A. Heinemann: Stadt, Konfession und Nation

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Titel
Stadt, Konfession und Nation. Bürgerliche Nationsvorstellungen zur Reichsgründungszeit


Autor(en)
Heinemann, Andreas
Erschienen
Anzahl Seiten
478 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Krüger, SFB "Dynamiken der Sicherheit", Justus-Liebig-Universität Gießen

Andreas Heinemann widmet sich in seiner Dissertation dem Wandel bürgerlicher Nationsvorstellungen von der 1848er Revolution bis ins ausgehende 19. Jahrhundert. Um diesen Wandel in seiner regionalen Diversität zu erfassen, unternimmt der Autor einen Vergleich der vier Städte Freiburg, Göttingen, Magdeburg und Münster. Diese Auswahl berücksichtigt gezielt zwei katholisch und zwei protestantisch geprägte Städte, die sämtlich in einem unterschiedlichen Verhältnis zu Preußen und damit auch zur kleindeutschen Einigung unter preußischer Führung standen. Ausgangspunkt für den stadthistorischen Zugriff ist die Überlegung, dass Nationalismus als vor allem städtisches Phänomen in vielem aus spezifisch bürgerlich-urbanen Traditionen hervorgegangen sei: Heinemann spricht von der „Geburt der Nation aus der Stadt heraus“ (S. 7).

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert, von denen vier chronologisch ausgerichtet sind und die 1848er Revolution, die frühen 1860er-Jahre, den deutsch-österreichischen Krieg 1866 und den deutsch-französischen Krieg 1870/71 behandeln. Die übrigen drei Kapitel nehmen thematisch die Turnerbewegung, den Kulturkampf und die Erinnerungskultur in den Blick. Jedes Kapitel ist in vier Abschnitte unterteilt, die jeweils den einzelnen Untersuchungsstädten zugeordnet sind.

Die viel und ausführlich zitierten Quellen für die Studie entstammen der lokalen Presse und den Stadtarchiven, in denen vor allem Verwaltungs- und Vereinsakten sowie einige Selbstzeugnisse ausgewertet wurden. Um den Vergleich handhabbar zu machen, richtet der Autor sein Interesse immer wieder auf Vereine, Feste – und hier insbesondere die Schillerfeiern und den Sedantag – und Denkmäler. Weitere Themen, die der komparativen Perspektive folgend für die verschiedenen Städte in mehreren Kapiteln beleuchtet werden, sind etwa Königs- bzw. Kaiserbesuche oder auch die Beflaggung zu unterschiedlichen nationalen oder regionalen Anlässen. Ausführlich präsentiert der Verfasser die politische Kultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die neben hitzigen Wortgefechten Handgreiflichkeiten, Geschäftsboykotte, eingeschlagene Fensterscheiben oder die Schändung von Denkmälern kannte, sich aber auch in Kinderspielen oder Gedichten von Gymnasiasten niederschlug. Für einen von Heinemann mehrfach zitierten „Krieg bis auf’s Messer“ (S. 148, S. 280 und S. 435), von dem Zeitgenossen sprachen, liefert die Studie allerdings kaum Belege.

Ihr Hauptinteresse richtet die Arbeit auf den Konflikt zwischen Liberalen und Katholiken, der in den vier Städten jeweils ganz spezifische Formen annahm und in unterschiedliche Spannungsfelder eingelagert war. In Münster stand eine Bevölkerungsmehrheit von über 90 Prozent Katholiken einer nur kleinen Minderheit von Protestanten gegenüber, die meist dem Beamtentum angehörten; für Magdeburg hingegen, das stark protestantisch dominiert war, analysiert der Autor vor allem die Gegensätze zwischen Konservativen, Nationalliberalen und Linksliberalen; für Göttingen stehen die Auseinandersetzungen zwischen dem welfischen und dem preußischen Lager im Zentrum und für Freiburg schließlich legt Heinemann sein Augenmerk auf die Differenzen zwischen ultramontanen und liberalen Katholiken sowie auch den Deutschkatholiken. Im Folgenden sollen kapitelübergreifend für die einzelnen Städte einige Ergebnisse zusammengefasst werden:

Um an dem Gedenken an die sogenannten „Befreiungskriege“ teilzuhaben, feierten die Göttinger zusätzlich zum Jubiläum der Völkerschlacht, an der keine hannoverischen Truppen beteiligt gewesen waren, die Wiederkehr des Sieges über Napoleon in der Schlacht von Waterloo, bei der auf Seiten der britischen Armee auch Hannoveraner Soldaten mitgekämpft hatten. Dass in der Universitätsstadt trotz solcher Alternativen zur Gedenktraditionen der Weg zur kleindeutschen Einigung nicht widerstandsfrei verlief, zeigen die Bemühungen einiger Göttinger Bürger, Bismarck die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Erst nach mehrfachen Anläufen zeitigten diese Erfolg. Die Initiative blieb aber umstritten: Eine Gedenktafel, die in ihrem Zuge an dem Haus angebracht wurde, in dem Bismarck 1832/33 als Student gelebt hatte, wurde noch in der ersten Nacht nach ihrer Installation zerschlagen.

Für Freiburg war erstens der rege kulturelle wie geschäftliche Austausch mit der französischen Nachbarregion charakteristisch. So unterschied sich der Freiburger Nationalismus von demjenigen der anderen untersuchten Städte darin, dass die Stadt sich Frankreich gegenüber eher „pragmatisch-nachbarschaftlich“ als „ideologisch“ verhielt (S. 173). Zweitens zeichnete sich Freiburg durch seine traditionell starken demokratischen Tendenzen aus. Letztere verschafften auch der Turnerbewegung in Freiburg eine rege Anhängerschaft, wenngleich das Turnen ansonsten im katholisch geprägten Umfeld meist wenig Anklang fand. Ob nun wie die Freiburger Turner „alle Revolutionäre in der Weltgeschichte“ davon überzeugt sind, „sich in ihrem Volksbeglückungswahn an der Spitze der schweigenden Mehrheit“ zu befinden, mag allerdings dahingestellt bleiben (S. 168).

Dass Turnvereine im katholischen Münster nicht Fuß fassen konnten, ist einer der zahlreichen Punkte, in denen die Stadt von den drei anderen Untersuchungsstädten abwich. Ein weiterer auffälliger Unterschied war das von Lokalhistorikern und in der regionalen Presse propagierte Geschichtsbild, welches das Kaisertum des Mittelalters idealisierte und sich damit in den Gegensatz zur preußisch-protestantischen Geschichtsschreibung stellte, die dieser vorreformatorischen Epoche nur wenig Sympathie entgegenbrachte.

Während der Kulturkampf in Münster eine katholische Oppositionshaltung stärkte, erfüllte er offenbar auch für die nationale Selbstbestimmung der Magdeburger Protestanten eine wichtige Funktion – ungeachtet dessen, dass die wenigen Magdeburger Katholiken einen scharfen Oppositionskurs vermieden. Der Neubau des Turms der protestantischen Ambrosiuskirche 1872, eine Verschönerungsmaßnahme, die in bewusster Konkurrenz zur benachbarten katholischen Kirche durchgeführt wurde, verdeutlicht dies. Dass der Turm mit Glocken ausgestattet wurde, die aus eingeschmolzenen im Krieg erbeuteten französischen Geschützen gegossen wurden, ist gleichzeitig ein Beispiel für die protestantische Vereinnahmung des Nationalen.

Wichtig ist es dem Autor hervorzuheben, dass die nationale Gesinnung untrennbar zur Bürgerlichkeit gehörte und dass auch das katholische Bürgertum in starkem Maße national gesinnt war. Heinemann bezweifelt im Allgemeinen, dass kurzfristige Wandlungsprozesse Nationsvorstellungen entscheidend verändern können, prägend sind in seinen Augen vielmehr längerfristig anhaltende Konstellationen (S. 212). Dennoch macht er in der Entwicklung des Nationalismus für alle Städte den deutsch-österreichischen Krieg von 1866 als einen Wendepunkt aus, der innerstädtische Konfliktlinien verschärfte. Der deutsch-französische Krieg hingegen führte zwar danach wieder zu einer Aussöhnung vieler Gegensätze. Diese war allerdings nur von kurzer Dauer: Im wenig später an Schärfe zunehmenden Kulturkampf brachen die Gräben zwischen den Lagern wieder auf.

Während die Studie liberales und katholisches Bürgertum sehr ausführlich behandelt, tauchen andere – bürgerliche oder nicht-bürgerliche – Gruppierungen der Stadtbevölkerungen gar nicht oder nur sehr am Rande auf. So werden weder die Nationsvorstellungen jüdischer Bürger der Analyse unterzogen, noch wird thematisiert, welche Rolle die Judenfeindschaft für die Formierung bürgerlicher Nationsvorstellungen in den vier Städten spielte. Und das Verhältnis von Bürgertum und Arbeiterschaft weist in den Augen des Verfassers in der Reichsgründungszeit noch zu wenig Explosionskraft auf, um ausführlicher besprochen zu werden. An einigen Stellen erstaunt die Kombination von relativ breit behandelten Sachverhalten, die nicht unbedingt neu erscheinen, und lokalhistorischen Fakten, die der Autor als bekannt voraussetzt und nicht näher erläutert. So hätte man beispielsweise gern mehr über die Umstände der Internierung der Göttinger Parteiführer der Welfen kurz vor dem Beginn des deutsch-französischen Krieges (S. 247) oder über die Verhaftung des Münsteraner Bischofs während des Kulturkampfes (S. 302) erfahren. Diesem Missverhältnis zum Trotz liefern in der Arbeit allgemein gerade die lokalen Einzelheiten die lohnendsten Erkenntnisse. Wenngleich nicht alle Ergebnisse überraschen, veranschaulicht der stadthistorische Zugriff doch die unterschiedlichen Pfade, die den kleindeutsch geprägten Nationalismus zur Durchsetzung führten.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.03.2016
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