Cover
Titel
Zukunft am Ende. Autobiographische Sinnstiftungen von DDR-Geisteswissenschaftlern nach 1989


Autor(en)
Lahusen, Christiane
Reihe
Histoire 52
Anzahl Seiten
323 S.
Preis
€ 35,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arthur Schlegelmilch, Institut für Geschichte und Biographie, FernUniversität in Hagen

Nach dem „Cultural Turn“ dauerte es noch geraume Zeit bis die Autobiographie als Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Forschung entdeckt wurde. Den endgültigen Durchbruch brachte erst Volker Depkats 2007 veröffentlichte Habilitationsschrift „Lebenswenden und Zeitenwenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts“, die nicht nur weitreichende theoretische und methodische Ausgangsüberlegungen beinhaltete, sondern diese auch anhand von vierzehn Politikerautobiographien mit einigem Gewinn praktisch umsetzte.

Christiane Lahusens Doktorarbeit knüpft hier konzeptionell an. Wie Depkat sieht sie gerade in der Textualität, Narrativität und sozialkommunikativen Verflochtenheit des autobiographischen Genres dessen besonderes Erkenntnispotenzial. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht folglich nicht das Aufspüren historischer Fakten, sondern die Analyse der Entwicklung, Modifizierung und Transformierung kultureller Sinnsysteme. Wiederum Depkat (und anderen) folgend, interessiert sich die Autorin für die Erinnerungsschriften von Alterskohorten, die einschneidenden historischen Einschnitten, hier den Systemwechseln von 1945 und 1989/90, ausgesetzt waren. Die ausgewählte Personengruppe, sechs ehedem etablierte DDR-Wissenschaftler[1], verband ihren beruflichen Aufstieg mit dem Werden des staatssozialistischen Systems und sah sich nach dessen Untergang beruflichen Repressalien und sozialen Demütigungen ausgesetzt. Dies lässt sie geeignet erscheinen, dem „Zusammenhang zwischen Zäsurerfahrung und dem Wandel oder der Stabilität kultureller Sinnsysteme“ auf die Spur zu kommen (S. 32).

Die Verfasserin bekennt sich dazu, induktiv, differenziert und ergebnisoffen vorzugehen. Dementsprechend operiert sie mit einem weitmaschigen Raster auf der Grundlage der drei Zeitschichten „Gestern“, „Heute“ und „Morgen“. Als besonders innovativ erweist sich die Einbeziehung der Zukunftsebene, die bisher noch nicht Gegenstand vergleichbarer Studien war, indes gerade für die politische Kulturforschung zur DDR sehr naheliegend ist. So etwa hat Martin Sabrow auf die besondere Bedeutung des „Zukunftspathos als Legitimationsressource“ des SED-Regimes hingewiesen und sprach Stefan Wolle für die sechziger Jahre vom „Aufbruch nach Utopia“.[2] Der bis weit in die Gesellschaft hineinwirkende Zukunftsoptimismus[3] spiegelt sich auch in den von Lahusen untersuchten Autobiographien wider, ebenso sein Ab- und Ausklingen am Ende der „Ära Ulbricht“. Damit einher geht eine sichtliche Desillusionierung in Bezug auf die Reformierbarkeit des poststalinistischen Sozialismus, namentlich in Anbetracht der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im August 1968.

Ähnliche Schlüsse ließen sich auch aus Quellen anderer Provenienz ziehen. Man denke etwa an die Tagebuchnotizen des Leipziger Sozialhistorikers Hartmut Zwahr, an künstlerische Aufarbeitungen wie Mattheuers Gemälde „Hinter den sieben Bergen“ (1973) oder aber an die diesbezüglichen Datensammlungen des MfS.[4] Es hätte sich hier wie auch an manch anderer Stelle des zu besprechenden Werks angeboten, derartige Bezüge herzustellen und Vergleiche durchzuführen. Der Befund einer „subkutanen Zeitordnung“ (S. 246), demzufolge der Ende der 1960er-Jahre abnehmende Zukunftsglaube nicht nur individuell, sondern auch kollektiv empfunden wurde, könnte damit auf eine breitere Grundlage gestellt werden. Es fielen dann auch die Diskrepanzen zwischen den autobiographischen und den „gesellschaftlich festgelegten Periodisierungslinien“ weniger markant aus, als von Lahusen bemerkt. Nachzufragen wäre im Übrigen, ob nicht schon das „Kahlschlagplenum“ vom 16. bis 18. Dezember 1965 als Zäsur und richtungweisende Entscheidung empfunden wurde, wie es zum Beispiel Christa Wolf, Brigitte Reimann, Frank Beyer, Werner Bräunig und viele andere berichtet und erlitten haben.[5]

Lahusens Untersuchung der „Modi der Zukunftsaneignung“ bezieht sich auch auf die Schreibgegenwart der sechs autobiographischen Werke. Es zeigt sich hier, dass das dereinst entschwundene Zukunftsthema ausgerechnet nach dem Untergang des Realsozialismus wieder zum Gegenstand des Schreibens geworden ist. Man mag dies mit der Verfasserin ein wenig euphemistisch als „Wiederkehr der Utopie“ und als „Rückkehr in die Zukunft“ deuten (255f.), kommt in Anbetracht der – von den Autoren im Übrigen stark betonten – Deklassierungserfahrungen der Nachwendezeit allerdings wohl nicht umhin, von einer qualitativ gänzlich anderen, eher kompensatorischen denn wissenschaftlichen Art der Zukunftsaneignung auszugehen.

Nach Ansicht Lahusens sind sämtliche sechs Autobiographien dem Typus der „Konversionserzählung“ zuzuordnen, sofern man darunter den „Wechsel zwischen Sinnsystemen“ ohne Verlust des persönlichen Identitätskerns versteht. Nichtsdestoweniger zeigen sich über die Zeit markante Verschiebungen: Während die Konversionserzählungen im Hinblick auf Kriegsende und unmittelbarer Nachkriegszeit auffallend eng mit dem antifaschistisch-demokratischen Gründungsmythos der DDR korrespondieren, verliert sich diese Korrelation in der Folge zugunsten der Betonung des Wissenschaftsberufs, der nunmehr dauerhaft als „roter Faden der Identitätskonstruktion“ in Erscheinung tritt. Die Autoren vermitteln damit den Eindruck, dass das in der DDR geltende Prinzip der Einheit von Wissenschaft und Staat für sie nur eingeschränkt galt bzw. relativ große Handlungsspielräume bestanden hätten und von ihnen auch in Anspruch genommen worden seien. Ähnlich neutral verortet man sich in Bezug auf heikle historische Ereignisse wie den Volksaufstand von 1953 und den Mauerbau von 1961, die marginalisiert und/oder privat überblendet werden; nicht viel anders verhält es sich mit nachgewiesenen IM-Tätigkeiten, die man als unbedeutend und harmlos, allenfalls als „bloße Aktenhuberei einer Bürokratenkaste, wie es sie in allen Ländern dieser Welt gibt“, abtut. (S. 168).

Lahusens Untersuchung vermittelt insgesamt den Eindruck eines erschreckend geringen Grads an selbstkritischer autobiographischer Aufarbeitung. Damit einher geht das Fortleben positiver DDR-Narrative (Antifaschismus, Gleichberechtigung, hohes Bildungs- und Kulturniveau des Volks). Manches wäre hier noch zu ergänzen bzw. weiter auszuführen. So zum Beispiel das von der Verfasserin relativ knapp behandelte Modell des „neuen Menschen“ respektive der „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“ als Attraktoren des staatssozialistischen Systems; Ähnliches gilt für Ulbrichts Parole der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ und Honeckers „entwickelte sozialistische Gesellschaft“.

Zuzustimmen ist dem Plädoyer Christiane Lahusens für eine „komplizierte“ Geschichtsschreibung, deren Wahrheitsanspruch letztlich nur pluralistisch gedacht werden kann. Vor diesem Hintergrund erfüllen Autobiographien als „Gegenarchiv“ zu „Meistererzählungen“ und dominierenden Narrativen eine bedeutsame Funktion und sind als integraler Bestandteil einer demokratischen Erinnerungskultur unverzichtbar. Im Sinne einer sich gesellschaftlich weiter öffnenden Geschichtswissenschaft ist zu hoffen, dass es nunmehr gelingt, die spezifische Perspektive der Autobiographie mit anderen Perspektiven und Zugängen des historischen Fachs in Beziehung zu setzen und damit einen neuen Blick auf die Geschichte zu werfen, der gerade für die Aufarbeitung der noch sehr fragmentierten und polarisierten DDR-Geschichtsschreibung notwendig erscheint. Hierzu hat Christiane Lahusen einen wichtigen Baustein geliefert.

Anmerkungen:
[1]Herbert Hörz (Philosoph, Jahrgang 1933), Wolfgang Jacobeit (Ethnologe, Jahrgang 1921), Fritz Klein (Historiker, Jahrgang 1924), Eckart Mehls (Historiker, Jahrgang 1935), Werner Mittenzwei (Theater- und Literaturwissenschaftler, Jahrgang 1927), Kurt Pätzold (Historiker, Jahrgang 1930).
[2] Vgl. Martin Sabrow, Zukunftspathos als Legitimationsressource. Zu Charakter und Wandel des Fortschrittsparadigmas in der DDR, in: Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, ČSSR und Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Weilerswist 2004, S. 165–184; Stefan Wolle, Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961–1971, Berlin 2011.
[3] Vgl. als populärwissenschaftliches Beispiel das als Jugendweihe-Geschenkbuch beliebte Werk Karl Böhm / Rolf Dörge, unsere welt von morgen, Berlin 1959.
[4] Vgl. Hartmut Zwahr, Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. Tagebuch einer Krise (1968–1970). DDR und „Prager Frühling“, Bonn 2007; Ulrich Greiner, Hinter den sieben Bergen. Wolfgang Mattheuers Tagebuch als Text und Bild, in: Die Zeit, 29.03.1991, S. 65. Zum Thema MfS und „Prager Frühling“ vgl. <http://www.bstu.bund.de/DE/Presse/Themen/Hintergrund/20130819_prager_fruehling.html> (11.07.15).
[5] Vgl. Gunnar Decker, 1965. Der kurze Sommer der DDR, München 2015; Günter Agde (Hrsg.), 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, 2. erw. Aufl., Berlin 2000.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.07.2015
Redaktionell betreut durch