbesondere erschließt Saxer eingehend die Geschichte der Hilfswissenschaften und der mittelalterlichen Geschichte und deren Relevanz für das Fach und legt überdies die vielfältigen Resonanzen und Grenzen der nationalgeschichtlich motivierten und gerahmten Erschließung von mittelalterlichen Quellen frei. In diesem Zusammenhang erweist sich ihr analytisch differenzierender Ansatz, „Quelle“ als eine Trias von ordnenden, diskursiven und technischen Praktiken zu verstehen, als äußerst innovativ. Mehr noch: In der konkreten Studie artikuliert sich implizit eine methodisch anspruchsvolle Analytik, die auf der Grundlage vieler und vor allem heterogener Materialien eine differenzierte und anregende wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung historischen Forschens und Arbeitens ermöglicht.

Anmerkungen:
[1] Hans-Jörg Rheinberger, Experiment, Differenz Schrift. Zur Geschichte epistemischer Dinge, Marburg 1992; Anke te Heesen / E.C. Spary (Hrsg.), Sammeln als Wissen. Das Sammeln und seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung, Göttingen 2001. Allgemein siehe Michael Hagner (Hrsg.), Ansichten der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt am Main 2001.
[2] Henning Trüper, Das Klein-Klein der Arbeit. Die Notizführung des Historikers François Louis Ganshof, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 18 (2007), S. 82–104; Jo Tollebeek, A Stormy Family. Paul Fredericq and the Formation of an Academic Historical Community in the Nineteenth-Century, in: Storia della Storiografia 53 (2008), S. 58–72; Pieter Huistra / Herman J. Paul / Jo Tollebeek (Hrsg.), Historians in the Archive. Changing Historical Practices in the Nineteenth Century, History of the Human Sciences 26 (2013) 4; Markus Friedrich, Die Geburt des Archivs. Eine Wissensgeschichte, München 2013; ders., Vom Exzerpt zum Fotoauftrag zur Datenbank. Technische Rahmenbedingungen historiographischer Forschung in Archiven und Bibliotheken und ihr Wandel seit dem 19. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie 22 (2014), S. 278–297; Henning Trüper, Topography of a Method. François Louis Ganshof and the Writing of History (Historische Wissensforschung; 2) Tübingen 2014.
[3] Lorraine Daston / Otto H. Sibum, Introduction. Scientific personae and their histories, in: Science in Context 16 (2003), S. 1–8.
[4] Bonnie G. Smith, The gender of history. Men, women, and historical practice, Cambridge 1998; Jo Tollebeek, Writing history in the Salon vert, in: Storia della Storiografia 46 (2004), S. 35–40.
[5] Online verfügbar unter <http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs3/object/display/bsb10454685_00005.html> (Abruf: 3.6.2015).