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Titel
Demonizing the Jews. Luther and the Protestant Church in Nazi Germany


Autor(en)
Probst, Christopher J.
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 251 S.
Preis
€ 59,04
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benedikt Brunner, Münster

Das Themenjahr 2013 der Lutherdekade widmete sich dem Verhältnis von Reformation und Toleranz. Glücklicherweise entwickelte sich diese Themenwahl nicht zu einer Lobhudelei der Reformation als Wurzel für moderne Toleranzvorstellungen, sondern führte auch zu einer dezidiert kritischen Auseinandersetzung mit den „dunklen Seiten der Reformation“.[1] Einen besonders „dunklen“ Aspekt stellen die Äußerungen des Reformators Martin Luther (1483–1546) über die Juden dar.[2] Gemeinhin ist bekannt, dass diese Äußerungen in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft zur Legitimierung der Judenfeindschaft verwendet wurden, um Luthers Aussagen für Ziele zu instrumentalisierten, die außerhalb der Vorstellungskraft eines Menschen des 16. Jahrhunderts lagen.[3]

Der amerikanische Historiker Christopher J. Probst stellt in seinem 2012 veröffentlichten Buch, das auf seiner 2008 am Royal Holloway College der University of London eingereichten Doktorarbeit basiert, die Rezeption dieser Äußerungen dar. Probst interessiert vor allem die Frage nach der langanhaltenden Kontinuität von Antisemitismus und Antijudaismus im Christentum. Er folgt dabei einer von Gavin Langmuir entwickelten Definition, nach der Antisemitismus „hostility aroused by irrational thinking about ‚Jews‘“ ist (S. 4), wohingegen Antijudaismus als „nonrational“ zu charakterisieren sei. Der Verfasser vertritt mit Langmuir ferner die Ansicht, dass die Dichotomie zwischen „anti-Judaism as ‚theological‘ or ‚religious‘ hostility“ auf der einen und „antisemitsm as ‚racial‘ animus“ auf der anderen Seite sich empirisch nicht nachweisen ließe und deshalb zu verabschieden sei.

Nachdem er in einem ersten Kapitel die Langmuirsche Definition nochmals ausführlicher dargestellt hat, erläutert er die Relevanz von „‚minor‘ texts and conventional wisdom“ für seine Studie. Er versucht nämlich den Niederschlag antisemitischen und antijudaistischen Denkens unterhalb der Ebene der „großen Figuren“ des Kirchenkampfes zu untersuchen, was sich in seiner Quellenauswahl bemerkbar macht. Der Rest des ersten Kapitels wirkt einigermaßen disparat. Zunächst referiert er den Standardtext Shulamit Volkovs über „Antisemitismus als kulturellen Code“[4] woran sich ein sehr geraffter Überblick über die antisemitischen Bewegungen vom Kaiserreich bis in die Zeit des Nationalsozialismus anschließt. Daran wiederum schließt sich eine kurze Skizze der Ordnungstheologie Paul Althaus’ an; klar ist, dass es hier wohl um die Vorbedingungen der zu untersuchenden Diskussionen gehen soll, doch der Studie mangelt es hier an Stringenz.

Das zweite Kapitel untersucht die Äußerungen Martin Luthers über die Juden. Inhaltlich geht er zwar kaum über den aktuellen Forschungsstand hinaus, er konstatiert aber wohl zu Recht, dass die Wirkungsgeschichte von Luthers Aussagen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert noch genauer untersucht werden müsse. Er leitet in die weiteren inhaltlichen Kapitel mit der Feststellung ein, dass die dort von ihm analysierten Aussagen zumindest zu einem Teil ihre Ideen aus Luthers Judenschriften übernommen haben.

Probst zeichnet im dritten Kapitel anhand einiger von ihm so bezeichneter „minor figures“ aus der akademischen Theologie überzeugend die Unterschiede, aber auch kongruierende Elemente der Rezeption Luthers im Blick auf die „Judenfrage“ nach. Er kann dabei nachweisen, dass auch auf den unteren theologischen Ebenen der Bekennenden Kirche antisemitisches Denken verbreitet war. Dabei habe man sich auf beiden Seiten unterschiedlicher Umgangsformen bedient, die Theologen der Bekennenden Kirchen hätten dabei, wie er drastisch formuliert, versucht Luther und die Christenheit vor den Nazis zu retten „but not their Jewish neighbors“ (S. 83).

Die beiden nachfolgenden Kapitel versuchen diesen Befund weiter zu vertiefen. Zunächst widmet sich der Autor den Pastoren der Bekennenden Kirche. Während man gewisse Sympathien für getaufte Juden hegte, geriet das Schicksal der nichtgetauften Juden nur selten in den Blick. Es überwog, so Probst, ein defensiver Gestus, mit dem man Vereinnahmungen Luthers zu verhindern suchte. Auf deutschchristlicher Seite stellte man sich sehr viel offensiver auf die Seite des Staates und gegen die Juden. Dies sei auch einer einseitigen Auslegung der Lutherschriften geschuldet gewesen. Am Ende des Kapitels vergleicht er die Ansätze der beiden kirchlichen Richtungen miteinander. Die Verwendung einer „irrational, antisemitic argumentation“ wie sie Langmuir in seiner Definition als Konstitutivum angedacht hatte, findet sich mit unterschiedlichen Gewichtungen in beiden Gruppierungen: „Neither party had a monopoly on hatred of unconverted Jews.“ (S. 143) Zum anderen macht er deutlich, dass auch die Bekennende Kirche keinesfalls für die ungetauften Juden eingetreten sei. Wünschenswert wären an dieser Stelle für eine adäquate Verortung und Bewertung dieses Befundes noch Hinweise auf das Verhalten anderer Teile der deutschen Gesellschaft im Dritten Reich gewesen.

Sehr anregend und wichtig ist das sechste Kapitel, in dem er die „unaffiliated Protestant ‚middle‘“ im Blick auf ihre Äußerungen zur „Judenfrage“ untersucht. In der bisherigen Erforschung der protestantischen Kirchen im Nationalsozialismus wurden diejenigen, die sich weder den Deutschen Christen noch der Bekennenden Kirche anschließen wollten, oftmals nicht hinreichend berücksichtigt. Seine Auswahl besteht mit Heinrich Bornkamm und Heinrich Hermelink aus zwei profilierten Kirchen- und Reformationshistorikern, ergänzt durch den Pastor und späteren Missionswissenschaftler Walter Holsten. Mit der Ausnahme von Hermelink – bei dem Probst zumindest den Versuch ausmacht, irrationales antisemitisches Denken zu überwinden – sei fehlende kirchenpolitische Zugehörigkeit nicht mit ideologischer Ferne zu verwechseln. Allerdings wird nicht ganz deutlich, inwiefern die „unaffiliated ‚middle‘“ dann überhaupt eine sinnvolle Analysekategorie darstellen kann.

Zusammenfassend ist insbesondere die doch recht dünne Quellenbasis zu kritisieren. Dies wiegt deshalb schwer, weil die Auswahl der – an sich durchaus überzeugenden Fallbeispiele – für den Leser nicht nachvollziehbar gemacht wird. Auch hätte man sich in der Einleitung eine umfassendere Einführung in die theologie- und kirchenhistorischen Rahmenbedingungen gewünscht. Positiv und weiterführend erscheinen zum einen die stärkere Berücksichtigung der Mittelgruppe für historische Arbeiten zum „Kirchenkampf“ – auch wenn die methodischen Schwierigkeiten, die hiermit verbunden sind, deutlich gemacht wurden, zum anderen sollten künftige Studien auch die „minor texts“ stärker in den Blick nehmen, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie in der „zweiten Reihe“ über bestimmte Themen gedacht worden ist. In jedem Fall stellt Probsts Buch eine wertvolle Ergänzung dar, insbesondere dadurch, dass es deutlich macht, wohin eine verkürzte und einseitige Rezeption des „Rebells in einer Zeit des Umbruchs“ (Heinz Schilling) führen kann.

Anmerkungen:
[1] So etwa von Margot Käßmann, Die dunkle Seite der Reformation, in: FAZ, 01.04.2013.
[2] Vgl. Thomas Kaufmann, Luthers „Judenschriften“ in ihren historischen Kontexten, Göttingen 2005; ders., Luthers „Judenschriften“. Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung, Tübingen 2011. Zumindest die ältere Arbeit wird von Probst auch zur Kenntnis genommen. Während der Abfassung der Rezension erschien: Thomas Kaufmann, Luthers Juden, Stuttgart 2014.
[3] Identifikationsfigur für alles und jeden. Gespräch mit dem Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann über eine Verbindung zwischen Martin Luthers Theologie und der Kriegsbegeisterung evangelischer Theologen im August 1914, in: zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 15 (2014), S. 38–41.
[4] Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code, München 2000.

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Veröffentlicht am
13.01.2015
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