Cover
Titel
Geschichtsphilosophie.


Autor(en)
Schloßberger, Matthias
Reihe
Akademie Studienbücher Philosophie
Erschienen
Berlin 2013: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
269 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Heusinger von Waldegge, Stuttgart

Die Philosophie steht in einem besonderen Verhältnis zu ihrer Geschichte. Während in anderen Wissenschaften die Vergangenheit der eigenen Disziplin bestenfalls von sekundärem Interesse ist, gehört die Arbeit mit klassischen Texten zum festen Bestandteil eines jeden Philosophiestudiums. Niemand, der Physik studiert, muss Newton gelesen haben, wohl aber müssen sich Philosoph/innen etwa mit Platon oder Aristoteles auseinandergesetzt haben. Man beschäftigt sich mit ihnen dabei nicht aus einem rein historischen Interesse, vielmehr behandelt man sie wie zeitgenössische Gesprächspartner/innen.[1] Im Kontext dieses gleichermaßen historischen wie systematischen Verhältnisses steht auch die Geschichtsphilosophie mit ihrer langen philosophiegeschichtlichen Tradition. Und trotzdem spielt die philosophische Reflexion geschichtlichen Denkens in der gegenwärtigen Forschung eher eine untergeordnete Rolle. Diesem Trend wirkt Matthias Schloßberger entgegen, der als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Universität Potsdam unter anderem zur Geschichtsphilosophie forscht und lehrt. Seine Monographie „Geschichtsphilosophie“ soll neben einer fundierten Einführung eine problemorientierte Darstellung des Forschungsstands bieten, um als Begleiter für Seminare, Prüfungen und das Selbststudium dienen zu können.

In den ersten beiden Kapiteln klärt Schloßberger zunächst den Begriff und das Anliegen der Geschichtsphilosophie um anschließend ihr Verhältnis zur Geschichtsschreibung zu diskutieren. Zwar gesteht er zu, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, Geschichte zu denken, doch betont er ebenso, dass erst mit der Frage nach dem „Sinn der Geschichte“ im „eigentlichen Sinn von Geschichtsphilosophie die Rede“ (S. 11) sein kann. Die Kapitel drei bis zwölf sind der Geschichte der Geschichtsphilosophie gewidmet. Zunächst grenzt der Verfasser das zyklische Geschichtsdenken des antiken Griechenland vom linearen Geschichtsdenken der jüdisch-christlichen Tradition ab, nicht ohne dabei auf die Probleme einer solchen Oppositionsbildung hinzuweisen. In der christlichen Geschichtsauffassung und der Romidee erblickt er anschließend diejenigen Faktoren, die das geschichtsphilosophische Denken des Mittelalters maßgeblich prägten. Den Bruch mit diesem Geschichtsbild sieht er einerseits im „ahistorischen Rationalismus“ René Descartes und Thomas Hobbes, denen er ein eigenes Kapitel widmet, obwohl sie keine eigene Geschichtsphilosophie entworfen haben. Schloßberger betont jedoch, dass sie durch die „Entzeitlichung“ ihres Denkens die Bühne für die Geschichtsphilosophie der Neuzeit bereitet haben. Andererseits sieht er den Bruch in der italienischen Renaissance (Giambattista Vico) und besonders im französischen Geschichtsdenken des 16.–18. Jahrhunderts, da hier sowohl zyklische Geschichtsmodelle wiederentdeckt, als auch der Fortschrittsgedanke weiter entwickelt worden seien. Stellvertretend für die Epoche der Aufklärung werden die Geschichtsphilosophien Kants und Hegels abgehandelt.

Diese als klassisch geltenden Theorietypen grenzt Schloßberger vom Historismus ab, den er als Geschichtsphilosophie sui generis versteht, da er nicht auf ein fixes Ziel, sondern auf eine offene Teleologie ziele. Zu den Vertretern zählt er neben Leopold von Ranke, Wilhelm von Humboldt, Johann Gustav Droysen wegen der inhaltlichen Nähe auch Johann Gottfried Herder und Wilhelm Dilthey. Im darauf folgenden Kapitel „Marxismus und Positivismus“ werden zwei der wirkmächtigsten, aber einander entgegengesetzten geschichtsphilosophischen Strömungen ausführlich behandelt. Dem Autor gelingt es dabei, das Verhältnis von materialistischer und positivistischer Geschichtsauffassung pointiert zu kontrastieren. Die zwei großen wissenschaftlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts sieht er jedoch im Naturalismus und im Historismus, welche in der Darwin’schen Theorie miteinander verbunden würden.

Schloßbergers detailreiche und spannend erzählte Geschichte der Geschichtsphilosophie endet mit der „Krisis des Historismus“ als dem „durch die historische Betrachtungsweise evozierten Relativismus“ (S. 193). Gegen Max Webers Forderung der Wertfreiheit der (Geschichts-)Wissenschaft habe Ernst Troeltsch die Wertgebundenheit des historischen Denkens postuliert, den Relativismus aber gleichzeitig abgelehnt. Leider verpasst es der Autor, hier auf die philosophischen Probleme relativistischer Positionen einzugehen. Angedeutet wird ein wichtiges Argument lediglich in Ernst Robert Curtius‘ Kritik an Karl Mannheims Negation eines absoluten Standpunkts: Wenn alle Wissensansprüche relativ zu bloß historischen Standpunkten sind, dann auch der Relativismus.

Im darauffolgenden dreizehnten Kapitel geht Schloßberger näher auf den Zusammenhang von geschichtsphilosophischem und politischem Denken ein. Allerdings bleibt die Darstellung des genuin geschichtsphilosophischen Denkens der politischen Ideologien Neomarxismus, Sozialdemokratie und Liberalismus eher vage. Ähnlich problematisch gestaltet sich das vierzehnte und letzte inhaltliche Kapitel, welches von geschichtsphilosophischen Prognosen und Diagnosen des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart handelt: Neben dem „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) und dem „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) werden hier so unterschiedliche Themen wie die Elias-Duerr-Kontroverse über den Prozess der Zivilisation, die Bedeutung der Religion für die Entwicklung der Gesellschaft der Gegenwart, der Begriff der Globalisierung oder die Möglichkeit einer neuen Universalgeschichte kurz umrissen. Hier wäre es wünschenswert gewesen, sich auf wenige Aspekte zu beschränken, um diese ebenso fundiert abzuhandeln, wie es auch in den vorhergegangenen Kapiteln der Fall war. Abschließend findet sich im fünfzehnten Kapitel ein umfangreicher Serviceteil, der neben Überblicksdarstellungen aus Lexika, Sammelbänden und Fachzeitschriften die Fachliteratur nach Epochen, Themen und Autoren gliedert, sowie der obligatorische Anhang.

Schloßberger gelingt mit dem vorliegenden Buch eine alles in allem sehr gute Einführung in die Geschichtsphilosophie. Das liegt vor allem daran, dass die philosophiehistorischen Zusammenhänge gründlich recherchiert und detailliert wiedergegeben werden. Indem der Autor immer wieder Quellen bemüht, bleiben seine Darstellungen anschaulich und kurzweilig. Dabei geht er oft auch ungewöhnliche Wege, etwa wenn er auf die Literaturgeschichte (am Beispiel der Aeneis und der Divina Commedia) oder eine Quellengattung (die mittelalterliche Chronik) zurückgreift, um philosophiegeschichtliches Denken zu erläutern. Schloßberger verwendet viel Mühe auf die geistesgeschichtliche Einordnung und zeigt sich sensibel für die Probleme der Periodisierung. Besonders hervorzuheben ist sein Anliegen, auf den Zusammenhang von geschichtsphilosophischem und politischem Denken hinzuweisen: Geschichtsphilosophie, so der Tenor des gesamten Buchs, ist nicht nur abstrakte Theorie, sondern spiegelt sich im politischen Denken und sozialen Handeln der Akteure verschiedener Epochen wieder.

Jedoch geht die Stärke in der historischen Aufarbeitung philosophiegeschichtlicher Positionen zumindest teilweise mit einer Schwäche in ihrer systematischen Darstellung einher. So verliert sich Schloßberger gelegentlich in Oberflächlichkeiten, die zwar historisch interessant, aber für ein systematisches Verständnis, gerade in einem explizit als Einführungsband konzipierten Buch, eher von sekundärem Interesse sind. Auf diese Weise verspielt er Ressourcen, die er an anderer Stelle dringend gebraucht hätte. So weist Schloßberger etwa immer wieder auf die Bedeutung Hegels für das geschichtsphilosophische Denken hin. Umso mehr verwundert es, dass der Verfasser seine eigene Darstellung als „oberflächliche Hinführung zu einigen Grundgedanken der Hegelschen Geschichtsphilosophie“ (S. 132) versteht, und verhältnismäßig wenig Mühe verwendet, um seinen Leser/innen Hegels schwierigen Sprachduktus („Vernunft in der Geschichte“, „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, „List der Vernunft“) näher zu bringen. In ähnlicher Weise verpasst er die Gelegenheit, die Relevanz der Geschichtsphilosophie für das gegenwärtige philosophische und politische Denken genauer herauszuarbeiten.

Trotz dieser Kritik handelt es sich bei Schloßbergers Buch um eine sehr empfehlenswerte Einführung, die zum Weiterdenken anregt und auf die man immer wieder als Nachschlagewerk zurückkommen kann. Ihre klare Stärke liegt in der historischen Aufarbeitung philosophiegeschichtlichen Denkens, und das ist auch gut so. Oder um es mit Hegel zu formulieren: „Das Studium der Geschichte der Philosophie ist selbst das Studium der Philosophie“.[2]

Anmerkungen:
[1] Gerhard Ernst, Fortschritt in der Philosophie, <http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=7193&n=2&y=4&c=104#p;y=4&c=104#> (19.07.2014).
[2] Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III (=Werke 20), Frankfurt am Main 1971 (1817), S. 49.

Kommentare

Redaktion
Veröffentlicht am
15.08.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag