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Titel
Fürstendiener - Staatsbeamte - Bürger. Amtsführung und Lebenswelt der Ortsbeamten in niederhessischen Kleinstädten (1750-1830)


Autor(en)
Brakensiek, Stefan
Reihe
Bürgertum. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte 12
Erschienen
Göttingen 1999: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
538 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric-Oliver Mader, Lehrstuhl fuer Geschichte der Fruehen Neuzeit, Institut fuer Neuere Geschichte Muenchen

Die historische Forschung in Deutschland nimmt derzeit eine Neuperspektivierung des Zeitraumes um 1800 vor. Gegen die in vielen Arbeiten zum Ausgangspunkt der Darstellung gewählte These vom Beginn der Moderne mit der Französischen Revolution oder dem Auftritt Napoleons wird nunmehr an das Kosellecksche Konzept der "Sattelzeit" zwischen 1750 und 1850 angeknüpft. Auf dieser Basis wird neu nach dem Zusammenspiel von Kontinuitäten und revolutionärem Bruch, nach Phänomenen des Wandels und der Beharrung von dörflichen, städtischen und territorialen Elitegruppen in einer Zeit gefragt, die durch eine Fülle von Veränderungen geprägt war. Analysiert werden nicht nur die komplexen Probleme der Kontinuität, Transformation, Verschmelzung oder des Kompromisses von Eliten in dieser Übergangszeit, sondern auch die Funktionsweise und der Wandel von Herrschaft vor Ort. Probleme dieser Art verhandelt man vor allem in Mainz, Trier, Berlin und - mit wahrnehmungsgeschichtlicher Akzentsetzung, bezogen auf die vormaligen Funktionseliten des Alten Reiches - auch in München.[1]

Alle diese Forschungsunternehmen folgen einem gemeinsamen Trend, der die bisher eher abstrakte Thematisierung des Umbruches um 1800 überwindet, um die konkreten Auswirkungen des historischen Wandels auf die Mitglieder verschiedenster Elitegruppen und deren Lebenswelten in den Blick zu nehmen. Während man auf die Endergebnisse der Projekte in Mainz, Trier, Berlin und München noch warten muß, hat der Bielefelder Historiker Stefan Brakensiek mit seiner Habilitationsschrift über die Ortsbeamten und Richter in niederhessischen Kleinstädten nunmehr eine erste Studie neuen Zuschnitts der Öffentlichkeit vorgelegt.

Methodische Grundlage dieser Arbeit ist das prosopographische Verfahren. Mit Hilfe der einschlägigen Staatshandbücher, für einen Zeitraum von 1764 bis 1830, rekonstruierte Brakensiek zunächst die Karrieren von sämtlichen hessen-kasseler Amtsträgern - insgesamt rund 3000 Personen. Davon wurden für die Darstellung diejenigen ausgesondert, die im Laufe ihrer Karriere in der Niederjustiz oder den unteren Verwaltungseinheiten in verantwortlicher Stelle mitwirkten. Das trägt der erst im Jahre 1821 vorgenommenen Trennung von Kreisverwaltung und Niederjustiz Rechnung und reduziert die Grundgesamtheit von Kollektivmitgliedern deutlich. Die noch verbleibenden 234 Personen erscheinen jedoch nicht, wie bei prosopographischen Arbeiten üblich, in Personenlisten oder biographischen Datensätzen. Brakensiek schreibt die Kollektivbiographie der niederhessischen Ortsbeamten. Schon deshalb ist es nötig, diese Quellengattung durch eine ungeheure Fülle von veröffentlichtem und archivalisch überliefertem Material, das mit Hilfe einer Datenbank erfaßt wurde, zu ergänzen. Dazu gehören nicht nur innerbehördliches Schriftgut, Nachlässe und Briefwechsel, sondern auch zeitgenössische Biographiesammlungen, Nachrufe und genealogische Literatur. Darüber hinaus bezieht er Schul- und Familienalben, Matrikelverzeichnisse von Universitäten, Konduitenlisten, Visitationsprotokolle und auch Veröffentlichungen der Amtmänner mit ein. Ein aufwendiges Verfahren, das fragen läßt, ob Aufwand und Ertrag des Unternehmens in einem sinnvollen Verhältnis stehen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Frage kann durchaus bejaht werden, nämlich aus zwei Gründen. Zum einen gelingt es, den von herkömmlichen Bürokratiegeschichten gelangweilten Leser, den Brakensiek zu interessieren sucht, zu gewinnen. Dankbar nimmt man zur Kenntnis, daß die auszählbaren Ergebnisse, die in 28 Tabellen etwa Informationen zu Karriere, Altersstruktur und Einkommen oder zur Herkunft, Familie und Mobilität der Ortsbeamten und Richter bergen, im Hintergrund bleiben. Sie stören den Lesefluß nicht. Beeindruckend ist die geschickte Darstellungsstrategie. Ein die Struktur des Kollektives analysierender Ansatz, repräsentiert in der zweiteiligen Grundgliederung mit jeweils fünf Unterkapiteln, wird konterkariert und ergänzt durch erzählende Passagen, "biographische Streiflichter", in denen das Individuum im Zentrum steht. Einzelne niederhessische Amtmänner nehmen konkrete Gestalt an, den Strukturen, die das Gesamtkollektiv prägen, wird die gelebte Alternative gegenübergestellt. Darüber hinaus verbindet Brakensiek mit dieser Methode auch einen erkenntnistheoretischen Anspruch, die ihre Geltung dort entfaltet, wo die Grenzen der Prosopographie liegen. Das ist der zweite Grund weshalb der Aufwand lohnt.

Die "biographischen Streiflichter" ermöglichen es, individuelle Handlungsspielräume auszuloten, die immer dann überindividuellen Erkenntnisgewinn bergen, wenn die Begleitumstände und Reaktionen des sozialen Umfeldes auf das jeweilige Verhalten mitverhandelt werden. So etwa im Falle des Valentin Bess (1769-1835), einem sehbehinderten Juristen, der aus einer Nentershausener Försterfamilie stammte. Wie die Mehrzahl angehender Ortsbeamter in seinem Alter hatte er in Marburg studiert und wurde, nachdem er einige Zeit als Anwalt gearbeitet hatte, im Jahre 1795 Richter am Adelsgericht in Nentershausen. Als unter Napoleon die Adelsgerichte aufgehoben worden waren, verlor er diese Stelle, verdingte sich einige Jahre als Anwalt und erhielt erst im Jahre 1809 durch die Patronage seines vormaligen Arbeitgebers das Amt eines Friedensrichters. Im Jahre 1814, als mit dem alten Kurfürsten Wilhelm IX. die Restauration wieder Einzug in Hessen-Kassel hielt und die früheren Amtmänner in ihre alten Stellungen zurückkehren sollten, wurde jedoch nicht Bess, sondern ein zwölf Jahre jüngerer Jurist, der offensichtlich über bessere persönliche Verbindungen verfügte, zum Amtmann in Nentershausen berufen. Der vormalige Friedensrichter war darüber so gekränkt, daß er nicht nur eine ihm von der Kasseler Regierung angebotene Stelle, irgendwo in Hessen Amtssekretär zu werden, erbittert ablehnte, sondern einen zehnjährigen Federkrieg mit der Justizverwaltung in Kassel begann, der so beleidigende Züge annahm, daß ihm jede Chance, noch einmal in ein Richteramt zu kommen, für die Zukunft verbaut sein sollte. Der Fall Bess macht nicht nur deutlich, welche Rolle soziale Beziehungen für die Karrieren der hessischen Amtmänner spielten und welche Schicksale sich in der Umbruchsituation um 1800 ereigneten, sondern ist zugleich typisch für die Gesamtkonzeption des Buches. Das Individuum bleibt mit dem Gesamtkollektiv stets verbunden, indem jene Elemente, die als typisch für das Gesamtkollektiv gelten, zugleich den Rahmen bilden, vor dem individuelles Verhalten gedeutet wird. Nur aufwendige Recherchearbeiten erlauben einen derartigen, weit über die klassische Prosopographie hinausgehenden Ansatz.

Die Tatsache, daß die niederhessischen Amtmänner in einer Zeit lebten, die von einer Fülle von Veränderungen geprägt war, spielt für die Untersuchung eine entscheidende Rolle. Der sich vollziehende Wandel bildet das dynamische Element, das sich nicht nur durch jedes einzelne Teilkapitel zieht, sondern auch durch das vorgeschaltete Kapitel, das konzise in die geographische, soziale, politische und institutionelle Beschaffenheit Hessen-Kassels einführt. Konkret thematisiert wird der Umbruch in einem weiteren Kontext von Prozessen der Bürokratisierung und der Stabsdisziplinierung und - im engeren Umfeld - der Auswirkungen von Herrschaftswechseln für Institutionen, Ortsbeamte, ihre sozialen Beziehungen und ihre Karrieren. Darüber hinaus zeigt Brakensiek aber auch wie Herrschaft vor Ort in dieser Übergangszeit funktionierte. Gegen die These einer linearen Entwicklung hin zum modernen Anstalts- und Behördenstaat, die in Studien zur Behördenentwicklung in größeren Territorien entwickelt wurde, zeigt er, daß die Entwicklung der Bürokratie Konjunkturen von Reform und Restauration folgte, die sich in dialektischer Folge abwechselten. Als Grund dafür gilt der "ungefilterte Einfluß des persönlichen Regiments der Landgrafen auf die organisatorische und personelle Ausgestaltung der Behörden". Dabei nahmen die niederhessischen Amtmänner - obschon sie ihre Herrschaft weitgehend autonom ausübten - nur wenig Einfluß auf die Entwicklung von Reformprogrammen, die endgültig erst im Jahre 1821, nachdem Kurfürst Wilhelm II. seinem konservativen Vater gefolgt war, in die Praxis umgesetzt wurden.

Wird der Bürokratisierungsprozeß als dialektisches Entwicklungsmodell gedacht, so bildete sich der Typus des disziplinierten Amtmannes zunächst in Folge eines linear gedachten Verlaufs aus. Nachdem "dreihundert Jahre neuzeitlicher Staatsbildung" bei dem Ortsbeamten des ausgehenden 18. Jahrhunderts "tiefe Spuren" hinterlassen hätten, sei seit dieser Zeit die "von oben" und "von außen" abgeforderte Disziplin soweit verinnerlicht worden, daß die obrigkeitlichen Kontrollen teilweise gelockert werden konnten. Deshalb bestand im Vormärz kein Anlaß mehr zur Kontrolle von Sittlichkeit, Wirtschaftsverhalten und Dienstgebaren der Ortsbeamten. Der archaische Typ des Amtmannes, die Regeln relativ selbständig und frei auslegend, wurde durch den Funktionär abgelöst, für den der Wortlaut der Gesetze, Leitlinie des Verhaltens war. Seit 1800 veränderten sich auch die Mechanismen der Disziplinierung. Die Richter und Verwaltungsbeamten sollten mehr und mehr auf den politischen Kurs des Herrschers ausgerichtet werden. Das Ziel der Disziplinierungmaßnahmen, durch Strafandrohung die Subordination der Dienerschaft zu erreichen, verschob sich zugunsten eines Systems von "Zuckerbrot und Peitsche", das politisch loyales Verhalten durch Privilegien belohnte.

Wie aber vollzog sich die Politisierung des Amtmannes? Brakensiek unterscheidet hier eine "Court" - von einer "Country" - Partei und liefert eine Übersicht über ihre politischen Gesinnungen der Kollektivmitglieder, die hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Karrieren im Staatsdienst untersucht werden. Eine überzeugende Auseinandersetzung mit Genese, Verbreitung und Wandel von politischen Orientierungen gelingt dagegen nur partiell. So hält Brakensiek auf die Frage nach den Auswirkungen des Wandels auf die politischen Orientierungen der Amtmänner die These einer Kontinuität der politisch liberalen Orientierungen bereit. Diese bildeten sich um 1800 aus, um dann in der nachnapoleonischen, "bleiernen Zeit" über personale Netzwerke weitervermittelt zu werden und schließlich in der liberalen Bewegung der 1830er Jahre aufzugehen. Hier fragt sich nicht nur, wie diese These mit dem Befund zu vereinbaren ist, daß einige Beamte und Richter dazu bereit waren, ihre Gesinnungen der Karriere zu opfern, und die politischen Fronten zu wechseln, sondern auch, wie konstant man sich eine Kontinuität von politischen Grundorientierungen über einen Zeitraum von mehr als dreissig Jahren, der durch eine Fülle von Veränderungen geprägt ist, vorzustellen hat.

Dennoch: Die Habilitationsschrift Stefan Brakensieks ist ein gewichtiger und facettenreicher Beitrag zur Geschichte des Übergangs vom frühneuzeitlichen Fürstenstaat zum modernen Anstaltsstaat, der darüber hinaus für die eingangs genannten Forschungsvorhaben hohe Maßstäbe setzt. Methodisch gründlich reflektiert und gekonnt dargestellt, kann die Studie aber auch als grundlegend für all jene gelten, die sich mit den Chancen und Grenzen der Prosopographie auseinandersetzen wollen.

Anmerkungen:

[1] Die genannten Projekte haben alle auch eine Präsentation im Internet. Sie sind zu finden unter den folgenden Adressen:
Mainz: http://www.inst-euro-history.uni-mainz.de/for/kontin.htm
Trier: http://www.uni-trier.de/uni/fb3/geschichte/grewe/b12text.htm
Berlin: http://www.geschichte.hu-berlin.de/projekte/eliten/elite3.htm
München: http://www.ng.fak09.uni-muenchen.de/gfn/Wahrnehmung.html

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13.06.1999
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