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Titel
Wolfgang Ratke (Ratichius, 1571 - 1635). Gesellschaft, Religiosität und Gelehrsamkeit im frühen 17. Jahrhundert


Autor(en)
Kordes, Uwe
Reihe
Euphorion, Beihefte 34
Erschienen
Anzahl Seiten
500 S.
Preis
€ 66,00
Markus Friedrich, Historisches Seminar, Abteilung Frühe Neuzeit LMU München

Häufig schon wurde angesichts des Forschungsstandes zur frühneuzeitlichen Bildungsgeschichte auf einen nach wie vor bestehenden Mangel an monographischen Arbeiten biographischer oder problemorientierter Ausrichtung hingewiesen. Selbst die bedeutendsten Protagonisten des intellektuellen Lebens des Reiches um 1600 sind zumeist nicht zusammenhängend bearbeitet worden, von den zahllosen mediokren Schulmännern ganz zu schweigen. Zwar hat Uwe Kordes seinen Helden, Wolfgang Ratke (1571-1635), nicht eigentlich erst entdecken oder dem Vergessen entreißen müssen, doch Forschungen zu seiner Person und seinem Leben, die modernen wissenschaftlichen Standards entsprechen, widmeten sich dem Gelehrten bisher kaum: Wenn überhaupt, so wurde er vor allem unter pädagogikgeschichtlicher Perspektive traktiert. Zwar versucht auch Kordes ganz bewußt keine umfassende Darstellung aller Facetten des Ratke'schen Ouevres, doch stellt sich seine Arbeit immerhin dem Anspruch, die "Ziele und Motivationen [zu ermitteln], die zur Entstehung des Werkes Wolfgang Ratkes geführt haben" (S. 19). Hierzu wird neben einem umfangreichen biographischen Teil (Kapitel II) ein ideengeschichtlicher Abschnitt präsentiert (Kapitel III-V), ehe am Ende eine Zusammenstellung der Ergebnisse (Kapitel VI) die Arbeit beschließt. Die ideengeschichtliche Rekonstruktion spart dabei explizit eine Bearbeitung der pädagogischen Anliegen Ratkes aus und wendet sich statt dessen seinen theologischen, wissenschaftstheoretischen und grammatischen Theorien und Schriften zu. Erarbeitet wurde die gesamte Untersuchung auf der Basis einer umfassenden Lektüre der einschlägigen (und sich durchaus unübersichtlich gestaltenden) handschriftlichen wie gedruckten Überlieferung. Am Ende des Buches steht Ratke, der in der Forschung gelegentlich als Vertreter des 'linken Flügels der Reformation' dargestellt worden ist, als treuer Lutheraner da, der fernab aller mystischen und heterodoxen Einflüsse als Anhänger der lutherischen Orthodoxie anzusehen sei und sich durch "rationalistische Tendenzen" auszeichnete.

In der Erarbeitung und Präsentation dieser Theorienentwürfe in den einschlägigen Kapiteln (III-V) wird das Material umfassend präsentiert. Die Arbeit ist auch und gerade in diesen Teilen überwiegend angenehm zu lesen und weist sich durch souveräne Beherrschung ihrer Quellen aus. Als Beispiel sei auf die besonders plausibel vorgetragene Einordnung Ratkes in die Rezeption des Werkes Zabarellas hingewiesen, durch die nicht nur dessen Relevanz ein weiteres Mal überzeugend belegt (und weitere Forschung schmackhaft gemacht) wird, sondern die auch dazu beiträgt, das Bild vom 'Ramisten' Ratke grundlegend zu korrigieren. Dass gegenüber solchen Höhepunkten der Darstellung das Material an anderer Stelle eher beschreibend wiedergegeben wird (vgl. die Vorstellung der zahllosen grammatischen Einteilungen oder der enzyklopädischen Gliederungen der Wissenschaften), mag man dem Verfasser dankbar zugestehen insofern, als dadurch ein weitgehend verlorenes Gedankengut überhaupt erst erschlossen wird. Auch die gelegentlich sehr langen Einordnungen Ratkes in die wissenschaftsgeschichtliche Tradition haben umfassenden Anspruch, wenn sich die Darstellung dabei manches Mal auch für viele Seiten von Ratkes Person und Werk entfernt. Angesichts dieser Leistungen ist das Buch nicht nur für Ratke-Interessenten, sondern für alle, die über die genannten Bereiche frühneuzeitlichen intellektuellen Lebens Informationen, Details und Einschätzungen suchen, ein wichtiger Beitrag. Die Arbeit stellt Werk und Leben Ratkes grundsätzlich in einen dreifachen systematisierenden Kontext: "Die Aspekte des Konfessionellen, der Krise [des 17. Jahrhunderts, M.F.] und der Personenbeziehungen müssen demnach die leitenden Gesichtspunkte für die Biographie Ratkes darstellen" (S. 21). Am Ende erscheint dieser Zielsetzung gemäß Ratke denn auch als Vertreter einer synkretistischen Wissenschaft im Rahmen "konfessioneller Zielsetzung" (S. 423). Und der rückwärtige Klappentext macht Ratkes Werk gar zum Exempel der "lutherische[n] Variante konfessionalisierter Wissenschaft". An diesen Einschätzungen wird sich die Bewertung von Kordes´ Interpretation zu orientieren haben. Wenn mit der Aufarbeitung der "Personenbeziehungen" mehr gemeint war als das Zusammenstellen und Gruppieren der Bekannten, Briefpartner, Freunde und Mäzene Ratkes, dann bedarf das von Kordes eröffnete Material weiterer Interpretation. Zwar zeigt das Kapitel II auf, welch vielfältige Kontakte Ratke zu unterschiedlichen sozialen Kreisen hatte, und dass er eine große Zahl von Personen unterschiedlicher Berufe und Klassen kannte. Eingehend untersucht werden jedoch lediglich die verschiedenen Konzepte gelehrter 'amicitia' (S. 131-134). Über diese Feststellungen hinaus wird kaum etwas unternommen, die Relevanz dieser Personenkontakte für die Gemeinschaft der Gelehrten näher zu erläutern oder zu bestimmen. Hinweise zur 'sozialen Praxis' dieser personal konstituierten Gelehrtengemeinschaft fehlen, die soziale Rolle des Gelehrten, die Stilistik dieser Gelehrtenkommunikation, deren Selbstdeutungen, ihre inneren Funktions- und Selektionsweisen, die Anpassungsmechanismen der Gelehrten an die verschiedenen sozialen Milieus - Aspekte dieser Art fehlen der "sozialhistorischen Biographie" Ratkes in Kapitel II weitgehend. Auch die nähere Analyse sozialer und politischer Vorstellungen verbleibt im allgemeinen.

Dem eigenen Anspruch nach soll sich die sozialhistorische Einbettung Ratkes denn auch zudem über das Konzept der Konfessionalisierung und den Begriff der Krise vollziehen. Spätestens seit jüngeren Beiträgen Johannes Wallmanns (man denke aber auch an Udo Sträters Arbeit: Meditation und Kirchenreform in der lutherischen Kirche des 17. Jahrhunderts, Tübingen 1995 (=Beiträge zur historischen Theologie; Bd. 91)) ist es für den Krisenbegriff unverzichtbar geworden, zu differenzieren zwischen zwei zeitgenössischen Varianten: Einmal wird dabei auf klar benennbare externe Ereignisse reagiert, woraus oftmals konsolatorische Literatur entsteht (Ph. Nicolai). Daneben wird die Krisendiagnostik als Mittel zur Kritik instrumentalisiert. Die Krise ist dann also ein Konzept, das dort auftritt, wo Kritik oder Veränderung begründet werden soll. Konsolatorische Funktion ist hier entsprechend nicht auszumachen, eher Aufrufe zu Verbesserung oder Buße. Die kritische Diagnose, in einer unvollkommenen Zeit zu leben, für die vielfältige Verbesserungen denkbar wären, braucht dann aber nicht mehr als mentale Folge der unvoreingenommenen Betrachtung einer gegebenen Realität angesehen zu werden. Vielmehr kann sie nur adäquat verstanden werden, wenn Krisendiagnose und Lösungsvorschläge als wechselseitig voneinander abhängig und einander generierend angesehen werden. Die Veränderungswünsche sind aber mehr als passive Reaktionen auf Zeitumstände, sie sind Ausfluß eines positiven Entwurfes. Auch angesichts der Anwendung des Konfessionalisierungsbegriffs ist grundsätzliche Differenzierung nötig. Neben allgemeiner Kritik ist speziell für den Bereich der Wissenschaft gezeigt worden, dass der Begriff hier nicht ohne weiteres zutreffend ist (vgl. nur Thomas Kaufmanns Differenzierungen zu den Rostocker Theologen). Soll 'Konfessionalität' nur dafür stehen, dass man konfessionelle Grenzen nicht grundsätzlich ignorierte oder für unbedeutend ansah, so waren natürlich weite Teile des gesellschaftlichen und intellektuellen Lebens konfessionalisiert. Wenn dadurch aber eine besondere Qualität des konfessionell geprägten Selbstverständnisses bezeichnet werden soll (im Sinne einer kämpferischen Durchdringung aller Lebensbereiche), dann waren zweifellos nicht all diejenigen 'konfessionalisiert', die lutherisch dachten und dies auch bekannten. Wenn zudem weite Teile von Wissenschaft (hier illustriert am Beispiel der Grammatik, anfügen ließen sich ferner große Bereiche der Metaphysik und anderer Wissenschaften) dem Bereich des "Nichtkonfessionellen im konfessionellen Zeitalter" (S. 429) zugeschlagen werden müssen, so ist es endgültig an der Zeit, nach der genaueren Rolle und Funktion der konfessionellen/konfessionalisierten Rhetorik dort zu fragen, wo sie sich ausmachen läßt. Rechnet man alle konfessionellen Motive schon einem Konfessionalismus zu (und muß dann freilich große Bereiche unkonfessioneller Wissenschaft in allen Konfessionen anerkennen), verliert die Kategorie soweit an Trennschärfe, dass sie fast überflüssig erscheint.

Noch zu einem letzten Aspekt, dem Gebrauch der Kategorie 'christliche Philosophie' (S. 428 bis 430): Zunächst erscheint es problematisch, die Gruppe um Daniel Hofmann zusammen etwa mit Johann Heinrich Alsted (der das vielleicht ärgste Feindbild ähnlich denkender Zeitgenossen darstellt) zusammen in dieser Gruppe zu versammeln. Dies hätte mindestens dem Selbstverständnis beider widersprochen. Wenn anschließend als Spezifikum der Hofmannianer herausgearbeitet wird, diese hätten "die biblischen Wahrheiten [...] in ihrer Faktizität akzeptiert" (S. 429), so ist zudem festzuhalten, dass sich diese Selbsteinschätzung von Alsted über die Orthodoxie bis zu Hofmann finden ließe. Dem Problem kann man dann nur entkommen, indem man die eine Sekte der 'philosophia christiana' in einander feindlich gegenüberstehende Teilgruppen zerteilt - doch das Phänomen der christlichen Philosophie ist dann ohne präzises Spezifikum zurückgelassen, vermag sich nur noch von einem (häufig nur imaginierten) Gegner - dem Atheismus - abzusetzen. Insgesamt bleibt der Eindruck einer sehr gründlich gearbeiteten, detail- und materialreichen Studie, die ihren Protagonisten vielfältig und nuanciert in die ideengeschichtlichen Zusammenhänge einbettet. Daran ändert auch die vorgetragene Kritik nichts. Wer sich zukünftig mit Ratke, darüber hinaus aber auch mit vielen anderen zentralen Themen frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit beschäftigen will, wird gerne und immer wieder zu Kordes' Buch greifen. Lediglich über die konzeptuelle Einordnung Ratkes in das Zeitgeschehen wird man unterschiedlicher Meinung sein können.

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22.05.2000
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