E. Klautke: The Mind of the Nation

Cover
Titel
The Mind of the Nation. Völkerpsychologie in Germany, 1851–1955


Autor(en)
Klautke, Egbert
Erschienen
Oxford 2013: Berghahn Books
Anzahl Seiten
194 S.
Preis
€ 63,15
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Breuer, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg

Von Arbeiten, die sich mit der Geschichte einer wissenschaftlichen Disziplin befassen, sollte man nicht erwarten, dass sie deren Probleme lösen. Das ist Sache dieser Disziplinen selbst. Immerhin kann die historische Darstellung den Blick für diese Probleme schärfen, Sackgassen deutlich machen und offene Baustellen markieren. Gerade bei einer Disziplin wie der Völkerpsychologie, die es im Gegensatz zur Individualpsychologie nicht zu allgemeiner Anerkennung und akademischer Institutionalisierung gebracht hat, ist eine solche historische Bilanz wertvoll, sind doch die von ihr angeschnittenen Themen noch immer präsent, wenn auch zumeist in versteckter Form, etwa in Reflexionen über nationale Mentalitäten oder in der anhaltenden Debatte über den deutschen „Sonderweg“.

Angesichts einer oft eigenwilligen und verkapselten, sich schon gegen die Rezeption durch heutige deutsche Leser und erst recht gegen Übersetzungen sperrenden Ausdrucksweise, wie sie für die deutsche Wissenschaftssprache des Untersuchungszeitraums typisch ist, bewältigt Klautke seine Aufgabe in hervorragender Weise. Die Sprache ist klar, die Gedankenführung transparent und die Darstellung um Einbettung in den historischen Kontext bemüht. Der Stoff selbst ist in drei große Blöcke gegliedert. Der erste befasst sich mit den Begründern der Völkerpsychologie, Moritz Lazarus (1824–1903) und Heymann Steinthal (1823–1899), die von 1859 bis 1890 die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft“ herausgaben. Der zweite mit dem Leipziger Ordinarius für Philosophie, Wilhelm Wundt (1832–1920), Gründer und Leiter des dortigen Instituts für experimentelle Psychologie und Verfasser einer zehnbändigen Völkerpsychologie, von der heute bestenfalls die einbändige Kurzfassung Elemente der Völkerpsychologie noch gelesen wird. Der dritte mit Willy Hellpach (1877–1955), einem Studenten Wundts, der zeitweise als Nervenarzt tätig war, darüber hinaus aber auch als Journalist und Politiker hervorgetreten ist: 1922 als Unterrichtsminister und 1924 bis 1926 sogar als Badischer Staatspräsident. Jedes Kapitel stellt zunächst die Biographie und die zentralen Ideen vor und widmet sich dann der Rezeption, die in vielen Fällen überraschende Perspektiven eröffnet, so etwa im Fall von Lazarus und Steinthal zur Soziologie Georg Simmels oder zur zeitgenössischen französischen Sozialpsychologie.

In der Version von Lazarus und Steinthal erscheint Völkerpsychologie als der Versuch, das gedankliche Erbe der idealistischen Tradition, insbesondere von Herder, aber auch von Hegel oder Humboldt, festzuhalten und mit den aufkommenden empirisch-positivistischen Standards kompatibel zu machen. Das führte einerseits zur Abwehr von naturalistischen Deutungen, die den Charakter eines Volkes bzw. einer Nation als Ergebnis geographischer oder klimatischer Determinanten und nicht als Gegenstand der Psychologie fassten; andererseits zu einem weitaus umfassenderen Verständnis des „objektiven Geistes“, der sich aus ihrer Sicht ebenso im theoretischen und künstlerischen Gebiet darstellte wie in Sprache, Mythos, Religion, Sitten, Werkzeugen und Geräten. Übernahm man vom Idealismus die Überzeugung, das Verhältnis von Individuum und Volksgeist sei von der Präponderanz des Allgemeinen gekennzeichnet, so konzedierte man dem Empirismus, dass das Volk bzw. die Nation auch das Ergebnis einer willentlichen Entscheidung seiner Mitglieder sei – eine Vorwegnahme von Ernest Renans berühmter Formel vom täglichen Plebiszit. Klautke arbeitet dies präzise heraus, deutet es allerdings allzu konventionell als Spannung zwischen einem essentialistischen und einem voluntaristischen Ansatz. Essentialismus meint schließlich eine gleichbleibende Substanz, wie sie für den durch Inputs der Individuen fortwährend veränderten Volksgeist gerade nicht unterstellt werden kann, und Voluntarismus eine willkürliche Konstruktion, wie sie bei Lazarus und Steinthal ebenfalls nicht vorliegt – und übrigens auch nicht bei Renan: ein Plebiszit ist bekanntlich die Antwort auf eine Frage, die nicht von denen gestellt wird, die sie beantworten sollen. In der viel zitierten Schrift „Qu’est-ce qu’une nation?“ hat die Nation genau wie bei Lazarus die doppelte Bedeutung eines (objektiven) „Besitzes eines reichen Erbes an Erinnerungen“ und des (subjektiven) Einvernehmens, des Willens, dieses Erbe hochzuhalten, „welches man ungeteilt empfangen hat“.[1]

Mit Wilhelm Wundt verschiebt sich das methodische Gerüst der Völkerpsychologie in Richtung einer qualitativ-hermeneutisch verfahrenden Disziplin, da Wundt experimentelle Methoden in der Psychologie einzig auf das Individuum für anwendbar hielt. Eine weitere Differenz bestand in der Ersetzung des idealistisch konnotierten Volksgeistes durch die freilich noch größeren Missverständnissen ausgesetzte „Volksseele“, doch blieben die übrigen Parameter ähnlich wie bei Lazarus und Steinthal: dass das „Ganze“, das heißt Volk und Nation, mehr als die Summe seiner Teile sei und sich in Sprache, Mythos und Sitten niederschlage; dass zwischen dem Ganzen und seinen Teilen „Wechselwirkung“ bestehe (ein auch für Simmel zentrales Konzept); und dass der dafür angemessene Zugriff derjenige der „Entwicklungsgeschichte“ sei. Deren Ausarbeitung widmete sich Wundt in seinem Opus magnum, in dem er die Menschheit als ein Makrosubjekt präsentierte, das über die Stufen der Primitivität, des Totemismus und des Zeitalters der Götter und Helden allmählich dem Höhe- und Endpunkt entgegen reift: dem Zeitalter der Humanität. Leibniz und Goethe haben hier erkennbar Pate gestanden und Wundt zu einer teleologischen Konstruktion motiviert, die Klautke treffend als „Bildungsroman“ bezeichnet.

Obwohl Wundt noch den Ersten Weltkrieg erlebte und das Seine zu den Kriegsideologien beisteuerte, geschah dies doch in offenem Widerspruch zu den universalistischen Prinzipien seiner Völkerpsychologie. Auch dies war ein Grund dafür, weshalb er keine Schule zu bilden vermochte und im Grunde ein Solitär blieb. Schon sein unmittelbarer Nachfolger in Leipzig, Felix Krueger, zog es vor, nicht mehr Völkerpsychologie, sondern „Entwicklungspsychologie“ zu lehren und mehr die Differenzen als die Gemeinsamkeiten zwischen den Nationen hervorzukehren. In der nationalistisch aufgeheizten Atmosphäre der Weimarer Republik erschien die Völkerpsychologie offenbar nicht anschlussfähig, so dass es bis 1938 dauerte, bis wieder ein größerer Versuch auf diesem Feld unternommen wurde: Willy Hellpachs Einführung in die Völkerpsychologie. Mit seinen Vorgängern teilte es die Kritik an naturalistischen Deutungen, die in diesem Fall sogar auf eine Relativierung der Erklärungsansprüche der zeitgenössischen Rassenideologien im Stil von Hans F. K. Günther und Ludwig Ferdinand Clauss hinauslief, des Weiteren den Akzent auf Sprache, Mythos, Religion und Sitten sowie den entwicklungsgeschichtlichen Zuschnitt, nicht aber die Perspektive auf „Humanität“. Für Hellpach kulminierte die Geschichte stattdessen im Volkstum als der höchsten Form der Gemeinschaft; und diese wiederum schien ihm nirgends so vollendet verwirklicht zu sein wie im nationalsozialistischen Deutschland. Als Grund dafür benannte er ein Faktum, das mit Völkerpsychologie wenig zu tun hatte, dafür umso mehr mit den idées directrices der Massenpsychologie im Gefolge Le Bons, die sich zumal im Ordoliberalismus besonderer Beliebtheit erfreute: das Volk sollte danach in wesentlichen Zügen eine Schöpfung außergewöhnlicher „Tatmenschen“ sein, die oft im Gegensatz zur großen Masse der Bevölkerung standen. Die „Nazifizierung“ der Völkerpsychologie war so gesehen das Ergebnis einer signifikanten Umbuchung ihrer zentralen Theoreme in den massenpsychologischen Diskurs, nicht das Heraustreten ihres „völkischen“ oder „rassistischen“ Wesenskerns aus der Latenz. Es wäre zu wünschen, dass diese Einsicht in Zukunft einen gelasseneren Umgang mit diesen Theoremen ermöglichte. Klautkes Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu.

Anmerkung:
[1] Vgl. Ernest Renan, Was ist eine Nation? und andere politische Schriften. Mit einem einleitenden Essay von Walter Euchner und einem Nachwort von Silvio Lanaro, Wien und Bozen 1995, S. 41–58, 56.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.02.2015
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