: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Frankfurt am Main  2012. ISBN 978-3-10-036801-0

Klingsöhr-Leroy, Cathrin; Franz Marc Museumsgesellschaft (Hrsg.): 1913. Bilder vor der Apokalypse. München  2013. ISBN 978-3-944874-00-5

: Der große Bruch. Russland im Epochenjahr 1913. Kultur, Gesellschaft, Politik. Berlin  2013. ISBN 978-3-88221-039-2

Walter, Franz (Hrsg.): 1913. . Göttingen  2013. ISBN 978-3-525-80003-4

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Birkner, Institut für Kommunikationswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Das Jahr 2014 lädt in vielerlei Hinsicht zum Rückblick in das Jahr 1914 ein, als der Erste Weltkrieg begann. Zahlreiche Gedenkfeiern und Publikationen erinnern ein Jahrhundert später an diese Wegmarke des 20. Jahrhunderts.[1] Doch bereits im März 2013 – also ein Jahr zuvor – zog Jean-Claude Juncker, mittlerweile Präsident der EU-Kommission, in der Debatte um die europäische Schuldenkrise Parallelen zur aufgeheizten Stimmung der Vorkriegszeit 1913. Der damalige Chef der Euro-Gruppe sagte dem „Spiegel“: „Mich frappiert die Erkenntnis, wie sehr sich die europäischen Verhältnisse 2013 denen von vor 100 Jahren ähneln. […] Viele haben im Jahr 1913 gedacht, es werde in Europa nie mehr Krieg geben.“[2] Der vermeintlich friedlichen Stimmung in Europa hatte sich Florian Illies bereits 2012 mit seinem gefeierten Buch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ gewidmet. Illies hat sein Buch und auch die Marke „1913“ extrem clever vermarket und damit auch enormen kommerziellen Erfolg gehabt. Doch schon die englische Übersetzung des Titels: „1913 – the year before the storm“[3] macht deutlich, wie sehr diese Zeit aus unserer heutigen Perspektive Vorkriegszeit ist und entsprechend bewertet wird.

1913 ist eben – retrospektiv betrachtet – das Jahr vor dem Krieg, oder gar „vor der Apokalypse“, wie die entsprechende Ausstellung zum Jahr 1913 im Franz Marc Museum hieß: „1913 – Bilder vor der Apokalypse.“ Illies hat diese Ausstellung „großzügig unterstützt und begleitet“ (S. 7), wofür sich die Herausgeberin und Direktorin des Franz Marc Museums, Cathrin Klingsöhr-Leroy, zu Beginn des Ausstellungskatalogs bedankt. Illies ist in diesem Katalog zur Ausstellung, die sich an seinem Buch orientiert hat, ebenfalls mit einem Text vertreten. Das macht tatsächlich Sinn, denn die Kunst steht durchaus im Mittelpunkt von Illies’ großartigem Jahresporträt, welches das Jahr 1913 Monat für Monat skizziert und in dessen Verlauf man tief in die Seelen der Protagonisten des ebenfalls sehr gelungenen Ausstellungskatalogs sehen kann: Franz Marc, Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler und viele mehr. Auch eine Postkarte von Franz Kafka ist in dem Band, der auch Bilder aus den Jahren 1912 und 1914 zeigt, abgebildet (S. 20). Aus seinen Briefen an die geliebte Felice zitiert Illies in seinem Buch immer wieder, so auch im März: „Noch immer unentschieden. Franz“. „Vier Worte, eine Autobiographie“, kommentiert Illies (S. 87).

Eine der stärksten Szenen bietet er gleich im ersten Kapitel „Januar“ (S. 27), wo er eine beiläufige Begegnung von Stalin und Hitler in Wien fingiert. Die beiden sind sich tatsächlich ja nie begegnet, waren aber im Januar 1913 im winterlichen Wien: „Vielleicht haben sich die beiden, von denen ihre Bekannten aus dieser Zeit erzählten, dass sie beide gerne im Park von Schönbrunn spazieren gingen, einmal höflich gegrüßt und den Hut gelüpft, als sie ihre Bahnen zogen durch den unendlichen Park.“ Hitlers prägende Wiener Jahre hat zuletzt Volker Ullrich in seiner Hitler-Biographie noch einmal eindringlich in Erinnerung gerufen.[4] Stalin hingegen war nur vier Wochen dort, um anschließend wieder nach Russland zu gehen. Was er dann machte, erfahren wir nicht mehr von Illies, sondern von Felix Philipp Ingold.

Pünktlich zum 100. Jubiläum des Epochenjahres 2013 ist sein monumentales Werk „Der große Bruch – Russland im Epochenjahr 1913“ in aktualisierter Neuauflage herausgekommen. Bereits 2000 erstmals erschienen, also zehn Jahre nach der „Wende“ von 1989/90/91, rückt Ingold das Jahr 1913 auch in der Retrospektive der russischen Geschichte in den Mittelpunkt, in dem freilich Lenin und Stalin bereits an der großen Revolution arbeiteten. Zum 1. Mai 1913 verfasste Stalin den Aufruf: „Nieder mit der Monarchie der Romanows! – Es lebe die neue Revolution! – Es lebe die demokratische Republik!“ (S. 51). Eine demokratische Republik ist Russland auch nach 1913 nicht geworden – bis heute nicht. Sehr wohl aber markiert 1913, das Jahr in dem das Haus Romanow 300 Jahre seines Bestehens feiert, auch in Russland eine Zäsur. Ingold ordnet 1913 zwischen den Revolutionen von 1905/07 und 1917 ein als den eigentlichen „großen Bruch“, auch im gesamteuropäischen Kulturkontext mit Werken wie etwa von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Thomas Manns „Der Zauberberg“ oder Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ (S. 11). Hier stimmt seine Argumentation mit derjenigen von Florian Illies überein.

Auch die von Franz Walter herausgegebene Zeitschrift für Politik und Gesellschaft „INDES“ widmet sich in einem Schwerpunktheft dem Jahr 1913. Auch hier kommt Illies wieder zu Wort. Im Gespräch mit „INDES“ über Kunst und Kultur bemerkt er, eigentlich sei „alles schon da, der Erste Weltkrieg würgt das nur alles ab […] Es ist seitdem nicht mehr viel dazugekommen“ (S. 13). Dies kann man als zentrale These der vier hier vorgestellten Publikationen sehen. Nicht der Erste Weltkrieg markiert den Beginn der Moderne – sondern die Jahre zuvor, was sich übrigens auch für den Journalismus nachweisen lässt, der in diesen Jahren von den USA ausgehend seine modernen Erscheinungsformen und Funktionsweisen entwickelt.[5] Ulrich Herbert spricht gar vom „langen 20. Jahrhundert“, welches von den 1890er-Jahren bis etwa 2000 reicht.[6]

Das Schwerpunktheft von INDES wirft dann auch den Blick noch über den Atlantik gen Westen, in die USA des Jahres 1913: „Henry Ford introduced the assembly line, triggering a second industrial revolution that produced a new automobile every 2 hours, 40 minutes“ (S. 57). Sam Roberts, Korrespondent der „New York Times“ und Autor eines Buches über die Grand Central Station, widmet sich in seinem Beitrag aber vor allem der Eröffnung des zentralen Bahnhofs in New York und der Frage, wie auch dies Amerika veränderte. Bereits 1854 hatte Heinrich Heine in Paris bei der Einweihung zweier neuer Eisenbahnlinien nach Orleans und Rouen „unsere ganze Existenz in neue Gleise fortgerissen, fortgeschleudert“[7] gesehen.

Damit wird deutlich, wie schwierig es ist, das historische Kontinuum mit Zäsuren in Phasen zu unterteilen. Martin Sabrow nennt dieses Dilemma in seinem INDES-Beitrag „so unentbehrlich wie problematisch“ (S. 114). Doch neben aller notwendigen und zielführenden Diskussionen, ob nun 1900, 1910, 1913, 1914, 1917 oder 1918 die entscheidende Zäsur markiert – und vor allem in welcher Hinsicht jeweils –, erscheinen doch die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts als bedeutende Zeit, wobei Illies und Ingold mit guten Gründen das Jahr 1913 in den Vordergrund stellen. Man muss deshalb nicht gleich die „unheimliche Aktualität des Ersten Weltkriegs“[8] betonen, wie dies der „Spiegel“ macht, sehr wohl aber einen aufmerksamen Blick auf die Entwicklung der Moderne vor 100 Jahren haben. Die vier hier vorgestellten Publikationen leisten hierzu einen wertvollen Beitrag, und zwar insbesondere insofern, als sie ein bislang eher unpopuläres Jahr in den Fokus setzen, so wie dies Hans Ulrich Gumbrecht mit dem Jahr 1926 vorgemacht hat.[9] Auch 1913 ist ein Jahr „am Rand der Zeit“, und der hier vielfach unternommene Versuch, dieses Jahr als eine Art Sonde zu nutzen, um dem damaligen Zeitgeist in Kunst, Kultur, Technik und Politik nachzuspüren, erscheint durchaus gewinnbringend. Dabei muss natürlich stets reflektiert werden, inwieweit eine solche Fokussierung auf nur einen Jahrgang zu Vereinfachungen und Verallgemeinerungen verführen kann.

Anmerkungen:
[1] Einige der Neuerscheinungen zum Beginn des Ersten Weltkrieges sind kürzlich hier bei H-Soz-Kult besprochen worden; vgl. die Sammelrezension von Hans Rudolf Wahl, Neuere Gesamtdarstellungen des Ersten Weltkriegs, in: H-Soz-u-Kult, 05.09.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-3-132> (17.10.2014).
[2] „Die Dämonen schlafen nur“ – Spiegel-Gespräch mit Jean-Claude Juncker in: Der Spiegel, Nr. 11, 11. März 2013, S. 76–78, hier S. 77.
[3] Florian Illies, 1913. The year before the storm, New York 2013.
[4] Volker Ullrich, Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939, Frankfurt am Main 2013.
[5] Thomas Birkner, Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605–1914, Köln 2012; vgl. die Rezension von Marcel Broersma, in: H-Soz-u-Kult, 18.04.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-2-045> (17.10.2014).
[6] Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014; vgl. die Rezension von Michael Wildt, in: H-Soz-u-Kult, 22.09.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-3-175> (17.10.2014).
[7] Heinrich Heine, Sämtliche Schriften, herausgegeben von Klaus Briegleb, 6 Bände, München 2005, hier Band 5, S. 449.
[8] Der Spiegel, Nr. 11, 11. März 2013, Titelseite.
[9] Hans Ulrich Gumbrecht, 1926 – ein Jahr am Rand der Zeit, Frankfurt am Main 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2014
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