K. Wünschmann: Jewish Prisoners in Prewar Concentration Camps

Cover
Titel
Before Auschwitz. Jewish Prisoners in the Prewar Concentration Camps


Autor(en)
Wünschmann, Kim
Erschienen
Cambridge/Mass. 2015: Harvard University Press
Anzahl Seiten
367 S.
Preis
€ 43,06
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Binner, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten Celle

Im Wikipedia-Eintrag zu den deutschen Konzentrationslagern sind – ähnlich wie in vielen Schulbüchern und populärwissenschaftlichen Darstellungen – für die Jahre bis 1939 politische Gegner, „Asoziale“, „Arbeitsscheue“, mehrfach Vorbestrafte, Homosexuelle und Zeugen Jehovas als Haftgruppen genannt, aber keine Juden.[1] Dies korrespondiert mit der auch in der Wissenschaft anzutreffenden Tendenz, das Schicksal jüdischer Häftlinge in den KZ in den Vorkriegsjahren lediglich als Präludium zum Holocaust zu betrachten. Es ist ein großes Verdienst der glänzenden Studie von Kim Wünschmann, hier einen anderen Akzent zu setzen. Die Arbeit von Wünschmann ist als Dissertation bei Nikolaus Wachsmann am Birkbeck College der University of London entstanden, das sich damit einmal mehr als Zentrum der derzeitigen KZ-Forschung zeigt. Wünschmann blendet den Holocaust in ihren Schlussfolgerungen nicht aus, macht aber deutlich, dass die Jahre zwischen 1933 und 1939 für die jüdischen Häftlinge eine eigenständige Phase bilden, in der zwar entscheidende Grundlagen für den Völkermord gelegt wurden, aber auch eigenständige Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen. Trotz aller erlebter Schrecken, war Auschwitz auch für die jüdischen Häftlinge bis 1939 unvorstellbar. Schon ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht den Unterschied: von den ca. 40.000 jüdischen Häftlingen der Vorkriegszeit sind etwa 2.000–3.000 gestorben, die große Mehrheit hat also überlebt und konnte vor dem Terror häufig in die Emigration flüchten.

Wünschmann verdeutlicht, dass Juden von Beginn an in den Augen der SS eine besondere Kategorie von Häftlingen waren, auch wenn sie zunächst nicht als Juden, sondern als politische Gegner oder aus anderen Gründen inhaftiert wurden. Die Lager hatten dabei früh spezifisch antisemitische Funktionen, mit denen das allgemeine Vorgehen in vielen gesellschaftlichen Bereichen unterstützt werden konnte, so etwa bei der Ausschaltung jüdischer Juristen, der Übernahme von Geschäften durch „arische“ Besitzer oder bei der Etablierung des Deliktes „Rassenschande“. Prägend war auch die höhere Gewaltbereitschaft gegenüber jüdischen Häftlingen, und zwar auch für die SS, die in diesen Jahren ihr Feindbild festigen und die Anwendung exzessiver Gewalt einüben konnte und sich so wichtige Prädispositionen für die Massenmordaktionen ab 1941 verschaffte. Folgerichtig waren Juden unter den Todesopfern überrepräsentiert, auch wenn diese Berechnungen bei Wünschmann insgesamt auf sehr geringen Todeszahlen beruhen und vor allem für Dachau und weniger für die anderen KZ überzeugend sind. Auch Jüdinnen gehörten zu den frühen KZ-Häftlingen, allerdings in signifikant geringerer Zahl, da sie häufiger in Gefängnissen als in Lagern inhaftiert waren. Ihr „Hauptdelikt“ war die „Rückkehr aus der Emigration“, weshalb sie – ebenso wie männliche Rückkehrer – in „Schulungshaft“ genommen wurden, um sie zur endgültigen Emigration zu bewegen. Frauen unterlagen in den KZ selten extremer Gewalt, ihre Belastungen waren vorrangig psychischer Art, so dass der Leiter des Frauen-KZ Moringen, Hugo Krack, noch in seinen Nachkriegsaussagen von einem „interessanten psychologischen Experiment“ (S. 128) sprach.

In den Jahren 1935 bis 1938 konsolidierte sich das KZ-System mit der Institutionalisierung der „neuen“ KZ nach dem Vorbild von Sachsenhausen. Bei den Haftgründen rückte man jetzt spezifisch antijüdische „Delikte“ stärker in den Vordergrund, vor allem die Bestrafung von Protesten gegen die Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Der Widerstand war hier stärker als gemeinhin angenommen, wie Wünschmann an verschiedenen Beispielen zeigt. Als Ziel der KZ-Haft trat nun auf Seiten des Regimes immer stärker die Erhöhung des Drucks zur Emigration in den Vordergrund. Der Nachweis einer zeitnahen Möglichkeit zur Auswanderung wurde bald der einzige Entlassungsgrund für jüdische Häftlinge. Im Laufe des Jahres 1937 wurde auch der Status der Juden als spezielle Häftlingsgruppe deutlicher. Separate Judenblocks wurden eingerichtet und Juden mussten in besonders schweren Arbeitskommandos häufig sinnlose schikanöse Arbeit leisten. Die SS nutzte immer wieder äußere Vorwände für Gewaltexzesse in den KZ, die sich ausschließlich gegen die jüdischen Häftlinge richteten, etwa als Rache für angebliche Gräuelpropaganda im Ausland oder nach der Ermordung des NSDAP-Leiters in der Schweiz, Wilhelm Gustloff.

Begrüßenswert ist, dass Wünschmann auch Konflikte unter den jüdischen Häftlingen thematisiert. Paradigmatisch steht hierfür die Tätigkeit des Blockältesten Heinz Eschen in Dachau, dem von einigen Überlebenden brutale Gewalt gegen die Häftlinge vorgeworfen wurde. Allerdings spiegeln sich hier vorrangig die allgemeinen Konfliktlinien unter den Häftlingsgruppen ab, die vor allem zwischen den Politischen und den anderen Haftgruppen verliefen. Auch im Fall der jüdischen Häftlinge wird mitunter eine Dominanz der Erinnerungsbildung durch die ehemaligen Politischen beklagt. Demgegenüber stehen vereinheitlichende Tendenzen, wie die Entwicklung eines gemeinsamen jüdischen Bewusstseins, das den gelben Stern als „Ehrenzeichen“ ansah und zum Stolz auf das religiöse Erbe auch bei bis dahin rein säkular lebenden Juden führte.

Das Jahr 1938 kann als entscheidendes Scharnier zwischen den Vorkriegsjahren mit den wechselnden Zielsetzungen der SS den jüdischen Häftlingen gegenüber und dem Übergang in den Völkermord ab 1939 charakterisiert werden. Drei große Wellen von Massenverhaftungen – nach dem Anschluss Österreichs, bei der ASR-Aktion im Juni und schließlich nach dem Novemberpogrom – änderten das Bild in den KZ dauerhaft, sowohl auf der quantitativen wie auch der qualitativen Ebene. Bei den Massenverhaftungen in Wien im Mai 1938 wurden Juden erstmals allein deswegen verhaftet, weil sie Juden waren. Man gab sich nun nicht mehr die Mühe ein anderes Vergehen zu konstruieren. Die „österreichische Invasion“ (S. 168 unter Berufung auf Bruno Heilig und Paul Martin Neurath) veränderte die Organisationsstruktur in Dachau nachhaltig, und diese Änderungen wurden bald in den anderen KZ übernommen. Nachdem der Anteil der Juden unter den Häftlingen von ca. 13 auf knapp 40 Prozent gestiegen war, wurde die Segregation durch Einrichtung eines neuen Lagerteils verstärkt. Die „Zebrakleidung“ und die Kennzeichnung mittels Winkeln wurden eingeführt, das Problem der Unterbeschäftigung führte zu mehr Gewalt, vor allem auf struktureller Ebene und Sozialstruktur sowie Stimmung im Lager wandelten sich. Eine der Folgen dieser Änderungen war die Zunahme der Korruption auf Seiten der SS, eine Entwicklung, die sich nach dem Novemberpogrom, als zahlreiche wohlhabende Juden in die Lager kamen, noch verstärkte. Wichtig ist, dass für die Einbeziehung der Juden in die ASR-Aktion nicht der Wille ausschlaggebend war, sie zur Zwangsarbeit heranzuziehen. Vielmehr stand im Vordergrund, den Druck zur Auswanderung mittels KZ-Haft und – damit verbunden – des Ausschlusses aus dem Wirtschaftsleben zu erhöhen. Die konkrete, extrem gewalttätige Behandlung in den KZ konterkarierte dieses Ziel jedoch teilweise, insofern entlassene Häftlinge geschwächt und gebrochen und somit kaum in der Lage waren, ihre Emigration zu organisieren. Insgesamt wirkte die Juni-Aktion 1938 als Schock auf die jüdische Bevölkerung, weil es sich um die erste koordinierte und reichsweite Massenverhaftung von Juden handelte. Eine Steigerung brachte dann noch der Novemberpogrom, als erstmals allein „jüdische Rasse“ als Haftgrund ausreichte. Nach dem Jahr 1938 war allen Juden im Großdeutschen Reich bewusst, dass es für sie in diesem Staat keine Zukunft mehr geben konnte. Im Jahr 1939 kam es zu zahlreichen Entlassungen jüdischer Häftlinge aus den KZ, immer unter der Voraussetzung der baldigen Emigration. Bei Kriegsausbruch befanden sich daher nicht mehr als 1500 Juden in den KZ, davon allein knapp 760 in Buchenwald. Diese Gruppe machte somit weniger als 10 Prozent der Gesamtzahl von ca. 21.400 KZ-Häftlingen aus.

Insgesamt wird Wünschmann ihrem Anspruch gerecht, die Erfahrungen jüdischer KZ-Häftlinge in den Vorkriegsjahren als eigene Phase, die wiederum mehrfach unterteilt werden kann, zu konturieren. Diese Sichtweise ist in der Wissenschaft nicht neu, wurde bisher jedoch selten argumentativ so stringent dargestellt wie hier. Elemente eines Präludiums zum Holocaust sind auf der Täterseite stärker ausgeprägt, insofern es für die SS in dieser Zeit zum Alltagshandeln wurde, die brutalste und zunehmend tödliche Gewalt immer gegen Juden auszuüben. Für die deutschen und österreichischen Juden bedeutete diese Zeit dagegen in erster Linie einen quälenden Prozess der Bewusstseinswerdung, dass ein Überleben unter diesem Regime nicht durch Wegducken oder andere Taktiken, sondern nur durch Flucht unter Aufgabe aller materiellen Werte möglich war. Es wäre wünschenswert, wenn der Argumentationsansatz von Wünschmann stärker in populäre Darstellungen Eingang findet, allein schon, um rechtsradikalen Ansichten, bei denen unter Verweis auf die relativ hohe Quote überlebender Juden aus Deutschland und Österreich der Holocaust insgesamt in Zweifel gezogen wird, den Boden zu entziehen.

Anmerkung:
[1] Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, Konzentrationslager, URL: <https://de.wikipedia.org/wiki/Konzentrationslager> (09.09.2015).

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25.01.2016
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