M. Schneider: In der Kriegsgesellschaft

Cover
Titel
In der Kriegsgesellschaft. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1939 bis 1945


Autor(en)
Schneider, Michael
Reihe
Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts 13
Erschienen
Anzahl Seiten
1509 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sören Eden, Swantje Greve, Alexander Klimo, Henry Marx, Unabhängige Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Reichsarbeitsministeriums in der Zeit des Nationalsozialismus, Berlin

Fünfzehn Jahre ist es her, dass Michael Schneider den bis zum Ende der Vorkriegszeit reichenden ersten Band zur Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung im Nationalsozialismus vorgelegt hat.[1] Wie im vorangegangenen Band versucht auch die neue Studie in einer möglichst vollständigen Gesamtdarstellung das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter, nun für die Kriegszeit, in den unterschiedlichsten Facetten nachzuzeichnen. Insgesamt solle eine „Gesamtdarstellung von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung im Spannungsfeld von Integration, Anpassung, Widerstand und Exil vorgelegt werden“ (S.39).

Das umfassende und klar strukturierte Werk ist in drei Großkapitel gegliedert. Das erste beleuchtet die Einbindung der Arbeiterschaft in den Krieg, das zweite das zivile Arbeiterleben, während sich das dritte Kapitel dem Widerstand aus Arbeiterkreisen widmet. Neben dem Aspekt der Integration der Arbeiterschaft in die NS-Gesellschaft fragt der Autor sowohl nach der Wirkmächtigkeit der “Volksgemeinschaft” als auch nach modernisierenden Tendenzen in der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Im ersten Großkapitel behandelt Schneider die NS-Wirtschafts- und Arbeitspolitik zwischen 1939 und 1945, die in hohem Maße den Kriegsbedürfnissen angepasst wurde, was anhand der millionenfachen und brutalen Indienstnahme ausländischer Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen besonders deutlich wird. Wie etwa die Rationalisierung der Produktionsformen zeige, habe die nationalsozialistische Politik durchaus auch modernisierend gewirkt und den Grundstein für den wirtschaftlichen Wiederaufstieg der deutschen Nachkriegswirtschaft gelegt – allerdings nicht intendiert, sondern als Teil der Kriegsanstrengungen (S. 222f.). Das gelte auch für die Sozialpolitik, die Schneider zwischen den Polen Zwang und Integration verortet und die ohne die gewaltsamen Exklusionsmechanismen nicht zu verstehen sei. Weil die NS-Politik also insgesamt auf Unfreiheit, Rassismus und Militarismus ausgerichtet gewesen sei, entziehe sie sich jeglicher Einordnung als „modern“ (S. 492).

Das zivile Arbeiterleben beschreibt Schneider ausführlich im zweiten Großkapitel, in dem er die massiven Veränderungen und Umschichtungsprozesse in Betrieben, Haushalten und Freizeit der Arbeiterinnen und Arbeiter beleuchtet. Das Versprechen der Bildung einer „Volksgemeinschaft“ löste das NS-Regime dabei nicht ein, wie Schneider hervorhebt. So habe die Kriegspolitik durch Einberufungen, Arbeitseinsatz und Kinderlandverschickungen zur stufenweisen Auflösung des familiären Haushaltes, der vermeintlichen Keimzelle der „Volksgemeinschaft“, beigetragen (S. 635). Infolge der nationalsozialistischen Arbeitsmarkt- und Lohnpolitik sei die Arbeiterschaft zunehmend atomisiert worden, was auch deren Zusammenhalt erodieren ließ. Insgesamt sei das gesellschaftliche Leben somit entlang der gleichen Bruch- und Konfliktlinien fragmentiert gewesen, die schon die Vorkriegsjahre geprägt hätten und die nach 1939 teils noch verschärft wurden. So blieb weiterhin die Klassenstruktur, der Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit, das strukturbildende gesellschaftliche Moment. Vor diesem Hintergrund plädiert Schneider schließlich dafür, auf den Begriff der “Volksgemeinschaft” zur Beschreibung und Analyse der Gesellschaftsformation zwischen 1933 und 1945 zu verzichten, zumal der Begriff unter einer mythischen Überhöhung während der NS-Zeit leide (S. 887–889).

Das dritte Hauptkapitel beschäftigt sich mit dem politischen Widerstand aus den Kreisen der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung. Dass Michael Schneider dabei – wie bereits im Kapitel zur Stimmung und zum Verhalten der Arbeiterschaft – wesentlich auf eigene Quellenrecherchen und -analysen zurückgreift, ist besonders hervorzuheben. Michael Schneider schildert jeweils den Widerstand der sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und christlichen Arbeiterbewegung und würdigt darüber hinaus auch den kommunistischen Widerstand. Untersucht wird das Handeln der Widerstandsgruppen sowohl im Reich als auch im Exil. Dabei handelte es sich stets um einen “Widerstand ohne Volk”, da die Gruppen und Netzwerke widerständiger Zellen über keine Massenbasis verfügten. Diese sei ihnen wohl aufgrund der Loyalität der meisten Arbeiterinnen und Arbeiter zu „Vaterland“ und „Führer“ als auch aufgrund der mindestens partiellen Zustimmung zum NS-Regime verwehrt geblieben (S. 887–900).

Diese Darstellung zentraler Inhalte und Thesen des Buches hat bereits deutlich gemacht: Michael Schneider meint es ernst mit seinem Anspruch, eine Gesamt-Darstellung vorzulegen. Ein großes Verdienst Schneiders besteht darin, dass er sich nicht nur auf den vermeintlich typischen erwerbstätigen Industriearbeiter beschränkt hat, sondern auch andere soziale Gruppen einbezieht, die in der Arbeitergeschichte sonst eher peripher oder in eigenen Darstellungen thematisiert werden, etwa Frauen, Alte und Junge, ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene.

Der Anspruch auf Vollständigkeit hat jedoch einerseits zur Konsequenz, dass eine genuine Arbeiter-Geschichte stellenweise aus dem Blick gerät. Dies trifft etwa auf die Unterkapitel zur Kriegführung und Mediennutzung zu, welche die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit behandeln, nicht jedoch die Arbeiterinnen und Arbeiter fokussieren, was, wie Schneider selbst bemerkt (S. 130 und 711), nicht zuletzt einer schwierigen Quellenlage geschuldet ist. Andererseits führt der Anspruch, eine Gesamtdarstellung zu präsentieren, auch dazu, dass diese nicht frei von Pauschalisierungen ist. Zwar werden die ausländische Zivilarbeiterschaft und die Kriegsgefangenen berücksichtigt, aber eher am Rande thematisiert, so dass die notwendige Binnendifferenzierung streckenweise ausbleibt.

Das sticht womöglich auch deshalb so ins Auge, weil Schneider ansonsten sehr stark um Differenzierung bemüht ist, immer wieder vor ungültigen Generalisierungen warnt und den Leser zwingt, ins Detail zu gehen. Vor diesem Hintergrund gerät die Darstellung bisweilen etwas kleinteilig und additiv, lösen sich doch gerade hierdurch manchmal auch jene interpretatorischen Klammern, die den Text zusammenhalten sollen.

Insgesamt legt Michael Schneider eine gelungene Zusammenfassung der schier unübersehbaren Forschungsliteratur vor. Alleine diese Leistung ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Insofern konnte er seine Vorgabe, eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Arbeiterbewegung im „Dritten Reich“ von 1939 bis 1945 vorzulegen, eindrucksvoll einlösen. Allerdings werden diejenigen Leser enttäuscht werden, die sich eine neue Synthese oder Interpretation der Arbeitergeschichte erhofften.

Anmerkung:
[1] Michael Schneider, Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933–1939, Bonn 1999.

Redaktion
Veröffentlicht am
30.04.2015
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag