Neuerscheinungen zu Fotografien antijüdischer Pogrome in Berlin 1938

: Ein Pogrom im Juni. Fotos antisemitischer Schmierereien in Berlin, 1938. Berlin  2013. ISBN 978-3-95565-013-1

: Kristallnacht?. Bilder der Novemberpogrome 1938 in Berlin. Berlin  2013. ISBN 978-3-940231-08-6

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sandra Starke, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Berlin

Das Unvermögen der Fotografie, insbesondere unter den Bedingungen der NS-Diktatur authentische Bilder von der Gewalt des frühen nationalsozialistischen Terrors herzustellen, ist schon häufig ein Thema der Fotogeschichte gewesen. Die wenigen Bilder, die wir kennen, zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Trotzdem prägen sie unsere Erinnerung an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung bis heute.[1] Noch nie hat die Diskussion dazu geführt, diese Bilder nicht mehr zu zeigen, vermutlich aus einem Mangel an Alternativen.

Den Autoren zweier Bände mit Fotos der Pogrome im Jahr 1938 gelingt es auf überzeugende Weise und eng am Bild, die Themen Entstehung, Darstellung der historischen Ereignisse, Gebrauch und historischer Kontext der überlieferten Fotografien zu erarbeiten. Als historische Quellen werden die Fotos im Hinblick auf ihre Potenziale und ihre Rezeption kritisch befragt und nicht als Illustration missverstanden. Es geht hier nicht um professionell entstandene Einzelbilder im Sinne Gerhard Pauls[2], die später zu Ikonen wurden, sondern um Bilder und Serien, die aus ihrem historischen Entstehungskontext heraus betrachtet werden.

Ein großes Verdienst beider Bände ist die Einordnung der Bilder in die tatsächlichen historischen Ereignisse und auch das Aufzeigen der Lücke zwischen dem abgebildeten und dem realen Terror. In Berlin als Reichshauptstadt fiel diese Lücke mit Blick auf die Novemberpogrome besonders groß aus. Von mindestens 3000 zerstörten und/oder geplünderten Geschäften nur in Berlin sind den Recherchen von Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel zufolge 27 Fotos von insgesamt 20 Geschäften in öffentlichen Archiven erhalten. Klar werden die Motive benannt, die nicht fotografiert wurden: das nächtliche Einschlagen der Schaufensterscheiben mit Eisenstangen, Plünderungen durch die Bevölkerung (hier ist nur ein einziges Foto überliefert), die Gegenwehr der jüdischen Geschäftsinhaber oder auch die weiteren „Maßnahmen“ wie das Anzünden der Synagogen und die Verhaftung und Verschleppung von rund 3000 jüdischen Männern in das KZ Sachsenhausen. Die Gründe für diese „weitgehende Fotolosigkeit“[3] liegen in einer wirksamen Bildzensur, die anscheinend einige Fotoagenturen schon im Vorfeld davon abgehalten hatte, sich um realitätsnähere Bilder zu bemühen. Nur solche Fotos, die Agenturen für harmlos hielten, wurden der Zensurstelle im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda vorgelegt. Obwohl es im November kein generelles Fotoverbot gab, sind doch Fälle von verhafteten Fotografen und/oder beschlagnahmten Kameras bekannt geworden: darunter auch die Ereignisse, die im November 1938 zu einer diplomatischen Krise zwischen Kolumbien und dem Deutschen Reich führten. Obwohl in der Veröffentlichung von Kreutzmüller/Weigel ein eigener Abschnitt dem bekannten Beispiel Kurfürstendamm gewidmet ist, findet diese Geschichte leider keine Erwähnung.

Am 10. November 1938 fotografierte der noch nicht akkreditierte Gesandte Kolumbiens im Deutschen Reich, Jaime Jaramillo Arango, zusammen mit seinem ersten Botschaftssekretär Rafael Rocha-Schloss aus einem Botschaftswagen heraus die Zerstörungen der Geschäfte auf dem Kurfürstendamm. Schon in der Nacht zuvor hatten beide das Geschehen mit Entsetzen beobachtet: „Als wir in der Nähe unserer Wohnung auf dem Kurfürstendamm ankamen, waren wir plötzlich überrascht, als wir sahen, wie eine Gruppe von Leuten, die mit Eisenstangen ausgerüstet war, alle großen Geschäfte, die sich in dieser Straße befanden, systematisch einschlug. [...] Hier und dort an den Ecken, geschützt durch die Dunkelheit, standen einige Autos, von denen Personen mit den schwarzen Uniformen der S.S. [...] Anordnungen gaben und die widerliche Verwüstung leiteten. Das Spektakel, das die Hauptader Berlins zeigte, war wahrlich entsetzlich, die zerstörten Glasscheiben über den ganzen Bürgersteig verstreut, die Waren zerfetzt und im Innern der Kaufhäuser die Trümmer. So kam es, daß die Bevölkerung Berlins am nächsten Morgen der größten Demonstration von Vandalismus unserer modernen Zeiten beiwohnen mußte.“[4]

Die Botschaftsangehörigen wurden nachdem sie am nächsten Morgen auf dem Kurfürstendamm die Verwüstungen fotografiert hatten von der Polizei gestoppt, festgesetzt und weigerten sich, Kamera und Film auszuhändigen, indem sie sich auf ihren diplomatischen Status beriefen. Tatsächlich mussten beide nach diesem Vorfall Berlin verlassen, hatten aber offensichtlich ihre Fotos behalten, sodass sich die New Yorker Agentur Intercontinents News Photos noch im November (wegen des allgemeinen großen Interesses) mit der Bitte an das kolumbianische Außenministerium wandte, Kopien der Fotos zu erhalten. Auch wenn diese vermutlich nie veröffentlicht worden sind, scheinen die Bilder sich doch bis vor wenigen Jahren im Besitz der Familie Rocha-Schloss befunden zu haben.[5] Vielleicht hätten sie das Spektrum der im zu besprechenden Band über die Novemberpogrome vorgestellten Fotografien um wichtige Aspekte erweitern können, weil die Fotos nicht unter der Maßgabe ihrer Eignung zur Veröffentlichung entstanden. Denn besonders in der Reichshauptstadt Berlin achtete man darauf, dass unkontrollierte und drastische Bilder gar nicht erst entstanden und so auch nicht in die ausländische Presse gelangen konnten. Ein vorab erlassenes Verbot durch das Propagandaministerium war jedoch nicht erwünscht, hätte es doch die propagandistische Mär eines sich spontan entladenden „Volkszorns“ gegen die jüdische Bevölkerung als geplante Inszenierung entlarvt.

Aus ereignisgeschichtlicher Perspektive gelingt es Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel, den Dreischritt von Boykott und Kennzeichnung, Zerstörung und Plünderung sowie Arisierung jüdischer Geschäfte als Prozess des gewaltsamen Ausschlusses aus dem Wirtschaftsleben überzeugend darzustellen. Keinesfalls werden die sorgfältig recherchierten Schicksale der Besitzer und Angestellten vergessen. Auch die vorab gegebene sehr klare Einschätzung des zeitgenössischen Begriffs „Reichskristallnacht“ als Entschuldungsstrategie „braver Bürger“ ist sicher für viele Leser hilfreich[6], da er immer noch weit verbreitet zu sein scheint oder seine Vermeidung als übereifrige political correctness gelten könnte. Auch die Perspektive von außen, die Darstellung der Novemberpogrome in der ausländischen Presse, besonders im Hinblick auf die frühe, zeitgenössische Publikation jener Fotografien ist eine wichtige Ergänzung des Bandes: Wie und mit welchen Bildern wurde international über die deutschen Pogrome berichtet?

Auf den ersten Blick überzeugen die handlichen Paperback-Formate, die zum wiederholten Betrachten einladen, wenn auch die Bildunterschriften im Band über die Novemberpogrome mikroskopisch klein ausfallen. Eine Lesehilfe für heutige Betrachter zu geben und ein Bewusstsein für den historischen Kontext der Bilder zu schaffen ist zweifellos ein wichtiger Beitrag beider Bände und ihrer Autoren, doch springt ein Unterschied ins Auge: Während die Fotos des Junipogroms aus Serien von zwei namentlich bekannten privaten Fotografen (Kurt Mirbach und Hans Spieldoch) stammen, speist sich die Herkunft der 27 Bilder des Bandes zum Novemberpogrom in Berlin aus nicht weniger als zehn verschiedenen Quellen, darunter viele unbekannter Herkunft. Umso schmerzlicher vermisst man besonders in diesem Band alle Angaben und Hinweise zur Materialität der abgebildeten Fotografien. Rückseiten, mögliche Bildunterschriften, Angaben zur Größe und Abbildung mit Rand hätten dem eher homogenen Eindruck der Bilder wichtige Aspekte hinzufügen können. Der einzige namentlich bekannte Fotograf dieses Bandes ist Karl H. Paulmann, überliefert im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz. Er scheint ein bekannter lokaler Berliner Fotograf gewesen zu sein, der auch in den 1960er-Jahren noch für Berliner Museen und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz fotografierte. Wenn es den Autoren trotz angestellter Recherchen nicht gelungen sein sollte, mehr über ihn herauszufinden, hätte ich mir als Leserin hierzu eine Anmerkung gewünscht. So wurde in diesem Band über die Novemberpogrome mit fast ausschließlich professionellem Bildmaterial aus öffentlichen Archiven gearbeitet, deren Entstehungsmotivation sich fast immer an der kommerziellen Verwertbarkeit für Presseagenturen orientierte. Auch wenn nur wenige und verharmlosende Bilder in die ausländische Presse gelangten, existierten eine Reihe von Bildern der Novemberpogrome – im Gegensatz dazu erschienen die Zeitungsberichte über das Pogrom im Juni 1938 ganz ohne Bilder.

Dem Pogrom Ende Juni 1938 war eine Polizeiverordnung im gleichen Monat vorausgegangen, nach der die jüdischen Besitzer ihre Schaufenster namentlich zu kennzeichnen hatten. Nach dieser öffentlichen Markierung waren die Geschäfte das leicht erkennbare Ziel weiterer Schikane und Verfolgung. In den meisten Fällen war es jedoch bei farbigen Schmierereien auf den Schaufenstern und Werbetafeln geblieben, eingeschlagene Schaufenster oder Plünderungen schienen noch die Ausnahme zu sein. Die Buchstaben, Kommentare, Karikaturen und Zeichnungen von Galgen oder Davidsternen wirken uneinheitlich und wurden von vielen verschiedenen Menschen angebracht. Mindestens vier ausländische Journalisten waren bei dem Versuch, während des Juni-Pogroms zu fotografieren, festgenommen und ihre Bilder beschlagnahmt worden.[7]

Alle überlieferten Fotografien sind unveröffentlichte Privataufnahmen, aus Täter- oder unbeteiligter Zuschauerperspektive. Aus ihnen spricht manchmal der Stolz auf die dokumentierte Tat selbst oder die Gefährlichkeit des Fotografierens. Diese Aufnahmen sind dann häufig schief oder aus großer Entfernung aufgenommen. Die beiden im Band besprochenen Fotografen des Junipogroms – ein Amateur und ein jüdischer Fotograf – haben möglicherweise unterschiedliche Interessen verfolgt, die aber anhand der Bilder nicht sehr deutlich werden. Eine Veröffentlichung der Bilder war für beide vermutlich nicht geplant, kann aber als Motivation auch nicht ganz ausgeschlossen werden. Der Arbeiter Kurt Mirbach fotografierte eine Serie von zwölf Bildern am Alexanderplatz und auf der Großen Frankfurter Straße jeweils aus sicherer Distanz von der anderen Straßenseite aus. Auch fotografierte er nicht in der unmittelbaren Umgebung seiner Wohnung. Aus diesen Fotos kann man die Angst des Fotografen herauslesen, entdeckt zu werden. Von Passanten völlig unbemerkt agiert er mit einem dokumentarisch-topographischen Blick auf die jüdischen Geschäfte. Die Menschen auf der Straße verhalten sich weitgehend passiv und scheinen an den Anblick der beschmierten Schaufenster bereits gewöhnt zu sein. Wie die Autoren zu Recht bemerken, bleibt seine Intention im Bereich des Spekulativen, nur dass er nicht den Tätern und ihren Taten zustimmt, ist deutlich.[8] Eine kritische Haltung der Fotografen zu den Ereignissen kann nicht nur aus den Bildern selbst heraus nachgewiesen werden, ist aber im Zusammenhang mit ihrer Verwendung besser nachvollziehbar. Das Fotografieren von vermutlich „Verbotenem“ ohne Auftrag betont das Besondere – die Nicht-Alltäglichkeit des Geschehens – und ist doch als Geste zu verstehen, die die außergewöhnlichen Ereignisse vor dem Vergessen und Verschweigen zu bewahren sucht. Die Fotos sind wie in Eile aufgenommen, die Auswahl des Bildausschnitts kann kaum eine Rolle gespielt haben, das Motiv bleibt auf das Wesentliche in der Bildmitte reduziert.

Der jüdische Fotograf Hans Spieldoch nahm eine Serie von elf Fotos in der Stadt aus einer relativen Nahsicht auf. Die Details der Schmierereien, ihre Unterschiedlichkeit und auch die häufigen Reaktionen der Passanten auf die Schmierereien werden deutlicher mit einbezogen. Einige Passanten stellen auch Blickkontakt zu dem Fotografen her, wenn sie nicht gerade in die Betrachtung der beschmierten Schaufenster vertieft sind. Somit hebt der professionelle Fotograf unter großem persönlichen Risiko stärker den Aspekt der Öffentlichkeit hervor, das Wissen um die bzw. die Beteiligung an der Verfolgung der jüdischen Nachbarn, das auch die Gespräche dieser Tage auf der Straße bestimmt haben mag.

Obwohl beide Konvolute nur einen kleinen Ausschnitt der Verfolgung abbilden, zeigen sie doch die immer stärker als Normalität akzeptierte Tatsache, dass die jüdischen Nachbarn nun gewaltsam aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen wurden. Schon dass die Entstehung dieser Fotografien durch die professionelle Bildlenkung und -propaganda verhindert werden sollte, macht sie zu einer wertvollen historischen Quelle. Weniger als Widerstandshandlung können diese Fotografien aber als „eigensinniges Handeln“[9] der privaten Fotografen gelten, die als Ergänzung zur offiziellen, „sauberen“ NS-Selbstsicht wichtige Aspekte und neue Motive beisteuern können. Offene Gewalt des NS-Regimes war ein visuell weitgehend tabuisiertes Motiv, und diese Bilder arbeiten bis heute dagegen an.

Anmerkungen:
[1] Die Sicht der Autoren ist in diesem Punkt ambivalent: „Dennoch prägt die weitgehende Fotolosigkeit unsere Wahrnehmung dessen, was wir heute Holocaust oder Shoah nennen, bis zum heutigen Tag.“ Siehe Kreutzmüller / Weigel, Kristallnacht?, S. 58. An anderer Stelle: „Vor allem brachten die Zeitungen – insbesondere die US-amerikanischen – das Gros der überlieferten Fotos und prägten damit unser Bild der Pogrome nachhaltig – bis zum heutigen Tag.“ Ebenda , S. 21.
[2] Vgl. Gerhard Paul, Bilder des Krieges – Krieg der Bilder. Die Visualisierung des modernen Krieges, Paderborn 2004.
[3] Kreutzmüller / Weigel, Kristallnacht?, S. 58.
[4] Gesandtschaft Kolumbien, Brief von Rafael Rocha-Schloss an den Außenminister Kolumbiens vom 16.11.1938, zitiert nach: Hermann Simon, Neue Quellen zum Novemberpogrom in Berlin, S. 5f., <http://www.via-regia.org/bibliothek/pdf/heft6465/simon_neue_quellen.pdf> (30.06.2014).
[5] Vgl. Simon, Neue Quellen, S. 7.
[6] Vgl. Kreutzmüller / Weigel, Kristallnacht?, S. 4.
[7] Vgl. Kreutzmüller / Simon / Weber, Ein Pogrom im Juni, S. 26.
[8] „Mangels anderer Hinweise können wir diese Fragen letztlich nicht beantworten.“ Ebd., S. 8.
[9] Das Konzept des Eigensinns entwickelte Alf Lüdtke etwa in: Ders., Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg 1993.

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Veröffentlicht am
24.10.2014
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