Rumänische Legionärsbewegung und Genozid

Heinen, Armin; Schmitt, Oliver Jens (Hrsg.): Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die "Legion Erzengel Michael" in Rumänien 1918–1938. München  2013. ISBN 978-3-486-72291-8

: Deutschland und die Verfolgung der Juden im rumänischen Machtbereich 1940-1944. . München  2014. ISBN 978-3-486-72293-2

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Berlin

Unter den im Gefolge des Ersten Weltkriegs entstandenen rechtsextremen und faschistischen Gruppierungen, die die europäische Politik in den Zweiten Weltkrieg trieben und Anteil hatten an der Realisierung des Genozids an der europäischen Judenschaft, hat die rumänische Legiunea ‚Arhangel Mihai’/Garda de fier (Legion „Erzengel Michael“/Eiserne Garde) in der Forschung lange einen Sonderstatus eingenommen – nicht immer zu Recht, wie Constantin Iordachi und Mihai Chioveanu in ihren Beiträgen zu dem vorliegenden, vielfach Neuland betretenden Sammelband betonen. Was die von ihrem Anführer Corneliu Zelea Codreanu begründete und über ein Jahrzehnt durch eine komplexe politische und gesellschaftliche Dynamik gesteuerte „Bewegung“ und ihre beiden Parteien (1930 Grupul Corneliu Zelea Codreanu, 1937 Totul pentru Ţară, Alles für das Land) herauszuheben schien, war nach Ansicht der beiden rumänischen Forscher vielfach dem eher konventionell-stereotypen Blick auf Rumänien geschuldet. Die beiden rumänischen Autoren betonen als Seitenaspekt ihrer Beiträge, dass die Legion bei allen Eigenheiten durchaus als ein integraler Teil der europäischen Szenerie des Faschismus zu betrachten sei.

An äußeren Merkmalen des Sammelbandes ist zunächst hervorzuheben, dass er neben einem interessanten Bildteil (der allerdings kaum in den Texten genutzt wird) vier umfangreiche Abhandlungen enthält, die mit ihren zum Teil weit mehr als 40 Druckseiten die übliche Aufsatzlänge überschreiten. Thematisch bieten diese Studien durch ausgiebige Archiv- und/oder Vorarbeiten neue Blicke auf das Charismakonzept (Iordachi), die Wahlanalyse (Traian Sandu), einen geplanten Propagandazug nach Bessarabien (Wolfram Nieß) und die Arbeiterschaft innerhalb der Legion (Oliver Jens Schmitt).

Zurückgehend auf eine Tagung in Wien hat die Publikation, wie die Herausgeber betonen, vor allem dem Umstand versucht Rechnung zu tragen, dass mit der Öffnung der Archive nach 1989 nun neue Perspektiven eröffnet und die Forschung auf eine sicherere Basis gestellt werden können. Insbesondere Armin Heinens zum Standard gewordene Studie von 1986 über die Legion[1] könne nun durch seinerzeit nicht mögliche Archivstudien historisiert werden bzw. ihre Tragfähigkeit erweisen.

In seinem Beitrag zur Wahlagitation der Legionärsbewegung untersucht Heinen die zwischen 1931 und 1937 von 1,05% auf 15,58% sprunghaft angestiegene Wählergunst in ihrer Regionen und soziale Milieus übergreifenden Dynamik. Die Ursache der Entwicklung der Legionärsbewegung sieht Heinen weniger in schichtenspezifischen Ansätzen (Bauern als Träger der Bewegung mit Ausstrahlungen in Lehrerschaft und untere Kirchenhierarchie als radikalisierter Mittelschicht), sondern eher in Modernisierungskrisen, in denen der Abbau traditioneller Strukturen der Propaganda der Legionärsbewegung Möglichkeiten zur Rekrutierung von Anhängern in unterschiedlichen Regionen und Sozialmilieus eröffnete. Es gelang Codreanu in der allgemeinen Opposition gegen König Carol II. bei der Wahl von 1937 auch die bürgerlichen Parteien zu einem Stillhalten zu veranlassen. Das Ergebnis der Wahl führte dann in der Konsequenz zur Königsdiktatur Carol II., der 1938 die Führer der Legion festnehmen und ermorden ließ.

Seit Heinens klassischer Studie von 1986 wird das Verhältnis von Mitgliederschaft, Anhängern und Wählern der Legionärsbewegung diskutiert. In seinem umfangreichen, auf neue Archivstudien gestützten Beitrag differenziert Traian Sandu bis in die Städte und wohlhabenden Schichten hinein Heinens früheren Nachweis des Wandels der Wählerstruktur. Bis 1937 Sandu sieht die Legionsparteien mit Iordachi als „catch-all“-Partei (S. 67) und keinesfalls als Ausdruck einer ihre Position verlierenden Mittelschicht. Er kann aufgrund zweier Dokumentenfunde aus Polizei und Gendarmerie in Bukarest und Cernăuţi (Czernowitz) das Verhältnis von Mitgliedern und Anhängern nach Berufskategorien präzisieren und bestätigt weitgehend Heinens Koeffizienten von 1:4 bis 1:6 dieses Verhältnisses, aus dem dann der Erfolg der Wahlen 1937 resultierte. Seine weitere Analyse macht deutlich, dass trotz der Bestergebnisse von 1937 keinesfalls die Konkurrenz der legalen antisemitischen Partei PNC (Partidul Naţional-Creştin) aus den Anhängern des früheren Codreanu-Mentors A.C. Cuza zu vernachlässigen ist. Darüber hinaus wird ersichtlich, dass die Legionärspartei bei einer möglichen Mitgliederzahl von um die 80.000 und hoher Anhängerschaft verglichen mit anderen Parteien sogar weniger Wähler mobilisieren konnte, als eigentlich zu erwarten war. Diese von Heinen bereits konstatierte Schwäche findet ihre Begründung in der geringen Ausstrahlungskraft einer revolutionären Antisystempartei außerhalb des eigenen Milieus. Entgegen eigener Propaganda gelang es nicht, etwa die Armee in ihren höheren Rängen zu durchdringen; auch das Verhältnis zur orthodoxen Kirche blieb ambivalent.

Für die Analyse des Legionärsfaschismus besitzt letzterer Aspekt eine besondere Bedeutung. In mehreren Beiträgen wird auf die religiös-mystische Ausrichtung der Legionärsbewegung rekurriert. Am ausführlichsten in der faktenreichen Abhandlung von Constantin Iordachi über den nicht zuletzt von den Anhängern im Nachhinein vielfach reklamierten charismatischen Charakter der Bewegung, der auf die Führungserscheinung von Codreanu zurückgehe. Gegen solche vielfach exkulpatorisch angelegten Zuschreibungen durch frühere Anhänger setzt Iordachi das Konzept eines Max Webers Ansatz weiter entwickelnden „charismatischen Nationalismus“, in dem nicht nur individuelle Konstellationen sondern auch sozialwissenschaftliche Analysen von Bruchlinien innerhalb der rumänischen Gesellschaft zum Tragen kommen. Denn wie der Autor feststellt, gab gerade die ‚Verarbeitung’ der konfliktreichen Verdopplung des Staatsterritoriums nach dem Ersten Weltkrieg faschistischen Gruppen Anlass zu Forderungen nach einem ethnisch homogenen „heiligen“, christlichen Staat, nach religiöser Gestaltung der Politik, nach Implementierung allgemeiner Begriffe von Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Gleichheit in die sozialen Verhältnisse.

Ein im Falle Rumäniens nach 1919 nicht zu vernachlässigender Faktor stellt auch die Generationenfrage dar – es waren zunächst Schüler und Studenten, die ihre Welterrettungsvorstellungen mit brutaler Gewalt gegen die jüdischen Bürger und das politische „Establishment“ durchzusetzen versuchten. Das Nebulöse des Legionarismus äußerte sich in der Tatsache, dass Codreanu die Formulierung eines politischen Programms ablehnte, aber vorgab, eine jeden einzelnen Menschen verändernde Bewegung soweit zu treiben, dass sie auch politisch Konsequenzen zur „Errettung des Vaterlandes“ erzielen müsse. Dadurch konnte die Diskrepanz von angeblich religiös motivierter Haltung und politischer Realität für die Anhänger überzeugend in der Schwebe gehalten werden. Iordachi wertet als zentrale Funktion des Führer-Charismas die Überdachung divergenter Ansätze und Tendenzen in der Legionärsbewegung durch einen bewussten messianischen Mobilisierungsdiskurs. Dieser mystifizierend-visionären Vereinheitlichung dienten diverse Kulte, Traditionen, Bücher, in denen Codreanu zum Träger einer charismatischen Sendung stilisiert wurde. Entsprechend ergänzt auch der von Rebecca Haynes untersuchte wichtige Toten- und Märtyrerkult der Legion und die Behauptung eines aus einer Erweckung hervorgehenden „Neuen Menschen“, der quasi in der Legion wiedergeboren werde und dem messianisch ersehnten, veränderten Rumänien endlich zur Wiedergeburt verhelfe, Iordachis Perspektive.

Die quasi- oder proto-religiöse Inszenierung verfing eher bei Lehrern, Studierenden, Priester der unteren Ebene, da die Legion am wenigsten vom Atheismus der modernen Parteien gezeichnet war; in der höheren Hierarchie der Kirche wurde sie gerade wegen ihrer eigenen Form der Religiosität eher argwöhnisch betrachtet, wie auch die Wahlanalysen von Sandu zeigen. Mihai Chioveanu bezeichnet in seinem Beitrag die Religiosität der Legionsbewegung treffend als „destruktive Mimesis“ (S. 83) und hebt die Unnachgiebigkeit als unterscheidendes Merkmal zwischen ihr und der vielfach opportunistisch sich anpassenden Orthodoxen Kirche hervor. Von den äußeren Formen her lasse sich daher die Bewegung als politische Religion deuten und in eine Reihe mit ähnlichen Beispielen in Europa stellen. Roland Clark lenkt den Blick darauf, dass die mit Blick auf die männerbündische Struktur formulierte Beobachtung des Charismas auch bis in die Bukarester Gesellschaft hinein für die Mütter und Ehefrauen der Legionäre, galt, wie das Beispiel der Schauspielerin Marieta Sadova zeige oder die Professorenfamilie Manoilescu.

Ausführlicher in der Darstellung und tiefer in die Geschichte und die Struktur der Legionärsbewegung dringen auf der Basis umfangreicher Quellenrecherchen die Beiträge von Nieß und des Mitherausgebers Schmitt.

Oliver Jens Schmitt eröffnet eine sozialstrukturelle Perspektive in seiner umfangreichen Untersuchung der Arbeiterschaft innerhalb der Legion. Bereits an den Anfängen der politischen Aktivität Codreanus stand in Iaşi, noch bevor er die antisemitische Studentenbewegung anführte, der Kontakt mit der Arbeitswelt. Schmitt zeigt, dass es die Streikbrecheraktivität in Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten und Nationalisten war, die Codreanu politisch aktiv werden ließ. Von hier aus folgt Schmitt der Rolle der Arbeiterschaft in der Legion und deren nebulöser Wirtschaftskonzeption und kommt zu einer völligen Neubewertung der innerhalb der Legion 1936 mit einer eigenen Gruppierung (Corpul Muncitoresc Legionar, CML) aufgewerteten Arbeiterschicht: Im Kern der Bewegung fanden sich 1937 als größte revolutionäre Gruppe, die für die Agitation zur Verfügung stand, die Arbeiter und nicht die Studenten! Allerdings bleibt die soziale Beschreibung des Arbeiters in der Legionärsbewegung schillernd, vielfach handelte es sich um gerade vom Land in die Stadt migrierte Bauern, womit sich wieder grundsätzlich die häufig diskutierte Frage nach der agrarischen Fundierung der Legion stellt.

Nieß entfaltet in der Folge von Heinens Forderung nach regionalgeschichtlichen Darstellungen aufgrund der neuerdings möglichen Archivzugänglichkeit ein reiches Panorama der Legion im Jahre 1930, als sie aus wahltaktischen und ideologischen Motiven heraus einen Zug in die Provinz Bessarabien plante, um ein besonders stark mit Problemen belastetes Terrain Groß-Rumäniens für sich zu gewinnen. Bessarabien stellte als vormals zaristisch verwaltetes Gebiet den Bukarester Zentralismus nach 1919 vor große Probleme: Wegen der mangelnden Zustimmung zum neuen rumänischen Staat, der prekären Wirtschaftssituation, dem jahrelangen Besatzungsregime unter Kriegsrecht, der hohen Analphabetenrate, der Verachtung für die Politiker, der Grenze zur Sowjetunion etc. bot sich hier ein von Bukarest kaum zu lösendes Bündel von Herausforderungen an die proklamierte Einheit der Nation. Nieß zitiert Geheimdienstquellen, nach denen sich die bessarabischen Intellektuellen unverblümt wünschten, „sich früher oder später der Rumänen“ zu entledigen (S. 229). Hier sah Codreanu aus der benachbarten Moldau eine „Wahlkampfwüste“, die zu beackern der Legion durch einen groß angelegten Propagandazug der Grünhemden bei der Wahl 1930 Stimmen einbringen sollte. Auf der Basis zahlreicher Polizei- und Geheimdienstquellen kann Nieß detailliert einen Einblick in die Verhaltensweisen verschiedener Akteure des Vorhabens geben, die letztlich zum Verbot des Marsches führten. Es zeigt sich, wie die staatliche Autorität gegenüber der auf großes Interesse bei der Landbevölkerung in Bessarabien stoßende Bewegung reagierte. Ebenso aufschlussreich ist die Differenzierung von Legionärsbewegung und den violent antisemitischen Anhängern von Codreanus früherem Mentor A.C. Cuza (Liga Apărării Naţional Creştine, LANC), mit der die Legion als ihr Ableger zeitgenössisch fälschlich vielfach miteinander identifiziert wurde. Nicht zuletzt die lebensweltliche Fundierung der legionären Inszenierung mit Liedern, Märschen, Reden, gemeinsames Arbeiten mit der Bevölkerung, die später auch im Arbeitermilieu ihre Wirkung entfalten sollte, findet in Nieß’ und Schmitts Quellen eine ereignisnahe Spiegelung; die Gemeinschaft stiftende Funktion des Singens in der Legion wird in dem zusammengefassten Beitrag von Andra-Octavia Drăghiciu herausgearbeitet.

Der auffälligste Kern der Legionärsbewegung war der extreme und gewalttätige Antisemitismus, der zumindest in der Moldau ein Vorbild in dem Bauernaufstand von 1907 besaß. Dort ließen sich, worauf nur Sandu und Chioveanu hinweisen, ähnliche Muster der Inszenierung erkennen (Studenten und Schüler als Unterstützer, Lehrer und Priester als Anstifter gegen die ‚Obrigkeit’). Radu Harald Dinu präsentiert einige der Beispiele, wie die sozialen Praktiken des Antisemitismus sich erst jenseits der doktrinären Verbrämungen als Orte des Sozialen erweisen. Dabei geraten auch die jüdischen Abwehrmaßnahmen in den Blick der Untersuchung (wie die Einbeziehung der jüdischen und auch der Perspektive anderer Parteien ein interessantes Thema für künftige Forschungen darstellen kann). Die Funktion des Antisemitismus reicht weit vor die Unruhen von Iaşi 1922 und ist auch als Teil der Abwehr von garantierten Minderheitenrechten in der Folge der Staatsgründung 1866 und -erweiterung nach dem Ersten Weltkrieg zu sehen.[2]

Der ansprechend gestaltete Sammelband erfüllt weit mehr als sein Ziel eines „Zwischenstands“ bei der Erforschung der rumänischen Legionärsbewegung. Nicht zuletzt, dass er zu weiteren Fragestellungen anregt und methodische Wege eröffnet, dürfte ihn zu einem bedeutenden Meilenstein in der Historiographie des rumänischen Faschismus machen.

Endet der Band mit der „Bewegungsphase“ und dem Tod der Führer der Legionärsbewegung 1938, so bleibt die Phase des Anteils der Legion unter Horia Sima am „Legionärsstaat“ mit Marschall Ion Antonescu an der Spitze und ihre außenpolitisches Verhältnis etwa zu Hitler-Deutschland außerhalb des Fokus.

Ergänzend kann hierzu nun eine neue Studie von Hildrun Glass herangezogen werden, die sich die Frage nach dem vielfach diskutierten Verhältnis von nazistischer Politik und rumänischen Kriegszielen bei der Realisierung des Genozids an einem Teil der rumänischen und ukrainischen Judenschaft stellt. Hierbei hatte auch der Antisemitismus der Legionärsbewegung eine gewisse Rolle, die nach der Niederschlagung ihrer Revolte im Januar 1941 nur noch im Hintergrund politisch wirksam wurde und wie Glass im Detail zeigen kann, bei Gelegenheit von den Deutschen als Drohkulisse zur Ausübung von Druck auf die Antonescu-Regierung verwendet wurde. Die bereits mit wichtigen Beiträgen zur Geschichte der Juden in Rumänien hervorgetretene Historikerin[3] untersucht nun die politische Seite unterschiedlicher Phasen und Intensitäten der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Rumänien im Zusammen- und Widerspiel der verbündeten Regime.

Glass konzentriert sich dabei insbesondere auf die zwischen den beiden Staaten in der politischen und diplomatischen Spitze dokumentierten Akten und Schriftstücke als einer Hauptquellenschicht. In der ausführlichen quellenkritischen Diskussion dieser Funde macht die Autorin klar, dass diese nicht alle Fragen beantworten können, sondern sich durch sie je nach Aktenlage einzelne Vorgänge präzise nachzeichnen lassen, andere wiederum nur von ihren Ergebnissen her oder durch Analogien erschlossen werden bzw. offen bleiben müssen.

Glass macht deutlich, wie Hitler-Deutschland und das Rumänien Antonescus zunächst mit dem Überfall auf die Sowjetunion auch in der Behandlung der jüdischen Bevölkerung ideologisch und faktisch sich annähern (Pogrome, Ghettos, Deportationen, Erschießungen, Verhungernlassen, Krankheiten). In der politisch-militärischen Konstellation Mittelosteuropas kommt allerdings die in dem Sammelband von Heinen/Schmitt vielfach thematisierte regionale Gemengelage Groß-Rumäniens wieder zum Tragen: Bukowiner und bessarabische Juden werden ghettoisiert und deportiert nach Beendigung der sowjetischen Okkupation infolge des Molotov-Ribbentrop-Pakts im Jahr 1940/41; in Alt-Rumänien werden Juden weiter entrechtet und enteignet, können sich aber unter Umständen durch Zahlungen vor weiteren Maßnahmen schützen. Die Juden in Südsiebenbürgen und dem Banat werden insbesondere durch ihre Nähe zu Ungarn wiederum zu einer ganz eigenen Manövriermasse im schwierigen politisch-militärischen Kriegsdreieck Ungarn-Deutschland-Rumänien.

Im Zentrum von Glass’ Interesse steht der um den „Staatsführer“ Ion Antonescu, stellvertretenden Ministerpräsident Mihai Antonescu, den deutschen Gesandten von Killinger den „Judenberater“ Gustav Richter und ihnen zuarbeitenden Personen sich abspielende Nachrichtenverkehr. Weitere Quellenbestände liefern Institutionen wie AA, SS, RSHA etc. Ausgiebig zieht Glass auch meist rechtfertigende Dokumente aus Nachkriegsprozessen, Memoiren und Erinnerungen heran und kann so ein äußerst dichtes Gewebe der über Leben oder Tod der jüdischen Bevölkerung entscheidenden Vorgänge im Zentrum der Macht nachzeichnen.

Folgt die Kapiteleinteilung „Kongruenz, Konvergenz und Dissens“ der etablierten Sicht auf Rumäniens Verhalten gegenüber dem Kriegsverbündeten, so sind es Glass’ detaillierte Quellenanalyse, die vor allem die Veränderung der deutschen Intentionen vor und nach der Wannsee-Konferenz und die der rumänischen Perspektive mit der Niederlage von Stalingrad nachvollziehbar machen. Die Dynamik der Beziehungen reicht von der Übernahme deutscher Deportationsplanungen und ethnischen Säuberungen beim Überfall auf die Sowjetunion, um die verlorenen Gebiete Nord-Bukowina und Bessarabien zurück zu gewinnen, zur eigensinnigen Haltung Rumäniens in der Frage der Deportationen vor dem Hintergrund des Verlusts von Nordsiebenbürgen nach dem 2. Wiener Schiedsspruch 1941 an Ungarn. Lange beharrt die Antonescu-Administration auf einer früh gemachten Zusage Deutschlands, Teile der deportierten jüdischen Bevölkerung während des Krieges in ein Ghetto-Territorium jenseits des Bug in der Ostukraine weiter zu transportieren. Als sich die deutsche Seite intern hingegen auf die „Endlösung“ im „Generalgouvernement“ festlegt, hält Antonescu, an der Aussiedlung nach Osten fest. Das Stocken der Ostfront und die Entwicklung in Stalingrad fördern diesen kalkulierten Eigensinn, der zudem überlagert wird von der Furcht nach einer sich abzeichnenden Niederlage zur Verantwortung gezogen zu werden. Aus der Konvergenz wird offener Dissens, als die Niederlage sich abzeichnet und 1944 die Rückkehr der nach Transnistrien Deportierten erlaubt wird. Die Konzentration auf die Ebene des Kontakts zwischen den verbündeten Staatsspitzen eröffnet sowohl die jüdische Perspektive als auch den Blick auf das Geschehen in der Deportation oder den Kriegsablauf meist nur insoweit diese sich in den diplomatischen Kontakten niederschlagen.[4] Aus dieser Beschränkung heraus kann Glass viele der durch nachträgliche Interpretationen und Schutzbehauptungen entstandenen Fehleinschätzungen des Verhältnisses zwischen Rumänien und Hitler-Deutschland in der Frage der Behandlung der Juden ausräumen. Ihre Studie arbeitet zahlreiche Quellen auf und wird für die Beurteilung der politischen Hintergründe der rumänischen Beteiligung an der Shoah auch auf längere Sicht eine der entscheidenden Forschungsarbeiten darstellen.

Anmerkungen:
[1] Armin Heinen, Die Legion des „Erzengel Michael“. Ein Beitrag zum Problem des internationalen Faschismus, München 1986.
[2] Vgl. Dietmar Müller, Staatsbürger auf Widerruf. Juden und Muslime als Alteritätspartner im rumänischen und serbischen Nationscode. Ethnonationale Staatsbürgerschaftskonzepte 1878–1941, Wiesbaden 2005.
[3] Vgl. Hildrun Glass, Zerbrochene Nachbarschaft. Das deutsch-jüdische Verhältnis in Rumänien (1918–1938), München 1996; dies., Minderheit zwischen zwei Diktaturen. Zur Geschichte der Juden in Rumänien 1944–1949, München 2002.
[4] Dadurch tritt ein besonderer Effekt bei der Lektüre der Quellenzitate ein: Es wird deutlich, wie selbst die zwischenstaatliche Bürokratie der Extermination ihr eigenes Tun als Normalität der Bürokratie zu präsentieren vermag (was der bürokratischen Justiz der Nachkriegszeit die Verurteilung des wirklichen Geschehens so schwer machen sollte).

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04.11.2014
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