H. Ellis: Generational Conflict and University Reform

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Titel
Generational Conflict and University Reform. Oxford in the Age of Revolution


Autor(en)
Ellis, Heather
Reihe
History of Science and Medicine Library 31 / Scientific and Learned Cultures and Their Institutions 8
Erschienen
Anzahl Seiten
257 S.
Preis
€ 108
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Langewiesche, Historisches Seminar, Eberhard Karls Universität Tübingen

Heather Ellis, Senior Lecturer an der Liverpool Hope University, unternimmt in ihrer Dissertation den ambitionierten Versuch, den Weg zur Universitätsreform von 1854, „an important turning point in the history of Oxford“ (S. 227), neu zu bestimmen. Das gelingt ihr. Dass sie es immer wieder sagt, wie stark sie sich von der gesamten bisherigen Oxford-Forschung absetzt, in jedem Kapitel aufs Neue, mag den Genuss des Lesers, ihre Argumentation nachzuvollziehen, ein wenig stören. Immerhin, so kann es auch ein eiliger oder unkundiger Leser nicht übersehen.

Ellis sieht als treibende Kraft für die Reformbewegungen in Oxford seit dem ausgehenden 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhundert den zunehmenden Konflikt zwischen den undergraduates und ihren Tutoren. Nach 1800 formierten sich die Studenten erstmals als eine eigenständige Interessengruppe innerhalb der Universität, die mit ihren Aktivitäten die verschiedenen Reformen und Reformvorhaben bis zur Intervention einer Royal Commission (1850) wesentlich beeinflusst haben. Nicht die senior members – Professoren, Tutoren und die Mitglieder der Leitungsgremien der Colleges und der Universität – haben die Reformanstöße in Gang gesetzt und dafür gesorgt, dass die Reformforderungen nicht verebbten, sondern die Studenten. Ellis spricht deshalb von einem Generationenkonflikt in Oxford, einem „generational battleground“ (S. 138), auf dem konkurrierende Zukunftsentwürfe debattiert wurden. Im Mittelpunkt standen die Jungen. Nach welchen Kriterien lassen sie sich als eine Generation bestimmen? Dieser Frage geht Ellis nicht nach. Die reichhaltige theoretische Literatur dazu nimmt sie nicht auf. Sie beschreibt aus den Quellen die Kritik seitens der Jungen und die Reaktionen der Älteren, die ein Amt innehatten. Diejenigen, die im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als undergraduates an der Universität Oxford studiert haben, fasst Ellis zu einer Generation der Jungen zusammen und nennt sie, sofern sie sich kritisch engagiert haben, „a radical youth movement“ (S. 138). Wie viele es waren, lässt sich offensichtlich nicht bestimmen. Darauf ist der Forschungsansatz auch nicht angelegt. Ellis sucht diese „Jugendbewegung“ nicht in studentischen Organisationen und nur gelegentlich in öffentlichen Aktionen zu erfassen, sondern sie wertet vornehmlich die zahlreichen Publikationen aus, in denen sich die studentischen Kritiker, ihre Unterstützer und Widersacher geäußert haben.

Eine Grundlinie der Argumentation von Ellis zielt darauf, die neuen „Examination Statutes“ von 1800, 1807 und 1808 sowie von 1824 nicht als Ausdruck eines Reformwillens aus den Institutionen der Universität heraus zu sehen, sondern als eine Art defensive Modernisierung: Reformen als Prophylaxe gegen die Forderungen der Jungen. Das misslang, weil alle Reformen, das zeigt Ellis überzeugend, darauf zielten, die Erziehungskuratel aufrecht zu erhalten oder möglichst zu verstärken, der die Studenten unterlagen. Dies wurde auch deshalb zum Problem, weil sich das Durchschnittsalter der Studienanfänger erhöht hatte. Die kritischen Studenten wollten nicht mehr als Schüler behandelt werden, sondern als selbständige Persönlichkeiten, die freien Zugang zu den modernen Wissenschaften und der wissenschaftlichen Literatur verlangten. In Cambridge war diese Reform des Studiums gelungen, in Oxford nicht. Wegen dieser Reformverweigerung, so eine Kernaussage von Ellis, kam es in Oxford zu einem permanenten Konflikt zwischen den Studenten und den Lehrenden, insbesondere den Tutoren, die mit ihren auf Konservierung angelegten Reformen das Ideal der „Oxford education“ verteidigten: „a manly and independent character“. Das hieß für die meisten der Lehrenden konkret: „the 'manly' undergraduate“ sollte eine Einstellung einüben, die sich als „conservativ, patriotic and anti-revolutionary“ beschreiben lässt (S. 99). So unterschiedlich die verschiedenen Gruppierungen unter den Lehrenden auch eingestellt waren, die „Noetics“ und „Tractarians“, alle zielten darauf, die Autorität der senior members wiederherzustellen und die Oxforder Erziehung zu „piety and obedience“ (S. 171) zu verteidigen, indem sie auf eine neue Grundlage gestellt werden sollte. In den 1840er-Jahren durchdrang der Wunsch nach Reformen, so unterschiedlich er motiviert war, schließlich derart stark alle Gruppen, dass das Leitungs-Board der Universität schließlich im Sommer 1848 ein Komitee einsetzte, das alle Reformkonzepte betrachten und mit allen Gruppierungen sprechen sollte. Die „Examination Statutes“ von 1849 und 1850, die daraus hervorgingen, gelten als „the most radical changes into Oxford's curriculum in the history of university“ (S. 207). Den Endpunkt dieses langen Wegs zur Reform bildete jedoch das Parlamentsgesetz von 1854, das den Empfehlungen der Parlamentskommission folgte, die 1852 ihren auf eine grundlegende Reform angelegten Bericht vorgelegt hatte, während eine Kommission, die Cambridge untersucht hatte, nur wenig Anlass zu Veränderungen gefunden hatte.

Die Differenzierung der Entwicklungen in Cambridge und Oxford gehört ebenfalls zu den Kernpunkten von Ellis' Analyse. Sie wendet sich gegen die Vorstellung, die britische Elite habe im Vergleich zum Kontinent eine Einheit gebildet. Die beiden Institutionen, an denen diese Elite erzogen wurde, Cambridge und Oxford, sind höchst unterschiedliche Wege gegangen. Zum „popular narrative of British exceptionalism“ (S. 23), gegen den sie sich wendet, gehört auch die Abgrenzung von den Entwicklungen der kontinentalen Universitäten. Wenn Ellis davon spricht, meint sie die Entwicklungen in Frankreich und Deutschland. Dass sie im Untersuchungszeitraum in gänzlich unterschiedliche Richtungen verlaufen sind, spricht sie nicht an. Die Amerikanische und die Französische Revolution und die Revolutionen von 1830 haben in Oxford offensichtlich die Furcht vor einer studentischen Rebellion stark bestimmt. Das betont Ellis mehrfach, doch die Quellen, die sie dazu beibringt, bleiben blass. Sie fordert zwar, die Entwicklung der englischen Universitäten vor dem Hintergrund der kontinentalen Universitätsgeschichte zu sehen, doch auf Vergleich ist ihre Studie nicht angelegt. Es gibt einige Hinweise, dass senior members in Oxford die Verhältnisse an deutschen Universitäten als chaotisch angesehen haben, ohne den Willen zur Erziehung der Studenten, doch dabei bleibt es. Dass das deutsche Universitätsmodell, das sich im Untersuchungszeitraum herausbildete, auf Bildung durch Teilhabe an Forschung setzte, scheint man in Oxford nicht gesehen zu haben. Ellis thematisiert dies nicht, obwohl ihre Vergleiche mit Cambridge dazu anregen könnten, denn auch dort gehörte es im Gegensatz zu Oxford bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zum universitären Erziehungsprogramm, in die modernen Wissenschaften einzuführen. Doch ihre Studie bietet eine Grundlage für Vergleiche. Deshalb sollten sie nicht nur Experten für die Geschichte englischer Universitäten zur Kenntnis nehmen.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.11.2014
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