A. Chaniotis u.a. (Hrsg.): Unveiling emotions II

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Titel
Unveiling emotions II. Emotions in Greece and Rome: Texts, Images, Material Culture


Herausgeber
Chaniotis, Angelos; Ducrey, Pierre
Reihe
HABES. Heidelberger althistorische Beiträge und epigraphische Studien 55
Erschienen
Stuttgart 2013: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
387 S.
Preis
€ 62,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Judith Hagen, Facheinheit Geschichte, Universität Bayreuth

Die Emotionsgeschichte stellt innerhalb der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft ein besonders dynamisches Forschungsfeld dar, wie die Herausgeber des vorliegenden Bandes, Angelos Chaniotis und Pierre Ducrey, in ihrer Einleitung betonen (S. 9). Die Beschäftigung mit Emotionen in der Antike wird von ihnen als notwendig für das Text- und Bildverständnis eingestuft; es gelte herauszufinden, welche Fragen an die Quellen herangetragen werden sollten, wobei vor allem zu beachten sei, welche Äußerungsformen von Emotionen darin Niederschlag gefunden hätten. Somit stehe die Untersuchung kommunikativer Kontexte und emotionaler Gemeinschaften im Vordergrund (S. 9–11).[1] Bereits der 2012 erschienene Band „Unveiling Emotions“ trug dazu bei, das Spektrum antiker Emotionen und ihre wissenschaftliche Erforschung zu „enthüllen“, was in vier Beiträgen anhand methodologischer Überlegungen und in weiteren durch die Analyse von Fallbeispielen erfolgte. Diese Reihe wird durch die hier zu besprechende Sammlung von Aufsätzen fortgesetzt.[2]

Anders als sein Vorgängerband ist „Unveiling Emotions II“ nicht in Rubriken unterteilt, die jeweils mehrere der 14 Aufsätze thematisch bündeln könnten, vielmehr werden unterschiedliche Überschneidungsbereiche bei der Lektüre offensichtlich (eine Kenntlichmachung im Inhaltsverzeichnis wäre aber auch hier hilfreich gewesen). In den beiden ersten Beiträgen bildet die griechische Historiographie den Untersuchungsgegenstand: Melina Tamiolaki plädiert dafür, den Einsatz von Emotionen in der antiken Historiographie nicht als Gradmesser für deren Wahrheitsgehalt zu betrachten, sondern die Art und Weise sowie die Situationen zu untersuchen, in denen antike Geschichtsschreiber Emotionen verwenden, um das Verständnis des Lesers für die geschilderten Ereignisse zu erhöhen.[3] Xenophon weist mit seinen „Hellenika“ in dieser Hinsicht besonders mit seinem Vorgänger Thukydides (weniger mit Herodot, auf den Tamiolaki ebenfalls verweist) Gemeinsamkeiten auf, doch entwickelt er dessen Techniken weiter, wie sich in seiner dramatisch ausgestalteten Beschreibung kollektiver Emotionen und vor allem an der Betonung individueller Emotionen zeigt, so dass er insgesamt als ein Innovator und Experimenteur bei der allgemein üblichen, wenn auch in ihrer Intensität unterschiedlichen Verwendung von Emotionen in der Historiographie gelten kann. Im Hellenismus kann das Interesse der nur fragmentarisch erhaltenen Historiographen an Emotionen als besonders stark gelten, wie Angelos Chaniotis an mehreren Quellenbeispielen belegt. Er betont, dass es den Autoren gelang, bei ihren Lesern Empathie hervorzurufen, indem sie ihnen die beschriebenen Ereignisse lebhaft vor Augen stellten. Als wirksamste Mittel dafür bedienten sie sich der Schilderung von dramatischen Wendungen des Schicksals (peripeteiai), unerwarteten Entwicklungen (paradoxa) und theatralischem Verhalten der Protagonisten. Diese Theatralität und das Zuschaustellen von Emotionen waren jedoch, so Chaniotis, keine bloße Erfindung der Historiographen, sondern spiegelten den auf öffentlich-politischer Ebene üblichen Kommunikationsstil wider, der für eine ausbalancierte Beziehung zwischen herrschender Elite und Bürgerschaft in der griechischen Polis sorgte.[4]

Douglas Cairns nimmt mit dem Schauder (phrikē) keine Emotion, sondern deren Symptom in den Blick. Es handelt sich dabei um eine unwillkürliche, automatische Reaktion, die grundlegend in der menschlichen Physiologie verankert ist; sie verkörpert Furcht und ähnliche Emotionen. Obwohl phrikē selbst als historische Konstante zu betrachten ist, veränderte sich doch der Ablauf der sie umgebenden Szenarien vom antiken Griechenland bis in die heutige Zeit – die Unterschiede gelte es allerdings noch herauszuarbeiten. Quellenmäßig wie zeitlich einen weiten Bogen schlägt auch Maria Patera in ihren Ausführungen über die Furcht, zu der sie antike Diskurse aus verschiedenen Bereichen herausarbeitet. So kann der phobos etwa im Verhältnis der Menschen zu den Göttern, aber auch im staatlichen Zusammenleben eine grundlegende Funktion einnehmen. Gezielte, aber umso erstaunlichere Einblicke in die attische Gerichtspraxis bietet Lene Rubinstein in ihrem Beitrag über das Hervorrufen von Zorn bei den athenischen Dikastai seitens einer der beiden Prozessparteien. Nicht direkte Appelle, sondern Versuche einer indirekten Einflussnahme auf die Emotionen der Richter stehen im Vordergrund ihrer Analyse; in der Regel vollzog sich diese Einflussnahme durch das Hervorrufen von Mitleid mit einer dritten Person, das sich in negativen Reaktionen auf den Gegner niederschlug. Abschließend nimmt Rubinstein auch Aspekte der Performanz in den Blick (so etwa den visuellen Eindruck des Zeugen). Nikoletta Kanavou bietet einen semantischen Zugang zu negativen Emotionen als Bestandteil griechischer Personennamen und zeigt in Überlegungen zu Häufigkeit und Bedeutung auf, wie sie zum Verständnis griechischer Emotionen beitragen können.

Die vier folgenden Beiträge sind in der römischen Welt angesiedelt. Teresa Morgan befasst sich mit dem emotionalen Aspekt der pistis bzw. fides, die kein Bestandteil antiker Aufzählungen von Emotionen (wie etwa im zweiten Buch der aristotelischen „Rhetorik“) ist, aber in den Quellen oftmals als eine solche gehandhabt wird; gerade ihre hohe Bedeutung im Geflecht soziokultureller Beziehungen war zu großen Teilen emotional geprägt. Yelena Baraz setzt sich mit den unterschiedlichen Bedeutungsnuancen von Stolz (superbia) auseinander, dessen Kern darin besteht, eine falsche Selbsteinschätzung im Hinblick auf die eigene Position innerhalb eines bestehenden Machtverhältnisses zur Handlungsmotivation zu erheben. Zu großer Stolz kann bei einem Gegenüber Spott hervorrufen, aber auch zu Bestrafung führen, wie das Beispiel der Nioba (Ov. met. 6) zeigt. Katariina Mustakallio nimmt Trauerverhalten und -normen der römischen Frauen in den Blick; sie arbeitet die hohe gesellschaftliche Bedeutung der Matronen in der Zeit der römischen Republik heraus, die an ihrem öffentlichen Trauern beim Begräbnis sichtbar wird. Spätestens mit dem Aufkommen des Prinzipats treten grundlegende Änderungen ein, und der luctus matronarum ist nicht mehr Bestandteil historiographischer Beschreibungen.[5] Überlegungen Galens zur lypē in mehreren seiner Schriften – sowohl in philosophisch geprägten Abhandlungen als auch in praktisch ausgerichteten Handbüchern mit Fallbeispielen – wendet sich Daniel King zu und belegt damit, dass die Emotionsgeschichte sich auch mit der Medizingeschichte verknüpfen lässt.

Unterschiedliche Teilbereiche der Archäologie finden in drei Aufsätzen gegen Ende des Bandes Beachtung. Olympia Boubou spannt den Rahmen ihrer Überlegungen zur Emotionalität in der griechischen Kunst weit und zeigt auf, dass Gesten und Gesichtsausdrücke der Figuren vor allem unter Kenntnis des narrativen Kontextes bestimmten Emotionen zugeordnet werden können; aufgrund der Materialfülle wirkt ihr Beitrag allerdings an anderen Stellen mitunter zu ungenau, so dass die Kriterien, weshalb eine bestimmte Emotion dargestellt sei, zu wenig heraustreten. Gezielter greift der Aufsatz von Jane Masséglia auf die antike Kunst zu, indem sie zunächst die wenig emotional geprägten Darstellungen höherer Gesellschaftsschichten (die auf die Norm der Selbstkontrolle verweisen) mit ausdrucksstark ausgestalteten Figuren von Personen niederen Status kontrastiert. Es gibt jedoch zahlreiche Ausnahmen, die vor allem nahelegen, neben archäologischen auch soziologische Fragen einzubeziehen und etwa auf lokale Moden und den Zusammenhang von Form und Funktion zu achten.

Auf der Grundlage bioarchäologischer Befunde zum Tod von Kindern (auch ein behinderter Erwachsener lässt sich vermutlich diesem Kontext zurechnen) stellt Chryssa Bourbou heraus, dass sich gerade am Bestattungsort (nicht in üblichen Nekropolen, aber mitunter in der Nähe eines schutzversprechenden Heiligtums) emotionale Beweggründe der Hinterbliebenen erkennen lassen. Weitere Überlegungen weisen jedoch eher spekulativen Charakter auf, und insgesamt wäre dieser Beitrag gut geeignet gewesen, um den Sammelband zu beschließen – gerade weil er bereits etwas über den eigentlichen Bereich der Emotionsgeschichte hinausdeutet und deren Grenzen aufzeigt. An letzter Stelle findet sich jedoch Onno M. van Nijfs Aufsatz über die grundlegende Bedeutung einer emotional geprägten Kommunikation in der griechischen Polis der Kaiserzeit, in der affektive Metaphern (wie etwa „Vater/Sohn der Stadt“) nicht – wie bisher in der Regel angenommen – als inhaltsleer zu deuten sind. Van Nijfs plausible Thesen hätten sich unter anderem wegen der Überlegungen zu emotional geprägtem Umgang von Staatsmännern und Volk in der Öffentlichkeit bestens an die Behandlung hellenistischer Geschichtsschreiber durch Chaniotis anfügen lassen; so erscheint sein Beitrag unlogisch platziert.

Als größter Kritikpunkt lässt sich anführen, dass der griechische Bereich deutlich stärker als die römische Antike vertreten ist, obwohl der Titel eine ausgewogene Behandlung nahelegt (im Gegensatz zum Vorgängerband, der nur die griechische Welt in den Blick nehmen wollte); die Spätantike fehlt bis auf die Ausführungen von Morgan zur frühen Kirche ganz. Im Hinblick auf die Emotionen in der römischen Antike (und in Byzanz) gibt es also noch viel zu „enthüllen“. Insgesamt bietet „Unveiling Emotions II“ aber wertvolle Anregungen für alle Altertumswissenschaftler, die an der Emotionsgeschichte interessiert sind. Die Fallbeispiele stammen mitunter aus Bereichen, die der Vorgängerband noch nicht berücksichtigte (so etwa der medizinischen Fachschriftstellerei); der Sammelband stellt somit keine bloße Fortsetzung dar, sondern ist durchaus als Erweiterung des 2012 erschienenen ersten Bandes aufzufassen.

Anmerkungen:

[1] Vgl. S. 9: „As there is hardly any ancient text or image that does not directly or indirectly originate in emotions, reveals emotions, or seeks to arouse emotions, classicists have no other choice but to attempt to reconstruct the emotional background of their sources.“
[2] Angelos Chaniotis (Hrsg.), Unveiling Emotions. Sources and Methods for the Study of Emotions in the Greek World, Stuttgart 2012; vgl. dazu die Rezension von Alexandra Eckert in: H-Soz-Kult, 09.12.2013 <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21126>.
[3] Vgl. S. 18. Tamiolaki legt ihren Überlegungen vier Aspekten zugrunde, die sich aus der Beschäftigung mit Emotionen in antiken Texten ergeben: die Emotionen der Handelnden in den Texten, die Emotionen, die antike Autoren in den Rezipienten ihrer Texte erzeugen wollten, die Emotionen der Autoren selbst sowie die wechselseitige Beeinflussung dieser drei Faktoren. Sie lehnt sich dabei an die Ausführungen Ramsay Macmullens an, der sich mit Emotionen als Motivationsmechanismen der Handelnden beschäftigt, diversifiziert seine Thesen allerdings. Vgl. Ramsay MacMullen, Feelings in History, Ancient and Modern, Claremont 2003 (das Buch wird in der Bibliographie auf S. 50 in der französischen Übersetzung aufgeführt).
[4] Zum letztgenannten Aspekt vgl. besonders S. 79. Die Einbeziehung Plutarchs, der in seinen Viten vielfach auf hellenistische Quellen zurückgreift, reizt den thematischen Rahmen „hellenistische Geschichtsschreibung“ freilich aus. Im Zusammenhang mit Äußerungen zu dem kaiserzeitlichen Biographen gibt sich Chaniotis als Anhänger des These einer tragischen hellenistischen Historiographie zu erkennen, vgl. S. 54: „As a perceptive reader he has captured the essence of Hellenistic historiography, which has often – and, in my view, correctly – been characterized as ‚tragic‘.“
[5] Zur Rolle weiblichen Trauerverhaltens in der Öffentlichkeit hätte sich ein Hinweis angeboten auf Anthony Corbeill, Nature Embodied: Gesture in Ancient Rome, Princeton 2004, S. 67–106 (Kapitel 3: „Blood, Milk, and Tears: The Gestures of Mourning Women“).

Redaktion
Veröffentlicht am
19.01.2015
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