F. Balke u.a. (Hrsg.): Mediengeschichte nach Friedrich Kittler

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Titel
Mediengeschichte nach Friedrich Kittler.


Herausgeber
Balke, Friedrich
Reihe
Archiv für Mediengeschichte 13
Erschienen
München 2013: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
179 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Neubert, Institut für Medienwissenschaften, Universität Paderborn

Dass die Geschichte im Computerzeitalter an ihr medientechnisches Ende gelangt sei, ist eine jener Diagnosen, die sich mit dem Denken Friedrich A. Kittlers verbinden, der als Gründungsfigur der deutschen Medienwissenschaft gilt. Mit Kittlers Tod 2011 ist ein wachsendes Interesse an der Einordnung seines Œuvres zu verzeichnen, das hierzulande zugleich eine Standortbestimmung und Selbstbeschreibung der Medienwissenschaften als akademische Disziplin markiert.[1] „Mediengeschichte nach Friedrich Kittler“ lautet entsprechend das Thema des 13. Bandes des Weimarer „Archivs für Mediengeschichte“, herausgegeben von Friedrich Balke, Bernhard Siegert und Joseph Vogl. Das ‚nach‘ zielt dabei auf den doppelten Sinn einer an Kittler orientierten (‚secundum‘) und einer auf Kittler folgenden (‚post‘) Mediengeschichte. Zwischen diesen beiden Polen, vielleicht Alternativen, vollzieht sich die Rezeption Kittlers, deren Produktivität für die Herausgeber vor allem in einer umfassenden De-Ontologisierung der Medien liegt (S. 6f.).

Den Auftakt des Bandes macht ein bis dato unveröffentlichtes Tagungsmanuskript von Werner Hamacher aus dem Jahr 1984. Es handelt sich um eine polemische Standortbestimmung zur Lage der deutschen Nachkriegsphilosophie zwischen anglophonen Einflüssen eines sozialwissenschaftlich orientierten Pragmatismus auf der einen Seite und der französischen poststrukturalistischen Philosophie auf der anderen Seite. In seiner Kritik der deutschen Geisteswissenschaften umreißt Hamachers Text noch einmal jene akademische Ausgangslage, die zu den bekannten Kontroversen um Kittlers Habilitationsschrift führte. Die Überlieferungsgeschichte von Hamachers Manuskript, der unscheinbare Paratext seiner nachträglichen Kommentierung und Historisierung, die Fragen nach der zeitgemäßen und unzeitgemäßen Positionierung von Diskursen im Verhältnis zueinander und zu den Bedingungen, die sie begünstigen oder blockieren, all diese Aspekte bieten bereits ein hochverdichtetes Lehrstück über die Komplexität dessen, was unter der Bezeichnung „Mediengeschichte“, vor und nach Kittler, auf dem Spiel stand und steht.

Unter den folgenden Beiträgen beschäftigt sich eine erste Gruppe gezielt mit der wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung Kittlers. Henning Schmidgen geht von der Beobachtung aus, dass Kittlers Denken zunächst weniger vom Interesse an der Geschichte einzelner Medien als vielmehr von der Orientierung an Michel Foucaults Diskursanalyse und Wissensarchäologie geprägt war. Den eigentlichen Referenzrahmen Kittlers macht Schmidgen aber in der Psychoanalyse Jacques Lacans aus. Der Titel „Aufschreibesysteme“, den Kittler von Daniel Paul Schreber übernimmt, artikuliere einen intrinsischen Zusammenhang zwischen Paranoia und Erkenntnis, der die Epistemologie und Methode der frühen Schriften Kittlers als eines „auf die Geschichte orientierten Beziehungsdenkens“ präge, das – vergleichbar mit dem Deutungswahn des Paranoikers – „mit enormer Hellsichtigkeit zwischen biographischen Details und großen Diskursformationen oszilliert“ (S. 33). Solche Differenzen zur klassischen Diskursanalyse verfolgt Schmidgen im Blick auf die Behandlung der Literaturwissenschaft, der Geschlechterverhältnisse und der Universität in Kittlers „Aufschreibesystemen“. In der Folge habe sich Kittlers Positivismus immer stärker von der Ebene der konkreten Analyse entfernt, auch der programmatische Bezug auf Hardware begreife sich als „informationstheoretischer Materialismus“ (S. 39), der die Maschine letztlich auf das Symbolische reduziert.

Die Rolle von Technologien innerhalb des ‚medialen Aprioris‘ von Kittlers Mediengeschichte ist Gegenstand des Beitrags von Arndt Niebisch. Ausgehend vom Vergleich mit Manuel De Landas „War in the Age of Intelligent Machines“ (1991)[2] diskutiert Niebisch die Bedeutung des Militärs als wesentlichem Agens technischer Innovation bei Kittler und die daran anschließende Frage einer Eigenlogik technischer Entwicklung bzw. des Technikdeterminismus. Auf der Ebene des historischen Narrativs und der Temporalität sei in Kittlers spätem Griechenland-Projekt eine wichtige Verschiebung zu verzeichnen; Niebisch sieht hier eine „rekursive Verschränkung von Turingzeit und Griechentum“ (S. 102) am Werk. Auch Christian Köhler und Matthias Koch gehen auf den Topos des Technikdeterminismus ein, dem sie ein „kulturtechnisches Apriori“ entgegensetzen, das in Kittlers Denken bereits seit den „Aufschreibesystemen“ wirksam sei. Tatsächlich hatte Kittler den Begriff der Kulturtechniken im nachgelieferten Vorwort seiner Habilitationsschrift eingeführt. Für Köhler und Koch ergibt sich von hier eine direkte Verbindung zu Konzepten aus dem Umfeld der Akteur-Netzwerk-Theorie, etwa den Begriffen der „Operations-“ oder „Übersetzungskette“, die in der aktuellen Kulturtechnikforschung zunehmend Beachtung finden. Ob eine solche Umschrift des Kittlerschen Werks als Kulturtechnikforschung als Akteur-Netzwerk-Theorie tatsächlich ein produktives Misreading sein kann oder ob hier nicht allzu viele Differenzen getilgt werden, bliebe zu prüfen.

Eine zweite Gruppe von Beiträgen des Bandes versammelt Fallstudien, die sich im weitesten Sinne innerhalb des Kittlerschen Bezugsrahmens situieren. Hierzu gehören Rupert Gaderers Beschreibung des „Querulanten“ als eines historischen Typus, wie ihn das Aufschreibesystem um 1800 mit dem Rückkopplungsmedium der Supplik hervorbringt, und Nawata Yǔjis Aufsatz zur durch analoge Medien wie Grammophon, Telefon, Film und Radio zugleich inspirierten und gekoppelten Weltliteratur bei August Strindberg, Arthur Schnitzler und dem japanischen Dramatiker Yamamoto Yǔzǒ im Aufschreibesystem um 1900. In einem sehr lesenswerten Beitrag zu Buckminster Fullers „World Game“ von 1969 beleuchtet Christina Vagt den Zusammenhang von Fiktion und Simulation im Übergang vom Planspiel zur Computergrafik und zeigt dabei, dass Mediengeschichte sich nicht in technischen Realisierungen erschöpft, sondern buchstäblich „Entwurfsgeschichte“ (S. 119) ist. In einer Engführung von Friedrich Kittler und William S. Burroughs zeigt Marian Kaiser, wie das Phänomen der Rückkopplungen in der Literatur und der Medientheorie zugleich als Kontrolltechnik und als Instrument der Subversion lesbar wird. In spezifischer Weise ‚nach Kittler‘ situiert sich der Beitrag von Moritz Hiller zur Frage der Archivierung des Kittler-Nachlasses, der neben diskursiven Schriften auch Apparate und Programmcodes umfasst. Geleitet von der Frage nach einer materiellen Philologie zur Speicherung von Mediengeschichte kreist Hillers Text um das Verhältnis von Diskurs und Signal, Sinn und Spur, Soft- und Hardware.

Eine dritte Gruppe von Aufsätzen behandelt Perspektiven, die Korrekturen an Kittlers Mediengeschichte vornehmen bzw. Gegenpositionen artikulieren: Für Nina Wiedemeyer führt die Fixierung auf das Dispositiv der Schrift, das heißt auf Fragen der Codierung und Decodierung, zu einer Sicht auf das Buch als Programm oder Maschine, in der sich seine Gegenständlichkeit aber nicht erschöpft; am Beispiel von „Grammophon Film Typewriter“ zeigt Wiedemeyer eindrücklich, wie Kittlers eigene Bücher an seiner Medientheorie mitschreiben. Auch Maren Haffke fühlt Kittlers großen Erzählungen auf den Zahn, diesmal im Bereich der Musik und Akustik. Nach Haffke verdankt sich Kittlers medienhistorische Interpretation der Instrumentalimprovisation des Jazz als partiturloses, in Form von Schallplatten analog aufgezeichnetes musikalisches ‚Analphabetentum‘ eher einem romantisierenden Missverständnis. Susanne Janys gelungener Beitrag zu „Prozessarchitekturen“ widmet sich einer medialen Analyse der „räumlichen Organisation von Arbeitsabläufen“ (S. 135) innerhalb von Zweckbauten wie Krankenhäusern, Bahn- oder Schlachthöfen. Dass Jany ihren Ansatz als Gegenposition zu Kittlers Stadt- und Architekturtheorie begreift, überrascht indes, insofern ihre Analysen auf die architektonische Diskretisierung, Algorithmisierung und Kybernetisierung von Arbeitsprozessen setzen und das von ihr gewählte Beispiel des Postamts ausgerechnet eine Nachrichtentechnik betrifft. Den vielleicht bemerkenswertesten Beitrag zu einer Mediengeschichte post Kittler stellen Jussi Parikkas Überlegungen zu einer ökologischen Tieferlegung der Frage nach der Temporalität und Materialität von ‚Medien‘ dar. Den Begriff der Hardware beim Wort nehmend – „we have never been hard enough“ (S. 65) –, sollte nicht nach der Funktion technischer Geräte gefragt werden, sondern nach den Stoffen, aus denen sie gemacht sind. Mediengeschichte hätte es dann mit chemischen Substanzen, Halbwertszeiten, Rohstoffen, Material- und Energiekreisläufen zu tun, Technik- oder Seinsgeschichte würde durch Naturgeschichte ersetzt – was in Teilen ja bereits das Projekt von Harold A. Innis war.

Insgesamt ist der Band „Mediengeschichte nach Kittler“ unbedingt zur Lektüre zu empfehlen: Als Beitrag zur Fachgeschichte der deutschen Literatur- und Medienwissenschaft, als Überblick über die proliferierende medienwissenschaftliche Agenda in so verschiedenen Bereichen wie Psychoanalyse und Literatur, Buchwissenschaft und Ökologie, Musik und Philologie, Architektur und Recht; vor allem aber als konzentrierte Auseinandersetzung mit dem intellektuellen Vermächtnis Friedrich Kittlers.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. die Dokumentation des Habilitationsverfahrens in der Zeitschrift für Medienwissenschaft 6 (2012), 1, S. 114–195; die Aufsatzsammlung Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart, hrsg. von Hans Ulrich Gumbrecht, Frankfurt am Main 2013; zur angelsächsischen Rezeption vgl. stellvertretend Geoffrey Winthrop-Young, Kittler and the Media, Cambridge 2011.
[2] Manuel De Landa, War in the Age of Intelligent Machines, New York 1991.

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16.10.2014
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