E. Hrabovec: Slovensko a Svätá stolica 1918–1927

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Titel
Slovensko a Svätá stolica 1918–1927 vo svetle vatikánskych prameňov.


Autor(en)
Hrabovec, Emilia
Erschienen
Bratislava 2012: Vydavatelstvo UK
Anzahl Seiten
557 S.
Preis
€ 24,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Zedler, Universität Regensburg

Als Papst Johannes Paul II. in Rom beigesetzt wurde, erlebte die Stadt mit geschätzten vier Millionen Trauernden nicht nur „die größte christliche Versammlung seiner Geschichte“ (FAZ, 8. April 2005), sondern mit Delegationen aus über 80 Ländern auch die Zusammenkunft einer bemerkenswert großen Menge politischer Entscheidungsträger. Darunter waren dezidiert katholische Staatsoberhäupter wie der König von Spanien, aber auch und vor allem Vertreter laizistischer Staaten, unterschiedlicher Kirchen und internationaler Organisationen. Dass das persönliche Glaubensbekenntnis für die Anwesenheit keinerlei Rolle spielte, zeigen die Beispiele des US-amerikanischen Präsidenten George Bush, des russischen Premierministers Mikhail Fradkov, des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, des israelischen Präsidenten Moshe Katsav oder des jordanischen Königs Abdullah II. Jenseits der Frage, inwieweit die Ehrerbietung der Person oder der Funktion des Toten galt, belegt bereits der kurze Aufriss eines sehr deutlich: Das Papsttum war und ist ein internationaler Akteur. Von herkömmlichen Staaten unterscheidet sich der Vatikan vor allem durch die machtpolitische Schwäche (die es mitunter für Maklerrollen geradezu prädestiniert erscheinen lässt) sowie durch die konfessionell begründete Involvierung in die (Innen-)Politik zahlreicher Länder. Der Papst ist eben nicht nur Oberhaupt des Kirchenstaates, sondern auch der römischen Katholiken, ungeachtet ihrer Nationalität; neben der direkten Vertretung über seine Diplomatie stellten daher zahlreiche Regierungen auch seinen indirekten Einfluss via Geistlichkeit bzw. über den politischen Katholizismus in Rechnung.

Die politische Relevanz des Pontifex galt im Umfeld des Ersten Weltkrieges und der (europäischen) Zwischenkriegszeit noch sehr viel stärker, als es heute der Fall ist. „Countries […] if they cannot have God on their side, at least would like to have the Pope there“[1], kommentierte Stewart Stehlin schon 1983 leicht süffisant die Bemühungen zahlreicher Staaten um gute Beziehungen zu Rom während der Pontifikate Benedikts XV. (1914–1922) und Pius’ XI. (1922–1939): England ernannte 1914 einen Sonderbotschafter am Vatikan (und beließ ihn, entgegen früheren Überlegungen, nach dem Krieg dort), die Niederlande folgten 1915; die iberischen Staaten normalisierten ihre abgebrochenen diplomatischen Beziehungen unmittelbar vor bzw. nach dem Krieg und auch Frankreich ernannte 1921 nach langjährigem Bruch wieder einen Botschafter am Heiligen Stuhl. Paris ging es dabei nicht zuletzt darum, seine frankophile Kirchenpolitik in dem von ihm besetzten Saarland abzusichern, indem es ihm wohlgesonnene Geistliche einsetzte. Diese wiederum sollten die Bevölkerung im pro-französischen Sinne beeinflussen und dergestalt die für 1935 angesetzte Volksabstimmung präjudizieren.[2] Das letztgenannte Beispiel steht exemplarisch für grundlegende Nachkriegsprobleme, die den Heiligen Stuhl unmittelbar tangierten: Grenzen wurden verschoben, Staaten entstanden wieder oder neu, mit der Doppelmonarchie war eine wichtige Säule der vatikanischen Politik weggebrochen. Davon waren nicht zuletzt die Diözesangrenzen betroffen, die vor allem in Ostmitteleuropa nun nicht mehr mit den politischen übereinstimmten, was Potential für allerlei nationale Konflikte in sich barg.

In diesem Zusammenhang ist auf die Auswahledition von Emilia Hrabovec hinzuweisen, die 82 Schriftstücke bietet, die von 1919 bis 1927 ganz überwiegend zwischen Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri und den jeweils für die Slowakei zuständigen Diplomaten gewechselt wurden. War das zunächst noch der Wiener Nuntius Valfrè di Bonzo (man wollte den Ergebnissen von Trianon nicht vorgreifen), übernahmen diese Aufgabe ab Ende 1919 die Nuntien Clemente Micara und Francesco Marmaggi (bzw. nach dem zwischenzeitlichen Abbruch der Beziehungen 1925 der Geschäftsträger Antonino Arata) von Prag aus.

Wie die Dokumente eindringlich zeigen, war das Dreiecksverhältnis zwischen den Slowaken, der Prager Regierung und Rom keineswegs unkompliziert: Die innenpolitischen Gründe lagen in der rasch einsetzenden Zentralisierung, gepaart mit dem politisch-gesellschaftlichen Gegensatz von überwiegend katholischer Slowakei hier und hussitischen, liberalen und sozialistischen Ideen in den böhmischen Ländern dort. Trotz einer grundsätzlichen Kirchenferne wollte Prag nicht auf ehemals monarchische Staatskirchenrechte verzichten, beanspruchte etwa, in das königliche Bischofsernennungsrecht einzutreten, nicht zuletzt, um gegen den weitgehend magyarisch orientierten Klerus innerhalb der eigenen Grenzen vorgehen zu können. Außenpolitisch kann nicht überraschen, dass Rom dieses Ansinnen zurückwies, was zeigt, wie sich religiöse mit nationalen Aspekten grenzüberschreitend vermischten.

Dass aber Prag nicht ohne weiteres gegen Rom agitieren konnte, beweist die Debatte um Diözesanneuzirkumskriptionen. Immerhin gehörte rund ein Drittel des slowakischen Gebiets zur ungarischen Diözese Esztergom. Die Loslösung dieses Territoriums aus dem Metropolitanbistum war das erklärte Ziel slowakischer wie tschechischer Politiker, traf aber nicht nur auf den Widerstand Ungarns (das hoffte, über die Geistlichkeit Einfluss in dem verlorenen Gebiet erhalten zu können), sondern bedurfte überdies der Zustimmung des Heiligen Stuhles. Weil die Zentralregierung aus Gründen der nationalen Einheit jedoch die Gründung einer slowakischen Kirchenprovinz, Rom hingegen ein Aufgehen der katholischen Slowakei in eben diesem Einheitsstaat verhindern wollten, wurde der Konflikt nicht nur außen-, sondern auch innenpolitisch aufgeladen. Weitere heikle Themen, die weit über den engeren Kreis der Kirchenpolitik hinaus reichten, kommen in den Berichten zur Sprache, etwa die Haltung Roms zur Frage der Nationalität von Geistlichen, die Positionierung des Vatikans zur neuen Staatsform oder das von ihm kritisch beäugte Verhältnis der tschechischen und der slowakischen katholischen Partei zueinander, inklusive der Frage, in welcher Weise sie sich an Regierungsbildungen in Prag beteiligen sollten.

In ihrem Aufbau folgt die Edition bewährten Mustern. Die Dokumente sind ganz überwiegend in italienischer Sprache, einige wenige in Latein. Der editorische Apparat beschränkt sich im Wesentlichen auf den Sachkommentar, der so knapp gehalten ist, dass er keinerlei Forschung vorwegnimmt. Der Dokumentenkopf verfügt über die üblichen Angaben (Korrespondenzpartner und -form, Datum, Fundort). Ein Dokumentenverzeichnis, Orts- und Personenregister sowie ein Problemaufriss in italienischer Sprache (S. 507–517) machen das Werk auch für denjenigen gut nutzbar, der sich mit kirchenpolitischen Aspekten der Zwischenkriegszeit befasst und des Slowakischen unkundig ist. Dies gilt ungeachtet des Umstandes, dass die Regesten, der Kommentar und eine ausführliche Einleitung der Herausgeberin (S. 7–101) lediglich in Slowakisch vorliegen. Bedauerlich ist hingegen, dass der Titel nicht zweisprachig ausgewiesen wurde. In der vorliegenden Form wird der verdienstvolle Band vom Großteil der Forschung in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern wohl nicht wahrgenommen werden (können).

Eine breite Wahrnehmung ist dem Band freilich über thematische und nationale Grenzen hinweg zu wünschen. Zum einen erlauben die Dokumente (ihres kirchenhistorischen Werts sui generis ungeachtet) Rückschlüsse auf die tschechoslowakische Innenpolitik der ersten Nachkriegsjahre. Zum anderen ergeben sich Vergleichspunkte zu anderen europäischen Ländern in Bezug auf Diözesanneuzirkumskriptionen, die Nationalitätenfrage bei Bischofsernennungen oder das Verhältnis des Vatikans zum politischen Katholizismus. Dass die Haltung Roms dabei nicht national isoliert erfolgte, sondern es stets eine Linie zu finden galt, die für die Weltkirche insgesamt Geltung beanspruchte, versteht sich eigentlich von selbst. Dennoch wird dieser Umstand bisher zu oft übersehen. Nicht zuletzt, um weitere Beispiele für die pontifikale Politik jener Jahre heranziehen und die Wechselwirkungen seines internationalen Agierens stärker herausarbeiten zu können[3], kann der Band wertvolle Dienste leisten. Er reiht sich damit in so wichtige Editionsprojekte wie die der Nuntiaturberichte der Zwischenkriegszeit in Deutschland[4] oder Polen.[5] Es steht zu hoffen, dass weitere Editionen hinzukommen, um die internationale Verflechtung der vatikanischen Politik noch besser verstehen zu können und sie nicht nur bei Papstbegräbnissen in den Blick geraten zu lassen.

Anmerkungen:
[1] Stewart A. Stehlin, Weimar and the Vatican 1919–1933. German-Vatican Diplomatic Relations in the Interwar Years, Princeton 1983, S. VIIf.
[2] Vgl. Jörg Zedler, Bayern und der Vatikan. Eine politische Biographie des letzten bayerischen Gesandten am Heiligen Stuhl Otto von Ritter (1909–1934), Paderborn 2013, S. 419–440.
[3] Ein hervorragendes Beispiel für solche Wechselwirkungen zeigt jüngst Thomas Brechenmacher, Der Heilige Stuhl und die totalitären Ideologien. Die März-Enzykliken von 1937 in ihrem inneren Zusammenhang, in: Historisches Jahrbuch 133 (2013), S. 342–364.
[4] Beide sind online auf der Seite des Deutschen Historischen Instituts Rom verfügbar und werden von einer Forschergruppe um Prof. Dr. Hubert Wolf (für Eugenio Pacelli) bzw. von Prof. Dr. Thomas Brechenmacher (für Cesare Orsenigo) erarbeitet.
[5] Vgl. das mehrbändige Werk von Stanislaw Wilk (Hrsg.), Achilles Ratti (1918–1921), Rom 1995ff.

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Veröffentlicht am
14.10.2015
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