A. Sinn: Jüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik

Titel
Jüdische Politik und Presse in der frühen Bundesrepublik.


Autor(en)
Sinn, Andrea
Reihe
Jüdische Religion, Geschichte und Kultur 21
Erschienen
Göttingen 2014: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
400 S.
Preis
€ 59,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Menny, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg

In der kürzlich erschienenen Dissertation von Andrea Sinn untersucht die Autorin die Neuanfänge und institutionelle Reorganisation jüdischen Lebens nach 1945. Ein Thema, das nach einigen frühen Arbeiten, wie etwa Harry Maors Dissertation zum Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden[1], erst in den letzten Jahren wieder verstärkt Beachtung in der Forschung fand, so etwa in den Arbeiten von Jay Howard Geller („Jews in Post-Holocaust Germany, 1945–1953“) oder Anthony Kauders („Unmögliche Heimat“).[2] Die zu rezensierende Arbeit untersucht innerjüdische Aushandlungsprozesse, die den Aufbau jüdischen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland in den ersten beiden Jahrzehnten nach 1945 begleiteten und rückt dabei Fragen der Repräsentanz und Interessenvertretung in den Mittelpunkt. Ihr besonderer Verdienst ist es, biographische und institutionengeschichtliche Ansätze zu verbinden, wenn sowohl der Journalist und Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen[3], Karl Marx, und der Jurist Hendrik G. van Dam, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, als auch die genannten Repräsentationsorgane beleuchtet werden. Mit dem beschriebenen Vorgehen eng verbunden sind zwei Hauptthesen der Verfasserin: In Marx und van Dam sieht sie „zwei politische[] Hauptakteure“ (S. 353), die ihre jeweiligen Wirkstätten, die Jüdische Allgemeine bzw. den Zentralrat, maßgeblich geprägt hätten (S. 15–21). Sinn beschränkt sich nicht auf die innerjüdische Perspektive, sondern nimmt ebenfalls das Auftreten der Repräsentanten nach außen, ihre Beziehungen zur bundesrepublikanischen Politik bzw. zu internationalen jüdischen Organisationen oder zum Staat Israel in den Blick. Dabei wird deutlich, wie das Handeln der Protagonisten auch durch die Frage nach der Legitimität jüdischen Lebens im „‚Land der Täter‘“ (S. 31) beeinflusst wurde.

Obwohl die Bedeutung von Marx und van Dam von der Forschung mehrfach betont wurde, stand eine intensivere Auseinandersetzung mit den Biographien dieser beiden Rückkehrer noch aus (S. 14). Auch im Hinblick auf die Institutionen existierten bislang wenige Arbeiten, etwa ein Aufsatz von Susanne Schönborn zur Geschichte der Jüdischen Allgemeinen bis in die 1990er-Jahre, wobei die Phase der Herausgeberschaft von Karl Marx besondere Beachtung findet. Jay Howard Geller hat sich in seiner bereits erwähnten Monographie und in einem Aufsatz mit den Anfängen des Zentralrats auseinandergesetzt.[4] An diese Vorarbeiten knüpft Sinn an, stützt sich aber in erster Linie auf Archivmaterialien und Presseerzeugnisse (S. 24–27).

Nachdem der Leser einen Überblick über die Entwicklungen in der unmittelbaren Zeit nach 1945 und die Anfänge jüdischer Selbstorganisation zunächst in den DP-Lagern und dann in Form von ersten Gemeindegründungen erhalten hat, stehen in dem Kapitel „Die Akteure“ die Lebenswege von van Dam und Marx im Mittelpunkt. Beide waren bereits im Frühjahr 1933 emigriert und entschlossen sich kurz nach Kriegsende zu einer Rückkehr nach Deutschland. Ihre frühe Rückkehr habe der strikten Einreisepolitik der britischen Militärregierung widersprochen und insofern eine Ausnahme dargestellt. Ungewöhnlich sei zudem ihr schneller Aufstieg zu zentralen Figuren innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gewesen, den Sinn in erster Linie auf ihre beruflichen Qualifikationen und ihre Fähigkeit, sich ein „Netzwerk an Kontakten“ (S. 190) aufzubauen, zurückführt. Der Erfolg von Marx und van Dam könne als eine Bestätigung der von Harry Maor aufgestellten These einer „natürliche[n] Führerstellung“[5] der frühen Remigranten gewertet werden (S. 183).

Im Kapitel „Die Institutionen“ werden die biographischen Informationen mit der Geschichte des Zentralrates der Juden in Deutschland bzw. der Jüdischen Allgemeinen verknüpft, also mit den „Wirkungsstätten“ (S. 116) der beiden Akteure. Der zeitliche Fokus liegt dabei auf der von Y. Michal Bodemann als „administrative Konsolidierung“[6] bezeichneten Phase (S. 16f.).

Marx und van Dam verstanden sich als „Sprecher der Juden in Deutschland“ (S. 191) und begriffen die von ihnen geführten Institutionen als öffentliche Repräsentationsorgane der jüdischen Gemeinschaft, hatten dabei jedoch unterschiedliche Auffassungen von ihrer jeweiligen Rolle. Entgegen dem zentralen „Prinzip der Einheit“, dem sich die jüdischen Organisationen gerade in den ersten beiden Jahrzehnten bei ihrem öffentlichen Auftreten, etwa bei den Verhandlungen mit der Bundesregierung über Wiedergutmachungsfragen, verpflichtet sahen, hätten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Differenzen, Konflikte und Konkurrenzen geherrscht. Je gefestigter das jüdische Leben in Deutschland erschien, desto offener seien diese Konflikte hervorgetreten (S. 259).

Anhand der Berichterstattung der Jüdischen Allgemeinen, die sich 1946 zunächst als Jüdisches Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen gegründet hatte (S. 117), arbeitet Sinn die Positionierung der Zeitung und ihres Herausgebers heraus.

Bereits im Dezember 1945 hatte sich mit dem Landesverband Nord-Rheinprovinz die erste „gemeindeübergreifende Organisation“ (S. 43) in der britischen Zone gegründet. Die Schaffung einer gemeinsamen Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden schien nicht nur angesichts drängender Fragen und der nötigen Aufbauarbeit im religiösen, sozialen, kulturellen und Bildungsbereich geboten, sondern wurde spätestens seit der Gründung der Bundesrepublik von Seiten der Politik gefordert (S. 53f.). Der Anspruch des 1950 gegründeten Zentralrats der Juden in Deutschland, als zentrale Interessenvertretung aufzutreten, wurde durch das große Ungleichgewicht zwischen Repräsentanten und Repräsentierten (S. 161) in Frage gestellt; während die Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden aus Osteuropa stammten, waren im Direktorium des Zentralrats fast nur deutsche Juden vertreten. Dass sich der Zentralrat dennoch als „gemeinsame Vertretung“ (S. 181) etablieren konnte, schreibt Sinn nicht zuletzt der Tätigkeit van Dams zu, in dem sie eine „Schlüsselfigur“ in der Geschichte dieser Institution sieht.

Das Kapitel „Politik“ unterscheidet das Auftreten der jüdischen Repräsentanten nach innen gegenüber der jüdischen Gemeinschaft und nach außen gegenüber der bundesdeutschen Öffentlichkeit und Politik. Die Trennung gelingt nicht immer trennscharf, da die diskutierten Ereignisse eine über den „innerjüdischen Kontext“ hinausreichende Dimension aufwiesen – und andersherum die Beziehungen „nach außen“ (S. 262) zu internen Diskussionen führten. Für die innerjüdischen Entwicklungen arbeitet Sinn die „Einheit“ (S. 191) als Leitmotiv heraus. Dass die zunehmende Pluralität innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die sich auch auf organisatorischer Ebene niederschlug, die Politik der Einheit wiederholt vor Herausforderungen stellte, zeigt Sinn im zweiten Teil des Kapitels (S. 228–262). Für das Verhältnis der jüdischen Interessenvertretung zur deutschen Politik sei der „Kampf um Anerkennung und Recht“ (S. 263) zentral gewesen, insbesondere die Frage der Wiedergutmachung. Gerade für das Auftreten gegenüber Dritten gelingt es Sinn, Unterschiede zwischen van Dam und Karl Marx aufzuzeigen, die unterschiedlichen Positionen fasst sie pointiert als „Bonn-orientiert“ und „Bonn-distanziert“ zusammen (S. 259): Während für den Generalsekretär des Zentralrates die Interessen der jüdischen Minderheit in Deutschland im Vordergrund standen, verstand sich Karl Marx in seiner Funktion als Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen als Mittler zwischen der jüdischen Position und der bundesrepublikanischen Politik. Ein gutes Verhältnis zur Regierung und mitunter die Parteinahme für die Politik waren Teil dieses Selbstverständnisses.

Andrea Sinn leistet mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung zweier zentraler Akteure als auch zweier zentraler Repräsentationsorgane der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte. Dass sie dabei auf wenig Vorarbeiten zurückgreifen konnte, zeigt sich an den reichlich zitierten Archivquellen, die der Untersuchung zugrunde liegen, und dem ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis. Neben dem Archiv der Jüdischen Allgemeinen und des Zentralrates wurden 40 weitere Archive konsultiert und diverse Presseorgane ausgewertet, insbesondere natürlich die Jüdische Allgemeine (S. 24–26). Indem Sinn die innerjüdische Institutionengeschichte in einem größeren Kontext verortet und das Auftreten der Akteure nach außen gegenüber der nicht-jüdischen Öffentlichkeit sowie ihre Beziehungen zur bundesrepublikanischen Politik in den Blick nimmt, ergibt sich ein facettenreiches und vielschichtiges Bild der Reorganisation jüdischen Lebens in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Ein besonderes Verdienst ist, dass Sinn das Leitmotiv der „Einheit“ kontrastiert, indem sie die Unterschiede und Konflikte zwischen den Repräsentationsorganen und Akteuren herausarbeitet, die sich trotz biographischer Parallelen und des gemeinsamen Kampfes, etwa für die Wiedergutmachung ergaben.

Dass die stark nach thematischen und analytischen Kategorien ausgerichtete Gliederung zu kleineren Überschneidungen und Wiederholungen zwischen den einzelnen Kapiteln führt, fällt gegenüber den großen Verdiensten dieser Arbeit nicht ins Gewicht.

Anmerkungen:
[1] Harry Maor, Über den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1945, Mainz 1961 [Diss.].
[2] Jay Howard Geller, Jews in Post-Holocaust Germany, 1945–1953, Cambridge 2005; Anthony D. Kauders, Unmögliche Heimat. Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik, München 2007. Für einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand, vgl. z.B. Susanne Schönborn (Hrsg.), Zwischen Erinnerung und Neubeginn. Zur deutsch-jüdischen Geschichte nach 1945. Mit einem Vorwort von Michael Brenner, München 2006.
[3] In Anlehnung an Andrea Sinn wird der Einfachheit halber die aktuelle Bezeichnung Jüdische Allgemeine verwendet und auf die Nennung der vorherigen Namen des 1946 als Jüdisches Gemeindeblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen gegründeten Presseorgans verzichtet.
[4] Susanne Schönborn, Die Jüdische Allgemeine – ein Spiegel der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland?, in: Eleonore Lappin / Michael Nagel (Hrsg.), Deutsch-jüdische Presse und jüdische Geschichte. Dokumente, Darstellungen, Wechselbeziehungen. Bd. 2: Religion und Politik in der europäisch-jüdischen Presse vor der Shoah – Antisemitismus, Faschismus und Nationalsozialismus, 1880–1943 – Neuorientierung nach der Shoah, Bremen 2008, S. 229–242, bes. 229; Jay Howard Geller, Die Entstehung des Zentralrats der Juden in Deutschland, in: Schönborn (Hrsg.), Zwischen Erinnerung und Neubeginn, S. 60–75.
[5] Maor, Über den Wiederaufbau, S. 37.
[6] Y. Michal Bodemann, Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996, S. 32–38.

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20.10.2014
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