Banken- und Finanzmarktgeschichte

: Finanzmarkt macht Geschichte. Lehren aus den Wirtschaftskrisen. Göttingen  2014. ISBN 978-3-8353-1118-3

Lindenlaub, Dieter; Burhop, Carsten; Scholtyseck, Joachim (Hrsg.): Schlüsselereignisse der deutschen Bankengeschichte. . Stuttgart  2013. ISBN 978-3-515-10446-3

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Toni Pierenkemper, Universität Köln

Es gibt zahlreiche Gründe Bücher zu schreiben bzw. zu publizieren. Die beiden vorliegenden Bände sind ganz offenbar aus dem Grund erschienen, Kunde von der Existenz und dem Wirken von zwei wissenschaftlichen Institutionen zu geben. Im ersteren Falle, dem Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, handelt es sich um ein relativ junges Forschungsinstitut an der Universität Jena, das sich zu diesem Zweck der Publikation von Beiträgen eines international renommierten Forschers bedient. Im zweiten Falle, beim Institut für bankhistorische Forschung in Frankfurt am Main, das in seiner wechselvollen Geschichte seit Jahrzehnten mit verdienstvollen Beiträgen zum Thema in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsent war und ist, wird gleichsam in einer Heerschau der aktuell in diesem Forschungsbereich engagierter Experten das weite Feld der deutschen Finanz- und Bankengeschichte vorgestellt. Die beiden Bände haben deshalb nur wenig gemein bis auf die Tatsache, dass sich ihre Beiträge alle auf das weite Feld der deutschen Finanzgeschichte beziehen.

Das knappe Bändchen mit verschiedenen Beiträgen von Harold James erscheint äußerst heterogen, enthält es doch neben einem Abdruck eines bereits in Deutsch und Englisch publizierten wissenschaftlichen Beitrages einige Zeitungsartikel aus deutschen Zeitungen sowie wohl einige Gelegenheitsarbeiten, die aus kurzen Vorträgen herzurühren scheinen. Am Ende des Bandes wird darüber hinaus ein Gespräch mit dem Autor abgedruckt, das einige Informationen über seine Person, den Bildungs- und Werdegang sowie über seine wissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Ansichten vermittelt. Auch seine knappe Einführung zum Band, „Clios Aufgabe“ (S. 7–12), lässt seine Sicht auf die Geschichtswissenschaften und insbesondere die Wirtschaftsgeschichte noch einmal klar hervortreten, wenn er die Herausarbeitung analoger Handlungsmuster, ihren Nutzen für die politische Beratung und die Veranschaulichung der Probleme einer vorausschauenden Entscheidungsfindung als die drei wesentlichen Vorzüge einer historischen Analyse aktueller Probleme hervorhebt.

In seinem ersten Beitrag (S. 13–36), einem Aufsatz von 2011, stellt James zwei Arbeiten über die Große Depression der 1930er-Jahre gegenüber, eine zeitgenössische von Edward. H. Carr aus dem Jahre 1939 und eine neuere Arbeit von Charles Kindleberger (2. Aufl. 1986), und fragt nach den Schlussfolgerungen der beiden Autoren im Hinblick auf die politischen Konsequenzen der Krise und die daraus folgende Weltordnung. Carr sieht als Folge des Scheiterns des liberalen Wirtschaftssystems die Rückkehr zu roher Gewalt in der internationalen Politik, die ihren Ausdruck im Aufstieg „großer Einheiten“, wie etwa dem Großdeutschen Reich und der Sowjetunion ihren Ausdruck fand. Kindleberger hingegen sieht gerade im Ausfall einer weltpolitischen Führung durch einen wohlmeinenden Hegemon die Ursache für das politische Desaster der 1940er-Jahre. Damit ist man sehr schnell bei den weltpolitischen Konsequenzen der gegenwärtigen Krise und bei der Frage nach der Friedfertigkeit der neuen Ordnung, in der man auf die befriedigende Wirkung des internationalen Handels hoffen mag und in der China eine mögliche Führungsrolle einnehmen könnte. Der vierte Beitrag (S. 66–74), 2009 in „Die Zeit“ erschienen, in dem die Große Depression von 1929 als amerikanisches Trauma angesichts der veränderten Situation in der Krise von 2008 geschildert wird, bietet einige ergänzende Gedanken zum Thema.

Es folgen (S. 37–49 und S. 50–65) einige kurze Überlegungen zur Ethik in der Wirtschaft angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise und zur Bedeutung von Staatsschulden in einer historischen Perspektive, letztere verbunden mit einigen Hinweisen auf mögliche Wege aus der gegenwärtigen Eurokrise. Dieses Thema wird im fünften Beitrag der vorliegenden Publikation noch einmal aufgegriffen (S. 75–89), wo das Projekt des Euro mit einer unglücklichen Ehe verglichen wird. Die Geschichte der europäischen Einigung wird beginnend mit der Rede Winston Churchills im Jahre 1945 noch einmal kurz nachgezeichnet, die dann in einer politisch motivierten Währungsunion mündet, mit der die ökonomischen Gegebenheiten grob missachtet wurden. Für die Sorglosigkeit und den Leichtsinn der Gründung einer derartigen Währungsunion lassen sich im Nachhinein zahlreiche Zeitzeugen finden, zum Beispiel Ottmar Issing und laut seines Biographen Hans Peter Schwarz sogar Bundeskanzler Helmut Kohl. Aus diesen Erfahrungen versucht Harold James einige „Lehren“ für die Zukunft des Euro-Systems zu formulieren, die er vor allem in einer Bedrohung seiner Stabilität durch politisch bedingte Maßnahmen und einen fehlenden Mechanismus für den Umgang mit Staatsbankrotten begründet sieht (S. 88).

Den Abschluss des Bändchens bilden zwei Porträts recht unterschiedlicher Persönlichkeiten, ein recht witziges aus der FAZ von 2012 über Margret Thatcher (S. 90–97) und eines über Georg Solmssen (1869–1957), 1933 für kurze Zeit Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank und wegen seiner jüdischen Herkunft dann aus dem Amt gedrängt. Schließlich endet der Band mit dem bereits erwähnten Interview (S. 109–128); in dem neben historischen Einschätzungen zum deutschen Unternehmertum und zum Aktienwesen wiederum aktuelle Hinweise auf die gegenwärtige Eurokrise zu finden sind. Eine Bibliographie mit den Werken von Harold James gibt einen Überblick über das beeindruckende Oeuvre des Autors.

Ganz anders als das knappe Bändchen von Harold James, das voluminöse Werk des Instituts für bankhistorische Forschung. Hier finden sich insgesamt 34 Beiträge verschiedener Autoren, deren Gemeinsamkeit lediglich darin besteht, dass sie sich alle mit Themen der Finanz- und Bankengeschichte befassen. Sie decken nicht nur zeitlich, beginnend mit einem Ereignis aus dem Jahre 1488 und endend in der unmittelbaren Gegenwart, ein breites Spektrum ab, sondern auch in Fragestellung und Methode und auch der Darstellungsweisen erscheinen sie außerordentlich vielfältig. Die grundlegende Idee der Publikation bestand offenbar darin, ein ganz konkretes Ereignis als Ausgangspunkt zu einer systematischen Erörterung einer spezifischen Frage der Finanz- und Bankengeschichte zu wählen. Als Gliederungsprinzip der Publikation diente dann allerdings nicht der thematische Zusammenhang der Beiträge, sondern die Chronologie der vorgestellten Ereignisse. Eine knappe inhaltliche Orientierung bietet jedoch die verdienstvolle knappe Einführung der Herausgeber (S. 11–16).

Den Anfang mit den „Schlüsselereignissen“ macht Mark Häberlein mit der Fugger´schen Anleihe von 1488 (S. 17–25), mit der er die Probleme der hoch riskanten Finanzierung der Fürsten durch reiche Kaufleute am Ende des Mittelalters veranschaulicht. Die Probleme einer unzureichenden Geldordnung in der Frühen Neuzeit werden am Beispiel des Scheiterns der Reichsmünzordnung von 1559 (S. 26–37) durch Oliver Volckart dargestellt. Die Geschäftspolitik der Hamburger Bank, die 1619 errichtet wurde, dient Markus A. Denzel als Beispiel für die erfolgreiche Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs (S. 38–50). Die Rolle der Hofjuden in den deutschen Fürstenstaaten des 17. und 18. Jahrhunderts bildet den Hauptgegenstand der Ausführungen von Peter Rauscher (S. 51–62), während Andreas Thier sich den Problemen der Entstehung und Durchsetzung staatlicher Banknoten gegen den ursprünglichen Widerstand der Kaufleute und gegenüber der Konkurrenz der privaten Notenbanken und den anderen Formen staatlichen Papiergelds in Preußen widmet (S. 63–78). Im Zentrum seiner Ausführungen steht dabei die wechselvolle Geschichte der 1765 gegründeten zunächst wenig erfolgreichen Königlichen Giro- und Lehnbank. Später, zur Preußische Bank umgegründet, gelang es dem Institut nach 1846 einen gewissen staatlichen Kontroll-und Lenkungsanspruch hinsichtlich des Notenwesens im Preußischen Staat durchzusetzen, bis sie diesen mit Gründung der Reichsbank im Jahr 1876 an diese abtrat und selbst in ihr aufging. Die Inhaberschuldverschreibung als eine weitere zukunftsträchtige Finanzinnovation, die das Bankhaus Gebr. Bethmann im Zusammenhang mit der österreichischen Anleihe von 1778 begeben hatte, stellt Hans-Peter Ullmann vor (S. 79–89).

Damit verlassen die Beiträge des Bandes den Zeitraum vor dem 19. Jahrhundert, und die Schilderung der folgenden Schlüsselereignisse der deutschen Bankengeschichte kommt den modernen Verhältnissen immer näher. Es wäre nun mühsam und allen 34 Beiträgen unangemessen, diese in einer kurzen Besprechung hinreichend würdigen zu wollen. Für das 19. Jahrhunderts seien kurz die Beiträge von Boris Barth über die Bagdad Bahn seit 1888 und der von Richard H. Tilly über das Börsengesetz von 1896 angesprochen. Das Projekt der Bagdad Bahn zeigt die junge Deutsche Bank bereits als Global Player im internationalen Finanzgeschäft und lässt deutlich werden, dass sie allen nationalen Verlockungen in dieser Sache weitgehend widerstand und es vor allem ökonomische Überlegungen waren, die ihr Verhalten bestimmten (S. 178–188). In Deutschland selbst geriet die Ausgestaltung der Finanzinstitutionen am Ende des 19. Jahrhunderts nach der Kritik an den Banken während der Gründerkrise erneut in die Diskussion und dieses Mal richtete sich diese vor allem auf das Börsenwesen. Insbesondere der Warenterminhandel wurde zum Gegenstand heftiger Anwürfe, weil dieser von den Agrariern als wesentliche Ursache des Preisverfalls der Agrarprodukte angesehen wurde. Überhaupt schien der Öffentlichkeit das ganze Börsengeschäft suspekt und wurde häufig mit Spekulation, Betrug oder Schlimmeren gleichgesetzt. Als Beleg zur Begründung dieser negativen Sichtweise mag, wie von Richard Tilly gewählt, der Zusammenbruch des Bankhauses Hirschfeld & Wolf in Berlin 1891 gewählt werden. Als Reaktion und politisches Zugeständnis wurde seitens des Gesetzgebers dann entgegen den Empfehlungen der Börsenenquete von 1892/93 im Börsengesetz von 1896 ein Verbot des Terminhandels ausgesprochen, das aber bereits nach kurzer Zeit im Jahre 1908 für Wertpapier- und Getreidebörsen wieder aufgehoben wurde.

Der letzte Beitrag des Bandes über die Finanzkrise 2007–2009 von Bernd Rudolf (S. 478–502) als Abschluss der Analyse von Schlüsselereignissen der deutschen Bankengeschichte des 20. Jahrhunderts, greift bereits wie zwei weitere Beiträge in das 21. Jahrhundert und widmet sich einem höchst aktuellen Thema. Er bietet einen kenntnisreichen Überblick über die Entstehungsgründe und den Verlauf der Finanzkrise und bietet zudem allerneuste Informationen über Initiativen und Maßnahmen der betroffenen nationalen und internationalen Institutionen zur Bewältigung der Krisenfolgen und zur Vorsorge gegenüber neuen, ähnlich bedingten Finanzkrisen.

Alles in allem hat das Institut für bankhistorische Forschung (IbF) mit diesem Band ein beachtliches Werk vorgelegt, das vielleicht in seinem Titel neben der Bankengeschichte auch die Finanzgeschichte hätte erwähnen sollen – aber der Titel ist wohl dem Namen des Instituts geschuldet. Dass es sich bei dem Band nicht um einen literarischen Text handelt der mit großem Lesevergnügen in einem Rutsch gelesen werden kann, sollte aus den vorausgehenden kurzen Anmerkungen hervorgegangen sein. Die Lektüre des kompletten Werks setzt schon ein gutes Maß von Interesse an den angesprochenen Themen voraus und zudem ein wenig Beharrungsvermögen. Doch lassen sich die einzelnen Beiträge auch sehr gut separat lesen und verstehen, so dass mir die Absicht der Herausgeber, den Lesern gleichsam in einem Panorama die Sicht auf das komplexe Thema zu eröffnen, gut gelungen scheint. Es entsteht das Bild einer schillernden Sicht auf die deutsche Banken- und Finanzgeschichte seit dem Mittelalter, eine bunte Vielfalt von Beiträgen die sich in mehrerer Hinsicht deutlich unterscheiden. Manchen Autoren geht es in ihren Beiträgen darum „Anregungen für die Forschung zu geben“ (S. 35), andere präsentieren in den dargelegten Quellen (zum Beispiel Markus A. Denzel) beeindruckende Ergebnisse ihres Forscherfleißes, wieder andere geben breite Literaturüberblicke, andere verzichten weitgehend auf Verweise. In einigen Beiträgen beziehen sich die Ausführungen auf den Zeitraum mehrerer Jahrhunderte, manche wählen tatsächlich nur ein singuläres Ereignis und auch die Darstellungsformen unterscheiden sich gelegentlich deutlich und zwar nicht nur hinsichtlich der literarischen Diktion, sondern auch darin, ob ökonometrische Verfahren und Ergebnisse dabei Verwendung finden.

Zur Pflichtlektüre eines Wirtschafts- oder Finanzhistorikers zählen beide Bände nicht. Dies war aber auch gar nicht die Absicht ihrer Publikation. Der Band von Harold James bzw. vom Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt dem Leser einige Hinweise auf Person und Oeuvre eines renommierten Gelehrten, der Band des IbF kann als ein Kompendium zur deutschen Bank- und Finanzgeschichte verstanden werden. Beide Publikationen haben insofern ihre Verdienste.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.06.2015
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