A. Adams: Psychopathologie und "Rasse"

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Titel
Psychopathologie und „Rasse“. Verhandlungen „rassischer“ Differenz in der Erforschung psychischer Leiden (1890–1933)


Autor(en)
Adams, Andrea
Anzahl Seiten
333 S.
Preis
€ 34,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Gründler, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart Email:

Am Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit, die als Dissertation am Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte der Humboldt-Universität entstanden ist, steht die Frage, wie Forschung über ,Rasse‘ sich im Feld der deutschsprachigen Psychiatrie zwischen 1890 und 1930 gestaltete und welche Wissensbestände sich daraus ergaben und stabilisierten. Um die Frage nach der Funktion von ,Rasse‘ innerhalb des psychiatrischen Diskurses – und das daraus resultierende Wissen über die ,Anderen‘ – beantworten zu können, zieht Adams insgesamt 203 Schriften und Aufsätze zur Analyse heran, die den Gegenstand ,Rasse‘ als anthropologisches Konzept begreifen, die Eigenschaften einzelner ,Rassen‘ untersuchen und vergleichen. Der Begriff ,Rasse‘ wurde von den Autoren allerdings keinesfalls ausschließlich als biologisch determiniert verstanden, sondern vielfach wurde auf die Veränderungen durch soziale und klimatische Einflüsse oder auf die negativen Auswirkungen der Verstädterung hingewiesen.

Im ersten Kapitel zeichnet die Autorin die Entstehung von Differenzkonstruktionen nach. Sie verdeutlicht hier anhand von Beispielen, welchen Einfluss Statistiken auf die Genese wissenschaftlicher Diskurse gewinnen konnten. So ergab z. B. die Zählung von Geisteskranken während des 6. Zensus der USA 1840, dass frei lebende Afroamerikaner elfmal stärker von psychischen Erkrankungen betroffen zu sein schienen als die in Sklaverei lebenden im Süden der USA. Dieses Ergebnis wurde nach der Veröffentlichung zur Legitimierung der Sklaverei genutzt, lebten Afroamerikaner doch anscheinend in Sklaverei gesünder und natürlicher als in Freiheit. Für die Befürworter der Sklaverei bedeutete das Ergebnis, diese Lebensform „[entspräche] dem Wesen der ,Neger’“ (S. 45). Doch obwohl sich die Zählung als fehlerhaft und manipuliert herausstellte, blieb sie in den öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten virulent und gelangte sogar in die ,rassenpsychiatrische‘ Diskussion in Europa am Ende des 19. Jahrhunderts. Ganz ähnliche Funktionen fielen den Irrenstatistiken im Deutschen Reich im 19. Jahrhundert zu, in denen die hohe Zahl jüdischer Patienten in den psychiatrischen Anstalten mit Vorurteilen über „das Wesen der Juden“ (S. 46) verschmolzen wurden.

Im folgenden Kapitel wird der Diskurs über die ,Rassenpsychiatrien‘ zeitlich und räumlich verortet, das methodische Vorgehen in den ausgewerteten Texten, deren Autoren und die untersuchten Gruppen vorgestellt. Bemerkenswert erscheint dabei, dass das Forschungsfeld Psychopathologie und ,Rasse‘ nicht über den Status einer ,Zeitschriftenwissenschaft‘ (Ludwik Fleck) hinaus kam und nie konsolidiert wurde. Methodisch näherten sich die Autoren, wie Adams herausarbeitet, entweder narrativ, ab 1900 auch empirisch-statistisch oder durch Fallbeschreibungen ihrem Gegenstand. Häufig kombinierten sie die verschiedenen wissenschaftlichen Modelle, um die verschiedenen untersuchten Bevölkerungsgruppen und deren Besonderheiten darzustellen. Neben ,Juden‘, ,Schwarzen‘ oder ,Javanern‘ galten auch ,Schwaben‘, ,Kulturvölker‘ oder ,Baschkiren‘ als legitime Untersuchungsgruppen, obwohl diese entlang unterschiedlicher Grenzen – nationaler, regionaler oder religiöser – konstruiert waren.[1] Die Unschärfe der Kategorie ,Rasse‘, die in den Gruppeneinteilungen zum Ausdruck kommt, war einerseits der generellen Unklarheit des Begriffs innerhalb der Wissenschaften im Allgemeinen geschuldet, andererseits war diese Unschärfe aber auch ein Grund für die hohe Produktivität des Feldes. Ein besonderes Gewicht im Diskurs der ‘Rassenpsychiatrie‘ bekam die Gruppe der ,Juden‘ – in mehr als einem Drittel der Texte untersuchten die Autoren die spezifischen Eigenschaften und Erkrankungen dieser ,Rasse‘. Allerdings beschäftigten sich nur wenige Wissenschaftler kontinuierlich oder regelmäßig mit dem Thema ,Rassenpsychiatrie‘, Adams hat in ihrem 203 Texte umfassenden Korpus circa 120 Autoren. Unter diesen befanden sich eine Reihe von Personen, die von ihren Zeitgenossen als ,Juden‘ wahrgenommen wurden bzw. sich selbst als ,jüdisch‘ bezeichneten und sich damit besonders zu Äußerungen befähigt fühlten. In ihren Forschungen stellten sie nicht die Zuständigkeit der (,Rassen‘-)Biologie für das Feld der Psychopathologie in Frage, vielmehr betonten sie, dass das gehäufte Auftreten bestimmter Krankheiten bei ,Juden‘ auf deren Lebensumstände zurückzuführen sei. Auch wenn sie damit den biologischen Determinismus des Begriffs ,Rasse‘ kritisierten, verfestigten sie im Diskurs das Bild der kollektiv-defizitären Andersartigkeit der Juden, wie Adams kritisch feststellt.

Im Anschluss an die ,Verortung‘ des Diskurses entwirft Adams eine zweiphasige Chronologie, als deren Wendepunkt sie die Zeit um 1914 ausmacht. In der ersten Phase rezipierte man zunächst ausländische Forschungsergebnisse, erste originär deutsche Forschungsaufsätze erschienen ab 1900. Während auf internationaler Ebene zuvorderst die Gesundheit der Kolonialbevölkerung untersucht wurde, spielte das Thema für die deutschsprachige Forschung bis 1900 keine Rolle und konnte durch das Ende der deutschen Kolonialverwaltung nach 1914 auch nicht als Diskursfeld etabliert werden. Bis 1914 hatte sich allerdings der ,gesunde Wilde‘ als Topos innerhalb der psychiatrischen Wissenschaft etabliert, indem man Kultur und ,Entartung‘ mit den ,gesunden Naturvölkern‘ kontrastierte, die angeblich fast frei von psychischen Erkrankungen gewesen seien. Wie aber auch schon zeitgenössisch festgestellt wurde, waren derartige Ergebnisse gekennzeichnet von sprachlichen und kulturellen Missverständnissen und vorgeprägten Meinungen über ,Wilde‘. Die Kontroverse um kranke Zivilisation und gesunde Natürlichkeit zeichnet Adams detailliert nach und kann zeigen, wie breit die Diskussionen thematisch aufgestellt waren. Sie kann überzeugend darstellen, wie in der zweiten Phase zwischen 1918 und 1933 aus den zuvor genannten Themen und Argumenten neue Forschungsansätze gewonnen, während die alten Argumentationsmuster, besonders in Bezug auf die ,jüdische Rasse‘ konstant weiterverfolgt wurden. Gegen Ende der zweiten Phase wurden dann verstärkt Forschungen initiiert, die an Eugenik und Vererbungsforschung ausgerichtet waren.

Die Bedeutung von statistischen Erfassungen, Messungen und Zählungen als Argument und Methode in der psychiatrischen ,Rassenforschung‘ evaluiert die Autorin im vierten Kapitel. Dabei macht Adams deutlich, dass trotz nachvollziehbarer und kritisierter Schwächen die Erfassung und Aufbereitung von Zahlen für diese Wissenschaft grundlegend war. Das Erfassen dieser Daten machte aber eine Zuordnung zu ungeprüften, unklaren und unscharfen ,rassischen‘ Kategorien notwendig, die das Wissen über das zu Erfassende bereits strukturierten und das Ergebnis der Differenz dieser ,Rassen‘ schon vorweg nahm.

Im letzten Kapitel, in dem die Praktiken und Auswirkungen psychiatrischer Diagnosen analysiert werden, zeigt Adams auf, dass sich die von ihr ausgewerteten Schriften in den Kontext der allgemeinen klinischen Psychiatrie einordnen lassen. Die zunehmenden Versuche innerhalb der Wissenschaft, durch objektivierte und quantifizierende Methoden sowie die verstärkte Biologisierung der Krankheitserklärungen sich als ,echte‘ Naturwissenschaft zu etablieren, wurden auch in den Veröffentlichungen zu ,Rasse‘ und Psychopathologie deutlich. Als besonders eindringliches Beispiel für das Generieren von Wissen über eine ,Rasse‘ stellt Adams die Forschungsreise Kraepelins nach Java im Jahre 1904 ausführlich dar. Hier flossen, wie in ähnlichen Untersuchungen, die Vorstellungen und Vorurteile über das ,Naturvolk‘ in die Ergebnisse ein. Kraepelin erkannte zwar keine ,rassenspezifische‘ Prävalenz für psychische Erkrankungen, aber eine ,rassenspezifische‘ Ausprägung und Häufung bestimmter Symptome. Ähnliche Ergebnisse konnten auch seine Kollegen vorweisen, wie Adams anhand von Beispielen belegt, von denen hauptsächlich diejenigen abwichen, die über ,Juden‘ arbeiteten und die Annahmen Kraepelins kritisierten. Allerdings gab es auch an Kraepelins Java-Studie Kritik, wenn auch nur sehr selten. Die Kritiker wiesen auf „den Einfluss von Sprach-, Kultur- und Bildungsunterschieden“ (S. 255) bei psychiatrischen Untersuchungen hin, ohne diese Einflüsse jedoch erkennbar für die eigene Arbeit zu problematisieren. Letztendlich setzte sich nach 1933 die eugenische Vererbungsforschung gegen die ,Rassenanthropologie‘, die im NS-Staat nicht mehr benötigt wurde, im Wissenschaftsbetrieb durch. Adams weist auf zwei zentrale Faktoren für diese Durchsetzung hin: Zum einen stellte der Staat den Rassehygienikern mehr Mittel für Forschung zur Verfügung, ein Engagement dort versprach demnach forschungspraktisch Erfolg. Zum anderen wurden die Autoren mit jüdischem Hintergrund aus dem Diskursfeld entfernt, so dass besonders die kritischen Stimmen verstummten.

In ihrer Studie zeichnet Andrea Adams die Versuche von psychiatrischen Wissenschaftlern nach, Klarheit zu schaffen, indem sie versuchten, die Differenz zwischen Menschen, die sie selbst als kulturell und biologisch begründet erkannten, von sozio-kulturellen Faktoren zu ,befreien‘ und biologische identifizierbare und klar getrennte ,Rassen‘ zu ,erfinden‘. Eine der vielen Stärken dieser Arbeit liegt darin, dass die Autorin dabei immer wieder auch das Scheitern dieser Versuche thematisiert.

Anmerkung:
[1] Dass z. B. Juden als eigene ,Rasse‘ gezählt wurden, ist kein singuläres deutsches Phänomen. Auch die US-Einwanderungsbehörden zählten in ihren Statistiken ,Juden‘ als eigenständige Gruppe, während alle anderen Einwanderer anhand ihrer Nationen geordnet wurden.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.10.2014
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