M. Veith: Unbeugsam – Ein Pionier des rumänischen Anarchismus

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Titel
Unbeugsam – Ein Pionier des rumänischen Anarchismus. Panait Musoiu


Autor(en)
Veith, Martin
Erschienen
Anzahl Seiten
340 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Berlin

Ein überraschendes Foto zierte im Dezember 2014 die Süddeutsche Zeitung: Es zeigte rumänische Arbeiter, die sich hinter einer Fahne der FAU, der anarcho-syndikalistischen „Freien Arbeiterinnen und Arbeiter-Union“ versammelten. Sie demonstrierten für die überfällige Auszahlung ihres Lohnes an einer Berliner Großbaustelle. Rumänien und Anarchismus – eine wohl über die in der Öffentlichkeit vorherrschende Ignoranz gegenüber dem vielfach mit der deutschen Geschichte verbundenen Land hinaus reichende Leerstelle auch in der historiographischen Forschung. So ist generell die vorliegende Monographie zu dem rumänischen Arbeiter und Publizisten Panait Moşoiu (1864–1944) zu begrüßen, die eine Reihe von Quellen neu erschließt (zum Teil auch erstmals ins Deutsche übersetzt), um die rumänische Sozialgeschichte aus dem speziellen Blickwinkel der anarchistisch-syndikalistischen Entwicklung zu beleuchten.

Sie folgt dabei allerdings einer sehr traditionellen und apologetischen Perspektive auf den Anarchismus als in Konkurrenz zu sozialistischen Parteien stehende Bewegung zur Abschaffung des kapitalistischen Zwangsstaates durch die revolutionäre Eigeninitiative der Arbeiterklasse.

Die Einleitung des Bandes (S. 15–29) stellt etwas unvermittelt die rumänische Geschichte des 20. Jahrhunderts ausgehend vom Pogrom von Iaşi im Juni 1941 vor und leitet über zur in der rumänischen Öffentlichkeit wenig diskutierten Sozialgeschichte des Landes und speziell zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Kritik Veiths richtet sich gegen Schulcurricula und Massenmedien, die keine Hinterfragung der gesellschaftlichen Zustände im Sinne einer „Emanzipation“ zuließen. In der Abgrenzung von der (nach anarchistischer Lesart) „staatskapitalistischen“ (das heißt sozialistisch/kommunistischen) Verkennung (S. 25) und Deformierung der Arbeitergeschichte zieht Veith eine Linie der Kontinuität von den bürgerlich-frühkapitalistisch-feudalen Verhältnissen der Epoche Muşoius bis in die Gegenwart – in allen sei die Emanzipationsideologie der Anarchisten unterdrückt und die Möglichkeit zur „Befreiung“ versäumt worden. Die Biographie des Anarchisten Muşoiu findet erwartungsgemäß innerhalb dieser allgemeinen Parameter einer Ideengeschichte des Anarchismus ihren Platz.

Muşoiu stammte aus der moldauischen Kleinstadt Roman, arbeitete sich durch Schulbildung aus ärmlichen Tagelöhnerverhältnissen heraus zum Aktivisten in der entstehenden Arbeiterbewegung Rumäniens und zu einem unermüdlichen Herausgeber von politischen Zeitschriften. Der revolutionäre Autor kam vor allem in seiner Jugend mit unterschiedlichen Facetten der rumänischen Arbeiterschaft in Kontakt: der ländlichen Tagelöhnerschicht in der Moldau, den Hafenarbeitern an der Donau, den Erdölarbeitern auf den Bohrfeldern um Ploeşti sowie den Ansätzen zum großstädtischen Proletariat in der Hauptstadt des kleinen Nationalstaates an den Karpaten. Unübersehbar ist allerdings, dass sich sein Weg von der Arbeiterpraxis eher in Richtung auf eine gewerkschaftlich-publizistische Tätigkeit orientierte. Die Kapitel über die biographischen Stationen des im Zentrum stehenden Protagonisten werden unterbrochen von Darstellungen der Geschichte der anarchistischen Bewegung sowohl in Rumänien als auch in Europa. Rumäniens entstehende Arbeiterbewegung[1] war insbesondere beeinflusst von der Nachbarschaft zu Bulgarien, von wo maßgebliche Protagonisten der europäischen Arbeiterbewegung wie der Trotzki-Freund Cristian Racovski[2] kamen, und dem von Russland 1812 annektierten Bessarabien, das russischen Revolutionären und Narodniki wie Constantin Stere, Constantin Dobrogeanu-Gherea, Zamfir Arbore-Ralli als Transitraum nach Rumänien diente. Vor allem die grenznah gelegene Stadt Iaşi wurde so zu einem Umschlagplatz von Ideen und Menschen zwischen Ost und West. In der Vorstellung der nicht geringen Zahl an schnell entstehenden und ebenso auch wieder verschwindenden Zeitschriften von sozialistischen Zirkeln, Gewerkschaften, Arbeiterlesegruppen etc. gewinnt bei Veith eine soziale Bewegung Plastizität, deren noch ausstehende genauere historische Analyse ein wichtiger Beitrag zur Sozialgeschichte Rumäniens sein könnte. Veith skizziert diese Presselandschaft der revolutionär-sozialistisch-syndikalistischen Blätter, um die Szenerie zu beleuchten, in der Muşoiu aktiv wurde. Es sind die frühen sozialistischen Kreise um Ioan Nădejde in Iaşi und später Bukarest, Dobrogeanu-Gherea in Ploeşti, die Zeitschriften Lupta, Muncă, Viitorul, Răzvrătirea, Revoltă und zahlreiche andere, oft kurzlebige Presseerzeugnisse, die Rumänien in der „heroischen“ Phase der Arbeiterbewegung um die Jahrhundertwende als Teil eines europäischen Kommunikationsraums kennzeichneten. Über die Zeitschrift der Transportarbeiter, Tribuna Transporturilor, lernte Muşoiu auch den später erfolgreichen Schriftsteller Panait Istrati kennen, der aus Brăila stammend sich dort lange vor seiner sich in Frankreich abspielenden plötzlichen „Geburt“ als Romancier in der lokalen Gewerkschaftsbewegung der Hafenarbeiter und als syndikalistischer Autor betätigt hatte. Hinzu kam der Kontakt zur Autorität der marxistischen Bewegung, Friedrich Engels, mit dem Muşoiu korrespondierte; er übersetzte zudem als erster das „Kommunistische Manifest“ und Engels’ „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ und wurde Herausgeber und Gründer zahlreicher Zeitschriften. Ausführlicher werden von Veith Mişcarea Socială und die Revista Ideei vorgestellt. Insbesondere die Revista Ideei mit ihrer begleitenden Buchreihe bot Muşoiu Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit den Sozialtheorien der Zeit sowie der Verbreitung anarchistischer, atheistischer und humanistischer Klassiker in rumänischer Sprache. Während die Zeitschrift bereits 1916 eingestellt wurde, erschien als letztes Buch der Reihe noch 1939 eine Übersetzung von Emile Tardieus Studie „L’ennui“.

Die lange Wirksamkeit Muşoius erzählt Veith quasi auktorial als eine Personifizierung der anarchistischen Theorie. Dabei kommen die Konfliktlagen innerhalb der Arbeiterbewegung zwar zur Sprache, sie werden aber eher ideologisch stimmig zugunsten des anarchistischen Ansatzes aufgelöst: In der Repression der syndikalistischen Ansätze durch den Polizeiapparat der bürgerlichen Gesellschaft oder den Ausschließlichkeitsanspruch marxistischer Parteien seien die anarcho-syndikalistischen Emanzipationsbemühungen bis heute nicht zur Durchsetzung gekommen. Biographisch werden diese Muster an den Verhaftungen Muşoius und dem (von Muşoiu als ihn nicht betreffend geschilderten) „Ausschluss“ aus der Sozialdemokratie entwickelt. Zugleich habe Muşoiu einen Anarchismus „gelebt“, der sich vom marxistischen Sozialismus abgrenzte. Veith wirft der späteren kommunistischen Geschichtsschreibung vor, sie verfälsche Muşoius Anarchismus zu einer „anarchistischen Phase“ einer ansonsten marxistisch-sozialistischen Biographie. Die Problematik solcher Apologetik liegt allerdings für die rumänische Arbeiterbewegung darin, dass dort etwa Ideologie politische Verhaltensweisen oft wenig beeinträchtigte (die markanten Figuren der ersten sozialdemokratischen Partei wechselten z.B. zur Liberalen Partei über). Der Anarchismus war zudem oft mehr theoretisch um Abgrenzung bemüht, als dass er diese hätte praktisch wirksam werden lassen können. Nicht zuletzt die Hinweise Veiths auf nationalistisch-antisemitische Perioden einiger Anarchosyndikalisten machen auf die spezifisch rumänischen Gegebenheiten aufmerksam. Hier bietet sich noch ein reiches Feld der Erforschung rumänischer Arbeiter-, Intellektuellen- und Politikermilieus und ihren theoretischen und praktischen Orientierungen.

Besonderes Augenmerk von Muşoius anarchistischer Agitation lag neben der klassenkämpferisch-gewerkschaftlichen Aktion auf der Aufklärung hinsichtlich der sozialen Funktion der in Rumänien bis heute einflussreichen orthodoxen Kirche sowie der wachsenden Frauenbewegung. Hierzu veröffentlichte Muşoiu mehrfach. Der „humanistischen“ Kritik an der fehlenden Emanzipation der vor allem ländlich geprägten Bevölkerung von den kirchlichen Autoritäten hatten sich auch Autoren wie der Arzt Panait Zosin oder der jüdische Exilant in Uruguay Eugen Relgis verschrieben.

Ein entscheidender Bruch in der Entwicklung sowohl Muşoius als auch der anarcho-syndikalistischen Bewegung kann in den vielfältigen Folgen der für Rumänien erst 1916 erfolgenden Teilnahme am Ersten Weltkrieg gesehen werden, der einerseits die Optionen der Arbeiterbewegung zwischen Revolution und Nationalismus klar zutage treten ließ, andererseits mit seinem Resultat der „großrumänischen“ Vereinigung eine Politik des sozialen Ausgleichs im anschließenden Tumult von antisemitischen Unruhen und permanenter Regierungskrise zunichte machte. Muşoiu verlor in diesem neuen Kontext an Einfluss, das Verbot der kommunistischen Partei 1923 setzte ein deutliches Zeichen zur Marginalisierung sozialer Politik für die multi-ethnische Arbeiterschaft. Muşoiu konnte zwar noch publizistisch in Erscheinung treten, die politische Entwicklung in den faschistischen Legionärsstaat und den Zweiten Weltkrieg aber fand keine wirksame Opposition mehr durch eine anarchistische Bewegung. Das Nachleben als „Marxist“ in der kommunistischen Geschichtsversion geht nach Veith völlig an dem eigentlichen, nämlich anarchistischen Profil Muşoius vorbei.

Insgesamt bietet Veiths umfangreiche Studie zum rumänischen Anarchismus und seinem Protagonisten Panait Moşoiu eine Reihe von hierzulande kaum bekannten Personen und Ereignissen, die zum Teil in Dokumenten (wenn auch in wenig gelenken Übersetzungen) erstmals auf Deutsch präsentiert werden. Hervorgehoben sei eine Beschreibung der Arbeit auf den Erdölfeldern durch Iuliu Neagu in der Revista Ideei 1906. Weiterhin enthält neben einer ausführlichen Zeittafel der Anhang des Buches nützliche Register: eine Auflistung der Texte Muşoius in der Revista Ideei; der in der Biblioteca Revistei Ideei erschienenen Übersetzungen; eine aus Überwachungsdossiers gewonnene Liste von Anarchisten in Rumänien und jüdischer Mitarbeiter der Revista Ideei; eine Aufstellung der Artikel dieser Zeitschrift zu den USA und zum Bauernaufstand 1907; eine Bibliographie des Jahrgangs 1911 von Mişcarea Socială und 1908 von Vremuri Noi.

Zu stark merkt man allerdings der Vorgehensweise die Absicht des Bandes an, vor allem die Vorgaben einer anarchistischen „Meister-Erzählung“ zu erfüllen. Die Biographie ist weniger eine individuelle als eine kollektive im einst breiten Strom der anarchistischen Bewegung. Diese Beschränkung wird erst eine breiter quellenkritisch abgesicherte Diskussion der anarcho-syndikalistischen Facette der rumänischen Sozialhistorie aufheben können, die dabei durchaus auf Veiths Vorarbeiten zurückgreifen wird können. Die rumänische Sozialgeschichte tritt nach der ideologischen Bevormundung durch die vier Jahrzehnte vorherrschende kommunistische Parteihistoriographie erst allmählich wieder in den Fokus von interessierten Historikern. Zu wünschen wäre hierbei, dass auch die Arbeiterbewegung und marginalisierten Unterschichten Rumäniens als Gegenstand aktueller historischer Studien in einem internationalen Kommunikationsrahmen ihren Platz finden.

Anmerkungen:
[1] Einschlägig und auch in vorliegender Studie herangezogen immer noch Mariana Hausleitner, Die nationale Frage in der rumänischen Arbeiterbewegung vor 1924 (Veröffentlichungen der Osteuropa-Abteilung / Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Band 10), Berlin 1988.
[2] Zur Beobachtung Racovskis durch diverse Geheimdienste vgl. Stelian Tănase (Hrsg.), Racovski. Dosar secret (Istorie subterane), Iaşi 2008; zum konspirativen Leben Racovskis auch ders., Clienţii lu’ Tanti Varvara, Bukarest 2008, S. 10–33.

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Veröffentlicht am
04.03.2015
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