P. T. Kalshoven: Crafting 'The Indian'

Cover
Titel
Crafting 'The Indian'. Knowledge, Desire, and Play in Indianist Reenactment


Autor(en)
Kalshoven, Petra T.
Erschienen
New York 2012: Berghahn Books
Anzahl Seiten
XII, 287 S., 17 Abb.
Preis
€ 75,52
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Samida, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

In der populärkulturellen Praxis erscheint Vergangenheit heute in vielfältigen Formen erlebbar. Das zeigen nicht nur historische Reenactments, wie die zuletzt im Jahr 2013 inszenierte Völkerschlacht von Leipzig, sondern auch die seit über 50 Jahren, vor allem in der ehemaligen DDR beliebte und bis heute in ganz Europa praktizierte ‚Indianistik‘. Dieses in den letzten Jahren zunehmend beachtete Phänomen des Nachspielens bzw. Nacherlebens nordamerikanischer Indianerkulturen[1] greift das Buch von Petra Tjitske Kalshoven, das auf ihre Dissertation zurückgeht, auf und beleuchtet es aus einer kulturanthropologischen Perspektive. Die Feldforschung – Interviews und teilnehmende Beobachtung – fand in den Jahren 2003 und 2004 in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Belgien und der Tschechischen Republik statt und steckt damit einen deutlich breiteren Rahmen ab als die vor wenigen Jahren schlagzeilenmachende Reportage „Sozialistische Cowboys“ von Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer, die in eher essayistischer Manier ausschließlich auf den ‚Indianer-Kult‘ Ostdeutschlands fokussierte.[2] Auch wenn Kalshovens Blick ins Feld zwar schon wieder mehr als zehn Jahre zurückliegt, haben das Thema und die von ihr herausgearbeiteten Erkenntnisse, wenn es etwa um Aspekte wie Spiel (S. 77ff.), Authentizität (S. 202ff.), Identität (S. 188ff.) aber auch um das Verhältnis von Wissenschaft und Hobbyismus (S. 127ff.) oder um die Bedeutung der Materiellen Kultur im Hobby (S. 232ff.) geht, nichts an Aktualität verloren.

Die Arbeit besteht neben einer knappen Einleitung (S. 1ff.) und einem kurzen Appendix (S. 256ff.) aus insgesamt sechs Kapiteln, wobei die Kapitel „Is This Play“ (S. 74ff.), „Amateurs at Work“ (S. 125ff.), „Shifting Selves around Authentic Replicas“ (S. 181ff.) und „Matter, Metaphor, Miniature“ (S. 222) die zentralen Abschnitte darstellen und auf den empirischen Daten der Feldforschung basieren. Im ersten Kapitel („Setting the Stage“, S. 8ff.) skizziert die Autorin das Feld und klärt unter anderem Fragen hinsichtlich „indianism“ (‚Indianistik‘) und „indianthusiasm“ (‚Indianertümelei‘), Strukturen der und Kommunikation innerhalb der Szene, die soziale Herkunft der Teilnehmer/innen sowie das Verhältnis zum klassischen Reenactment und zur Living History. Die enge Verbindung zu Reenactment und Living History wird dabei nicht nur in diesem Kapitel deutlich, sondern zieht sich durch das gesamte Buch, auch wenn – worauf Kalshoven zu Recht hinweist – die ‚Indianisten‘ nicht daran interessiert seien, Wissen an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln (S. 24). Die Hobbyisten bleiben – anders als diejenigen der Reenactment-/Living History-Szene[3] – unter sich und treffen sich fernab von Museen, allerdings: Beide Formen brechen „with Western perceptions of how adults are supposed to behave“ (S. 248).[4] Das zweite Kapitel blickt zurück auf die Ursprünge des Phänomens (Show Indianer und Völkerschauen, S. 53ff.) und die Wurzeln der in Europa lange zurückreichenden Faszination für die nordamerikanischen Ureinwohner (z.B. Karl May). Am Beispiel Ostdeutschlands, der Tschechoslowakei, Finnlands und Ungarns (S. 57ff.) zeichnet Kalshoven zudem nicht nur verschiedene nationale Entwicklungen nach, sondern macht auch deutlich, dass (Ost-)Deutschland immer noch das Zentrum der Szene bildet (S. 49).

Die Kapitel 3 bis 5 stellen die ‚dichtesten‘ Teile der vorliegenden Arbeit dar, weshalb in Anbetracht der Fülle an erwähnenswerten Aspekten hier nur einige wenige angeführt werden können. Im Sommer 2003 hat die Autorin zwei Camps besucht und dort teilnehmende Beobachtungen und (zumeist im Nachgang) Interviews mit einzelnen Akteuren/innen durchgeführt. Die beiden Treffen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die Teilnehmer/innen der Indian Week – eine Veranstaltung, die seit 1973 an unterschiedlichen Orten durchgeführt wird und zu den größten Treffen gehört (mehrere hundert Zelte) – suchen das Leben der nordamerikanischen Ureinwohner des 19. Jahrhundert nachzuempfinden bzw. nachzuerleben, es geht ihnen also um ein „inner feeling“ (S. 87); dabei ist es völlig nebensächlich, dass – historisch inkorrekt – Plain und Woodland Indianer gemeinsam ‚feiern‘. Das Buffalo Days Camp (BDC) ist hingegen ein relativ junges und eher kleines Event (etwa 20 Zelte), das erstmals in den 1990er-Jahren stattfand. Es ist konkret auf den Zeitraum von 1830 bis 1870 beschränkt sowie auf strikte Authentizität bedacht (S. 76); die Teilnehmer/innen nehmen Rollen ein, die sie, so historisch korrekt wie möglich, spielen.[5] Kalshoven kann an diesen beiden Beispielen zeigen, dass das von ihr aufgegriffene Konzept „play“ eine wichtige Funktion einnimmt – innerhalb einzelner Events, aber auch innerhalb des Hobbys generell. So gelten den ‚Freunden‘ der Indian Week Events wie das BDC, bei denen das ‚Spielen‘ im Vordergrund stehe und bei dem die indianische Lebenswelt nicht als Inspiration zum guten bzw. tugendhaften Leben betrachtet werde, als zu extrem und außerdem zu individualistisch – es fehle, so wird moniert, das soziale und kameradschaftliche Moment (S. 91). „Play“ wird in der Szene also völlig unterschiedlich verstanden und ‚gelebt‘. Aber auch innerhalb einer Zusammenkunft werden die dem Spiel inhärenten Aspekte wie Ernsthaftigkeit (im jedem Spiel gibt es schließlich Regeln) sowie dem selbst-ironischen ‚als-ob‘ (S. 81) deutlich, nämlich immer dann, wenn Regeln gebrochen werden (S. 96ff.).

Anschlussfähig an zahlreiche andere Beobachtungen aus der Living History-/Reenactment-Szene ist auch das vorgeschlagene Modell des von den Hobbyisten bevorzugten Zugangs zur Vergangenheit. Kalshoven unterscheidet zwischen einem „collational mode“ (S. 162ff.) und einem „translational mode“ (S. 166 ff.). Der erste Zugang zeichne sich dadurch aus, dass Literatur ‚gewälzt‘, Museen besucht – ja geforscht – werde, um die indianische Lebenswelt so historisch korrekt wie möglich zu gestalten und zu erfahren. Der „translational mode“ versuche hingegen über performative Praktiken und das Erleben einen Zugang zur Lebenswelt der nordamerikanischen Ureinwohner zu schaffen und somit Sinn für das eigene Leben zu stiften. Anders ausgedrückt: Es gibt einen mehr wissensorientierten und einen mehr erfahrungs-/erlebnisorientierten Zugang.

Mit ihrer Untersuchung zur ‚Indianistik‘ verknüpft Kalshoven Forschungsbereiche wie die Kulturanthropologie mit der Geschichtswissenschaft und den Performance Studies auf eindrückliche Weise. Vor dem Hintergrund des zunehmenden wissenschaftlichen Interesses an populären Geschichtspraktiken wie dem Reenactment bzw. der Living History[6] bietet ihre lesenswerte und gelungene Analyse nicht nur interessante, sondern auch zahlreiche komplementäre Erkenntnisse hinsichtlich performativer Praktiken in der Geschichtskultur. Das Buch ist eine echte Fundgrube.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Friedrich von Borries / Jens-Uwe Fischer, Sozialistische Cowboys. Der Wilde Westen Ostdeutschlands, Frankfurt am Main 2008; Ulrich van der Heyden, Eine unentdeckte Nische in der DDR: Die „Indianistikszene“ zwischen „antiimperialistischer Solidarität“ und Verweigerung, in: Kultursoziologie: Aspekte, Analysen, Argumente 11 (2002), S. 153–174; Colin G. Calloway / Gerd Gemünden / Susanne Zantop (Hrsg.), Germans and Indians. Fantasies, Encounters, Projections, Lincoln 2002.
[2] Borries / Fischer, Sozialistische Cowboys.
[3] Stefanie Samida / Ruzana Liburkina, Living History und Reenactment: Erste Ergebnisse einer Umfrage, in: Archäologische Informationen 37 (2014), S. 191–197, auch online unter: <http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/arch-inf/article/view/18197/11998> (13.04.2015).
[4] Darauf hat auch Gesine Krüger hingewiesen und angemerkt, Erwachsene könnten endlich mal das tun, was sie sonst in der Öffentlichkeit nicht machen können: „Verkleiden, Spielen, Basteln, Rumbrüllen, Toben“; vgl. Gesine Krüger, Geschichte erzählen – erzählte Geschichte: Zur Rückkehr der Erzählung im Erinnerungsboom und Reenactment, in: Balz Engler (Hrsg.), Erzählen in den Wissenschaften: Positionen, Probleme, Perspektiven, Fribourg 2010, S. 145–162, hier S. 158.
[5] Die Autorin mimte auf dem BDC die amerikanische Ethnologin Alice Cunningham Fletcher (1838–1923), die Anfang der 1880er-Jahre bei den Omaha Feldforschung betrieb; lesenswert sind die ‚doppelten‘ Einträge in Kalshovens Feldtagebuch als beobachtende Kulturanthropologin des Jahres 2003 und als Ethnologin des 19. Jahrhunderts (S. 107ff.).
[6] Das Forschungsfeld ist kaum noch zu überblicken, zuletzt z.B.: David Hesse, Warrior dreams: playing Scotsmen in mainland Europe, Manchester 2014; Mads Daugbjerg, Patchworking the past: materiality, touch and the assembling of ‘experience’ in American Civil War re-enactment, in: International Journal of Heritage Studies 20, H. 7/8 (2014), S. 724–741; Wolfgang Hochbruck, Geschichtstheater: Formen der „Living History“. Eine Typologie, Bielefeld 2013.