S. Braunschweig: Berufsbildung und Arbeitsalltag der Psychiatriepflege

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Titel
Zwischen Aufsicht und Betreuung. Berufsbildung und Arbeitsalltag der Psychiatriepflege am Beispiel der Basler Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, 1886–1960


Autor(en)
Braunschweig, Sabine
Erschienen
Zürich 2013: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
351 S.
Preis
€ 39,50
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Michèle Hofmann, Pädagogische Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz, Solothurn

Die vorliegende Arbeit befasst sich am Beispiel der 1886 gegründeten Basler Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt mit der Geschichte der Psychiatrie im 19. und 20. Jahrhundert. Obwohl die Friedmatt im Zentrum steht, ist die Studie von Sabine Braunschweig keine Institutionengeschichte im klassischen Sinne[1], richtet sich ihr Blick doch auf eine Gruppe von Akteuren, die „bis anhin in der Historiographie der Psychiatrie weitgehend ausgeblendet“ (S. 17) wurden: die Pflegepersonen. Auch bezieht Braunschweig vielfältige und zum Teil bisher nicht berücksichtigte Quellen mit ein. Sowohl der Fokus auf eine ‚neue‘ Akteursgruppe als auch die Quellengrundlage bieten eine interessante Ausgangslage, bringen aber auch gewisse Schwierigkeiten mit sich, wie noch zu zeigen sein wird.

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel und enthält zahlreiche Schwarzweißabbildungen. In der Einleitung (1.) führt Braunschweig in die Geschichte der Psychiatrie ein und legt kenntnisreich den Forschungsstand dar. Weiter behandelt sie in diesem Kapitel die der Studie zugrundeliegenden Thesen und Fragestellungen sowie das methodische Vorgehen, die Quellengrundlage, die Gliederung und den zeitlichen Rahmen der Arbeit. Sie weist insbesondere auf das „Dilemma der Psychiatrie“ hin, das in der „Doppelgesichtigkeit ihres Auftrages bestand, nämlich in ihrer Funktion als therapeutische Institution einerseits und als gesellschaftliche Ordnungsmacht andererseits“ (S. 15). Dieses Dilemma habe dazu geführt, dass die Arbeitsbedingungen der Pflegenden „durch widersprüchliche Anforderungen und Erwartungen geprägt waren“ (ebd.): Die Pflegepersonen waren rund um die Uhr bei den Kranken. „Durch ihre uneingeschränkte Präsenz im Psychiatriealltag waren sie mit eigenen Handlungsmöglichkeiten ausgestattet.“ (S. 19) Gleichzeitig unterstanden sie selbst „einer dauernden Kontrolle und Disziplinierung“ (S. 15). Nebst dieser „Ambivalenz der Berufsrolle“ und der damit verbundenen Frage nach den Handlungsspielräumen der Pflegenden interessiert sich Braunschweig besonders für die Entwicklung des Berufsfeldes der Psychiatriepflege, die hier herrschenden Geschlechterverhältnisse und die Situierung der Psychiatriepflege im gesamten Pflegefeld (S. 19f.).

Braunschweig wendet sich zunächst (2.) den Anfängen der Psychiatriepflege in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu. Die ‚Irrenwartung‘ galt in jener Zeit als „Notlösung für Leute aus den unteren Schichten“ (S. 31). In diesem Kapitel steht erstmals die Friedmatt und insbesondere das Pflegepersonal dieser Institution im Zentrum. Braunschweig geht auf die Geschichte der Anstalt ein, gibt einen statistischen Überblick über die Pflegesituation (unter anderem Anzahl Pflegepersonen, Geschlechterverhältnis, Dauer der Dienstzeit) und fragt „aus der Perspektive der Irrenärzte nach der Funktion und Bedeutung des Wartpersonals […] im Anstaltsbetrieb“ (S. 31).

Anschließend (3.) thematisiert Braunschweig die nach der Wende zum 20. Jahrhundert einsetzende „Entwicklung der Irrenwartung zu einem Ausbildungsberuf“ (S. 92). Sie nimmt aus einer strukturgeschichtlichen Perspektive die Berufsentwicklung in der ganzen Schweiz in den Blick, die Friedmatt kommt nur ausnahmsweise vor. Wenngleich die Wichtigkeit dieser Entwicklung für das Thema der Arbeit auf der Hand liegt, bricht dieses Kapitel ein wenig den Erzählfluss, da im weiteren Verlauf des Buches kaum Rückbezüge zu den hier geschilderten Geschehnissen hergestellt werden. Ob der vielen Organisationen – Verbände, Kommissionen, Vereine –, die jeweils in Abkürzungen genannt werden (VPOD, SVPNG, SKB, SGP etc.), verliert die Leserin zudem leicht den Überblick.

Die folgenden beiden Kapitel fokussieren wiederum auf die Friedmatt. Braunschweig wendet sich hier zunächst dem Pflegealltag in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu. Zuerst steht – verbunden mit der Ordnungs- und Betreuungsfunktion des Pflegepersonals – das Verhältnis zwischen Pflegenden und Kranken im Vordergrund (4.), dann die Rolle des Pflegepersonals bei den Therapien und damit das Verhältnis zwischen Pflegenden und Ärzten (5.). Im vergleichsweise kurzen sechsten Kapitel macht sich Braunschweig auf „Spurensuche“ nach der Rolle des Pflegepersonals bei eugenischen Maßnahmen (S. 222), bevor sie abschließend (7.) drei für die Arbeit zentrale, in der Einleitung angesprochene Themenkreise vertieft betrachtet: die Frage der Handlungsspielräume des Pflegepersonals, die Frage der geschlechtsspezifischen Zuordnung der Psychiatriepflege sowie ihre Situierung im Pflegefeld.

Braunschweig ist eine ausgewiesene Kennerin der Geschichte der Pflege und der Psychiatrie in der Schweiz. Sie hat zu dieser Thematik zahlreiche Publikationen veröffentlicht und bei verschiedenen Forschungsprojekten mitgearbeitet. Ihr breites Wissen floss auch in die vorliegende Studie ein. Diese ist sehr anschaulich geschrieben und mit vielen Zitaten und Fallbeispielen untermauert. Braunschweig stellt außerdem anregende Bezüge zu verschiedenen theoretischen Konzepten her, so bezeichnet sie „Zwischenfälle“ im Anstaltsalltag im Zusammenhang mit Gewalt, Sexualität, Entweichung und Suizid in Anlehnung an Carlo Ginzburg und Carlo Poni als „das ‚außergewöhnliche Normale‘“ (S. 149). Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Quellen, die der Arbeit zugrunde liegen: Verwaltungs- und Krankenakten der Friedmatt, Fachpublikationen, Zeitschriften und Protokolle der Berufsverbände der Pflegenden und Ärzte, Personaldossiers des Pflegepersonals und Interviews mit ehemaligen Psychiatriepflegerinnen und -pflegern der Friedmatt. Die Interviews führte Braunschweig 1989 und in den folgenden Jahren im Anschluss an ihre erste Forschungsarbeit zur Geschichte der Psychiatriepflege durch. Die ehemaligen Pflegepersonen waren damals 77–95 Jahre alt und hatten im Zeitraum 1924–1946 in der Friedmatt zu arbeiten begonnen. Sie sind inzwischen verstorben (S. 27). Wie viele Personen befragt wurden, gibt Braunschweig nicht an. Sie äußert sich auch nicht zum Geschlechterverhältnis der Interviewpartner und -partnerinnen – dies ist insofern erstaunlich, als der Genderaspekt in ihrem Buch eine wichtige Rolle spielt. Die Tonaufnahmen und Transkripte der Interviews stellen eine Quelle von großem Wert dar, da die Pflegenden selbst wenig Spuren hinterlassen haben.

Es ist dieser Umstand – dass die Pflegepersonen selbst kaum Spuren hinterlassen haben –, der es Braunschweig erschwert, sich ihrem Untersuchungsgegenstand zu nähern. Es ergibt sich ein Quellen- und Perspektivenproblem, welches die Autorin selbst nur bedingt thematisiert. Sie möchte mit ihrer Studie durch die „Einbeziehung der Perspektive der Pflegenden […] zu einem anderen Verständnis von Anstaltsgeschichte“ beitragen (S. 265). Es sind allerdings oftmals nicht die Pflegepersonen selber, die aus den Quellen sprechen, sondern es ist der Blick anderer Akteure (allen voran der ‚Irrenärzte‘ und Psychiater) auf die Pflegenden, der zum Tragen kommt. Bei den mündlichen Quellen stellt sich zudem die Schwierigkeit der Retrospektivbetrachtung. Dies zeigt sich wohl am deutlichsten im Falle der 1938 eingeführten Elektroschocktherapie. Braunschweig schreibt hierzu, dass sich die „InterviewpartnerInnen […] im Klaren [waren], dass die Elektroschocktherapie die umstrittene Methode der Anstaltstherapie war und argumentierten mir gegenüber entsprechend kritisch“ (S. 202). Hier liegt die Vermutung nahe, dass sich diese kritische Haltung erst im Nachhinein herausgebildet hat – wie dies auch bei anderen medizinischen Verfahren der Fall war, zum Beispiel bei der Röntgendurchleuchtung zwecks Tuberkuloseprophylaxe.[2] Ohne Frage legt Braunschweig aber eine sehr lesenswerte Studie zur Geschichte der Pflege und Psychiatrie in der Schweiz vor, die sich durch ihren Fokus auf eine bisher in der Forschung vernachlässigte Akteursgruppe, die Pflegepersonen, und eine vielfältige Quellengrundlage auszeichnet.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Catherine Fussinger / Urs Germann / Martin Lengwiler, Ausdifferenzierung der Psychiatrie in der Schweiz. Stand und Perspektive der psychiatriehistorischen Forschung, in: Traverse 10 (2003) 1, S. 11–20.
[2] Vgl. Michèle Hofmann, Wie der Arzt in die Schule kam. Schulhygiene in Bern (1899–1952), in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, 70 (2008) 4, S. 1–47.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.09.2014
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/