V. Ullrich: Die nervöse Großmacht

Cover
Titel
Die nervöse Großmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871-1918


Autor(en)
Ullrich, Volker
Erschienen
Frankfurt am Main 1997: S. Fischer
Anzahl Seiten
715 S.
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Lindenberger, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

"Noch eine Geschichte des Kaiserreichs? Gibt es davon mittlerweile nicht genug?" - so lauten die ersten Sätze dieser sich an das "breite" Leserpublikum wendenden Überblicksdarstellung. Die Antwort fällt nach der Lektüre nicht leichter als vorher. Inhaltlich und konzeptionell bietet der Band in der Tat kaum Neues: Die von Ullrich beanspruchte und gebotene "Synthese aus Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte" repräsentiert umfassend das in den vergangenen Jahrzehnten zum aufgeklärten Kanon geronnene Fachwissen über das deutsche Kaiserreich.

Übersichtlich geordnet breitet der Autor in den Hauptteilen "Das Deutsche Reich im Zeitalter Bismarcks", "Das Wilhelminische Deutschland", "Die Gesellschaft des Kaiserreichs" und "Der Erste Weltkrieg" die Erträge mehrerer Forschergenerationen aus. Als roter Faden dient eine moderate, ihrer sozialwissenschaftlichen Zuspitzungen entkleideten Sonderwegs-Interpretation. Dieser ein weiteres Mal zu ihrem Recht zu verhelfen, ist ein zentrales Anliegen des Buches, und das hat einen besonderen Grund, wie Ullrich in der Einleitung erwähnt. Schließlich hat niemand geringeres als er selbst auf der Titelseite der ZEIT seinerzeit die deutsche Goldhagen-Debatte mitinszeniert. Daß diese sich nicht binnen kurzem zu jenem "Historikerstreit" steigerte, den Ullrich und seine Mitstreiter sich von dieser bemühten "Provokation" erhofften, lag nicht zuletzt daran, daß unter den deutschen Historikern ernsthafter Streit über Goldhagens Annahme eines ewigen, quasi "konstitionellen" eliminatorischen Antisemitismus "der" Deutschen partout nicht aufkommen wollte. Unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung zur Kernthese von den "willigen Vollstreckern" im Nationalsozialismus lehnte die Zunft diese essentialistische Herleitung des deutschen Vernichtungsantisemitismus einhellig ab. Alternative, an die Stelle von Goldhagens grobschlächtigen Argumenten tretende Erklärungsansätze spielten in den sich anschliessenden Debatten keine herausragende Rolle. Ullrichts Rekurs auf das deutsche Kaiserreich als derjenigen Epoche, die die autoritäre Fehlentwicklung der deutschen Moderne hervorbrachte, soll dazu beitragen, diesem Mangel abzuhelfen.

Und dennoch eignet sich das Ergebnis kaum für neue Kontroversen: Entlang der Darstellungen der Wehler, Mommsen, Nipperdey und anderer Koryphäen wird "bewährtes" Fachwissen nur aufgegriffen und übersichtlich angeordnet wiedergegeben. Auch weiter zurückliegenden Darstellungen und Kontroversen erweist Ullrich die gebührende Reverenz. Seine Bescheidenheit geht mitunter soweit, selbst für die Wiedergabe der einfachsten Sachverhalte Kürzest-Zitate einzuflechten - so mancher Absatz läßt die Vorstellung vom umgekippten Zettelkasten aufkommen. Mehr Vertrauen in die eigenen Formulierungen hätte an diesen Stellen den Lesefluß erhöht.

Bezeichnenderweise kommt seine im übrigen angenehm unprätentiöse und ausgesprochen sachbuchgerechte Schreibweise bei dem Thema am besten zum Tragen, über das Ullrich selbst umfangreichere empirische Arbeiten vorgelegt hat: dem Ersten Weltkrieg in seinen außen- und innenpolitischen Dimensionen. Und so beginnt die Darstellung der "nervösen Großmacht" erst im letzten Drittel etwas von dem Anspruch einzulösen, den Ullrich eingangs unter Verweis auf die Goldhagen-Debatte formuliert hat. Leider kommt er aber dabei kaum über den Verweis auf die bekannten Berührungspunkte und direkten Verbindungslinien etwa zwischen späten Alldeutschen und frühen Nazis hinaus. Die strikte Beschränkung auf das Kaiserreich tut hier dem lobenswerten Anliegen Abbruch: Viel zu hastig und erst in den Schlußbetrachtungen schlägt er noch einige Brücken über die Weimarer Republik hinweg, etwa zwischen Wilhelm II. und Hitler, zwischen der Judenzählung 1916, dem antisemitischen Furor der Gegenrevolutionäre von 1919 und dem Holocaust - und genau in diesem indirekten Übergang vom späten Kaiserreich zur "nationalen Erhebung" der dreißiger Jahre liegt doch der Hund begraben! Weniger Zettelkastenweisheiten über das Kaiserreich im Großen und Ganzen, dafür mehr auf das offenkundige Hauptmotiv der Darstellung, nämlich die historischen Wurzeln des Nationalsozialismus fokussierte Erörterungen wäre mehr gewesen und hätte dem aufklärerischen Impetus dennoch keinen Abbruch getan. Gerade der Verweis auf die Kontinuität der rassistisch-imperialistischen Obsessionen eines Großteils der deutschen Eliten einschließlich ihrer durch das Fronterlebnis brutalisierten Söhne - spätestens seit Theweleits (im übrigen unerwähnt bleibenden) "Männerphantasien" Allgemeingut historischen Wissens - reicht eben nicht aus, um sich eine Vorstellung von den "normalen Männern" der frühen vierziger Jahre machen zu können. Das von Goldhagens Buch hinterlassene eigentliche Explanandum, nämlich die Genese des "willigen Vollstreckers" aus der Mitte der deutschen Gesellschaft heraus, die brennend interessierende Vorgeschichte des banal-bösen Durchschnittsdeutschen, der im Zivilleben als "unauffälliger" Arbeiter, Angestellter, Gewerbetreibender, Beamter etc. sein Dasein fristete, bleibt ein weiteres Mal im Ungefähren.

Die im Titel versprochene psycho-historische Dimension des Themas dient so nur zur plakativen Umschreibung der narzistisch-neurotischen Befindlichkeit der staatstragenden Eliten des späten Kaiserreichs, bleibt verschwommenes Zeitgeist-Attribut. Und weil das so ist, gibt es auch nach Ullrichs "nervöser Großmacht" immer noch nicht genügend Bücher über das deutsche Kaiserreich und seine verheerenden Folgen.

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08.02.2000
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