G. A. Ritter u.a. (Hgg.): Rivalität und Partnerschaft

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Titel
Rivalität und Partnerschaft. Studien zu den deutsch-britischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Anthony J. Nicholls


Herausgeber
Ritter, Gerhard A.; Peter Wende
Reihe
Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London 46
Erschienen
Paderborn 1999: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
375 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernhard Stier, Seminar für Neuere Geschicht, Universitaet Mannheim

Die Festschrift zum 65. Geburtstag von Anthony Nicholls, des Oxforder Deutschland-Experten und engagierten Förderers der britisch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen, ist einem Gegenstand gewidmet, der eine ebenso lange wie problematische Forschungstradition besitzt und zugleich von besonderer inhaltlicher wie methodischer Aktualität ist: Vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit dienten entsprechende Untersuchungen dazu, einen fundamentalen Gegensatz zwischen den "Händlern" auf den Britischen Inseln und den deutschen "Helden" sowie zwischen britischer "Zivilisation" und deutscher "Kultur" (W. Sombart) nachzuweisen und historisch zu verankern. Heute dagegen sucht die Forschung unter dem erkenntnis- wie emotionsleitenden Paradigma der europäischen Partnerschaft die wechselvollen britisch-deutschen Beziehungen im großen historischen Bogen seit dem 18. Jahrhundert umfassend zu rekonstruieren. Dabei schält sich immer mehr das Bild eines insgesamt zwar spannungsreichen und ambivalenten Verhältnisses zwischen Großbritannien und Deutschland heraus, das jedoch keineswegs durchgängig negativ oder gar notwendig antagonistisch war, sondern sich über weite Strecken positiv entwickelte und mitunter sogar höchst produktive Folgen nach sich zog.

In diesen Forschungskontext ist der anzuzeigende Band einzuordnen. Seine Leistung liegt, das ist wohl durch die Zugehörigkeit zum Genre der Festschrift bedingt und sei vorneweg angemerkt, in der Vielfalt der Zugänge und Aspekte, nicht in der Synthese oder der konzeptionellen Konsequenz. Das abschließende 'Plädoyer für den Unterschied' und für die partnerschaftliche Kooperation im europäischen Rahmen von Ralf Dahrendorf nimmt hinsichtlich seiner Perspektive und seiner pädagogischen Absicht eine Sonderstellung ein. Der zeitliche Schwerpunkt der historischen Beiträge (insgesamt 17) liegt auf dem 20. Jahrhundert; nur drei behandeln das 19. Jahrhundert ab der Jahrhundertmitte. Im Vordergrund stehen Kulturkontakt, Wahrnehmung und Engagement einzelner Protagonisten, Gruppen und Institutionen (Günther Grünthal über den politischen Berater der preußischen Kronprinzessin und die angestrebte 'Britannisierung' preußischer Politik in der Neuen Ära; Peter Alter über die Londoner Jahre des Architekten und Mitbegründers des Deutschen Werkbundes Hermann Muthesius und dessen Rezeption von Architektur und Nationalcharakter der Briten; Gregor Schöllgen über Max Webers Beiträge zur Verfassungsdiskussion 1917/1918 und ihr britisches Vorbild; autobiographische Erinnerungen Carl-Christoph Schweitzers über das britische Deutschlandbild während des Zweiten Weltkriegs; zwei Beiträge von Horst Möller und Hans Mommsen über Sebastian Haffners publizistische Aktivitäten im britischen Exil; Gerhard A. Ritter über das Verhältnis von britischer Arbeiterbewegung und deutscher Sozialdemokratie vom Kaiserreich bis in die Anfangsjahre der Weimarer Republik; Marie-Luise Recker über das britische Vorbild in der Herausbildung des bundesdeutschen Parlamentarismus). Hervorzuheben ist in dieser Gruppe der Beitrag von Peter Wende über die wechselseitige Wahrnehmung von deutscher und britischer Geschichtswissenschaft: Auf der Grundlage einer Auswertung der "Historischen Zeitschrift" und ihres britischen Pendants "English Historical Review" untersucht er die Kooperation einer "Internationale der historischen Wissenschaft" (S. 18) im Spannungsfeld jeweils unterschiedlicher politischer Grunddispositionen sowie einer zeitbedingten nationalistischen Sogwirkung und liefert damit ein instruktives Beispiel für die komplexe Ambivalenz deutsch-britischer Beziehungen.

Hinzu kommen vergleichende Studien im weiteren Sinn (Hartmut Pogge von Strandmann über die beiderseitige "Nationalisierung" des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha, insbesondere über den 1917 vorgenommenen Namenswechsel des englischen Königshauses; Clemens A. Wurm über Konkurrenz und Kooperation der deutschen und britischen Stahlindustrie in der Zwischenkriegszeit; Klaus-Jürgen Müller über das unterschiedliche Verhältnis zwischen politischer und militärischer Führung in den beiden Ländern) sowie ein nicht eindeutig zuzuordnender 'Restbestand' an Aufsätzen, die zwar außerhalb des anvisierten Themas stehen, aber dennoch wichtige Aspekte der deutsch-britischen Beziehungen und ihres Umfelds behandeln (Wolfgang J. Mommsen über die europäische und vor allem die deutsche Reaktion auf amerikanische Friedensinitiativen im Ersten Weltkrieg; Reiner Pommerin über britische Luftkriegsstrategie am Beispiel der Zerstörung Dresdens; Lothar Kettenacker über die Reaktion der britischen Administration auf den Morgenthau-Plan; Adolf M. Birkes Würdigung des Diplomaten und Deutschlandexperten Sir Frank Roberts; Gustav Schmidt über die Entwicklung des 'Dreiecksverhältnisses' zwischen den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik in den 1950/1960er Jahren).

Ein typisches Festschriften-Konglomerat also? Nach Meinung des Rezensenten wäre es verfehlt, den Band mit einer solchen Disqualifizierung abzutun, denn er bietet wichtige Anregungen und (Teil-)Einsichten in der Auseinandersetzung mit einem gleichermaßen aktuellen wie anspruchsvollen Thema. Um das Gebotene voll auszuschöpfen, sei es jedoch erlaubt, ihn wenigstens ansatzweise in der gegenwärtigen Forschungslandschaft zu verorten, in welcher das Interesse an Problemen der interkulturellen Begegnung und der Fremdwahrnehmung immens gewachsen ist. Dabei wäre zunächst auf die Bemühungen des Deutschen Historischen Instituts in London selbst sowie auf entsprechende Aktivitäten der Prinz-Albert-Gesellschaft in Coburg oder des Großbritannien-Zentrums der Berliner Humboldt-Universität, vor allem jedoch auf ein nahezu gleichzeitig unternommenes Parallelvorhaben des "Arbeitskreises deutsche Englandforschung" hinzuweisen: Unter einem ähnlichen Titel - allerdings mit dem Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert - behandelt er dieselbe Thematik; Herausgeber und Autoren haben dabei jedoch erfolgreich versucht, die Einzelperspektiven mittels des vorab umrissenen Konzepts des "Kulturtransfers" zu bündeln [1].

Mit Hilfe dieses Ansatzes können auch die Beiträge der vorliegenden Festschrift tiefer erschlossen werden; am besten sollte sich der interessierte Leser deshalb beide Bände zugleich vornehmen. Daneben existiert mit der kulturwissenschaftlichen Fremdheitsforschung, der historischen Reiseforschung, der an der 'Psychologie' der internationalen Beziehungen entwickelten Perzeptionsforschung oder der neueren Nationalismus- und Feindbildforschung eine ganze Reihe von Modellen zur Konzeptualisierung interkultureller Wahrnehmungsprozesse, die auch auf die deutsch-britischen Beziehungen mit Gewinn angewendet werden können. Einschlägige Arbeiten, die unter diesen und ähnlichen Paradigmen entstanden, zeigen nicht allein die eingangs angesprochene Spannweite dieser Beziehungen in ihrer ganzen Breite auf. Vor allem arbeiten sie deutlicher denn je heraus, daß der deutsch-britische Gegensatz kein 'reales', wenngleich höchst wirkungsmächtiges Faktum, sondern ein historisches Konstrukt in zweifacher Hinsicht darstellt: gebrochen durch die Wahrnehmung der Betroffenen einerseits und 'produziert' durch eine unter dem anti-britischen Paradigma stehende Wissenschaft andererseits. Die wirtschaftliche Rivalität während der Früh- und Hochindustrialisierung oder den weltpolitischen Antagonismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts als bare Tatsachen - sozusagen als 'reale Realität' - zu nehmen, um nur zwei wichtige Aspekte der deutsch-britischen Beziehungen zu nennen, verkürzt die historische Realität. Diese wird nicht nur von den 'Fakten', sondern auch von der eingeschränkten bzw. fehlerhaften Wahrnehmung und/oder der Inszenierung von Wirklichkeit entsprechend den verhaltensleitenden Interessen und Erfahrungen der jeweils anderen Seite bestimmt.

Solche Einsichten finden im gegenwärtigen Kontext einer kulturgeschichtlich 'gewendeten' Geschichtswissenschaft immer breitere Akzeptanz; sie sind jedoch keineswegs neu und werden schon seit geraumer Zeit auch in der traditionellen Politikgeschichte mit Gewinn angewandt. Verwiesen sei nur auf das zentrale Problem der britischen Einstellung gegenüber der deutschen Einigung unter preußischer Führung und der Revision der Machtverhältnisse in Mitteleuropa im Jahrzehnt vor 1871: Erst die Einbeziehung der 'zweiten Ebene' zeigt, wie die im Prinzip keineswegs ablehnende britische Haltung auf deutscher Seite als feindlicher Akt wahrgenommen wurde und wie sich aus dieser Interpretation schließlich ein verhängnisvoller deutsch-britischer Antagonismus entwickeln konnte.[2]

Solche und ähnliche Forschungsergebnisse sind ein Indiz für die Leistungsfähigkeit wahrnehmungsorientierter, gemäßigt relativistischer Ansätze. Nicht allein für das Studium der internationalen Beziehungen bergen sie noch erhebliches Erkenntnispotential. Dazu ist jedoch gleichermaßen theoriegeleitete Arbeit wie Rückbindung an die historische Empirie durch Detailstudien erforderlich. Der besprochene Band bietet dazu wertvolle Anregungen.

Anmerkungen:
[1] Rudolf Muhs/Johannes Paulmann/Willibald Steinmetz (Hgg.): Aneignung und Abwehr. Interkultureller Transfer zwischen Deutschland und Großbritannien im 19. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Arbeitskreises Deutsche England-Forschung, 32), Bodenheim: Philo-Verlagsgesellschaft 1998. Vgl. dazu die Besprechung von Andreas Fahrmeir in H-Soz-u-Kult vom August 1998 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/buecher/FaAn0898.htm).
[2] Grundlegend dazu: Klaus Hildebrand: No Intervention. Die Pax Britannica und Preußen 1865/66 - 1869/70. Eine Untersuchung zur englischen Weltpolitik im 19. Jahrhundert, München 1997.

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Veröffentlicht am
28.12.1999
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