J. M. Geisthardt: Zwischen Princeps und Res Publica

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Titel
Zwischen Princeps und Res Publica. Tacitus, Plinius und die senatorische Selbstdarstellung in der Hohen Kaiserzeit


Autor(en)
Geisthardt, Johannes
Reihe
Studies in Ancient Monarchies 2
Erschienen
Stuttgart 2015: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
430 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Laura Diegel, Alte Geschichte, Departement Altertumswissenschaften, Universität Basel

Johannes M. Geisthardts leicht überarbeitete Dissertation mit dem recht konventionellen Aufhänger im Titel „Zwischen Princeps und Res Publica“ ist eine umsichtige Studie zur literarischen Selbstdarstellung der Senatoren und Autoren Tacitus und Plinius des Jüngeren, die in ihren Schriften auf die trajanische Prinzipatsidee Bezug nehmen und diese – und damit auch ihre eigene Funktion und Rolle – von früheren, „schlechten“ Kaisern absetzen. Dabei kommt laut dem Verfasser die Affirmation der Unabhängigkeit der Systemträger unter dem optimus princeps zum Ausdruck.

Die Einleitung beginnt mit Ausführungen zur Frage, ob es eine Gruppe von Senatoren gegeben habe, die sich ausschließlich dem Militär widmeten und in ein eigenes Karrieresystem eingebunden waren – die viri militares. Wie konstituierte sich die Führungselite in den höheren kaiserlichen Ämtern? Die alten Auseinandersetzungen in der Debatte zwischen Verfechtern und Gegnern der These sind bekannt und werden vom Verfasser zusammengefasst.[1] Während vor allem die Schwächen der viri militares-Theorie zu Tage treten, plädiert Geisthardt dafür, von den rein prosopographischen Analysen auf Grundlage der cursus-Inschriften Abstand zu nehmen und die Karrieren „mit Hilfe literarischer und anderer Quellen an ihren spezifischen historischen Kontext“ (S. 17) rückzubinden. Dies ist es, was der Autor sich für seine Arbeit vorgenommen hat. Hiermit wird erstmals der Zusammenhang mit dem Vorhaben des Buches deutlich. Doch erscheint der brüske Einstieg mit der viri-militares-Debatte etwas unglücklich, auch wenn die Absichten dahinter – deren notwendige Abhandlung und die gleichzeitige Distanzierung von der eigenen Studie – verständlich sind. Bedauerlich ist nur, dass die Einleitung zweigeteilt ist und der schöne und wichtige Ort inklusive captatio benevolentiae verschenkt ist. Der zweite Teil der Einleitung widmet sich aber dann erwartungsgemäß Geisthardts eigenem Ansatz. Ihm geht es nämlich nicht um die faktische Konstituierung der kaiserlichen Elite, sondern um die Darstellung senatorischen Handelns und der sich darin ausdrückenden Beziehungen zum Kaiser bei Tacitus und Plinius. Die Texte, Agricola, Annalen und Historien des Tacitus, Panegyrikus und die Briefe des Plinius werden diskursanalytisch ausgewertet. Die vom Autor angewandte Methodik leitet sich von der Diskursanalyse Norman Faircloughs ab.[2] Die Autoren adaptieren zeitgenössische Herrschaftsdiskurse und gestalten diese um, in deren Rahmen Strategien zur Selbstdarstellung entfaltet werden (S. 28–31).

In Kapitel II.1. widmet sich Geisthardt zunächst den senatorischen Strategien der Distanzierung von der Vergangenheit in der Übergangszeit zwischen Domitian und Trajan. Diese war für die Senatoren vor allem von Unsicherheit geprägt – im Hinblick auf die Anklagen, die ihnen vonseiten der Standesgenossen wegen Mitläufertum drohten, sowie die politische Instabilität in der Phase nach der Ermordung des Tyrannen und unter Nervas Prinzipat. Doch versuchten die Senatoren, die anfallende Auseinandersetzung mit ihrem früheren Handeln zur Distinktion gegenüber den anderen Senatoren und den neuen Kaisern zu verwenden. Im Agricola nimmt sich Tacitus einer kollektiven Vergangenheit an, deren Spuren bis in die Gegenwart nachwirken (S. 51). Die Schuld an der anhaltenden Entfremdung von den virtutes tragen die Senatoren selbst, welche sich erst die unter Domitian angenommenen Verhaltensweisen abgewöhnen müssen. Der Tyrann wird in Auseinandersetzung mit dem tugendhaften C. Iulius Agricola dargestellt, es kennzeichnen ihn Neid, Angst und Hass auf dessen militärische Erfolge. Die Ambivalenz des in den Diensten des Kaisers stehenden „Kontrahenten“ Domitians wird dadurch gelöst, dass Agricola bis zu seinem Tod und noch darin als integrer und zumindest innerlich vom Herrscher abhängiger Akteur gezeichnet wird. Dies ändert aber nichts daran, dass die sozial desintegrierte Senatorenschaft sich an den Verbrechen dieser Zeit mitschuldig gemacht hat. Gleichzeitig sind jene Opfer des grausamen Tyrannen, der zuletzt isoliert dasteht. Somit gelingt es, einen Übergang in die neue Zeit herzustellen: „Tacitus legt mit dem Agricola also Zeugnis ab für die selbstbewusste Einschreibung eines konsularen Senators als unabhängiger Systemträger in die Herrschaft unter dem neuen Monarchen, dem optimus princeps, Trajan“. (S.82)

Die Darstellung des senatorischen Handelns gegenüber diesem neuen, guten Prinzeps wird im Kapitel II.2. anhand des Panegyrikus des Plinius eingeführt. Nach einer (allzu) rigorosen Auseinandersetzung mit der reichen Forschungsliteratur und der Betonung der spezifischen Situation einer ‚veröffentlichten’ Dankesrede, die somit in einen neuen Kontext transponiert wird, rekapituliert Geisthardt das Bild des optimus princeps, das etwa im Trajansbogen von Benevent vermittelt wird, und die Rolle der Senatoren in dessen versöhnlicher Herrschaft. Wichtiger ist jedoch die Frage, wie man die Glaubwürdigkeit des Lobes im Panegyrikus herstellen kann. Was unterscheidet die Lobesworte von der heuchlerischen Schmeichelei unter Domitian und wie können sie authentisch erscheinen? Die Problematik des plinianischen Versuches trotz mehrfacher Strategien, die Ernsthaftigkeit der Rede zu beweisen, muss darauf zurückgeführt werden, dass dem genre der gratiarum actio aufgrund der asymmetrischen Machtverhältnisse, welche die Kommunikationssituation kennzeichnen, unveränderbar eine Ambiguität anhaftet, aus der sich auch Plinius nicht befreien kann. Doch mit der Überarbeitung und ‚Veröffentlichung’ der Rede nimmt Plinius den Text aus dem stark normierten politischen Kontext heraus und überführt ihn in die Sphäre des otium, in der die senatorische Selbstdarstellung ungezwungener und effektiver entfaltet werden kann. In Anlehnung an den optimus princeps-Diskurs lässt Plinius ein Monument für den Kaiser entstehen – aber ebenfalls für sich selbst als selbstbewusster Senator, der sich vollständig von der dunklen Vergangenheit emanzipiert hat.

In Kapitel II.3. kommt ein anderes Medium der senatorischen Selbstdarstellung des Plinius zur Sprache: die Briefe. In der berühmten Inschrift von Comum präsentiert sich Plinius als Wohltäter seiner Heimatstadt und gibt im munizipalen Rahmen ein Beispiel an civilitas ab – eine Tugend, die sich im Gebaren des Kaisers widerspiegelt. Jener Inschrift werden die Briefe gegenübergestellt, die nach Geisthardt ganz vom Heterotopos des otium bestimmt sind. Nach einem Exkurs zum otium im Verhältnis zum negotium zwischen Republik und Kaiserzeit (S. 158–164), der vor allem auf den Untersuchungen Ulrich Gotters fußt[3], wendet sich der Autor der Deutung der Briefe hinsichtlich der otiösen Selbstdarstellung des Plinius zu. Dabei ist die Briefsammlung weniger Autobiographie als ein „literarisches Selbst-Porträt“ (S. 171). Durch die Darstellung eines in otium studiosum differenzierten, idealisierten Raumes soll senatorische Unabhängigkeit zum Ausdruck gebracht werden, die sich scharf von den Zuständen unter Domitian abhebt. Plinius erscheint in diversen „Facetten des Senator-Seins“ (S. 203) und verwendet dabei Motive des optimus-princeps-Diskurses. Er schließt an berühmte republikanische Redner an, Cato und Cicero, um sich selbst als orator im Medium der Literatur zu stilisieren. Trajan ist in den Briefen zwar nicht namentlich präsent, aber doch eine Art Übervorbild durch seine überragenden Tugenden, denen Plinius nacheifert (S. 204–207). Doch ist der Senator klar vom Prinzeps unterschieden, da er in den Briefen weder im Bereich der negotia agiert, noch eine militärische Funktion übernimmt. Das senatorische otium schillert folglich zwischen Abgrenzung von den klassischen senatorischen Tätigkeiten und Relevanz für die Distinktion im Herrschaftssystem.

Schließlich werden die Historien des Tacitus nach dem Bild der senatorischen Funktionselite befragt, das sich aus deren Handeln in den jeweiligen Aufgabenfeldern und ihrem Verhältnis zum Kaiser ergibt (S. 220–287). Dabei ist festzustellen, dass Tacitus zwischen dem Dargestellten auf der einen Seite und der Beurteilung des Geschehens und der Akteure auf der anderen eine Spannung herstellt. Nacheinander wird anhand der Fälle mehrerer Senatoren, die in Diensten des Kaisers stehen, deren militärisches Agieren, die Interaktion mit anderen Senatoren und dem Kaiser untersucht. Anzumerken ist hierbei, dass die gewählte Herangehensweise teilweise zu einem sehr mechanistischen Bild führt, indem strikt in Handlungsschemata gedacht wird (x interagiert mit y, erfolgreich ja / nein), was der komplexen literarischen Zeichnung des Tacitus nicht gerecht wird. Wenn ein Heerführer negativ dargestellt wird, dann mag dies auch daran liegen, dass sich das Scheitern der Schlacht in der Figur des Kommandanten personifiziert, sodass derartige Stellen weniger dafür angelegt sind, viel über die Person an sich auszusagen. Geisthardt erkennt jedoch in dem Kernnarrativ einer Funktionselite, die 69 n.Chr. die Kaiser machte, getreu seiner Argumentationslinie einen Hinweis auf das Bild einer selbstbewussten Elite, die sich aktiv in das Herrschaftssystem hineinschreibt.

Als Gegenentwurf zu der in den Texten immer wieder latent mitschwingenden harmonischen Beziehung zwischen den Senatoren und ihrem civilis princeps Trajan, die aus der Entstehungszeit der Historien perspektivisch ihr Licht auf die früheren Ereignisse wirft, wird im nächsten Kapitel die Beschreibung der dysfunktionalen Zustände unter den julio-claudischen Kaisern, exemplifiziert an Tiberius, behandelt. Unter dem Nachfolger des Augustus kristallisiert sich das Verhältnis zwischen Senatoren und Prinzeps in den Überhand nehmenden maiestas-Prozessen. Die sehr negative Charakterisierung des Tiberius und der nächsten Kaiser steht nach Geisthardt nicht für eine anti-monarchische Einstellung des Autors der Annalen, sondern bildet einen Kontrast zur eigenen Zeit, der die Leistungen der Senatoren und die Freiheit, literarische Werke verfassen zu können, untermalt (S. 334). Es handelt sich insgesamt um ein Lehrbuch für das moralische Verhalten des Senators unter einem Kaiser.

Das synthetische Endkapitel (III.3) unternimmt einen Vergleich zwischen den, wie angenommen wird, weite Verbreitung findenden Texten des Plinius und des Tacitus. Gemeinsamkeiten sind der Anschluss an den optimus-princeps-Diskurs und eine dezidiert antidomitianische Haltung. Die Diskursivierung der neuen glücklichen Zeit unter Trajan nimmt bei den Autoren jedoch unterschiedliche Formen an, was nicht zuletzt mit den gewählten literarischen Gattungen zusammenhängt. Während Tacitus unter Trajan wieder seiner Stimme als Historiograph Ausdruck verleihen kann, konstituiert Plinius seine persona im otium. Das indirekte Lob der Herrschaft Trajans ist in jedem Fall weder als Schmeichelei, noch als Propaganda zu verstehen, sondern ist integrativer Bestandteil der Selbstdarstellung, der die persona immunisiert (S. 356). Die Gefahr eines Vorwurfs der Schmeichelei soll mit einem demonstrativen Republikanismus entkräftet werden, den Tacitus und Plinius an den Tag legen. Somit trägt die Elite einen wichtigen Teil zur Harmonisierung der traditionellen Meritokratie der Senatoren und der unangefochtenen Monarchie des Trajan bei.

Das Buch wird durch drei Appendices abgerundet: eine Liste konsularer Statthalter und deren ziviler und militärischer Laufbahn im prätorischen Rang 70–235 n.Chr., eine Tabelle, welche die häufigen Referenzen auf Domitian im Panegyrikus mit den Vergangenheitsbezügen auf andere Kaiser vergleicht und drittens eine Auflistung aller in den Historien des Tacitus erwähnten Senatoren mit schematischen Kurzangaben ihrer Haltung zu den Principes des Vierkaiserjahres und zu ihrer militärischen Aktivität.

Die Studie Geisthardts ist zweifelsohne ein Zugewinn für alle, die sich mit Fragen der Elitenrepräsentation und der Rolle literarischer Texte für soziale Distinktion beschäftigen. Der Autor analysiert sorgfältig, detailreich und wortgewandt. Doch bleiben auch gewisse Längen nicht aus, die sich bei einer solchen textimmanenten Arbeit leicht ergeben. Es irritiert die Existenz zweier thematischer Stränge nebeneinander, jener der Zusammensetzung der Funktionselite, der ideenhalber ab und zu hervorblitzt, und der Hauptstrang der literarischen Selbstdarstellung des Tacitus und des Plinius. Bezüglich der beiden behandelten Autoren muss man vielleicht doch noch feiner differenzieren und einige Unterschiede mehr hervorheben. Die Geschichtsschreibung des Tacitus lediglich als indirekten Reflex des optimus princeps-Diskurses zu lesen wird dem komplexen Werk nicht gerecht. Was Tacitus in den Annalen liefert ist eine tiefgründige Analyse der strukturell verwurzelten Herrschaftsproblematik und der Beziehung zwischen Senatoren und Kaiser, was deutlich über eine schiere Funktion als Kontrastfolie zum besten Prinzeps Trajan hinausgeht und eher wie eine latente Beunruhigung in die Gegenwart hineinwirkt.[4] Demgegenüber ist eine Seite des plinianischen Panegyrikus schwerlich wegzudiskutieren. Ob als Rede des frisch angetretenen Konsuls oder als Produkt des otium nach der Veröffentlichung, dem Text haftet eine imminent politische Dimension an. Mit der Veröffentlichung des verschriftlichten Lobes mögen auch ästhetische und literarische Gründe verbunden gewesen sein. Es bleibt ferner trotz der von Geisthardt überzeugend dargestellten Funktion der behandelten Texte, der Selbstaffirmation der Senatoren im Hinblick auf Vergangenheit und Gegenwart, der unlösbare Widerspruch, dass der ‚Unabhängigkeitsdiskurs’ angesichts der nur zu realen Machtverhältnisse und Abhängigkeiten gewissermaßen ins Leere laufen musste. Dies war den antiken Autoren auch bewusst. Hier bleibt eine Ambivalenz bestehen, die zu adressieren sicherlich noch eine Herausforderung wäre.

Anmerkungen:
[1] Verfechter der viri-militares-Theorie: Ronald Syme, The friend of Tacitus, in: Journal of Roman Studies 47 (1957), S. 131–135; Anthony R. Birley, Locus virtutibus patefactus? Zum Beförderungssystem in der Hohen Kaiserzeit, Opladen 1992 und ders., Senators as generals, in: Géza Alföldy / Brian Dobson / Werner Eck (Hrsg.), Kaiser, Heer und Gesellschaft in der römischen Kaiserzeit – Gedenkschrift für Eric Birley, Stuttgart 2000 (in der Bibliographie irrtümlich Birely); Werner Eck, Beförderungskriterien innerhalb der senatorischen Laufbahn, dargestellt an der Zeit von 69 bis 138 n. Chr., in: ANRW II.1 (1974), S.158–228. Gegen die These: Brian Campbell, Who were the viri militares, in: Journal of Roman Studies 65 (1975), S. 11–29 und ders., The Emperor and the Roman Army. 31 BC–AD 235, Oxford 1984; Egon Flaig, Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt am Main / New York 1992.
[2] Norman Fairclough, Analysing discourse. Textual analysis for social research, London u. a. 2003.
[3] Ulrich Gotter, Griechenland in Rom? Die römische Rede über Hellas und ihre Kontexte (3.–1. Jhdt. v. Chr.), Freiburg 2001 (unveröffentl. Habilitationsschrift).
[4] Dazu kommt noch die Unsicherheit bei der Datierung der Annalen als ‚trajanische’ Schrift, die Geisthardt selbst seiner Untersuchung vorausschickt, siehe S. 288–290.

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07.09.2015
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