R. Karlsch u.a. (Hrsg.): Studien zur Geschichte der Filmfabrik Wolfen

Cover
Titel
Studien zur Geschichte der Filmfabrik Wolfen und der IG Farbenindustrie AG in Mitteldeutschland.


Herausgeber
Karlsch, Rainer; Maier, Helmut
Reihe
Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte 2
Erschienen
Anzahl Seiten
267 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Raasch, Historisches Seminar, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Der anzuzeigende Band müht sich um Vertiefung und Profilschärfung: Die Geschichte der IG Farben – seinerzeit größtes Chemieunternehmen der Welt und vermeintliches Paradigma der "unheiligen Allianz" zwischen Wirtschaft und NS-Staat[1], in Auschwitz Inhaberin eines Konzentrationslagers mit frappierender Todesrate und zudem Teilhaberin der Firma, die durch die Produktion von Zyklon B industriellen Massenmord ermöglichte – ist breit beforscht worden. Dies gilt sowohl für die Historie des Konzerns[2] wie – zumindest partiell – seine Gründerfirmen.[3] Das Interesse des Bandes liegt vor diesem Hintergrund auf den mitteldeutschen Betrieben der (vormaligen) IG Farben mit Fokus auf der Filmfabrik Wolfen, wobei in neun Studien Themen ins Blickfeld genommen werden sollen, "die bisher noch gar nicht oder nur ansatzweise behandelt wurden" (S. 11). Fünf Beiträge legen ihren Schwerpunkt auf die zwei Dekaden zwischen der Gründung der IG Farben im Jahre 1925 und ihrer Auflösung durch die Alliierten im Jahre 1945, vier thematisieren ihre Nachgeschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1990er-Jahre. Das Themenspektrum reicht von den wirtschaftlichen Zusammenhängen der Zyklon B-Produktion über biografische Arbeiten zu Führungsfiguren der IG Farben bis zum Niedergang von ORWO und Agfa am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Beiträge stammen von Historikern/innen wie von ehemaligen Beschäftigten der Filmfabrik Wolfen beziehungsweise der Leverkusener Agfa-Gevaert AG.

Die substantiellste Studie liefert der Göttinger Doktorand Berti Kolbow, der sich mit Kodak und Agfa als Protagonisten des Amateurkamerageschäfts bis 1945 auseinandersetzt. Mit den Mitteln der kulturalistischen Transferforschung und auf Basis bisher wenig beachteten Aktenmaterials aus dem Leverkusener Bayer-Archiv dekonstruiert er zum einen den Topos von der einseitigen Rüstungsorientierung der IG Farben, zum anderen untermauert er jüngere Forschungserkenntnisse, die wider die Vorstellung einer "Marketing-Revolution" in den 1960er-Jahren argumentieren und unternehmerische Amerikanisierungstendenzen bereits als Signum der Zwischenkriegszeit betrachten. Er zeigt die selektive Aneignung amerikanischer Strukturen auf – Ablehnung direkter Zusammenarbeit, Negation der einschlägigen Distributionspolitik, Systematisierung eines nachfrageorientierten Marketings bei unverändertem Selbstverständnis als Qualitäts- und Markenhersteller, Ausbau der Werbeabteilung zum organischen Bestandteil der Betriebsstruktur, Imitation von Kampagnen, jedoch weitgehender Verzicht auf affektive Aufladungen – und führt damit die Komplexität von Kulturtransfers im Allgemeinen sowie des Verhältnisses zwischen deutscher und amerikanischer Wirtschaft im Besonderen eindrucksvoll vor Augen.

Mit Gewinn können auch die beiden Personenstudien gelesen werden: Manfred Gill gelingt es, für die Möglichkeiten einer eingehenden Auseinandersetzung mit Fritz Curschmann (1879–1961), dem langjährigen Fabrikarzt und Sozialdirektor der Agfa-Werke, zu sensibilisieren. Er vermag nicht nur dessen besonderen Einsatz für den Ausbau der betrieblichen Wohlfahrtseinrichtungen aufzuzeigen, sondern er wirft auch ein – für das komplexe Verhältnis von Wirtschaft und Nationalsozialismus markantes – Schlaglicht auf Curschmanns Machtverlust und Firmenabschied in den 1930er-Jahren. Denn diese fanden trotz eines offenen Bekenntnisses zu den neuen Machthabern statt und waren anscheinend wesentlich mit antisemitischen Diffamierungen verbunden, die eine entfernte Verwandtschaft des Sozialdirektors ermöglichte. Erstaunlich sind auch die Lücken, die Gill lassen muss: Für Curschmanns Haltung zum Gaskrieg zwischen 1915 und 1918 beispielsweise mangelt es an Quellenbelegen, seine Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges bleiben größtenteils im Dunkeln, rudimentär fallen die Betrachtungen zur durchaus erfolgreichen Karriere in der BRD aus, die ihn unter anderem zum Berater des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft avancieren ließ.

Rainer Karlsch beschäftigt sich mit Fritz Gajewski (1885–1965), Manager und seit 1932 ordentliches Vorstandmitglied der IG Farben. In bestechender Weise führt auch er vor allem die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen als „Wesensmerkmal der Wechselwirkung zwischen kommerzieller und politischer Zielstrebigkeit im Kontext einer Diktatur“[4] vor Augen: Gajewski stellte bereits im Frühjahr 1933 einen Mitgliedsantrag bei der NSDAP. Geflissentlich unterstützte er ihre auf Krieg ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Zugleich bekämpfte er die Einflussversuche der NSBO im Unternehmen und ging auf Konfrontationskurs zum Chemiker Georg Hingst, seines Zeichens ideologischer Hardliner und SD-Mitarbeiter. Gajewski setzte sich für jüdische Wissenschaftler ein und half ihnen bei der Flucht. Im bekannten Fall des jüdischen Chemikers Gerhard Ollendorff wurde die Janusköpfigkeit auf die Spitze getrieben: Der IG-Vorstand denunzierte den Ausreisewilligen bei der Gestapo und machte sich dann für dessen Freilassung stark. Außen vor lässt Karlsch die Kriegszeit, das heißt vornehmlich die Verwicklung von Gajewski, seit 1940 immerhin Mitglied des Südosteuropa-Ausschusses seines Unternehmens, in die großen Themen Zwangsarbeit und Holocaust. Das Potential der biografischen Forschung für eine konsequent differenzierte Sicht auf die Geschichte der IG Farben ist folglich weiterhin nicht ausgeschöpft.

Die Schwächen des Bandes, der ansprechend aufgemacht ist und über ein nützliches Personenregister verfügt, sind in der Einleitung grundgelegt: Die Herausgeber begründen ihr Erkenntnisinteresse nur unzulänglich aus dem Forschungsstand, die konzeptionellen Überlegungen bleiben vage. In der Folge ist die Kohärenz der Beiträge nicht durchgehend erkennbar. Die faktengesättigte Darstellung von Gert Koshofer zur Geschichte der AGFA Leverkusen hat beispielsweise nur bedingt etwas mit Mitteldeutschland zu tun. Noch gravierender mutet der Umstand an, dass die Mehrzahl der Beiträger nicht nur auf eine theoretisch-methodische Fundierung, sondern auch auf die Konturierung von Forschungskontexten verzichtet: Hervé Joly zum Beispiel legt nicht dar, wie sich seine Erkenntnisse in Sachen Zyklon B zu den einschlägigen Arbeiten von Peter Hayes[5] verhalten. Raymond G. Stokes will "Identität und Kultur" (S. 43) der IG Farben-Werke im historischen Wandel beleuchten, macht aber an keiner Stelle deutlich, wie dies methodisch zu bewerkstelligen ist. Für prägnante Behauptungen wie "[…] muss man auch erkennen, dass die Versuche von Carl Bosch und anderen, eine neue Identität zu konstruieren, im Laufe der zwei Jahrzehnte der Existenz der IG auch begrenzt erfolgreich waren" (S. 45) fehlt sodann immer wieder ein Beleg. Einige Aufsätze versagen sich gänzlich einer problemorientierten Argumentation und bieten reine Datensammlungen. Es fällt auf, dass teilweise überausführlich, zudem unkommentiert aus den Quellen zitiert wird (zum Beispiel S. 67ff.), teilweise empirische Triftigkeit nur unzureichend gegeben ist (in einem Aufsatz heißt es an allen relevanten Stellen schlicht "Aus internen Unterlagen der ehem. Agfa AG zur Agfa-Geschichte").

Im Ganzen bietet der Band hilfreiche Einsichten in die Geschichte der Filmfabrik Wolfen und der IG Farbenindustrie in Mitteldeutschland. Dass einige Artikel eher Lexikoncharakter besitzen, schmälert den Erkenntniswert nicht, sondern macht vor allem deutlich, wie lohnenswert es für die historische Forschung sein kann, sich weiter intensiv mit diesen Themenbereichen auseinanderzusetzen. Es gilt beispielsweise unverändert das, was die Herausgeber in ihrer Einleitung konstatieren: Es gibt bis heute keine Unternehmensgeschichte der Leuna-Werke, "die wissenschaftlichen Ansprüchen stand hält" (S. 10).

Anmerkungen:
[1] Joseph Borkin, Die unheilige Allianz der I.G. Farben. Eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich, 3. Auflage, Frankfurt am Main / New York 1981.
[2] Etwa Peter Hayes, Industry and Ideology. IG Farben in the Nazi Era, Cambridge 1987; Gottfried Plumpe, Die I.G. Farbenindustrie AG. Wirtschaft, Technik, Politik 1904–1945, Berlin 1990; Bernd C. Wagner, IG Auschwitz. Zwangsarbeit und Vernichtung von Häftlingen des Lagers Monowitz 1941–1945, München 2000.
[3] Etwa Werner Abelshauser (Hrsg.), Die BASF. Eine Unternehmensgeschichte, München 2002; Stephan H. Lindner, Hoechst. Ein IG Farben Werk im Dritten Reich, München 2005.
Eine umfassende Geschichte zu Bayer fehlt demgegenüber, Ansätze in Klaus Tenfelde u.a. (Hrsg.), Stimmt die Chemie? Mitbestimmung und Sozialpolitik in der Geschichte des Bayer-Konzerns, Essen 2007.
[4] Peter Hayes, Die I.G. Farbenindustrie, in: Lothar Gall / Manfred Pohl (Hrsg.), Unternehmen im Nationalsozialismus, München 1998, S. 107-116, hier S. 108.
[5] Vor allem Peter Hayes, Die Degussa im Dritten Reich. Von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft, München 2004, S. 283-314.

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04.12.2014
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