H. Knortz u.a.: Goethe, der Merkantilismus und die Inflation

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Titel
Goethe, der Merkantilismus und die Inflation. Zum ökonomischen Wissen und Handeln Goethes und seiner Figuren


Autor(en)
Knortz, Heike; Laudenberg, Beate
Erschienen
Münster 2014: LIT Verlag
Anzahl Seiten
200 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wegmann, Institut für Germanistik, Universität Innsbruck

Nachdem er sich als Minister und Autor etabliert hatte, war Johann Wolfgang Goethe angeblich der „bei weitem bestverdienende Mann Weimars“ (S. 58). Was sich auf den ersten Blick wie eine Petitesse des Altertumskenners und Gesellschaftsreporters avant la lettre, Karl August Böttiger, ausnimmt, der über das klassische Weimar vieles kund tat, was nicht alle wissen wollten („Göthe boxte sich […] mit dem Kammerherr v. Einsiedel manchmal so ernsthaft, das Blut darnach floß“), erweist sich bei näherer Betrachtung als Befund jenes Teils der Goethe-Forschung, der sich für das Verhältnis von Genie und Geist genauso interessiert wie für das Wirtschaftsleben in seinen literarischen Texten. Und findet sich zitiert in einer kürzlich erschienenen Studie, die das ökonomische Wissen und Handeln Goethes und seiner Figuren untersuchen will. Verfasst haben sie Heike Knortz und Beate Laudenberg, die eine Wirtschaftshistorikerin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, die andere Literaturwissenschaftlerin ebendort, womit gute Voraussetzungen für ein derartiges Vorhaben gegeben sind. Dieses betritt indes nicht gerade Neuland, sondern – wie stets bei Goethe – ein vielfach beackertes Feld, dessen Erträge zudem deutlich über das hinausreichen, was die Bibliographie dazu anführt. Das wiederum wird keineswegs verhehlt; vielmehr betonen die Autorinnen gleich eingangs, dass spätestens seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 das Thema „Goethe und die Ökonomie […] en vogue“ (S. 7) sei. Zu diesem Zeitpunkt wiederum war längst bekannt, dass Goethe über die zeitgenössische Wirtschaftswissenschaft gut informiert war, dies allerdings weniger der Lektüre einschlägiger Werke als vielmehr der von Rezensionen und dem von befreundeten Experten gehörten Wissen verdankte.[1]

Knortz / Laudenberg gehen in ihrer Untersuchung von der Prämisse aus, „dass sich eine angemessene Deutung der literarischen Figuren ‚an den Praktiken des Wirtschafts- und Kulturpolitikers Goethe‘ orientieren muss“ (S. 22) und wollen dabei unter anderem die in der Forschung gelegentlich unterstellte Nähe Goethes zum Liberalismus überprüfen. Entsprechend wechseln sich Kapitel zu literarischen Texten Goethes – Hermann und Dorothea, Faust, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, Die Wahlverwandtschaften, Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre – ab mit solchen über die wirtschaftspolitischen Handlungen des Ministers, den alles andere als sparsam geführten Haushalt des Privatmannes mit Repräsentationspflicht wie -neigung (S. 53ff.) sowie allgemeinen Ausführungen zur Geschichte des Geldes in der Goethe-Zeit.

Ausgeblendet bleiben allerdings die wirtschaftlichen Aspekte moderner Autorschaft, wiewohl Markt und Literatur seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in einem intrikaten Spannungsverhältnis stehen, in dem Goethe nicht nur selbst recht geschickt operierte, sondern das von ihm auch wiederholt reflektiert und poetisch bearbeitet wurde – etwa in dem Schwank Das Neueste von Plundersweilern (1781), in dem der Dichter mit der Romanfigur seines Bestsellers schwer bepackt den Leichenzug Werthers anführt. Entsprechend wirkt der dieser Studie zugrunde liegende Ökonomiebegriff insofern einförmig, als die zu dieser Zeit entstehende Ökonomie immaterieller Güter – Stichwort „geistiges Eigentum“ – genauso ignoriert wird wie ihre medien- und kulturgeschichtlichen Seiten, so dass etwa die zeitgenössischen Vorbehalte gegenüber dem Papiergeld mit seinem Hiatus von Nenn- und Materialwert nur partiell plausibel werden, obwohl die vorliegende Studie gerade beim Thema Geld Akzente setzen will (S. 19). Dies gelingt vor allem bei der ausführlichen Rekonstruktion der österreichischen Finanzkrisen und Papiergeldexperimente (S. 111ff.), mit denen Goethe als Besucher des böhmischen Karlsbad mehrfach konfrontiert wurde und worin nach Dafürhalten von Knortz / Laudenberg auch das Vorbild für die oft interpretierte Papiergeldszene in Faust II zu finden ist – ein Kapitel in der Geschichte des Geldes, das in der Goethe-Forschung zwar nicht unbekannt, in dieser Detailliertheit bis dato aber noch nicht aufgezeigt worden ist. Doch so informativ diese Ausführungen über die Versuche der österreichischen Monarchie auch sein mögen, den maroden Staatshaushalt im Lauf des 18. Jahrhunderts über verschiedene Varianten von Papiergeld und Anleihen zu sanieren, fügen sie letztlich der von der Goethe-Forschung bereits eingehend gewürdigten Papiergeld-Problematik nur wenig Grundlegendes hinzu; schließlich lebte Goethe, wie die beiden Verfasserinnen zu recht konstatieren, „in der Epoche der Papiergeldentstehung, und Zeit seines Lebens blieb […] das Papiergeld ‚Hauptinteresse des Tages‘“ (S. 134).

Wenig instruktiv erweisen sich auch die kurzen Kapitel zu den literarischen Werken Goethes, die in erster Linie deren Inhalt referieren und dies meist auf der Basis eines weitgehend umstandslosen Abbildverhältnisses von Realität und Literatur (S. 164) und nicht unbedingt auf der Höhe der aktuellen Forschung. Dabei wird oft eine Art pattern recognition betrieben, also der Frage nachgegangen, wo in Goethes Werken merkantilistische Wirtschaftsmodelle und -strukturen auftauchen. Im Kapitel „Fausts Wirtschaft“ etwa werden aleatorisch die Inhalte verschiedener Szenen wiedergegeben, als würde ausgerechnet dieses hochgradig verkunstete und in toto fast 3000 Jahre überspannende Drama ökonomische Realität auf das Schlichteste widerspiegeln und als wären Faust und Mephisto Figuren mit bürgerlicher Identität und kohärenten Biografien (vgl. S. 142f.), auch wenn genau das an Teilen der Forschung moniert wird (S. 146, Anm. 22). Selbstredend sind in dieses Drama zahlreich zeitgenössische Entwicklungen und Diskurse eingeflossen, aber sie werden eben flankiert, bisweilen auch konterkariert durch eine Vielzahl anderer Elemente und auf diese Weise zu einem komplexen, in sich eben nicht stimmigen Ganzen verwoben. Über Fausts Wirtschaft aber erfährt man von Knortz / Laudenberg lediglich, dass sie auf Gewalt gegründet und genau deswegen keine Parabel unkontrollierbarer kapitalistischer Konkurrenz sei (S. 147). Eine solche, das Regime instrumenteller Vernunft ignorierende Argumentation hätte sich vermutlich zu Adornos Lebzeiten noch das Verdikt vom ‚Verblendungszusammenhang‘ verdient.

Gegen Ende werden dann noch einige Briefwechsel Goethes – etwa mit Johann Heinrich Merck oder Wilhelm von Edelsheim – auf ihr ökonomisches Potenzial durchmustert, mit dem zweifelhaften Ergebnis, dass „Goethes Briefe […] nichts über seine wirtschaftspolitische Geisteshaltung“ (S. 170) verraten. Im Resümee erfährt man dann noch, dass Goethe über den Stand zeitgenössischen Wirtschaftens gut informiert war, auch wenn er den in seinen Briefen nicht diskutieren und die einschlägigen volkswirtschaftlichen Werke selbst nicht rezipieren wollte (S. 177). Darüber hinaus aber zeigt dieses Buch, wie problematisch autorzentristische Ansätze sein können, wenn sie den Autor als eine nicht hinterfragte Größe voraussetzen: Von den Analogien zwischen der Papiergeldszene im Faust II und der Papiergeldskepsis ihres Autors abgesehen, verlaufen die Kapitel, die den literarischen Texten gewidmet sind, und jene, welche Biografisches im wirtschaftshistorischen Kontext referieren, wie Parallelen, die sich erst im Unendlichen schneiden. Der Name des Autors und der Begriff des Merkantilismus allein stiften da zu wenig Zusammenhang.

Anmerkung:
[1] Dazu nach wie vor grundlegend Gustav Körner / Michael Sielaff, Goethe und die Volkswirtschaftslehre, in: Goethe-Jahrbuch 119 (2002), S. 165–181; Bernd Mahl, Goethes ökonomisches Wissen. Grundlagen zum Verständnis der ökonomischen Passagen im dichterischen Gesamtwerk und in den ‚Amtlichen Schriften‘, Frankfurt am Main 1982.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.09.2014
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