Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Leben nach Luther

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Titel
Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses


Herausgeber
Stiftung Deutsches Historisches Museum
Erschienen
Bönen 2013: Kettler
Anzahl Seiten
248 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Arend, Forschungsstelle Evangelische Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Im Hinblick auf das 500-jährige Jubiläum von Luthers Thesenanschlag im Jahr 2017 rückt auch die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses in den Mittelpunkt des Interesses, dem das Deutsche Historische Museum 2013/14 eine Sonderausstellung widmete. Der Katalog zu der Präsentation, die gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Internationalen Martin Luther Stiftung konzipiert wurde, betrachtet das Thema unter verschiedenen Blickwinkeln. Ausgehend von der Entstehung des Pfarrhauses im 16. Jahrhundert und der Ausbildung seiner wichtigsten Charakterzüge in der Frühen Neuzeit wird seine Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein verfolgt, wobei kontrastierende Seitenblicke auf das anglikanische und das katholische Pfarrhaus geworfen werden.

In einem ersten thematischen Block mit Beiträgen von Shirley Brückner, Johannes Schilling, Christel Köhle-Hezinger, Oliver Janz, Petra Bahr und Luise Schorn-Schütte nimmt die historische Entwicklung und Idealisierung des evangelischen Pfarrhauses breiten Raum ein. Die Eheschließung der Priester im Zuge der Reformation war Voraussetzung für die Entstehung evangelischer Pfarrerfamilien. Hieraus ergaben sich bald praktische Konsequenzen, denn das Haus, in dem bislang der Priester mit wenigen weiteren Personen gewohnt hatte, musste vergrößert oder neu gebaut werden, um einer mitunter kinderreichen Pfarrerfamilie Raum zu bieten.

Mit der Reformation hatte sich auch das pastorale Amtsverständnis gewandelt: Obwohl Luther das Priestertum aller Gläubigen postulierte, entwickelte sich die evangelische Kirche zu einer „pfarrerzentrierten“ Institution (S. 55). Das Studium der Theologie wurde mehr und mehr zur Voraussetzung für die Übernahme eines evangelischen Pfarramts, und der Pfarrer sollte sich in seiner Studierstube lebenslang mit den Fundamenten des Glaubens auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund der Aufklärung erweiterten sich im 18. Jahrhundert die „Forschungsfelder“ des gelehrten Pastors, der nicht mehr nur als Theologe und Philologe tätig war, sondern sich auch Kenntnisse human- und veterinärmedizinischer, ökonomischer, rechtlicher, aber auch naturwissenschaftlicher Art aneignete. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor das Amt des Pfarrers zwar an Kompetenzen, da die Führung der Pfarrbücher, die Schulaufsicht und die Armenfürsorge in staatliche Zuständigkeit übergingen, der Pfarrerstand wurde sozialrechtlich jedoch dem höheren Staatsbeamtentum angeglichen.

Von den evangelischen Geistlichen wurde nicht nur eine tadellose Amtsführung, sondern zusammen mit ihren Frauen und Kindern auch eine vorbildliche Lebensweise erwartet, die die Pfarrerfamilie „zum Idealbild der bürgerlichen Familie“ (S. 105) werden ließ. Insbesondere die Ehefrauen nahmen hier über Jahrhunderte eine wichtige Rolle ein, wie Petra Bahr in ihrem Beitrag zeigt. Dieses exemplarische Lebensmodell veränderte sich im 19. Jahrhundert insofern, als sich die Pfarrhausbewohner durch Herkunft und Bildung mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit der Gemeindeglieder abhoben, zumal die überwiegende Zahl der evangelischen Seelsorger selbst aus einem Pfarrhaus stammte.

Unser heutiges Bild vom evangelischen Pfarrhaus ist stark von den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und seinem Blick auf Martin Luther geprägt. Johannes Schilling betont in seinem Beitrag, dass Luther zwar als Prediger und Seelsorger wirkte, nicht aber als Pfarrer tätig war. Dennoch wurde sein Haus in der evangelischen Welt als Pfarrhaus und seine Familie als Pfarrerfamilie wahrgenommen. So wurde in diesem Jahrhundert auch der schwarze Talar – ein Rückgriff auf die Kleidung der Gelehrten – als Amtstracht evangelischer Pfarrer in Preußen verbindlich, von wo aus er sich flächendeckend verbreitete.

Die Entwicklung und der Charakter des deutschen Pfarrhauses unterschieden sich deutlich von den Verhältnissen in der anglikanischen Kirche. Wie Oliver Janz in seinem Essay zeigt, waren die englischen Pfarrer bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts theologisch unzureichend ausgebildet und bezogen nur geringe Einkünfte. Durch die Privatisierung von dörflichem Gemeindeland profitierten seit Ende des 18. Jahrhunderts auch die Pfarrer von steigenden Pfründeneinkünften, so dass Pfarrstellen auch für die gentry interessant wurden. Die Mehrzahl der anglikanischen Pfarrer wies nun universitäre Bildung auf, ihr sozialer und politischer Einfluss stieg, sie übernahmen öffentliche Ehrenämter als Friedensrichter oder Armenpfleger und sie gingen standesgemäßem Zeitvertreib wie der Jagd oder der Pferdezucht nach, während sie ihr seelsorgerliches Amt Stellvertretern überließen. Gegen diesen Lebensstil und dieses Amtsverständnis ging die anglikanische Kirche vor, indem sie eine mit Residenzpflicht verbundene Fokussierung auf das geistliche Amt und das Verbot derartiger „Freizeitbelustigungen“ durchsetzte. In viktorianischer Zeit war das anglikanische Pfarrhaus schließlich auf Sparsamkeit, Disziplin, Mäßigung und Familiensinn ausgerichtet (S. 97).

In Kontrast zu evangelischen Pfarrerfamilien wirft Etienne François einen Blick auf katholische Pfarrhäuser in Frankreich. Der Amtsinhaber sollte sich von jeder weltlichen Aktivität fernhalten, nicht in Gasthäuser gehen und nicht an Tanzveranstaltungen oder Theatervorstellungen teilnehmen oder auf die Jagd gehen. Wie ihre evangelischen Kollegen in Deutschland besaßen auch die katholischen Pfarrer ein Studierzimmer mit Bibliothek und pflegten ein Amtsverständnis, das die Hebung von Moral und Sitten unter den Gemeindegliedern und die Alphabetisierung der Kinder einschloss. Im Zusammenhang mit der Französischen Revolution kam den katholischen Pfarrern in Frankreich ferner eine politische Rolle zu, denn sie waren es, die den Beginn der politischen Umwälzung einleiteten.

Manfred Gailus wirft in seinem Beitrag einen Blick auf das frühe 20. Jahrhundert: In der Zwischenkriegszeit dachte man im evangelischen Pfarrhaus national. Die Ziele der Weimarer Republik, die sich in ihrer Verfassung nicht zum Christentum bekannte, blieben vielen Pfarrern fremd, sie sympathisierten stattdessen mit der NSDAP. Rund zwei Drittel der evangelischen Reichsbevölkerung schloss sich in der Bewegung der Deutschen Christen zusammen, die der nationalsozialistischen Ideologie verbunden war. Demgegenüber konstatiert Etienne François, dass die katholischen Pfarrhäuser sowohl in Frankreich als auch in Deutschland „wichtige Orte der Resistenz und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wie auch der Rettung von vielen Verfolgten, insbesondere von verfolgten Juden“ (S. 199) waren.

Günther Heydemann beleuchtet die Rolle, die evangelische Pfarrer und Pfarrhäuser in der SBZ und der DDR innehatten. Wer in der DDR Pfarrer wurde, traf eine weitreichende Entscheidung, denn Pfarrerkinder wurden im Bildungssystem oft benachteiligt und nicht zu Abitur und Studium zugelassen, was die traditionell „gelehrten“ evangelischen Pfarrhäuser schwer traf. Die Kirchen standen in Opposition zur antikirchlichen SED, sie bildeten eine Art „Staat im Staate“, zumal sie finanziell von der EKD unterstützt wurden und in enger geistlicher Verbindung mit den westdeutschen Landeskirchen standen. In Pfarrhäusern der DDR wurde freier diskutiert, im kirchlichen Rahmen konnten Veranstaltungen stattfinden, die untere anderen Umständen nicht durchführbar waren. Somit wurden die evangelischen Pfarrhäuser in der DDR auch „zu einem unverzichtbaren Faktor auf dem Weg zur Friedlichen Revolution von 1989/90“ (S. 188f.).

Der Begleitband zur Sonderausstellung stellt das Thema des evangelischen Pfarrhauses ausgesprochen facettenreich und in umfassender Weise dar; einzig die Thematisierung des Pfarrhauses und des Pfarrerstandes in der belletristischen Literatur könnte man vermissen. Speziell die Kontrastierung mit dem anglikanischen und katholischen Pfarrhaus lässt die Charakteristika deutlich hervortreten. Der Band besticht durch die gut geschriebenen Essays, wobei vor allem die von Shirley Brückner stammenden Einleitungen der übergeordneten Kapitel durch ihre knappe, bildhafte Sprache und ihre treffsichere historische Einschätzung überzeugen. Auch die vielen Abbildungen der ausgestellten Exponate beeindrucken. Sie haben weniger illustrativen Charakter, sondern machen ebenso wie die eingestreuten ganzseitigen Auszüge aus zeitgenössischen Schriften den Quellenwert des Bandes aus.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.04.2014
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