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Titel
Die Stadt der Neuchristen. Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im Trani des Spätmittelalters zwischen Inklusion und Exklusion


Autor(en)
Scheller, Benjamin
Reihe
Europa im Mittelalter 22
Erschienen
Berlin 2013: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
509 S.
Preis
€ 99,80
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Wolfgang Gruber, Universität Wien

Die vorliegende Monographie von Benjamin Scheller ist das Endprodukt eines Habilitationsprozesses und zeichnet sich durch einen hohen wissenschaftlichen Innovationsgrad und spannende Grundlagenforschung aus. Sie ist überdies Band 22 in der hochqualitativen Reihe „Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik“, die von Michael Borgolte und Wolfgang Huschner im Akademie Verlag herausgegeben wird. Die transkulturelle Mittelalterforschung rund um die Berliner Gruppe des Instituts für vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter von Michael Borgolte hat schon viele bekannte Forscher/innen, wie Kordula Wolf oder Jan Rüdiger, gesehen und zweifelsohne gehört auch der hier dargebotene Band zu dieser hochrangigen Riege. Nach eigener Aussage hat sich der Schwerpunkt des Instituts von vergleichenden zu globalhistorischen Fragen verlagert, was auch die begleitende Reihe „Europa im Mittelalter“ verstärkt Ansätze zur transkulturell-globalhistorischen Erforschung Europas als Teil der mittelalterlichen Welt verfolgen lässt.[1]

In insgesamt sechs Kapiteln wird die Geschichte der zuerst jüdischen und später Großteils zum Christentum konvertierten Gemeinschaft in Trani chronologisch und themenspezifisch aufgearbeitet. Ausgangspunkt der Studie ist die faszinierende, wenngleich auch bisher wenig beachtete Tatsache, dass im Jahr 1292 im Königreich Neapel die einzige mittelalterliche Massenkonversion von Juden zum Christentum außerhalb der Iberischen Halbinsel und sonstiger spanischer Herrschaftsgebiete stattfand (S. 11). Scheller gelingt es, die nächsten mehr als zweihundert Jahre der sogenannten Neofiti oder Neuchristen minutiös darzulegen und immer wieder auch die Gründe dafür zu analysieren, warum deren Status als eigene Gemeinschaft sich nicht wesentlich änderte. Den multiplen Gründen für Exklusion, aber auch Inklusion, spürt Scheller in seinem zentralen Grundlagenkapitel über „Netzwerke, Karrieren und Räumen von Neuchristen“ nach. Hierin gelingt ihm mithilfe der auf das Mittelalter innovativ angewandten Methodik der Netzwerkanalyse eine umfassende Auswertung der vorhandenen (von ihm erstmals) edierten und unedierten Quellen. Zahlreiche selbstentworfene Abbildungen und Tabellen geben einen Einblick in die Stellung der neuchristlichen Gemeinschaft im Verhältnis zu den anderen bedeutenden Gruppen des Adels und des Populus. Auch die räumliche Komponente kommt bei Scheller nicht zu kurz und so rekonstruiert er mit Hilfe zahlreicher selbst erstellter Karten des Stadtgebiets von Trani deren Entwicklung innerhalb des Stadtgebiets, was Leser/innen beinahe das Gefühl gibt in den mittelalterlichen Gassen der Stadt zu wandeln. Das vorläufige Ende für die Neuchristen von Trani kam dann 1495 mit deren Vertreibung aus der Stadt, spätere Versuche sie endgültig aus dem gesamten Königreich Neapel zu vertreiben, scheiterten jedoch wenige Jahrzehnte später. Scheller beschließt das Buch mit der Erzählung der zeitgenössischen Wiedergeburt der jüdischen Gemeinde von Trani. Als überaus wertvoll dürfen die dargebotene Prosopografie und die Transkriptionen von benutzten Quellen gelten, die künftiger Forschung wertvolle Dienste leisten wird.

Methodisch ordnet Scheller sein Werk dem Genre der „untersuchenden Darstellung“ zu (S. 28). Seine Fragestellung adressiert die Differenz zwischen Juden, Christen und den dazwischen stehenden Neuchristen, sowohl in deren Wohngebieten, als auch ihren wirtschaftlichen Aktivitäten und ihren sozialen und rechtlichen Praktiken. Die Massenkonversion von 1292 hatte eine umfassende Wirkung und seine Studie forscht nach diesen Folgen und ihren Wechselbeziehungen zu In- und Exklusion der Neuchristen (S. 16). Dabei kündigt Scheller durchaus an, dass er die konvertierten Juden fast nur im Kollektiv und weniger als Einzelpersonen in den Blick nehmen kann. Ebenso hebt er hervor, dass das Königreich Neapel als Ganzes analysiert werden muss, jedoch auch immer wieder in die Nahaufnahme auf lokaler Ebene (wofür er – als die bedeutendste Konvertitengemeinde Apuliens – Trani gewählt hat) geschwenkt werden muss (S. 17).

Inhaltlich gäbe es zahlreiche hervorzuhebende Passagen auf die es einzugehen wert wäre. Daher nur eine kleine Auswahl: Scheller wirft mit Hilfe vorhandener Berichte und Quellenmaterials einen Blick auf die Vorgeschichte der Protagonisten dieses Buches und fördert dabei erstaunliches zu Tage. Er betont den Sonderweg, den die süditalienischen Anjou gegenüber anderen Mittelmeeranrainern, wie Aragon, Frankreich und dem Zweig der Familie Anjou in der Provence, mit ihrer permissiven Haltung gegenüber der inquisitorischen Judenverfolgung im Königreich Neapel einschlugen (S. 48). In den genannten drei Herrschaftsgebieten war die jüdische Gemeinschaft direkt dem Herrscher unterstellt, was vor allem deren Unterstellung unter die betreffende Jurisdiktion beinhaltete. In Neapel waren die jüdischen Gemeinden unter kirchlichem Besitz (S. 51), wodurch sich dem Anjou-Herrscher in Neapel durch dessen Unterstützung der Inquisitoren neue Einkünfte erschlossen (S. 55). Ebenso spannend ist die Rolle der Neuchristen im Verlauf der bürgerkriegsähnlichen städtischen Unruhen von Trani zwischen 1454 und 1463. Scheller kann dabei plausibel argumentieren, dass die Neofiti gestärkt aus den inneren Unruhen hervorgingen und sich als quasi dritte Partei in der städtischen Führung neben Adel und Populus als Kaufleute im Verhältnis von 2:1:1 etablierten. Zuvor war das Verhältnis von Adel zu Populus 2:2, wobei die Neuchristen als Teil des Populus galten – nach den Auseinandersetzungen konnten die Neuchristen, im Gegensatz zum bisher vorherrschenden Forschungsdiskurs, ihre Stellung als Kaufleute stark ausbauen und bekamen ihren eigenen Sitz (S. 144).

Im Gegensatz zu den inhaltlich sehr sorgfältig recherchierten Themen kam es jedoch zu einigen „handwerklichen“ Problemen, die vor allem die Zitation und das Lektorat betreffen. Aufgefallen sind beispielsweise doppelte Absätze und längere doppelt verwendete Zitate mit teilweise erheblichem räumlichem Abstand innerhalb des Buches – so beispielsweise das Zitat über eine gewisse den Neuchristen zugeschriebene Ketzerei, das sowohl auf Seite 297, als auch auf Seite 341 beide als Zitat 113 als Beispiel verwendet wird. Ebenso ist eine Passage über die Rolle von exilierten Traneser Neuchristen im benachbarten Barletta auf den Seiten 139 und 141 zu finden (zusätzliche Beispiele sind die Bewährungsauflage für die Neuchristen auf den Seiten 126 und 145 und die intolerabilia gravamina auf den Seiten 61 und 62). Manche dieser Dopplungen lassen den aufmerksamen Leser dann an Déjà-vu glauben und ihn einige Seiten zurückblättern, wobei dies zu verschiedenen Zeiten Irritation ausgelöst hat. Der wissenschaftliche Handapparat der Studie ist äußerst umfangreich und beinhaltet mehrmals halbseitige lateinische Quellenzitate, was sich teilweise hemmend auf den Lesefluss auswirkt. Ebenfalls verwirrend ist der Umgang mit den Zitaten im Fließtext und im Handapparat. Es war keine durchgängige Handhabung der Übersetzungen vom Lateinischen ins Deutsche erkennbar, stattdessen situationsabhängige Lösungen. Viele Stellen belässt Scheller im Fließtext lateinisch, manches Mal bietet er eine deutsche Übersetzung (S. 41). Da dies nicht weiter thematisiert wird, muss davon ausgegangen werden, dass Scheller das Lateinische voraussetzt. Konsistent wäre hingegen gewesen, wenn er alle betreffenden Stellen dann entweder in Latein oder Deutsch gehalten hätte. Ebenso bietet er keine Übersetzungen ins Deutsche bei italienischen Textpassagen im Fließtext (bspw. S. 272, S. 296). An anderen Textstellen werden wörtliche Zitate nicht eindeutig mit einem Anfang oder Ende versehen, sondern es wird mit anderer Schrift oder falscher Einrückung ein alternatives Ende suggeriert (bspw. S. 44, S. 92). Auf die Verwendung von gendergerechter Sprache wurde ohne Angaben von Gründen leider verzichtet. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass sowohl das verwendete Kartenmaterial sorgfältig eingesetzt wurde und an der richtigen Stelle präsent war, als auch die Auswahl an Abbildungen und Tabellen einen recht guten Einblick in die Thematik gewährte. Das nicht weiter identifizierte Zielpublikum kann nach Meinung des Rezensenten nur im relativ engen Feld der Historiker gefunden werden, da die starke Verwendung des Lateinischen eine diesbezügliche Selektion nahelegt.

Insgesamt gesehen ist das Werk von Scheller zu den Neuchristen von Trani eine Auswertung eines bisher wenig beachteten Phänomens, das einen Einschnitt in die Geschichte Europas bedeutete (S. 11). Durch seine Beschäftigung mit dem Quellenmaterial und dem Ansatz der Netzwerkanalyse gelang es einen teilweise neuen Blick auf die konvertierten Juden und deren Nachkommen zu werfen und vor allem aber auch die Prozesse hinter Inklusion und Exklusion verstehen zu lernen. Es handelt sich insgesamt um eine wertvolle Darstellung, die neben den schon intensiv beforschten Themen der Konversion der Iberischen Halbinsel in späteren Jahrhunderten, ein ganz neues Licht auf eine andere Region und eine andere Zeit des Mittelmeerraums wirft.[2] Das Werk kann inhaltlich vollkommen empfohlen werden. Eine weitere Beschäftigung mit den Themen von Inklusion und Exklusion auch über die herkömmlichen europäischen Epochengrenzen hinweg, wie hier von Scheller vorgenommen, wäre für einzelne andere mittelalterliche und frühneuzeitliche Gruppen wünschenswert und kann hoffentlich durch derartige positive Pionierarbeiten positiv angeregt werden.[3] Ansätze dazu sind bereits in verschiedenen Veranstaltungen der letzten Jahre erkennbar und Schellers Werk ist Teil dieses integrativen und transdisziplinären Ansatzes.[4]

Anmerkungen:
[1] Institut für vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter <http://www.geschichte.hu-berlin.de/bereiche-und-lehrstuehle/migei/IVGEM> (15.05.2014).
[2] Vgl. dazu bspw. Klaus Herbers Klaus / Nikolaus Jaspert (Hrsg.), Integration – Segregation – Vertreibung. Religiöse Minderheiten und Randgruppen der Iberischen Halbinsel (7.–17. Jahrhundert), Berlin 2011.
[3] Vgl. besonders die Beiträge zu Mittelalter und Früher Neuzeit in: Herbert Uerlings / Iulia-Karin Patrut (Hrsg.), Inklusion/Exklusion und Kultur. Theoretische Perspektiven und Fallstudien von der Antike bis zur Gegenwart, Köln 2013.
[4] Tagungsbericht Gesellschaftliche Randgruppen in Ost- und Mitteleuropa seit dem Mittelalter. Wissenschaftliche Nachwuchstagung des Instituts für Germanistik und des Historischen Instituts der Adam-Mickiewicz Universität Poznań und des Herder-Institutes Marburg. 04.11.2009–06.11.2009, Poznań, in: H-Soz-u-Kult, 16.12.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2895> (26.09.2014).

Redaktion
Veröffentlicht am
19.12.2014
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/