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Titel
Polens Wilder Westen. Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945–1948


Autor(en)
Halicka, Beata
Erschienen
Paderborn 2013: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
393 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maren Röger, Deutsches Historisches Institut Warschau / Universität Hamburg

Nicht nur die Vereinigten Staaten hatten ihren „Wilden Westen“, auch Deutschlands östlicher Nachbar Polen – wenngleich natürlich zu anderer Zeit, und unter anderen Vorzeichen. Mit dem Begriff bezeichnete man in Polen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die ehemals deutschen und nun polnischen Territorien. Die offizielle Rhetorik sprach indes von „wiedergewonnenen“ oder „piastischen“ Gebiete mit Bezug auf den Herrschaftsbereich der mittelalterlichen Piasten-Dynastie. Symbolisierte der „Wilde Westen“ in der Geschichte der USA eine Frontiersituation mit all ihren Möglichkeiten aber auch Rechtlosigkeiten für die westwärts ziehenden Siedler, implizierte er im polnischen Fall vor allem die Unsicherheit der „nachdeutschen (poniemiecki)“ Territorien. Deshalb war der Begriff den sozialistischen Machthabern Warschaus ein Dorn im Auge, da sie die positiven Seiten des neuen polnischen Westens in umfangreichen Propagandakampagnen betonten, um möglichst viele potentielle Siedler anzuziehen.

Beata Halickas Monographie „Polens Wilder Westen“ basiert auf ihrer an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder eingereichten Habilitationsschrift. Die am Deutsch-Polnischen Forschungsinstitut der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań mit Sitz am Collegium Polonicum in Słubice wirkende Professorin für Kulturgeschichte Ostmitteleuropas knüpft damit an Forschungen zur polnischen Aneignungsgeschichte der ehemals deutschen Gebiete an, die sich bislang auf einzelne Städte fokussierte. An deutschsprachigen Arbeiten seien insbesondere die Studien von Gregor Thum über Wrocław/Breslau und Jan Musekamp über Szczecin/Stettin genannt, die ebenso an der Viadrina bei Karl Schlögl entstanden sind.[1] Aneignungsgeschichte wird hier spiegelbildlich zur sogenannten Integrationsgeschichte, also der Nachkriegsgeschichte der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen verstanden.[2]

Der von Halicka in Erweiterung der bisherigen Forschungen erbrachte Beitrag wird vor allem in zwei Dimensionen manifest: Zum einen öffnet sie die Perspektive in den Raum. Weg von der bisherigen Stadtfokussierung analysiert sie Prozesse der Aneignung auch in Kleinstädten und Dörfern. Zum anderen bietet Halickas Arbeit einen deutlichen Perspektivwechsel. Stehen bei Thum, Musekamp und (mit deutlich breiterem chronologischem Zugriff) auch bei Peter Oliver Loew [3] eher die von oben gesteuerten Umdeutungen, Umschreibungen der jeweiligen Stadt und deren Geschichte im Zentrum, rückt „Polens Wilder Westen“ die Bottom-Up-Perspektive in den Fokus. Dazu hat Halicka umfangreiche Quellenbestände ausgewertet, vor allem schriftliche Erinnerungen der polnischen und deutschen Bewohner des Oderraumes in den Akten des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete (Ministerstwo Ziem Odzyskanych), des Archivs der Neuen Akten in Warschau, der Staatsarchive in Szczecin, Zielona Góra und Wrocław sowie des Lastenausgleichsarchivs in Bayreuth. Zu den interessantesten Funden gehören sicherlich die Erinnerungstexte von Neusiedlern, die anlässlich der in der Volksrepublik populären Erinnerungswettbewerbe eingesandt wurden und im Posener Westinstitut (Instytut Zachodni) archiviert sind. Halicka konnte die publizierten Egodokumente mit den unzensierten Originalversionen (der Wettbewerbe aus den Jahren 1957, 1966 und 1970) vergleichen. Damit wurde es möglich, nicht nur die ursprüngliche (trotz potentieller Selbstzensur) Sicht der Zeitgenossen auf den „Wilden Westen“ zu rekonstruieren, sondern auch aufzuzeigen, welches Bild von den neuen Gebieten die kommunistischen Machthaber zulassen wollten. Wertvoll sind zudem bislang unbekannte Fotografien, so zum Beispiel des professionellen Fotografen Hanns Tschirra, der die Flucht seiner Familie festhielt. Gerade angesichts der Tatsache, dass für den Großteil der fotografischen Aufnahmen der Evakuierung bzw. der Flucht, der wilden Vertreibung und der staatlich geregelten Umsiedlung von einer Einbettung in politische Kontexte ausgegangen werden muss, kommt diesem Fund Halickas große Bedeutung zu. Erwähnenswert ist an dieser Stelle das für Mai 2014 angekündigte „Begleitbuch“ zur Habilitation mit Erinnerungen polnischer Neusiedler.[4]

Die hier anzuzeigende Arbeit gliedert sich in elf Kapitel, in denen jeweils andere Aspekte der Entvölkerung und Neubesiedelung des Oderraumes im Fokus stehen. Halicka rekonstruiert dabei die Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen, hauptsächlich deutscher, polnischer und sowjetischer Akteure in konkreten Situationen, so zum Beispiel bei Aufbau der Verwaltung oder bei Aufräumarbeiten. Behandelt werden deren unterschiedliche Perspektiven auf die Ereignisse wie die Flucht der Deutschen im Kapitel über die „Dekonstruktion des Oderraumes“ oder auf die Teilung von Wohnraum im Kapitel „Ankunft im Oderraum“. Steht im deutschen öffentlichen Diskurs die Zwangsaussiedlung der Deutschen nach wie vor im Fokus, widmet sich Halicka in den meisten Kapiteln den Geschehnissen nach ihrer Ausweisung. Minutiös rekonstruiert sie das enorme gesellschaftliche Experiment, das die Wiederbesiedlung des fast komplett entvölkerten und zudem stark zerstörten Oderraumes darstellte; innerhalb von drei Jahren wurde die Bevölkerung fast komplett ausgetauscht, ca. 45% der Wohnungen waren zerstört.

Halicka untersucht gesondert die jeweiligen Migrationswege und unterschiedlichen Zwangs- und Motivlagen der Neusiedler. Dazu blickt sie auf die Umsiedlungen aus Ostpolen, euphemistisch bezeichnet als Repatriierung, sowie auf die binnenstaatlichen Migrationen. Als drittgrößte Neusiedlergruppe benennt Halicka Zwangsarbeiter, die aus Deutschland zurückkehrten oder bereits vor Ort waren. Auch die Spannungen zwischen den Gruppen arbeitet sie deutlich heraus. So löste die Tatsache, dass die ostpolnischen Neusiedler kaum geschult im Umgang mit technisch hochentwickelten Gerätschaften waren, bei den anderen Gruppen Häme aus. Zu Beginn der „Inbesitznahme“ des Oderraums, der ein weiteres Kapitel gewidmet ist, waren bei vielen Neuankömmlingen Zweifel verbreitet, ob die Grenzverschiebungen dauerhaft seien, was den ohnehin grassierenden Plünderungen weiteren Vorschub leistete. Unter den Zweiflern waren auch manche Diener des neuen Staates. Als wichtigste Typen der Neusiedler benennt Halicka erstens die „Szabrownicy“, also jene Händler mit oft geplündertem Gut, die sich nicht nur besonders gut im „Wilden Westen“ zurechtfanden, sondern auch zu dessen Charakteristika wesentlich beitrugen. Zweitens gab es die begeisterten Pioniere. Wie von der sozialistischen Staatsführung gewünscht engagierten sie sich auf überdurchschnittlich vielen Posten in der ‚neuen Welt‘, wo dennoch lange Personalmangel vorherrschte. Deshalb wurden in ganz Polen Werbekampagnen zur Ansiedlung vorangetrieben, die sich nicht zuletzt an Spezialisten richteten. So fehlten über lange Zeit vor allem Lehrer. Die Neusiedler verband das Bedürfnis nach einer Rückkehr zu normalem sozialen Leben nach dem Krieg, so dass zur „Aneignung des Raumes“ (Kapitel 9) der Aufbau eines Vereins- und Verbandslebens gehörte.

Ebenso Teil der Aneignung war die Polonisierung, getragen durch die Schleifung des deutschen Kulturerbes und der intensiven Propaganda über die Polonität der „wiedergewonnen“ Gebiete. Von Interesse für die künftige Forschung sind Halickas Beobachtungen zur Interaktion von deutschen Frauen und polnischen, sowjetischen und deutschen Männern. Der Oderraum war im Jahr 1945 ein überwiegend von Männern bewohntes Territorium, was dazu führte, dass deutsche Frauen eine Art sexuellen Tauschhandels trieben, sie aber auch Opfer von Übergriffen wurden. Hier schlägt Halicka erste Schneisen in ein Themenfeld, das noch weiter zu explorieren wäre. In Kapitel 10, „Die neue Gesellschaft“, stellt Halicka die Heterogenität der Neusiedler in ethnischen und kulturellen Kategorien heraus. Standen zuvor die drei eingangs erwähnten Großgruppen im Fokus, geraten hier zusätzlich Juden, Ukrainer, Roma und Griechen in den Blick, wobei unter den polnischen Neusiedlergruppen noch einmal deutlich unterschieden wird in Posener, Zentral- und Ostpolen, Repatrianten und Spätumsiedler. Die beiden erstgenannten waren im Oderraum in der Mehrheit, und dominierten auch insofern, dass sie im Staatsapparat wichtige Positionen innehatten.

Ihr Ziel, „eine Geschichte vom Zerfall einer alten und der Bildung einer neuen Grenzlandschaft im Oderraum“ zu erzählen, die sich „jenseits der bislang dominierenden Meistererzählungen über ‚Wiedergewonnene Gebiete‘ und deutscher Vertriebenendiskurs“ (S. 16) bewegt, hat Halicka klar erreicht. Zu den großen Stärken der Arbeit gehören der Detailreichtum bei der Darstellung, die Verflechtung der unterschiedlichen Perspektiven, der Blick von unten sowie die Integration von Kleinstädten und Dörfern. Bedauerlich allein, dass der Duktus einer Habilitationsschrift den Lesefluss mitunter bremst.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Gregor Thum, Die fremde Stadt. Breslau 1945, Berlin 2003; Jan Musekamp, Zwischen Stettin und Szczecin. Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005, Wiesbaden 2010.
[2] Vgl. für den bibliographischen Überblick bis Ende der 1980er-Jahre Gertrud Krallert-Sattler, Kommentierte Bibliographie zum Flüchtlings- und Vertriebenenproblem in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der Schweiz, Wien 1989. Unter den jüngeren Publikationen vgl. Andreas Kossert, Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2008.
[3] Peter Oliver Loew, Danzig und seine Vergangenheit. 1793 bis 1997. Die Geschichtskultur einer Stadt zwischen Deutschland und Polen, Osnabrück 2003.
[4] Vgl. Beata Halicka (Hrsg.): „Mein Haus an der Oder“. Erinnerungen polnischer Neusiedler in Westpolen nach 1945, Paderborn 2014 (Im Erscheinen).

Redaktion
Veröffentlicht am
09.05.2014
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