James Owen: Labour and the Caucus

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Titel
Labour and the Caucus. Working Class Radicalism and Organised Liberalism in England, 1868–1888


Autor(en)
Owen, James
Reihe
Studies in Labour History 3
Erschienen
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 102,91
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Detlev Mares, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Manche Studie beantwortet eine Teilfrage der Geschichte so überzeugend, dass sich das historische Gesamtbild kaum noch erklären lässt. Dieses Kunststück ist James Owen mit seiner Darstellung gelungen: Er erläutert, warum es in den zwanzig Jahren nach der Ausweitung des Wahlrechts auf die städtische Arbeiterschaft (1867) in Großbritannien nicht zur Ausbildung einer eigenständigen Arbeiterpartei kam, sondern die politische Arbeiterbewegung sich an der Liberal Party orientierte. Seine Ausführungen sind dermaßen schlüssig, dass sie es am Ende kaum noch nachvollziehbar erscheinen lassen, wie es jemals zur Gründung einer eigenständigen Arbeiterpartei kommen konnte.

Die herkömmliche Arbeiterhistoriographie hat damit wenig Probleme: Sie beschreibt für die Zeit ab 1868 einen allmählichen Frustrationsprozess, in dessen Verlauf die Hoffnung der Arbeiter, ihre „Klasse“ als Teil der Fraktion der Liberalen im Parlament repräsentiert zu sehen, enttäuscht wurde. Vertreter der Unterschichten stießen nach dieser Lesart in den einzelnen Wahlkreisen oft schon bei der Kandidatenkür auf Widerstände durch den lokalen Parteiapparat, so dass nur in Ausnahmefällen (so in zwei Fällen in Bergbaudistrikten in der Parlamentswahl 1874) Arbeitern der Einzug ins Unterhaus gelang. Als dem Arbeiterführer Keir Hardie 1888 bei einer Nachwahl im schottischen Mid-Lanark wie so vielen Arbeiterkandidaten zuvor wegen Widerständen im lokalen liberalen Establishment der Einzug ins Unterhaus versagt blieb, war das Maß voll: Die Niederlage erschien als Beleg für die fehlende Bereitschaft der Liberalen, Arbeiterkandidaturen jenseits rhetorischer Floskeln zu unterstützen. Hardie rief eine Independent Labour Party ins Leben, die zu einer Keimzelle der späteren Labour Party wurde.

Hardie und seine Unterstützer machten in ihrer Kritik an der Liberal Party vor allem einen Übeltäter für die Verhinderung von Arbeiterkandidaturen verantwortlich: das „Caucus-System“. Darunter verstanden sie die von lokalen liberalen Eliten gesteuerten Parteiapparate, die mit Tricks und Raffinessen eigene Kandidaten gegen die Interessen der Mehrheit der Wähler eines Wahlkreises durchzusetzen wussten. Ursprünglich zur Sicherung liberaler Wahlkreismehrheiten gegen die konservative Konkurrenz geschaffen, hatte sich der Caucus zu einem Instrument zur Verhinderung der Arbeiterrepräsentation entwickelt.

Mit diesem Bild des Caucus räumt Owen energisch auf. Er argumentiert, die Attacken auf den Caucus seien in erster Linie ein rhetorisches Mittel der jungen Labour Party gewesen, um die Trennung von den Liberalen zu forcieren und zu legitimieren. Durch die Angriffe auf den Caucus wurde nach dieser Lesart ein klarer Bruch mit der Vergangenheit inszeniert, der der neuen Partei einen motivierenden Start in die Eigenständigkeit erlaubte. Historikerinnen und Historiker, die eine unaufhaltbare Ablösung der Arbeiterschaft von der Liberal Party beschreiben, sitzen nach Owen der taktisch motivierten Selbstdarstellung der frühen Labour-Protagonisten auf. In seiner auf die Untersuchung von vier Wahlkreisen (Birmingham, Nottingham, Newcastle, Sheffield) gestützten, chronologisch Themenschwerpunkte setzenden Studie zeigt er auf, dass das Verhältnis zwischen Arbeiterbewegung und Liberal Party vielgestaltiger war, als es das herkömmliche Bild vermuten lassen würde. Es gab keine teleologische Entwicklungslinie, sondern lokal unterschiedlich verlaufende Aushandlungsprozesse zwischen verschiedenen Akteuren.

Allerorten stößt Owen auf Kontinuitäten in den Argumentationsmustern, die gegen eine allmähliche Verschlechterung des Verhältnisses von Arbeitern und Liberalen sprechen. Bereits nach den für Arbeiterkandidaten erfolglos verlaufenen Wahlen 1868 und bei den verschiedenen Organisationsansätzen der Arbeiterrepräsentation in den Folgejahren findet sich eine Rhetorik der Kritik an den lokalen Parteiapparaten, die bis in die Formulierungen hinein Keir Hardies Vorwürfen aus dem Jahr 1888 entspricht. Diese brachten somit keine neue Erfahrung der späten 1880er Jahre zum Ausdruck, sondern wiederholten gängige Klagen. Den Caucus-Begriff übernahm man in den 1870er Jahren – sowohl für die organisatorischen Neuansätze innerhalb des liberalen Wahlkreismanagements als auch für die Vorbehalte dagegen – aus den USA, wobei die Kritiker meist eine amerikanisierte „political machine“ gegen die gute alte britische Tradition stellten.

Auch bei der Untersuchung ländlicher Arbeiterorganisationen und der kurzlebigen republikanischen Bewegung der frühen 1870er Jahre fördert Owen zwar einen „sense of separateness“ (S. 77) zutage, aber dieser ging einher mit einer „cross-organisational activity“ (S. 61) zwischen politischen Gruppierungen von Liberalen und Arbeiterbewegung. Diese Kooperationen bestanden trotz so mancher aufgebauschter Konfrontationsrhetorik oft langfristig fort. So war selbst in den 1880er Jahren nicht ganz klar, was eine eigenständige Arbeiterpartei jenseits der Liberal Party eigentlich bedeuten sollte. Für manche Protagonisten existierte eine solche „Partei“ bereits innerhalb der liberalen Fraktion durch die (wenigen) Arbeiter, die den Einzug ins Parlament geschafft hatten; manche rechneten auch bürgerliche Verfechter von Arbeiterinteressen zur Arbeiterpartei, wieder andere beharrten darauf, nur Personen aus der Arbeiterklasse selbst könnten eine solche Partei bilden. Zusätzlich unübersichtlich wurden die Konflikt- und Überschneidungslinien zwischen Liberalen und Arbeiterbewegung durch die Irland-Problematik: Manche englischen Arbeiter sahen sich gemeinsam mit den Iren im Kampf gegen die herrschende Aristokratie, andere wandten sich als Verteidiger des Empire gegen die irischen Forderungen nach mehr Autonomie. Selbst explizit als sozialistisch auftretende Arbeiterkandidaten orientierten sich – wie Owen am Beispiel einer Parlamentskandidatur von John Burns in Nottingham zeigt – stark an den lokalen Gegebenheiten, die oft eingespielte, bisweilen religiös untermauerte Kooperationsmechanismen zwischen Liberalen und Arbeiterschaft aufwiesen. Entgegen der marxistischen Interpretationslinie argumentiert Owen, dass dies keineswegs Ausdruck eines mangelnden Klassenbewusstseins der (in diesem Fall: Berg-)Arbeiter war – „quite the opposite: Harmonious relations between the miners and local Liberalism and employers reflected an assertion of equality, not subservience“ (S. 185). Für die Arbeiter sei es darum gegangen, einen „true liberalism“ gegen den Parteiapparat zu formulieren, wo dieser die Arbeiterrepräsentation behinderte.

Statt einer grundlegenden Ablehnung gegenüber Arbeiterkandidaten betont Owen immer wieder die jeweiligen lokalen Voraussetzungen, die das Verhältnis zwischen Arbeitern und Liberalen als Kaleidoskop spezifischer Konfigurationen statt einer klaren ideologischen Abgrenzung erscheinen lassen. Gerade wenn neben den Parlamentswahlen weitere Erfahrungen mit Wahlkämpfen, zum Beispiel bei der Zusammensetzung der School Boards, einbezogen werden, ergibt sich ein ganzes Bündel an möglichen Ursachen für das Scheitern von Arbeiterkandidaten, so „lack of finance, localism, working-class Conservatism and, more broadly, working-class apathy towards direct labour representation“ (S. 50).

Mit dem Aufzeigen des Kooperationspotentials von Liberalen und Arbeiterbewegung steht Owen in der Tradition einer seit den 1990er Jahren als „Revisionisten“ auftretenden Historikerriege, die die gesellschaftliche und politische Integrationskraft von Liberalismus und Liberal Party nach 1867 herausstellt. Owens Ideen sind daher nicht immer so neu, wie er suggeriert – so sind unter anderem die ins Leere laufenden Bestrebungen um einen „wahren Liberalismus“ bereits Gegenstand historischer Analyse gewesen. Wo Owens Studie mit wenigen ausblickenden Sätzen abbricht, müsste die Forschung ansetzen, um den trotz aller Kooperation mit den Liberalen einsetzenden Erfolg der eigenständigen Labour Party zu erklären. Owens Ergebnisse weisen somit über die Markierungen von 1868 und 1888 hinaus und verlangen nach einer neuen Vor- und Entstehungsgeschichte der Labour Party. Dabei wäre auch die Rolle des Klassenbegriffs als Element einer identitätsstiftenden Mobilisierungsrhetorik näher zu untersuchen – gerade diesen Begriff verwendet Owen, der ansonsten sorgfältig den Konstruktcharakter politischer Sprache berücksichtigt, oft seltsam „essentialistisch“; die „Arbeiterklasse“ erscheint stellenweise wie ein selbstverständlicher historischer Akteur gegenüber den Liberalen, statt dass der Begriff durchgehend auf seine strategische Ausgestaltung in den unterschiedlichen politischen Kontexten hin untersucht würde. Wichtig ist Owens Studie wegen der sorgfältigen Nachzeichnung lokaler Voraussetzungen für die Entwicklung des Verhältnisses von Arbeiterschaft und Liberal Party. Dadurch lenkt sie den Blick weg von den meist im Zentrum stehenden Metropolen, insbesondere Londons, und weg von der Engführung auf die landesweiten Parlamentswahlen hin zur Vielzahl lokaler Aktivitäten. Zudem bringt seine Studie die Argumentation prägnanter auf den Punkt als manche bisherige Arbeit zu diesem Thema. Damit leistet Owen einen wesentlichen Beitrag zur Untersuchung des Verhältnisses von Liberal Party und Arbeiterschaft nach der Wahlreform von 1867.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.10.2015
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