G. Marinelli-König: Die böhmischen Länder in den Wiener Zeitschriften

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Titel
Die böhmischen Länder in den Wiener Zeitschriften und Almanachen des Vormärz (1805–1848).


Autor(en)
Marinelli-König, Gertraud
Reihe
Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse 3
Anzahl Seiten
426 S.
Preis
€ 84,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Václav Petrbok, Ústav pro českou literaturu AV ČR

Das breit angelegte Projekt des die böhmischen Länder betreffenden Kompendiums der Reihe „Slavica in den Wiener Zeitschriften und Almanachen des Vormärz“ wird fortgesetzt. Der vorliegende dritte Teil des bohemistischen Bandes der ganzen Reihe mit dem lapidaren Untertitel „Kunst“ enthält Berichte und Notizen über Musik, Bildende Künste und Darstellende Künste. Im Vorwort ergänzt Moritz Csáky seine Erwägungen zum ersten und zweiten Teils des Kompendiums und charakterisiert „drei übergreifende[n] Grundtendenzen“ der Textsorten: Nach ihm zeigen sie nicht nur „ein mit großem Interesse gepaartes Verständnis für kulturelle Unterschiede“, sondern auch – kritisch betrachtet – „eine unverhohlene Freude über kulturelle Fortschritte, d. h. über die Erfolge einer ‚Kulturmission‘, hinter der sich […] eine typische koloniale Attitude des Zentrums der Peripherie gegenüber verbergen mag“ (S. VIII). Die Autoren der Nachrichten zeigen die verschiedenen Aktivitäten nicht nur im Rahmen der tschechischen „nationalen“ Wiedergeburt, aber – hier ergänzt der Rezensent – auch des böhmischen Landespatriotismus oder der gesamtösterreichischen Staatsidee, und zwar „noch ohne nationalistische Prätentionen bzw. Aversionen“ (S. VIII). Drittens belegen die Nachrichten auch die Herausbildung der Grenzen, der „Schnittstellen, sich konkurrierender und zugleich überlappender kultureller Kommunikationsräume […].“ (S. XII) Die Verbreitung der Informationen über das Kulturgeschehen hat noch weitere wichtige Folgen: Die Rezensionen und ihre Wirkung sowie (potentielle) weitere Rezeption liefern auch den Beweis über den Prozess der Etablierung der literarischen und besonders in den 1840er-Jahren auch der politischen Öffentlichkeit.

Zu den weiteren soziologischen Grundlagen der Wahrnehmung der ausgewerteten Publizistik äußert sich die Herausgeberin in den einzelnen Kapiteln der Einleitung (S. XIII–LIII). Anhand mehrerer Beispiele verfolgt sie überzeugend die These, dass „die Wiener Unterhaltungsblätter und Gelehrten Zeitschriften von dem bedeutenden symbolischen Kapital, welches die böhmischen Länder im Kunstbereich besaßen und einbrachten [zeugen].“ (S. XVIII) Die schiere Menge der übermittelten Informationen, besonders aus dem Musik- und Theaterleben, bestürzt den heutigen Leser jedenfalls geradezu. Auch in der Zeit, in der das tschechische Schauspiel und die Oper kaum Rezensenten in Prag finden, werden in der Wiener Presse dagegen ausführliche Nachrichten darüber publiziert (S. 356 ff.). Aus ihnen geht unter anderem hervor, dass die Tätigkeit eines bisher eher zurückhaltend bewertenden Mitglieds der Triumvirat-Direktion, Jan Nepomuk Štěpánek, redlicher geschätzt werden sollte. Die Nachrichten über das Gastieren mehrerer Schauspieler (etwa F. Raimund und J. N. Nestroy) bestätigen auch wichtige Prozesse im theatralischen Kulturtransfer, die die tschechische Theaterwissenschaft bisher nicht ausreichend berücksichtigt hat. Aber auch die „Beiträge und Hinweise“ über die Theatervorstellungen in deutscher Sprache (S. 319 ff.) können bei den bisher sehr lückenhaft bekannten Perioden des (nicht nur) Prager Theaterwesens eine große Hilfe leisten, nicht zuletzt bei der Rekonstruktion der Spielpläne.

Angesichts der großen Rolle der Musik und der „Musiker, SängerInnen, Komponisten und Musikverleger“ aus den böhmischen Ländern (nicht nur) im Wiener kulturellen Leben überraschen die zahlreichen Beiträge zu diesem Thema nicht. Zugleich reflektieren sie auch die allmähliche Verwandlung der Musikaufführung im öffentlichen Raum („Sophien-Akademien“) sowie auch das verstärkte Interesse für die Geschichte der (böhmischen) Musik und ihrer Interpretation („Cäcilienfeier“). Neben der Bewertung der zeitgenössischen bildenden Kunst sind auch ähnliche Prozesse in der historisierenden Kritik und Geschichtsschreibung im Bereich der bildenden Kunst (z.B. im Kapitel Memoria) zu beobachten. Die Kunsthistoriker/innen werden sicher die Informationen über die zeitgenössischen Kunstaustellungen oder über die Kunstakademie und Kunstvereine schätzen. Außerdem bietet jeder Teil auch biographische Informationen über mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten und Angaben über die Rezensionen ihre Werke. Damit zeigen die Angaben auch die historisch bedingte Wandelbarkeit des Geschmacks und können zu der Beantwortung der Frage nach der (Nicht-)Kanonisierung einzelner Werke und/oder Autoren beitragen.

Wie schon in einer früheren Rezension angedeutet, liefert das ganze Kompendium zweifellos viele überprüfte und historisch kontextualisierte Materialien zu der Erforschung der Sattelzeit der böhmischen und mährischen Geschichte, denn die historisch aufgeklärte Kulturtransferforschung basiert auch auf der bibliographischen Arbeit. Aber auch für die künftige Geschichte der Theater- sowie Kulturkritik in den böhmischen Ländern, oder die Geschichte der böhmischen Kunst und des Theaterwesens ist dieser Teil unentbehrlich. Es bleibt zu hoffen, dass der vierte und der fünfte Teil bald diese einzigartige und verdienstvolle Arbeit abrunden werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.04.2015
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