C. Kuchler (Hrsg.): NS-Propaganda im 21. Jahrhundert

Cover
Titel
NS-Propaganda im 21. Jahrhundert. Zwischen Verbot und öffentlicher Auseinandersetzung


Herausgeber
Kuchler, Christian
Erschienen
Köln 2014: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
238 S., 11 SW-Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simone Erpel, Berlin

Die Auseinandersetzung mit den Erzeugnissen der NS-Propaganda ist bis heute kein abgeschlossenes Geschichtskapitel. Nichts bringt das deutlicher auf den Punkt als die immer wieder aufflammende Kontroverse, ob ein Nachdruck von Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“ in Deutschland unterbunden bleiben soll oder nicht. Diese Frage erhält nun erneut Aktualität, denn Ende 2015 – zum Jahreswechsel nach dem 70. Todestag des Verfassers – laufen die Urheberrechte aus. Daher ist es nur zu begrüßen, dass Christian Kuchler (Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, RWTH Aachen) mit dem Sammelband „NS-Propaganda im 21. Jahrhundert“ die bislang weitgehend ausgebliebene wissenschaftliche Diskussion über das publizistische Erbe des Nationalsozialismus anstoßen will (S. 13).

Der Band ging aus einer Tagung hervor, die der Fachbereich Didaktik an der RWTH Aachen in Kooperation mit dem Internationalen Zeitungsmuseum Aachen und der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen Ende November 2012 veranstaltet hatte.[1] Sowohl aus (medien)historischer wie aus geschichtsdidaktischer Perspektive betrachten insgesamt 13 Beiträge, darunter von den international renommierten Historikern Peter Longerich und Moshe Zimmermann, die nationalsozialistische Tagespresse, Hitlers „Mein Kampf“ sowie die NS-Filmproduktion. Thematisiert werden aber auch der museale Umgang mit NS-Propaganda und das Internet als Plattform für aktuelle rechtsextreme Propaganda.

Da NS-Propaganda über das Internet längst frei zugänglich ist, zieht sich durch alle Beiträge die Frage, wie mit den heute noch geltenden Verboten in Wissenschaft, Schule, Medien und Museen angemessen umzugehen sei. Dabei geht es vorrangig um die Situation in Deutschland, die allerdings ergänzt wird durch Beispiele aus den Niederlanden und aus Israel.

Anders als der Buchtitel erwarten lassen würde, fehlt eine systematische Einführung des Begriffs der NS-Propaganda. Nur Peter Longerich und Silke Peters fragen in ihren Beiträgen nach, was Propaganda eigentlich ist. Longerich etwa vertritt die These, „dass es in der Propaganda des Dritten Reiches nicht darum ging, Menschen zu überzeugen, zu manipulieren und zu verführen, sondern [dass] die Propaganda […] Teil eines geschlossenen Systems zur Kontrolle der Öffentlichkeit“ war (S. 19). Longerich weist nach, dass 1942/43 Zeitungsartikel in Deutschland publiziert wurden, „die auf die Vernichtung und Ausrottung der Juden hinwiesen, ohne Einzelheiten des Vernichtungsprozesses preiszugeben“ (S. 18). Deshalb sei die NS-Propaganda eben nicht primär ein Instrument des „schönen Scheins“, sondern eine durchaus subtile und komplexe Kommunikation zwischen Regime und Bevölkerung gewesen, die darauf abzielte, die Deutschen zu Mitwissern des Judenmords zu machen. Diese kommunikationswissenschaftliche Sicht macht sich auch Peters in ihrem Beitrag über die Rolle historischer NS-Propaganda für heutige Neonazis zu eigen. Das Charakteristische von Propaganda sei ihre „doppelte Medialität“: Einerseits ist Propaganda auf Massenmedien angewiesen, um ihre Botschaften zu verbreiten; andererseits will sie durch ihre dichotome Weltsicht die subjektive Wahrnehmung von Realitäten verändern (S. 195).

Es ist durchaus sinnvoll, dass der Sammelband einen Hauptakzent auf die Printprodukte legt, zumal nicht nur „Mein Kampf“ für öffentlichen Streit gesorgt hat, sondern auch das kommerzielle Projekt „Zeitungszeugen“ des britischen Verlegers Peter McGee, der Nachdrucke ausgewählter, kommentierter Zeitungen aus den Jahren 1933 bis 1945 im deutschen Pressehandel zum Kauf anbot. Wie Christian Kuchler in seinem Beitrag gut nachvollziehbar darlegt, zeigen gerade die diesbezüglichen Debatten von 2009 und 2012, dass die öffentliche Geschichtskultur eher die Gefahren der NS-Propaganda sehe als deren Potentiale für die Forschung und für das historische Lernen (S. 37). Doch eine Fortsetzung von Publikationsverboten – und darin sind sich die Autoren und Autorinnen des Bandes einig – ist kontraproduktiv. Mit dieser Position stehen sie nicht allein, denn fast ausnahmslos alle Fachleute halten eine kritische Edition von Hitlers autobiografisch gefärbter Rechtfertigungsschrift „Mein Kampf“ für längst überfällig und für den besten Weg, um der „gefährlichen Mythisierung“[2] des Machwerks entgegenzuwirken.

Thomas Vordermayer, der am Institut für Zeitgeschichte München – Berlin an der wissenschaftlichen Edition von „Mein Kampf“ mitarbeitet, erläutert fundiert die Ziele und die Ansätze des Projekts: Durch eine eigene Publikation wolle man den „ökonomische[n] Missbrauch von ‚Mein Kampf‘ verhindern“ und „die letzte noch vorhandene Lücke von Texten Hitlers […] schließen“ (S. 61). Die Edition will – und ich bin mir sicher, sie wird – einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Debatte um das verbotene Buch zu versachlichen.

Ganz anders verläuft die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Filmerbe, das bis auf wenige Ausnahmen keinem Aufführungsverbot mehr unterliegt.[3] Clemens Zimmermann, der in seinem Beitrag die Strategien der nationalsozialistischen Filmpolitik untersucht, wählt dafür einen filmgeschichtswissenschaftlichen Zugang, der Kino insgesamt versteht „als Institution sozialer und kultureller Praktiken von der Produktion über Distribution bis zu den Lokalitäten der sozialen Rezeption mit ihren spezifischen Publiken“ (S. 123). Statt sich auf einzelne besonders offensive Propaganda-Filme zu konzentrieren, wie es in der Historiografie lange üblich war, rückt Zimmermann die Frage nach der ideologischen Funktion von Spiel-, Dokumentar- und Unterhaltungsfilmen in den Mittelpunkt. Außerdem interessiert ihn, „wie aktiv und kundig man sich Filmpubliken vorstellen kann“ (S. 123). Obwohl es für die Wirkungsforschung an zeitgenössischen Studien fehlt, wie Zimmermann einräumt, kann er exemplarisch belegen, dass Filmbotschaften durchaus ambivalent waren und dass man sich das Publikum als heterogen und kompetent vorstellen muss. Keineswegs sei von einer grundsätzlichen propagandistischen Überwältigung der Kinobesucher/innen auszugehen. Diese eigneten sich vielmehr das Kino als attraktiven „Erlebnisort“ an (S. 123).

Nach 1945 konnte Goebbels’ Propaganda in der jungen Bundesrepublik eine zweite Karriere entfalten, wie René Schlott treffend feststellt. „Viele der ersten Fernsehdokumentationen übernahmen noch wie selbstverständlich und oftmals unreflektiert Bildmaterial der nationalsozialistischen Täter oder der alliierten Befreier.“ (S. 155) Eine reflektierte Auseinandersetzung ist erst in den letzten Jahren an die Stelle der sorglosen Verbreitung von immer gleichem Bildmaterial getreten, welches die Sicht des Regimes letztlich reproduziert hat, wenn auch unbeabsichtigt. Moshe Zimmermanns Blick nach Israel zeigt, dass der dortige Umgang mit den Bildern der NS-Filmindustrie bis heute ein weitgehend unkritischer ist. Das drückt sich etwa darin aus, dass Stereotype der NS-Propaganda in der israelischen Öffentlichkeit politisch und taktisch instrumentalisiert werden, anstatt sie grundsätzlich abzulehnen (S. 223).

Wenn es darum geht, wie ein reflektierter Umgang in der Bildungsarbeit aussehen kann, ist vor allem die Geschichtsdidaktik gefragt. Ulrich Baumgärtner und Marc van Berkel analysieren in ihren Beiträgen die Rolle von „Mein Kampf“ in deutschen bzw. niederländischen Schulbüchern. Christian Bunnenberg fragt hingegen nach den Prämissen für einen erfolgreichen Einsatz von NS-Zeitungen im Unterricht. Im Ergebnis bleibt er skeptisch und gibt zu bedenken, „dass es für das Ausschöpfen der Lernpotenziale von Reprints im Geschichtsunterricht mehr bedarf, als ein unangeleitetes Lesen der Zeitungen oder das Bearbeiten von Arbeitsblättern“ (S. 57).

Einen spannenden Vorschlag zur Schulung von kritischem Geschichtsbewusstsein macht Benjamin Städter. Er zeigt am Beispiel des Historienfilms „Kolberg“ (uraufgeführt am 30. Januar 1945, Regie: Veit Harlan), wie die Verteidigung der Stadt Kolberg während des Napoleonischen Kriegs 1806 zu einer patriotischen Durchhalteerzählung verzerrt wurde. „Eine medienhistorische Analyse“, so Städter, „mag den Lernenden dabei verdeutlichen, dass Geschichte diskursiv verhandelbar ist und historische Ereignisse in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen verschieden gedeutet und auf gegenwärtige Entwicklungen bezogen werden können.“ (S. 165f.)

Neben der Schule haben sich seit den 1980er-Jahren historische Museen sowie KZ-Gedenk- und NS-Dokumentationsstätten als wichtige Lernorte zeithistorischer Bildung etabliert. Deshalb ist es erfreulich, dass Stefanie Paufler-Gerlach deren Ausstellungspraxis untersucht. Dabei macht sie zwei konträre Stile aus: Während vor allem Dokumentationszentren und Gedenkstätten auf eine dokumentarisch-argumentierende Darstellung setzen würden, inszenierten Museen in ihren Ausstellungen die NS-Geschichte – auch mittels Objekten der NS-Propaganda (S. 185). Sachliche Darstellungen und Inszenierungen sind jedoch keineswegs Gegensätze, denn jede Ausstellung folgt letztlich einer expliziten oder impliziten Narration und ist somit eine Inszenierung. Es geht vielmehr um die Frage, ob auf originale Objekte der NS-Propaganda verzichtet werden soll, um die Sicht des NS-Regimes nicht zu perpetuieren. Die von Paufler-Gerlach als Beispiel für solche Risiken angeführte Ausstellung „Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen“ (2010/11, Deutsches Historisches Museum)[4] zeigt nach meinem Eindruck vielmehr, wie mit Propagandaobjekten die Propaganda selbst zum Thema gemacht werden kann. (Als Mit-Kuratorin der Ausstellung ist die Rezensentin allerdings befangen.)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Sammelband sehr lesenswert ist. Eine Gesamtschau des propagandistischen oder auch nur des publizistischen NS-Erbes bietet der Band zwar nicht, was wohl auch nicht verlangt werden kann. Gleichwohl ist es ein Manko, dass der Herausgeber nicht begründet, warum neben den Printmedien der Film bzw. das Kino als eigener Schwerpunkt behandelt werden, andere wichtige Massenmedien, allen voran der Hörfunk sowie die Fotopublizistik, aber gänzlich fehlen. Mangelnde Forschungsergebnisse können nicht die Ursache sein, denn für die Geschichte des Rundfunks im Nationalsozialismus[5] und für die NS-Fotopropaganda[6] liegen seit mindestens 15 Jahren medienhistorische Erkenntnisse vor. So bleibt zu hoffen, dass es eine breiter angelegte, dann vielleicht auch internationalere Folgetagung zum Thema „NS-Propaganda im 21. Jahrhundert“ geben wird.

Anmerkungen:
[1] Siehe auch den Bericht von Katharina Grannemann, Anne Günther und Armin Heinen, in: H-Soz-Kult, 04.02.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4631> (04.03.2015).
[2] Pressemitteilung des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, 19.12.2013, <http://www.historikerverband.de/presse/pressemitteilungen/vhd-unterstuetzt-editionsvorhaben-des-instituts-fuer-zeitgeschichte-von-hitlers-mein-kampf.html> (04.03.2015).
[3] Vgl. Deutsches Filminstitut (DIF e.V.), Der Umgang mit dem Filmerbe der NS-Zeit, o.D., <http://www.filmportal.de/thema/der-umgang-mit-dem-filmerbe-der-ns-zeit> (04.03.2015); Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums, Filmeinführungen „Unter Vorbehalt“, <http://www.dhm.de/zeughauskino/programmarchiv/materialien/filmeinfuehrungen-unter-vorbehalt.html> (04.03.2015).
[4] Siehe die Rezension von Katrin Pieper, in: H-Soz-Kult, 22.01.2011, <http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-145> (04.03.2015).
[5] Z.B. Inge Marßolek / Adelheid von Saldern (Hrsg.), Zuhören und Gehörtwerden, Bd. 1: Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung, Tübingen 1998; Konrad Dussel, Deutsche Rundfunkgeschichte, Konstanz 2004.
[6] Z.B. Rudolf Herz, Hoffmann & Hitler. Fotografie als Medium des Führer-Mythos, München 1994; Rolf Sachsse, Erziehung zum Wegsehen. Fotografie im NS-Staat, Dresden 2003.