D. Tröhler: Pestalozzi and the Educationalization of the World

Cover
Titel
Pestalozzi and the Educationalization of the World.


Autor(en)
Tröhler, Daniel
Erschienen
New York 2013: Palgrave Macmillan
Anzahl Seiten
172 S.
Preis
€ 69,10
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Moisés Prieto, Faculty of History, Oxford

Länger als ein Aufsatz, kürzer als eine herkömmliche Monographie: Das nordamerikanische Verlagshaus Palgrave Macmillan ermöglicht durch die Reihe ‚Palgrave Pivot‘ die Publikation kompakterer Forschungsarbeiten zu gezielten Themenschwerpunkten. Dieses Formates bediente sich auch Daniel Tröhler, Professor für Erziehungswissenschaften an der Université du Luxembourg, für sein Werk „Pestalozzi and the Educationalization of the World“. Tröhler, der an der Universität Zürich promoviert und habilitiert hat, zeichnet hier eine intellektuelle Biographie von Johann Jakob Pestalozzi mit besonderer Rücksicht auf dessen Methode und deren Rezeption in Europa und Nordamerika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bei dem Buch handelt es sich im Wesentlichen um eine Übersetzung seiner 2008 im Haupt Verlag erschienenen Einführung in Leben und Werk Johann Heinrich Pestalozzis.[1]

Das Buch ist unterteilt in zwölf Kapitel à ungefähr zehn Seiten, die jeweils mit einem kurzen Abstract eingeleitet werden und mit einem anschließenden Anmerkungsapparat versehen sind, wovon das erste als Einleitung fungiert. Bereits hier werden wichtige Argumente präsentiert, wie etwa die Berichtigung und Relativierung von Pestalozzis Ruhm. Er war kein Begründer der modernen Schule, sondern vielmehr Hauptexponent und Gallionsfigur einer neuartigen pädagogischen Methode, die von der Mutterliebe inspiriert war und sich in einem familiären Rahmen artikulierte. Große Bedeutung wird auch dem geistesgeschichtlichen Kontext der Aufklärung und der Aufbruchstimmung in der Stadtrepublik Zürich um die Mitte des 18. Jahrhunderts beigemessen. Unterstrichen werden zudem die protestantischen Wurzeln des Zürcher Republikanismus und jene Wende (educational turn), mit der soziale Probleme als Bildungsprobleme verstanden wurden. Darauf baut das zweite Kapitel auf, das die Dekadenz der Zürcher Republik durch Bankenwesen, Handel und Korruption beleuchtet. Den Kampf gegen diese Verkommenheit und für die Rückbesinnung auf echt republikanische Werte schrieben sich etliche patriotische Sozietäten dieser Zeit auf die Fahne. Diesem Kreis um den Historiker Johann Jacob Bodmer gesellten sich der Maler Füssli und der Physiognomiker Lavater hinzu. Auch der junge Pestalozzi nährte sich von diesen Ideen, wie Tröhler im dritten Kapitel schreibt. Als Theologie-Student am Zürcher Collegium Carolinum trat er 1764 der Moralisch-politischen und historischen Gesellschaft bei, einer Sozietät, die zwei Jahre zuvor von zehn Studenten des Carolinums gegründet worden war. Inspiriert von Rousseaus Idee des Naturzustandes und der agrarwirtschaftlichen Orientierung beschloss der frisch verheiratete Pestalozzi, im damals bernischen Birr einen Gutshof aufzubauen (Neuhof), um der ärmeren Landbevölkerung die Vorzüge neuer Anbaumethoden beizubringen, wobei später auch Spinnräder und Webstühle eingesetzt wurden, die Kinder beschäftigen sollten. Diese wurden im Gegenzug von Pestalozzi und seiner Frau Anna Schulthess ausgebildet. Das Experiment Neuhof scheiterte. Im vierten Kapitel werden die ersten Schriften des Pädagogen behandelt, die darauf abzielten, die Missstände und die Diskriminierung der Landbevölkerung gegenüber den Stadtbürgern anzuprangern und die Notwendigkeit hervorhoben, eine politische und soziale Reform herbeizuführen. Die Revolutionen in Amerika und Frankreich und die daraus entstandenen Republiken begeisterten Pestalozzi stark. Trotzdem erkannte er in keiner dieser Erfahrungen die Verwirklichung eines von der Tugend geleiteten Republikanismus (Kapitel 5).

Im darauffolgenden Kapitel wird die Bedeutung der Helvetik für Pestalozzis Karriere sowie seine Tätigkeit in Stans beschrieben. Durch die Gunst des helvetischen Bildungsministers wurde unter Pestalozzis Leitung in Burgdorf ein Institut zur Erziehung armer Kinder und zur Ausbildung von Lehrkräften gegründet, das ihm zu weiterer Berühmtheit verhelfen sollte. Bald darauf war die „Pestalozzi-Methode“ in jedermanns Munde, und des Zürchers Ruf wurde auch in Deutschland vernommen; Tröhler verwendet dabei den von Fritz Osterwalder[2] vorgeschlagenen Begriff des „Pestalozzi cult“ (S. 78f.), bei welchem oftmals Vergleiche mit dem Leben Jesu zutage traten. Erst im Anschluss an das Ende der Helvetik (Kapitel 8) setzte ein immer größeres Interesse seitens ausländischer Fachleute für die Methode ein. Neben deutschen Intellektuellen suchten auch Dänen, Franzosen, Briten, Spanier und Nordamerikaner den Kontakt zu Pestalozzi. Das nun im waadtländischen Yverdon angesiedelte Institut verwandelte sich in einen Anziehungsort der europäischen Erziehungsreform. Tröhler erwähnt auch die inneren Konflikte zwischen Pestalozzi und einzelnen Mitarbeitern (S. 98-100), die der Zürcher stets mit paternalistischem Gehabe zu tilgen versuchte. Im 10. und 11. Kapitel beschreibt er den Lebensabend des Pädagogen und seinen vergeblichen Kampf um Anerkennung in der Schweiz. Ein 1810 verfasster Bericht unterstrich den besonderen Charakter der Methode, demzufolge eine Implementierung in die Volksschule als unmöglich erachtet wurde. Gedemütigt kehrte Pestalozzi nach Neuhof zurück, wo er 1827 verstarb. Hier setzte seine Apotheose ein, die in den liberalen Umwälzungen im Nachbeben von 1830 den günstigen Nährboden für säkularisierte, nationale Bildungswesen fand, in denen „Pestalozzianer“ nun eine wichtige Rolle spielen sollten. Das letzte Kapitel knüpft an die in der Einleitung formulierte Relativierung von Pestalozzis Bedeutung an. Tröhler geht dabei epistemologisch auf die Begriffe „Einfluss“, „Rezeption“ und „Wirkung“ ein, um dann vielmehr die Bedeutung Pestalozzis im Diskurs um die erziehungszentrierte Deutung sozialer Probleme zu unterstreichen.

Im Vergleich zur deutschen Originalausgabe von 2008 wurde die englische Übersetzung um zwei Kapitel angereichert. Die Sprachwahl und der angelsächsische Schwerpunkt der in den neuen Kapiteln angeschnittenen Themen verweisen auf ein nordamerikanisches oder britisches Zielpublikum von angehenden Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Ferner wurde auch die Bibliografie erheblich erweitert. Die Kompaktheit einer solchen Studie geht wie fast immer auf Kosten einer gebührenden Vertiefung einzelner Themen, so etwa der Wahrnehmung von Geschichte und Entwicklung am Ende des 17. Jahrhunderts (S. 5). Problematisch erscheinen ferner die zahlreichen Verweise auf englischsprachige Wikipedia-Einträge. Stattdessen vermisst man einschlägige Werke wie etwa Rudolf Brauns Studie zur Industrialisierung im Zürcher Oberland vor 1800 oder Barbara Weinmanns Dissertation zum Republikanismus und Kommunalismus in Zürich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert.[3]

Doch das Buch geht eindeutig über ein bloßes propädeutisches Vademekum hinaus, wie die zahlreichen übersetzten Zitate belegen, die der Studie einen genuinen und authentischen Charakter verleihen. Der intellektuelle Kontext, das radikal-republikanische Gedankengut und die unermüdlichen Anstrengungen eines Mannes, der die Menschen zu engagierten, patriotischen citoyens – anstelle der eigennützig konnotierten bourgeois, um die Rousseausche Dichotomie zu verwenden – zu erziehen beabsichtigte, werden hier durch eine schlichte Sprache auf sachliche, doch keineswegs sterile Weise wiedergegeben. Ohne Zweifel vermag Daniel Tröhler den Leser für die Geschichte der Erziehung und die Figur Pestalozzis zu begeistern.

Anmerkungen:
[1] Daniel Tröhler, Johann Heinrich Pestalozzi, Bern 2008.
[2] Fritz Osterwalder, Pestalozzi – ein pädagogischer Kult, Weinheim 1996.
[3] Rudolf Braun, Die Veränderungen der Lebensformen in einem ländlichen Industriegebiet vor 1800 (Zürcher Oberland), Erlenbach 1960; Barbara Weinmann, Eine andere Bürgergesellschaft. Klassischer Republikanismus und Kommunalismus im Kanton Zürich im späten 18. und 19. Jahrhundert, Göttingen 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.09.2015
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/