Cover
Titel
Germans in Tonga.


Autor(en)
Bade, James N.
Reihe
Germanica Pacifica 13
Erschienen
Frankfurt am Main u.a. 2014: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
142 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Stefan Manz, Aston University Birmingham

Die Forschung beschäftigt sich mit der ‘deutschen Südsee’ primär innerhalb der Themenfelder von Kolonialgeschichte und Erinnerungsort. Umso willkommener erscheint eine Ausweitung, die jetzt James N. Bade, Professor für Deutsch an der University of Auckland vorgelegt hat. Die polynesische Inselgruppe Tonga konnte im neunzehnten Jahrhundert als Königreich weitgehend seine Unabhängigkeit bewahren, wurde aber gleichzeitig Destination europäischer Auswanderergruppen, von denen die Deutschen die größte darstellte. Das Buch enthält biographische Skizzen von 377 Deutschen, die zwischen 1822 und 1932 geboren und als Migranten der ersten und späterer Generationen in Tonga aktenkundig wurden. Mitte der 1850er Jahre richtete die Hamburger Firma Godeffroy & Son einen Handelsposten auf Tonga ein, später die Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft. Die Migranten waren dementsprechend vor allem im Kolonialwarenhandel tätig. Kettenmigration erfolgte im Rahmen von Familien und Regionen. Beispiele waren die Familien Sanft, Wolfgramm und Guttenbeil aus Pyritz und anderen Städten Pommerns, deren Nachfahren noch heute auf den Inseln zu finden sind.

Seinem im Titel ausgedrückten Anspruch einer Geschichte der Deutschen in Tonga wird das Werk allerdings nicht gerecht. 120 Seiten des dünnen Bandes bestehen aus biographischen Skizzen, die keinem methodischen Faden folgen sondern unsystematisch Fakten zu Einzelpersonen präsentieren. Die einführenden 18 Seiten (von denen nach Abzug des Bildmaterials noch elf reine Textseiten übrig bleiben) schaffen keinen methodischen oder theoretischen Rahmen, sondern geben lediglich einen Überblick über die Geschichte Tongas und seine Beziehungen zu Deutschland und anderen europäischen Mächten. Die wenigen Absätze, die dabei auf deutsche Migranten eingehen, versuchen keinen analytischen Zugriff auf den prosopographischen Hauptteil. Die Daten werden nicht tabellarisch nach Kriterien wie Beruf, Alter, Geschlecht, Religion usw. ausgewertet, sodass der Leser die durchaus interessanten, durch akribische Archivarbeit zusammengestellten Lebensläufe nicht einordnen kann.

Dadurch ist es auch schwer, übergreifende thematische und theoretische Anknüpfungspunkte zu finden. In welchem Ausmaß war Tonga in transnationale und koloniale Handelsnetzwerke integriert und welche Rolle spielten dabei die deutschen Händler? Wie unterschieden sich die Handelsbedingungen von denen des benachbarten deutschkolonialen Samoa? Wie lassen sich die kulturellen Folgen der Einwanderung bemessen, sowohl für die Geber- als auch die Zielregionen? Gab es so etwas wie eine deutsch-tonganische Identität, die sich im Rahmen kollektiver oder individueller Konstruktionen ausgedrückt hätte? Im Rahmen transnationaler und postkolonialer Forschungsätze, die gerade zum deutschen Kaiserreich neuerdings fruchtbare Perspektiven eröffnet haben, wären solcherlei Fragestellungen zentral gewesen, um über den mikrohistorischen Rahmen hinaus weiter gehene Bedeutungshorizonte abzustecken. So schöpft das Buch sein thematisches Potenzial nicht aus und wird vor allem für Lokalhistoriker und Familienchronisten von Interesse sein. Die forschungsrelevanten Lücken werden derzeit von einem an der Fernuniversität Hagen laufenden Projekt mit dem Titel “Von Pyritz nach Vava’u” gefüllt. (http://blog.fernuni-hagen.de/pyritz-tonga/) Auf dessen Ergebnisse darf man gespannt sein.