M. Weber u.a.: Die alexandrinischen Gaumünzen der römischen Kaiserzeit

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Titel
Die alexandrinischen Gaumünzen der römischen Kaiserzeit. Die ägyptischen Gaue und ihre Ortsgötter im Spiegel der numismatischen Quellen


Autor(en)
Weber, Manfred; Geissen, Angelo
Reihe
Studien zur spätägyptischen Religion 11
Erschienen
Wiesbaden 2013: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
XIII, 427 S., XXX Taf.
Preis
€ 124,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Reinard, Seminar für Alte Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Die vorliegende Untersuchung darf zweifelsfrei als Paradebeispiel für den Mehrwert fächerübergreifender Zusammenarbeit angesehen werden. Die beiden Autoren[1] widmen sich der spezifischen Quellengruppe der ägyptischen Gaumünzen der Kaiser Domitian, Trajan, Hadrian und Antoninus Pius sowohl von numismatischer als auch von ägyptologischer Seite und zielen dabei besonders auf eine religionsgeschichtliche Fragestellung ab. Das Ergebnis ist eine Studie, die für jeden, der zum römischen Ägypten forscht, lohnend und hilfreich ist.

Im ersten Kapitel erfolgt eine sehr lesenswerte und in vielerlei Hinsicht fruchtbare Einführung, die mit „Numismatische und ägyptologische Voraussetzungen“ überschrieben und in zwei Abschnitte gegliedert ist: „Zur Münzprägung des römischen Ägyptens“ (Abschnitt I.1, S. 3–21) sowie „Gaue und Ortsgötter“ (Abschnitt I.2, S. 21–44). Die einleitenden Bemerkungen zur Münzprägung sind zunächst allgemeiner Art, so werden etwa die Datierung der Münzen (S. 4), Anmerkungen zu Nominalen und Metrologie (S. 5–7), ein Aufriss der Typen von Vorder- und Rückseiten (S. 9f.) sowie ein allgemeiner Überblick zu den ägyptischen Prägungen von Augustus bis zum Usurpator L. Domitius Domitianus (S. 10–15) behandelt. Gewiss hat manches im ersten Abschnitt nur einen Überblickscharakter, so etwa die knappen Bemerkungen zu Währung und Wirtschaft (S. 7f.), bei denen man sich unter anderem genauere Informationen zur Preissteigerung in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts n.Chr. gewünscht hätte. Lediglich auf einen weithin berühmten Papyrus (P.Oxy. 12, 1411) wird verwiesen, da dieser die „prekäre Situation des 3. Jahrh.“ erhelle. Das genannte Dokument, welches in das Jahr 260 n.Chr. datiert, steht aber aller Wahrscheinlichkeit nach am Anfang einer „inflationären“ Entwicklung.[2] Sodann stellen die Autoren die Sonderserien der Gaumünzen vor (S. 15–44). Sehr hilfreich sind dabei die Ausführungen über die Anlässe der Emission von Gauprägungen (S. 16–21 u. 384). In der Forschung wurden bisher unterschiedliche Erklärungen diskutiert, wobei man meistens den kommemorativen Charakter der Münzen betonte. Geissen und Weber versuchen in ihrer Untersuchung nun, konkrete Ereignisse, auf welche sich die Prägungen reflexiv bezogen haben müssen, auszumachen. Sie knüpfen dabei an Ludwig Schwabe an, der bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf die Dezennalien als Prägeanlass verwies.[3] Für Domitian, Trajan und Hadrian können Geissen und Weber diese Annahme mit guten Gründen belegen. Für Antoninus Pius zeigen sie auf, dass die Hochzeit zwischen Faustina minor und Mark Aurel als Anlass gesehen werden kann.

Von großem Mehrwert ist auch der folgende Abschnitt, der sich einführend den Gauen und Ortsgöttern widmet. Das ägyptologische Fachwissen, welches in Erläuterungen zu den Gauzeichen, den Ortsgöttern, dem Tierkult oder der Gleichsetzung ägyptischer und griechischer Götter (S. 26–33) präsentiert wird, schafft eine Grundlage für die Analyse der komplexen Reversdarstellungen, die ausschließlich religiöse Motive aufweisen und ohne Einblick in die spezifische graeko-ägyptische Religion kaum verständlich sind. Abgeschlossen wird das erste Kapitel schließlich mit einem Überblick zur Forschungsgeschichte (S. 37–44), in dem die Dringlichkeit der Zusammenarbeit von numismatischer und ägyptologischer Forschung betont wird.

Der Hauptteil der Untersuchung im zweiten Kapitel besteht in der Aufarbeitung der einzelnen Gaue, aufgeteilt nach den Regionen Oberägypten (Abschnitt II.1, S. 45–196) und Unterägypten (Abschnitt II.2, S. 205–371). Die Ausführungen sind stets gleich gegliedert, nach einführenden Bemerkungen zu einem Gau erfolgen jeweils drei Abschnitte: Kult, Münzen und Ergebnis. Hinsichtlich der Gleichsetzung griechischer und ägyptischer Götter können Geissen und Weber für die Darstellung der Elpis im Thinites und der Nike im Antaiopolites, deren Deutung bisher Probleme bereitet hat, die ägyptischen Entsprechungen Mehit/Hathor (Thinites) und Nephthys (Antaiopolites) aufzeigen (S. 112–114 bzw. 132f.). Darüber hinaus bieten die Autoren viele Detailbeobachtungen und Erkenntnisse, so beispielsweise zu den Gaunamen, zur geographischen Ausbreitung eines Gaues oder auch – wie etwa bei Pelusion (S. 373) – zur römischen Verwaltung. Interessant ist zudem, dass die Gaumünzen die provinziale Verwaltungsstruktur diachron spiegeln, dabei jedoch keine Übereinstimmung mit den bekannten kanonischen Gaulisten der Tempel erzielt werden kann. Dies wird von den Autoren plausibel dadurch erklärt, dass die Gaulisten einer späteren Zeit entstammen und nicht die Darstellung einer „aktuellen Verwaltungswirklichkeit“ (S. 384) zum Ziel hatten.

Der Hauptfokus liegt jedoch auf der religionsgeschichtlichen Frage. Die regionalen Kulte innerhalb eines Gaues und ihr Reflex in den Münzen werden sehr gut herausgearbeitet. Alle regionalen Ortsgötter, die auf den Münzen gezeigt werden, konnten auch in der jeweiligen Region positiv in den Quellen nachgewiesen oder deren Existenz durch lokale Besonderheiten wahrscheinlich gemacht werden. Geissen und Weber bilanzieren schließlich, dass das Münzprogramm der Gauprägungen vielleicht „sogar die Mitwirkung ägyptischer Priester am Hofe des Praefectus Aegypti voraussetzt“ (S. 384; vgl. auch S. 21). Die Gaumünzen haben aber nicht nur die Funktion, die lokalen Kulte vorzuführen und für Identifikation zu sorgen, sondern besitzen auch eine allgemein für ganz Ägypten bedeutsame Aussage. Ihre Gesamtheit präsentiert sinnbildhaft das Nilland. Geissen und Weber stützen sich in ihrer überzeugenden Interpretation auf Jan Assmann (vgl. S. 385), der die Anwesenheit der Landesgötter etwa bei Riten der Herrschaftsübernahme oder Bestätigung (‚Sed‘-Fest) als wichtigen Teil religiös-politischer Präsentation beschreibt. Die Dezennalien sowie die Hochzeit der jüngeren Faustina und Mark Aurels, die Geissen und Weber als Prägeanlässe für Gaumünzen nachweisen, kann man in diese Interpretation einordnen und in den entsprechenden „Emissionen dann gleichermaßen – und wiederum als Rückgriff auf ägyptische Königsfeste wie etwa das Regierungsjubiläum des Sed-Festes – ein Zeugnis für die Präsenz der Landesgötter bei solchen Festen im römischen Alexandria sehen“ (S. 386). Interessant ist auch der Befund, dass ausschließlich unter Trajan die Götterdarstellung nicht nur im griechischen Stil, also als interpretatio Graeca, erscheint, sondern auch (alt)ägyptische Götterbilder nachweisbar sind; auf den Gaumünzen des Herakleopolites wird zum Beispiel Herakles-Herischef zeitgleich mit dem ägyptischen Harsomtus-Herakles dargestellt (S. 174–177).

Die insgesamt überzeugende Interpretation der Gaumünzen, die sich auf die im zweiten Kapitel ausführlich geleistete Aufarbeitung stützt, wird in einer kompakten Zusammenfassung (S. 383–387) präsentiert. Selbige wird durch vier Tabellen abgerundet (S. 388–399), die ein gutes Arbeitsinstrument darstellen: Sie beinhalten eine Auflistung der auf den Münzen belegten Gaue, der Gaue und Städte mit zugehörigen Rückseitenlegenden, eine Verteilung der Gaue und Städte nach Regierungsjahren sowie eine Auflistung der Kennzeichnung der ägyptischen Ortsgottheiten auf den Münzen. Anmerken darf man neben einem hochwertigen Tafel- (I–XXX) und Kartenteil (S. 411–413) sowie einem Register (S. 415–423) auch die zahlreichen guten Abbildungen im Fließtext, etwa die jeweiligen Gauzeichen, die Götterkronen oder die verschiedenen Götterdarstellungen, die das Verständnis der Lektüre erleichtern und für eine Beschäftigung mit dem numismatischen Material aus Ägypten gleichfalls hilfreich sind. Insgesamt ist die Publikation in vielfacher Hinsicht als einen Gewinn für die Forschung anzusehen.

Anmerkungen:
[1] Seit 2003 haben die Verfasser bereits in zehn Aufsätzen Untersuchungen zu den Gaumünzen vorgelegt:
Angelo Geissen / Manfred Weber, Untersuchungen zu den ägyptischen Nomenprägungen I–X, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 144 (2003), S. 277–300; 147 (2004), S. 259–280; 149 (2004), S. 283–306; 151 (2005), S. 279–305; 153 (2005), S. 291–316; 155 (2006), S. 271–300; 157 (2006), S. 277–304; 158 (2006), S. 271–300; 160 (2007), S. 275–300; 164 (2008), S. 277–305.
[2] Hans-Joachim Drexhage, Zur Preisentwicklung im römischen Ägypten von ca. 260 n. Chr. bis zum Regierungsantritt Diokletians, in: Münstersche Beiträge zur antiken Wirtschaftsgeschichte 6,2 (1987), S. 30–45; Hans-Joachim Drexhage / Heinrich Konen / Kai Ruffing, Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1.–3. Jahrhundert). Eine Einführung, Berlin 2002, S. 200f.
[3] Ludwig Schwabe, Die kaiserlichen Decennalien und die alexandrinischen Münzen, Tübingen 1896.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.10.2014
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